Bildertechnik und Technobild


Jede gegenständliche Tätigkeit entwickelt sich mit der darin verwendeten Technik, die sich ihrerseits als Entwicklung der verwendeten Werkzeuge begreifen lässt. Evolutionstheoretisch beobachte ich Entwicklungen mit Kategorien, die ich auf der jüngsten Entwicklungsstufe gewonnen habe.[3] Als Form bezeichne ich im Kontext der Herstellung von Artefakten in einem operativen Sinn genau das, was ich zeichnen kann.

Was ich beim Farbauftragen mit einem Pinsel tue, verstehe ich in diesem entwickelten Sinn, weil ich es mit einem Computer machen kann, was einem Entwicklung vom Handwerk zur Automatisierung entspricht. Die einfachsten Werkzeuge sind Handwerkzeuge wie der Spachtel, der Pinsel, der Farbstift oder der Stempel. Kompliziertere Werkzeuge sind beispielsweise die Buchdruckapparate von Gutenberg, die wie die Schreibmaschine den Übergang zu Maschinen markieren. Airbrushpistolen sind ein Beispiel für eigentliche Maschine. Computer, Printer und Digitalkameras sind Automaten.

Als Evolutionstheorie bezeichne ich in diesem Sinn das kategoriale Zurückblicken, in welchem ich immer schon weiss, was geworden ist, ohne dies je aus früheren Stadien vorhersagen oder begründen zu können. Es handelt sich um kontingente Entwicklungsgeschichten, in welchen rückblickend Sichtweisen entfaltet werden, zu etwas, was von Bezeichnungen abgesehen nicht kontingent ist. Wenn ich ein Bild aus meinem Computer ausdrucke, ist technisch wohl definiert, wie ich Farbe auf einen Bildträger auftrage.

Evolutionstheoretisch spreche ich von Keimformen, wenn ich im noch nicht Entwickelten Andeutungen auf entwickeltere Stufen erkenne, die nur erkennen kann, wenn das Höhere mir bereits bekannt ist. Wenn ich mit dem Finger im Sand zeichne, kann ich die Keimform eines Bildes erkennen, obwohl alle definitorischen Bestimmungen fehlen, weil ich dabei ja keine Farbe auf einen begrenzten Träger auftrage. Ich schaffe damit eigentlich eher eine Art Skulptur und verwende kein Werkzeug.

Die sogenannte Höhlenmalerei ist in diesem Sinn auch eine Keimform. Allerdings wird das Wort Bild in der Alltagssprache sehr oft so verwendet, dass diese Malereien – besonders wenn sie etwas abbilden – als Bilder gelten. Die sogenannten Graffiti, die aus denselben Grund eher als Grafik als als Bild bezeichnet werden, verwenden ebenfalls einen Bildträger, der nicht dafür gedacht ist. Diese Keimformen zeigen aber auch exemplarisch, dass nicht nur Farben und Werkzeuge entwickelt wurden, sondern eben auch das Bild als solches.

Nebenbei bemerkt, wer eine Hauswand oder wie Tom Sawyer einen Zaun streicht oder bemalt, trägt auch Farbe auf, aber er erstellt dabei keinen Gegenstand, der nur angeschaut werden soll.

Eine zweite ganz andere Keimform des Bildes erkenne ich in der Camera obscura. Dabei geht es mir nicht nur darum, dass das vermeintliche Bild auf der Innenwand durch Übermalen dingfest gemacht wird, was ja immer noch ein Mensch tun würde, sondern darum, dass später mittels der Kamera Bilder hergestellt werden, indem die Innenwand mit einem „Film“ aus lichtempfindlichem Material überzogen wird.

Diese Filmschicht wurde als Bildmaterial zunächst auf eine Fotoplatte und später auf Zelluloid aufgetragen, wodurch ein eigentliches materielles Bild entsteht. Es spielt keine Rolle, dass ich es unter funktionalen Gesichtspunkten als Negativ bezeichne, es ist ein richtiges Bild.

Die Anordnung der Bildpunkte ist bei der Bildern, die mit einer Kamera gemacht werden, nicht vom Belieben des Bildherstellers abhängig, sondern davon, was dieser vor der Kamera sehen kann. V. Flusser hat dafür den Ausdruck Technobild vorgeschlagen, unter anderem auch weil bei dieser Herstellungstechnik das Werkzeug als Apparat viel stärker in die Gestaltung des Bildes eingreift als etwa ein Pinsel. Technobilder werden aber nicht von Apparaten, sondern mit Apparaten hergestellt.

V. Flusser hat sich – auch bei der Wahl des Ausdruckes – nicht so sehr um die Technik der Bildherstellung, sondern viel mehr um „Kulturtechnik“, also darum, was alles dargestellt werden kann, gekümmert. Mich interessiert die Entwicklung des Herstellungsverfahren. Der Fotofilm ist eine entwicklungsgeschichtliche interessante, aber mittlerweile fast ausgestorbene Stufe der Evolution. Er wurde durch die sogenannte Digitalkamera praktisch vollständig verdrängt.

Als „Digitalkamera“ bezeichne ich – mich einer unsinnigen Konvention anschliessend – eine Kamera, die auf einem fotografischen Retina-Verfahren beruht, bei welcher anstelle eines Films eine Menge von Halbleiter-Bildsensoren belichtet werden. Mit der „digitalen“ Kamera stelle ich kein Bild sondern eine Datei her, welche in einem entsprechenden Anzeigegerät ein Bild generiert. Mit digital hat die ganze Sache eigentlich nichts zu tun, Fotografien sind vielmehr Inbegriff von analogen Abbildungen. Mit „digital“ wird dabei im umgangssprachlichen Sinn bezeichnet, dass eine elektronisch gespeicherte Datei verwendet wird. Hier interessiert, dass diese Kamera aufgrund der Technik Daten für einzelne Bildpunkte speichert und dass das Bild, das aufgrund dieser Datei hergestellt wird, wiederum aus Bildpunkten oder sogenannten Pixeln besteht.

Die Auffassung, wonach ein Bild aus einzelnen Bildpunkten besteht, beruht hier auf der entwickelsten Technik der Bildproduktion, die Kategorien liefert, durch welche rückblickend jedes Bild betrachtet werden kann. Unabhängig davon, was auf einem Bild – von vorne betrachtet – erkannt wird, kann ich einen Raster über das Bild legen und so jeden Rasterfeld eine Farbe zuordnen. Umgangssprachlich spreche ich von Bildpunkten, obwohl es sich dabei natürlich nicht um Punkte handelt, sondern um farbige Korpuskel, die den Bildkörper bilden. Der hier sprachlose L. Wittgenstein spricht im Traktat von „Flecken“.[4]

Beim Herstellen eines Bildes kann ich die Rasterfelder – wie die Biene die Zellen ihrer Waben – mit Farbmaterial füllen. Bei einem Mosaik werden die Farbkörper, also die einzelnen Mosaik-Steinchen auf einem Träger aufgeklebt und durch schmale Fugen getrennt. Die Fugen bilden nachdem sie gefüllt sind, einen Raster, die Mosaiksteinchen bilden das Füllmaterial.

Das Mosaik repräsentiert ein Bild, das wie die Bilder im Pointillismus aus einzelnen Bausteinen hergestellt wird, die als Bildpunkte fungieren. Bei Mosaik ist das Raster gut sichtbar, weil es materiell vorhanden ist, auf den Gemälden des Pointillismus ist es erkennbar und bei vielen gedruckten Bilder, kann ich es mit einem Vergrösserungsglas sehen.

Wenn ich ein Bild von Hand herstelle, kann ich einen Raster verwenden, um Bildpunkte genau zu lokalisieren. In einem gewissen Sinn übertrage ich damit einen Aspekte der Technik der Digitalkamera, indem ich die Rasterpunkte, auch deren Grösse und Abstände vorab festlege. Diese Verfahren verwende ich vor allem, wenn ich etwas fotorealistisch abbilden will. L. Alberti hat 1435 in seinem Traktat über Malerei das Fadengitter als notwendige Voraussetzung für korrekte Abbildungen beschrieben und A. Dürer, der sich sehr für die Werkzeuge interessierte, mit welchen Bildern gemacht werden, hat es bekannt gemacht. [5]

Beim Filmfotobild wird die Farbe des einzelnen Bildpunktes nach dem Auftragen eines homogenen Material festgelegt. Vor der Belichtung sind alle „Bildpunkte“ gleich, der Film also homogen. Durch die Belichtung erhält jeder Bildpunkt seine spezifische Farbe. Das Verfahren ist also ganz anders als beispielsweise beim Pointilismus oder dem Fadengitterverfahren, aber das Resultat ist das gleiche.

Das Technobild, das mit der Kamera hergestellt wird, lässt dem Hersteller keine Wahl beim Anordnen der Bildpunkte, er hat diese Wahl in einen einfachen Mechanismus ausgelagert. Das gilt auch bei komplizierten Digitalkameras. Ich spreche aber auch von einem Technobild, wenn das Bild mit einem Computer hergestellt wird. Dann ist die Gestaltung, also die Anordnung der Bildpunkte praktisch nicht mehr vom Apparat abhängig. Mit Technobild bezeichne ich in diesem Fall, dass nicht nur das Bild technisch viel komplizierter ist, sondern auch das Werkzeug, das ich bei der Herstellung verwende.[6]

Als Computer bezeichne ich unter funktionalen Gesichtspunkten programmierbare Automaten, die ich zur bedingten Herstellung von Bildern benutze. Den Steuerungsteil des Computers bezeichne ich als Prozessor, er wird durch Eingabegeräte gesteuert und steuert Ausgabegeräte, die im Falle eines Printers zur Produktion von Bildern dienen und im Falle eines Bildschirms als Bildträger fungieren. Computer sind eigens zur der Bildherstellung erfunden worden, Prozessoren werden auch für ganz andere Sachen verwendet. Es spielt beim Computer keine Rolle, wozu die Bilder benutzt werden oder was sie bedeuten, im einfachsten Fall sind es Ziffern, die ein Resultat repräsentieren, in einem komplizierteren Fall Darstellungen von virtuellen Welten. Der Computer ist das aktuell entwickelste Werkzeug der Bildproduktion – und er wird zu (eigentlich fast) nichts anderem verwendet. Ich will bei jeder Verwendung etwas zu sehen bekommen. [7]

Hier will ich aber zunächst auf einen andern Aspekt der Bildes eingehen. Ich beobachte also zunächst nicht mehr die Werkzeuge der Bildproduktion, sondern verschiedene Arten von Bildern, die traditionell mit verschiedenen Werkzeugen hergestellt wurden, die heute alle im Computer aufgehoben sind, aber immer noch verwendet werden.

Fortsetzung Gemälde versus Zeichnung



3) „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höheres in den untergeordneteren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.“ (Grundrisse, MEW 42, S. 39). (zurück).


4) L. Wittgenstein, 6.341 „Denken wir uns eine weisse Fläche, auf der unregelmässige schwarze Flecken wären. Wir sagen nun: Was für ein Bild immer hierdurch entsteht, immer kann ich seiner Beschreibung beliebig nahe kommen, indem ich die Fläche mit einem entsprechend feinen quadratischen Netzwerk bedecke und nun von jedem Quadrat sage, dass es weiss oder schwarz ist.“ (zurück)


5) Eine Illustration des Fadengitters fertigte A. Dürer später (1525) als Holzschnitt über die Vermessung einer Liegenden an und verbreitete so die Kenntnis darüber in Malerkreisen. (zurück)


6) Bei einer Kamera mit einem Bildschirm sehe ich auf dem Bildschirm eine isomorphe Abbildung, die aber technisch erzeugt wird. Bei älteren Kameras gab es ein Guckfenster, das die Funktion eines Visiers hatte. Bei der Kamera sehe ich, was ich vor Ort – unvermittelt – auch sehe, es handelt sich deshalb nur in einem sehr allgemeinen Sinn um eine symbolische Darstellung. Hier geht es darum, das Anzeigegerät als solches zu erkennen und darum, zu sehen, wie das gezeigte Bild technisch erzeugt wird. (zurück)


7) Umgangssprachlich wird allerlei als Computer bezeichnet. Ganz wenige Menschen verwenden aber Computer zum Rechnen. Die unglücklich gewählte Bezeichnung stammt von den Erfindern dieses Gerätes, die es zum Rechnen benutzten und noch nicht erkannten, was alles „berechnet“ werden kann und dass Resultate immer in Bildform angezeigt werden. Ja, ich weiss, dass moderen Geräte auch Töne ausgeben, aber hier geht es ja um den spezifischen Aspekt des Bildes. (zurück)

Eine Antwort zu “Bildertechnik und Technobild

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