Form und Struktur (Bilder als Artefakte)


Ich zeichne die Form von Gegenständen, indem ich Striche forme und anordne. Wenn ich eine Zeichnung rastere, sehe ich weder die Form des Gegenstandes noch die Form der Striche. Die Zeichnung verliert ihre spezifische Qualität gegenüber einem Gemälde, weil ich nur noch Bildpunkte sehe.

Bei Technobildern, die ich mit einer sogenannten Digitalkamera oder mit einem Computer hergestellte, beruht das Bild auf einer Inversion des Rasters, weil die Bildpunkte durch die verwendete Technik definierte Korpuskel mit einer hergestellten Form und Anordnung darstellen. In der Kamera sind das zunächst einzelne Sensoren und im Computer einzelne Speicherplätze im Register des Arbeitsspeicher. Auch im damit erzeugten Bild am Bildschirm oder durch den Drucker erscheinen die Bildpunkte als Pixel, deren Form durch die Technik definiert ist.

Die Rasterung, die sich beim handwerklichen Malen schon früh durchgesetzt hat, hat im Technobild einen neuen Sinn gewonnen. Sie ermöglicht, Bilder jeder Art nicht nur herzustellen und gezielt zu verändern, sondern sie auch automatisiert wiederzuerkennen. Es gibt sehr viele praktische Probleme in der Bilderkennung, wie etwa das Lesen von Handschriften oder die Gesichtserkennung, die durch ein Abgleichen von Rasterpunkten gelöst werden. Dabei werden keine Formen verglichen, sondern vielmehr kompensiert, dass nicht seriell produzierte Formen grösseren Schwankungen unterliegen. Bei der Erkennung von Handgeschriebenem etwa werden Striche, die Buchstaben oder Zahlen bilden, rekonstruiert.[14]

Die Anordnung von Bildpunkten bilden keine Form, sondern eine Struktur, weil sie keine Striche oder Umrisse darstellen, sondern eine heterogene Fläche. Damit ich von einer Struktur sprechen kann, muss ich in der Anordnung eine Ordnung erkennen. Ordnung zeigt sich mir darin, dass ich aufgrund von einzelnen Elementen Prognosen über andere Elemente machen kann. Höhere Ordnung bedeutet, dass mir die Prognose leichter fällt oder sicherer ist. Ordnung lässt sich als Höhe des Strukturniveaus beschreiben. Meine Erwartung mag Gestaltformen oder Symmetrien benutzen, aber gemeinhin muss ich – mir vertraute – Gegenstände erkennen, ohne deren Form zu sehen.

Strukturen kann ich nur zeichnen, wenn ich die Elemente der strukturierten Entität zeichnen kann. Wenn ich beispielsweise die Struktur des Eiffelturms zeichne, zeichne ich eine Anordnung von Strichen, die Stahlträger repräsentieren. Der pointilistische Maler hingegen zeichnet nicht, seine Punkte haben keine Form und kein Referenzobjekt. Ich kann die Struktur eines Gegenstandes, beispielsweise einer thermostatengeregelten Heizung, schematisch darstellen, dabei zeichne ich aber keinen Gegenstand, also nicht die Heizung, sondern schematische Figuren, die Gegenstände symbolisieren, nicht darstellen, also nicht deren Form zeigen.

Wenn ich sage, dass ich ein Schema zeichne, verwende ich zeichnen als Metapher dafür, dass ich dabei Striche mache. Dieselbe Metapher verwende ich, wenn ich geometrische Figuren „zeichne“. Ich könnte in diesem Sinn auch sagen, dass ich Buchstaben zeichne, wenn ich mit einem Bleistift schreibe, während kalligraphieren in dieser Metaphorik dann eher als malen erscheint.

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14) Der Fingerabdruck ist ein interessantes Beispiel dafür, wie die Stricherkennung durch Rasterverfahren aufgehoben wird. (zurück).

Eine Antwort zu “Form und Struktur (Bilder als Artefakte)

  1. Pingback: Der gezeichnete Strich als Gegenstand | Dialog

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