Artefakt als hergestellter materieller Gegenstand


Während die Kybernetik die „Was ist es-Frage“ durch die „Wie funktioniert es-Frage“ ersetzt, ersetze ich beide Fragen durch die „Welches Material forme ich wie-Frage“, die eine Gegenstandsbedeutung beinhaltet , weil ich weiss, wozu ich etwas herstelle.

Ich beobachte in diesem Text das Herstellen anhand von Bildern und Bilder als hergestellte Gegenstände. Jeder hergestellte Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, in welcher sein Zweck aufgehoben ist. Form und Material des Gegenstandes sind kontingent, müssen aber den Zweck erfüllen.

Beim Herstellen eines Gegenstandes verwende ich Material. Oft – etwa wenn ich einen Gugelhopf aus Teig oder eine Schale aus Ton herstelle – fasse ich das Material dabei als homogene Masse auf, deren Form ich durch Operationen wie drehen, schnitzen, giessen usw verändere. Bei anderen Gegenständen – etwa bei einer Mauer oder einer Steinbrücke – verwende ich Bausteine, die ich anordne und durch Operationen wie kleben oder schweissen verbinde, wodurch auch ein Gegenstand mit einer Form entsteht. Ich unterscheide bezüglich der Formgebung verschiedene Operationen, für die ich auch verschiedene Werkzeuge verwende.


Als Form bezeichne ich im Kontext der Herstellung von Artefakten in einem operativen Sinn genau das, was ich zeichnen kann.[1] Ich zeichne immer mit Strichen den Umriss des Gegenstandes. Jede Zeichnung repräsentiert eine perspektivische Form des gezeichneten Gegenstandes. Dreirissige Konstruktionszeichnungen sind in diesem Sinne idealtypische Zeichnungen der Form, während einfache Zeichnungen konventionelle Normalansichten darstellen. Dabei speilt keine Rolle, inwiefern die Zeichnung perspektivisch ist. Wenn ich den Umriss des Gegenstandes und eine Zeichnung von ihm betrachte, mache ich mit dem Focus meiner Augen die gleichen Bewegungen. Mental mache ich diese Bewegungen, wenn ich die Augen dabei nicht bewege, sondern mich der Bewegungen (nur) erinnere. Beim Zeichnen mache ich die Bewegung mit der Hand, respektive mit dem Zeichenstift.

Als Form bezeichne ich in diesem Kontext also nicht einen Gegenstand wie die Kuchenform. Die sogenannte Kuchenform ist ein exemplarisches Beispiel dafür, dass ich Material forme und beim Gugelhopf dazu eben die ein Werkzeug zum Formen des Teiges verwende, das die gleiche Form hat, wie der damit hergestellte Kuchen. Die Zeichnung der Form zeigt nicht, ob der Kuchen oder die Kuchenform gemeint ist, weil sie dieselbe Form haben.

Die Form einer Brücke aus Ziegelsteine beispielsweise ergibt sich aus deren Anordnung, die durch die Form der Bestandteile eingeschränkt ist. Wenn ich für die Brücke ein homogenes Material wie Beton verwende, kann ich mir die Bestandteile als Korpuskel vorstellen. Während bei Ziegelsteinen keine Rolle spielt, welcher wo in der Brücke verwendet wird, ist bei den Betonkorpuskeln sogar die Form des einzelnen Bestandteils aufgehoben, weil sie gar nicht individuell gesehen werden können. Das Flechten eines Zopfes kann ich in diesem Sinne als anordnendes Formen sehen.

Ziegelsteine bilden auch eine homogene Menge, weil sie – im Unterschied zu den vorgestellten Korpuskeln, die keine bestimmte Form haben – alle gleich geformt sind. Wenn ich eine Mauer herstelle, muss ich die Ziegelsteine auf eine bestimmte Weise neben- und übereinander anordnen, und die Anordnung aller Teile bestimmt die Form der Mauer insgesamt. Wenn ich die Mauer mit versetzten Ziegelsteinen baue, muss ich die jeweils letzten Steine in der Reihe anpassen und mithin die Homogenität der Teile aufheben.
Wenn ich einen Gegenstand aus ganz verschiedenen Bestandteilen herstelle, ist die Anordnung der Teile auch innerhalb der Form des Gegenstandes nicht beliebig. Ein Mosaik etwa – das aus der Form nach homogenen Steinen zusammengesetzt wird – ist nur dann ein Mosaik, wenn dessen Teile richtig zusammengesetzt sind. Die richtige Anordnung der Mosaiksteine kann ich aber nicht zeichnen. Für einen Motor beispielsweise gilt dasselbe. Beim Herstellen bestimme ich nicht nur die Form des Gegenstandes, sondern auch dessen Struktur.

Als Struktur eines Gegenstandes bezeichne ich dessen „geordnete Inhomogenität“, also die Anordnung seiner ungleichen Bestandteile, die ich in den meisten Fällen nur schematisch darstellen, also nicht im eigentlichen Sinn oder nicht als Form des Gegenstandes zeichnen kann.

Ich kann die Struktur eines Gegenstandes auch nicht fotografieren. Ich kann ein mechanisches Gerät, etwa einen Motor aufschneiden und dann die Schnittfläche fotografieren. Dann sehe ich aber nicht den Motor, sondern eben einen Schnitt. Ich kann eine Explosionszeichnung des Motors machen. Die Explosionszeichnung zeigt die Form der einzelnen Teile und schematisch, wie sie angeordnet werden, aber damit natürlich nicht das Gerät als solches.

Jeder Gegenstand hat eine Oberfläche [2], die ihrerseits als strukturiert erscheinen kann. Dabei geht es aber nicht um die Struktur des Gegenstandes, sondern um eine Struktur, die im Folgenden ausführlich zur Sprache kommt.

Fortsetzung folgt: Bilder als hergestellte Gegenstände



1) Der Ausdruck Form wird in sehr vielen Bedeutungen verwendet. Eine Variante etwa besteht in der Differenz Form/Medium, die N. Luhmann bei F. Heider gefunden hat. Hier geht es aber ausschliesslich um anfassbare, hergestellte Artefakte, die dort keine Rolle spielen. (zurück).


2) H. Maturana spricht bei den autopoietischen Systemen von skin-encapselt. Die Oberfläche ist die Grenze des Gegenstandes, sie spielt hier nur als Umriss eine Rolle. (zurück)

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