Gemälde versus Zeichnung


Ich beobachte zunächst Bilder im engeren Sinn des Wortes, die ich nicht als Kunstwerke interpretieren muss, weil ich im Prinzip erkennen kann, was auf dem Bild zu sehen ist. Bilder im weiteren Sinn wie ein Schema und einem Text behandle ich später.

Bei eigentlichen Bildern unterscheide ich, ob alle Bildpunkte auf dem Bildträger durch farbiges Material belegt sind oder nicht. Ersteres ist bei Fotografien exemplarisch der Fall, beim Negativfilm beispielsweise, weil eine homogene Schicht auf dem Film ist, die überall belichtet wird. Bei älteren Fotos ist oft ein weisser Rand zu sehen, den ich der Rahmung des Bildes zurechne. Der mit Farbe gestaltete Bereich hat keine Lücken. Das ist auch bei konventionellen Gemälden der Fall. Ein Gemälde mag nie ganz fertig sein, aber es ist sicher nicht fertig, wenn noch unbemalte Leinwand zu sehen ist. Eine eigentliche Zeichnung dagegen besteht aus Strichen, die nur einen kleinen Teil der Fläche des Bildträgers bedecken.

Umgangssprachlich wird ein Bild, das mit einem Pinsel hergestellt wird, als Gemälde bezeichnet, während Bilder, die mit einem Bleistift gemacht werden, als Zeichnungen gelten. Als Kriterium gilt dabei das verwendete Werkzeug, unabhängig davon, wie es verwendet wird.[8] Kalligrafen machen mit Pinseln Striche und sehr viele Bilder, die mit einem Bleistift hergestellt werden, vor allem wenn sie keinen praktischen Zweck wie etwa Konstruktionszeichnungen haben, bedecken den gesamten Bildträger durch Schraffuren aller Art bis hin zu Schummerungen, also dem Ausmalen mit „liegender“ Bleistiftmine.

Diese Unterscheidung zwischen Zeichnungen und Gemälden ist viel älter als die Technobilder, durch die sie aufgehoben wird.[9] Die Fotografie ist weder eine Zeichnung noch ein Gemälde, sie hat einen eigenen Namen bekommen, der auch auf das Herstellungswerkzeug verweist. Die Grafik hat in ausgemalten Zeichnungen, wie sie für Comics typisch sind, eine Keimform. Ihren namentlichen Ursprung hat sie im Druckverfahren, mit welchem Plakate und Buchillustrationen produziert wurden, was auch auf eine Herstellungstechnik verweist. Grafiken werden eigentlich gedruckt.

Bilder, die mit Computern hergestellt werden, geben dem Wort Grafik einen neuen oder erweiterten Sinn. Es sind Technobilder, deren Herstellung wie bei Druckverfahren vermittelt ist. Man stellt nicht das Bild her, sondern eine Art Negativ, die dann bei der Bildproduktion durch die Maschinen verwendet wird. Deshalb werden die Bilder in einer naheliegenden Analogie als Grafik bezeichnet und die Dateien, die produziert werden als Grafikdatei.

Grafikdateien sind keine Bilder, ich kann sie nicht anschauen. Ich stelle sie mit einem Computer her, der dann als Grafiksoftware am Bildschirm zeigt, wie die Datei für ein Bild verwendet wird. Die Grafiksoftware stellt mir virtuelle Werkzeuge zur Verfügung, die Werkzeuge wie Pinsel, Bleistift, Spraydosen simulieren. So kann ich am Computer sozusagen malen oder zeichnen und noch einiges tun, was ich mit einem Pinsel malend oder mit einem Bleistift zeichnend nicht machen kann.

Ich beobachte hier aber zunächst – nun nicht mehr in Abhängigkeit von Werkzeugen – den Unterschied zwischen Bildern, die aus Strichen bestehen und solchen, die den gesamten Bildträger mit Farbe belegen.

Fortsetzung Der gezeichnete Strich als Gegenstand



8) Natürlich sind Definitionen kontingent und können beliebige Kriterien verwenden. In der Wikipedia steht: „Nach heutiger Definition grenzt sich ein Gemälde von einer Zeichnung dadurch ab, dass die Farben vor dem Auftragen auf den Bildträger gemischt werden. Eine Ausnahme von dieser Definition ist die Pastellmalerei, die eigentlich „Pastellzeichnung“ genannt werden müsste. Im Sprachgebrauch sind die Begriffe Malerei und Zeichnung nach wie vor vermischt, so sagt man beispielsweise oft, dass Kinder „malen“, wenn sie eigentlich zeichnen.“ Die Redeweise „Nach heutiger Definition“ ist wikipediatypische Art von Kkntingenzverweis, morgen könnte es anders sein. (zurück).


9) Der Ausdruck Gemälde hat seinen engeren Sinn in den Ölgemälden ab dem 15. Jahrhundert, die fotographischen Charakter haben, also zur gemalten Situation isomorph sind. Als erster Vertreter der Gemäldekunst gilt Jan van Eyck (* um 1390-1441), der mit seinen Gemälden die naturalistische Kunstepoche in Europa begründet hat.
Hier geht es mir nicht um Kunst – und insbesondere auch nicht um die abstrakte Malerei, sondern um den Unterschied zwischen dem idealtypischen Gemälde und der Zeichnung. (zurück).

Eine Antwort zu “Gemälde versus Zeichnung

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