Der gezeichnete Strich als Gegenstand


Zeichnungen bestehen aus Strichen, aus gezeichneten Linien.[10] Die Striche sind hergestellte Gegenstände, als geformtes Material. Die Form des einzelnen Striches einer Zeichnung ist durch die Form des gezeichneten Gegenstand bestimmt. Ich zeichne die Form des Gegenstandes, indem ich die Striche forme.

Jeder Strich hat eine bestimmte Form und in der Zeichnung einen bestimmten Ort. Die Striche bilden eine nicht homogene Menge von geformten Elementen, aus welchen die Zeichnung besteht. Die Zeichnung zeigt die Form des Gegenstandes dadurch, dass die Striche entsprechend angeordnet werden. Wie bereits erläutert, re-präsentieren die Striche im Sinne einer Wiederholung den Umriss des Gegenstandes und die mentale Umrissaugenbewegung.[11]

Zeichnen kann ich nur Gegenstände, die eine Form haben. In diesem Sinn hat das Wort Gegenstand eine spezifische Bedeutung und erweist sich als Homonym. Darauf werde ich später zurückkommen. Hier beobachte ich den Unterschied zum Malen. Malen und Zeichnen sind zwei eng verwandte, aber sehr verschiedene Tätigkeiten, was sich in der Differenz zwischen Gemälde und Zeichnung zeigt. Beim Malen verwende ich Farbflecken, die ich als Korpuskel bezeichnet habe. Da die Farbkorpuskel materiell sind, haben sie zwangsläufig eine Form, aber sie werden nicht geformt.

Ein Gemälde isoliert keine Gegenstände. Ich muss beim Betrachten Gegenstände erkennen, was ich anhand nur des Gemäldes nicht tun könnte. Das Gemälde erscheint wie mein Gesichtsfeld insgesamt als Anhäufung verschiedener Farben, die keine ausgezeichneten Gegenstände repräsentieren. Als Gemäldebetrachter kann ich einen Baum oder eine Fahnenstange erkennen, aber das gibt das Gemälde nicht her. Das Bild sagt nicht welche Bildpunkte ich zusammen von anderen abgrenzen muss. Wenn ich MonaLisa anschaue, muss ich erkennen, wo die Person ihre äussere Grenze hat. Wenn ich MickyMaus anschaue, ist diese Grenze durch Striche markiert.[12]

Wenn ich Bilder durch ein Raster beobachte, kann ich jeden Strich in Rasterpunkte auflösen, die entsprechend angeordnet sind. Dabei hebe ich die bewusste Gestaltung des Striches als Gegenstand auf, weil ich nicht mehr seine Form betrachte. Die Elemente meiner Beobachtung sind dann die Rasterfelder, die natürliche eine Form haben, weil das Raster ein hergestellter Gegenstand ist.


Wenn ich durch ein entsprechend feines Raster beobachte, sehe ich pro Rasterfeld eine Farbe, was das Bild virtuell – als ob – als Menge von geformten Elementen, etwa als kleine Würfel erscheinen lässt. Mich interessiert dann aber nicht die Form dieser Korpuskel, sondern deren Anordnung, was ich als Struktur bezeichne.[13]

Wenn ich beim Herstellen des Bildes ein Raster mit binären Feldzuständen verwende, also jedes Feld entweder fülle oder leer lasse, forme ich damit die Korpuskel, weil ich den Farbflecken eine Art Giessform gebe, wie etwa die Biene, die die Zellen ihrer Waben mit Material füllt. Ein solches Bild besteht aus geformten Elementen.

Ich habe oben gezeigt, dass das Füllen von Rasterfeldern eine praktische und verbreitete Methode der handwerklichen Bildherstellung ist, die sowohl beim Malen wie beim Zeichnen verwendet wird.

Wenn ich ein so hergestelltes Bild durch ein anderes Raster betrachte, verschwinden die ausgemalten Elemente wie die Form des Striches, den ich so gezeichnet habe. Dann sehe ich virtuelle Elemente, die nichts mit der Herstellung zu tun haben. Die hergestellten Elemente verschwinden auch bei einem Mosaik, das aus einer bestimmten Entfernung gar nicht mehr als Mosaik erscheint, weil dann die geformten Elemente nicht einzeln unterscheidbar sind. Es ist eine Frage der Auflösung.

Fortsetzung: Form und Struktur (Bilder als Artefakte)



10) Als Linie bezeichne ich – in einer etwas euklidischen Auffassung -, was ich mit einer nicht unterbrochenen Bewegung mit einem Bleistift auf einem Papier darstellen kann. Die gerade Linie oder Gerade stellt ein Spezialfall dar, der andere Linien als Kurve erscheinen lässt.
Die Linie hat bei Euklid nur eine Dimension. Was ich zeichne ist also keine Linie, sondern einen Strich, der ein dreidimensionaler, materieller Gegenstand ist. Mit einem Strich kann ich insbesondere den Verlauf einer Linie darstellen. (zurück).


11) E. von Glasersfeld verdeutlicht – wohl nicht ganz bewusst – mit die Augenbewegung, was er mit dem Ausdruck „mental“ – jenseits der Philosophie – bezeichnet. (zurück).


12) Micky sehe ich gezeichnet und teilweise ausgemalt. Mona ist nicht gezeichnet, sie ist nicht aus-gemalt, sondern gemalt. Die Grenze zwischen ihrem Gesicht ist keine schwarze Linie wie bei Micky, sondern eine andere Farbe. Ich glaub(t)e, dass kann jeder sehen. Es ist aber so, dass das für viele kein Unterschied ist, weil sie genau darauf nicht schauen.
Dann aber ist noch die handwerkliche Frage, ob Herr da Vinci die MonaLisa zuerst gezeichnet und dann nicht nur aus-, sondern übermalt habe, oder ob er sie gemalt habe, ohne sie zuerst zu zeichnen.
Dazu unerheblich, aber interessant sind Meinungen von Experten: „Wie in vielen anderen seiner Arbeiten wandte Leonardo auch in diesem Bild die von ihm perfektionierte Sfumato-Technik sowohl beim Hintergrund als auch bei Gesichtsdetails an. Durch Sfumato, was aus dem Italienischen übersetzt „neblig“ oder „verschwommen“ bedeutet, wirkt der Hintergrund wie durch einen Dunst oder Rauchschleier wiedergegeben. Im Antlitz deutlich wird diese Technik in den sehr weichen, fast verschwimmenden Hell-Dunkel-Übergängen an den Rundungen des Kopfes, an den Augenwinkeln und dem rechten Mundwinkel (aus der Sicht des Betrachters).“ (zurück).


13) Natürlich gilt das auch für die dissipativen Strukturen am Computerbildschirm; die leuchtenden Zeichen sind so materiell wie Graphitkonstruktionen. (zurück).

2 Antworten zu “Der gezeichnete Strich als Gegenstand

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