Bild und Signal (Bilder als Artefakte)


Als Bilder bezeichne ich materielle Gegenstände zum Anschauen. Wer ein Bild herstellt, mag zwar einen von Menschen interpretierbaren Verweis intendieren, aber er konstruiert einen materiellen Gegenstand, also etwa eine pixelmässig geordnete Graphitkonstruktion. Im Alltagsverständnis, wo von immaterieller Information die Rede ist, wird die Materialität von Bildern oft mit der Materialität des Bildträgers verwechselt und das „gemeinte Bild“ als dargestellte Idee im übersinnlichen Bereich des Immateriellen angesiedelt.

Mich interessiert hier – in Anlehnung an C. Shannon – nicht, was eine bildliche Darstellung für wen bedeuten soll. Mich interessiert die gegenständliche Funktion des Bildes. Wenn ich ein Bild anschaue, kommt ja nicht das Bild in meine Augen, sondern Licht, weshalb ich im Dunklen nicht sehen kann, was auf dem Bild zu sehen wäre – wenn das Bild selbst nicht leuchtet, wie es bei einem Bildschirm der Fall ist. Als Artefakt reflektieren die Farben des Bildes das Licht, das auf das Bild fällt, oder das Bild dient selbst als Lichtquelle, wobei auch ein Signal mit vielen Strahlen erzeugt wird, das vom Bild zum Auge fliesst.[15]

Im extrem einfachen Modell, das ich vom menschlichen Auge habe, fällt das Licht, das durch die Linse geht auf eine Retina, die in dem Sine gepixelt ist, als sie – wie der Bildsensor einer Digitalkamera – aus einer Menge von Sensoren besteht und so einzelne Bildpunkte moduliert. Für das Auge spielt keine Rolle, ob ich damit ein Bild oder etwas anderes sehe, aber das Bild wird spätestens im Auge gepixelt, wenn es nicht schon als Bild eine Pixelmenge ist. Hier geht es nicht um das Auge, das sehr viel komplizierter ist, und nicht um Wahrnehmung, sondern um Bilder. Ich isoliere hier nur einen passenden Aspekt zur Pixellogik und der Rasterung von Bildern. Das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges ist ein Kriterium für die Wahl der Pixelgrösse auf dem Technobild und auch bei Mosaiken und pointilistischen Gemälden. Eine moderne Kamera unterscheidet viel mehr Bildflecken, als ich durch meine Augen unterscheiden kann. Aber auch das ist hier nicht relevant.[16]

Als Artefakt fungiert ein Bild als eine Menge von „Schaltern“ für Signale, die durch das Bild strukturiert werden. Jeder Bildpunkt strukturiert einen Lichtstrahl, der ins Auge des Betrachters des Bildes fällt. Im einfachsten Fall ist der Rasterpunkt schwarz oder weiss. Was ein Betrachter des Bildes mit den Signalen hinter seinen Augen macht, betrachte ich als Blackbox. Ich selbst kann Bilder anschauen und so erleben, was ich angesichts von Bildern wahrnehme, was sozusagen dem Output der Blackbox hinter meinen Augen entspricht. Ich unterscheide beispielsweise verschiedenen Farben und verschiedene Gestalten, aber vor allem sehe ich auf Bildern Gegenstände, die ich auch jenseits von Bildern sehe. Hier interessiert mich nicht, wie ich durch Bilder dieses Erleben provozieren kann, sondern wie die Bilder, die ich dafür herstelle, quasi ins Auge des Betrachters kommen.[17]

Die Redeweise, wonach ich mit einem Bild Signale strukturiere, verwendet Kategorien der zur Zeit entwickelsten Technik der Bildherstellung. Alles, was ich hier schreibe, ist diesen Kategorien geschuldet, für die sich Künstler, Grafiker und Autoren selten interessieren und in ihrem Gewerbe auch nicht interessieren müssen. Der Signalprozess ist ein technisches Problem, das gegenständlichen Produktion eine Rolle spielt. Dass C. Shannon bei seiner elektrotechnischen Behandlung dieses Problems von Kommunikation gesprochen hat, zeigt, dass jeder Kommunikation ein Signalprozess zugrunde liegt – und eben auch, dass es dabei nicht um Inhalte gehen muss.

Wenn ich ein Bild herstelle, stelle ich einen Gegenstand her, der einen Energiefluss als Signal strukturiert. Signale kann ich nur dadurch strukturieren, dass ich Material strukturiere. Signale strukturiere ich unter anderem durch Bildpunkte. Die gegenständliche Bedeutung eines Bildes ist die Erzeugung eines Signals.

C. Shannon hat die Übertragung von Signalen in der Kommunikation mit einem oft missverstandenen Sender-Empfänger-Modell untersucht. Er hat zwar deutlich geschrieben, dass dabei irrelevant sei, was die Wörter bedeuten oder welche Wörter verwendet werden. Techniker, die beispielsweise eine Lautsprecheranlage einrichten, testen sie deshalb oft mit „ein, zwei, drei“ um irgendetwas zu sagen. Bei C. Shannon ging es darum, wie Signale übertragen werden, nicht was sie bedeuten. Genau so betrachte ich hier das Schreiben.[18]

Fortsetzung: Schreiben


15) Das ist eine ziemlich komplizierte Geschichte, die F. Heider in Ding und Medium ausführlich behandelt. Die Lichtstrahlen müssen das Medium Luft relativ unverfälscht durchdringen, aber am Ding, also an der Farbschicht zurückgeworfen werden. F. Heider spricht von Gestalt und von loser Koppelung im Medium. (zurück).

16) Viele Dateiformate wie gif und jpg reduzieren die Anzahl der Pixel so, dass das Auge ein noch klares Bild sehen kann, weil dabei die Dateigrösse erheblich verkleinert wird, was andere Vorteile hat. Technisch handelt es sich um ein typisches Shannonproblem.
2000 kam die erste Amateur-Kamera mit vier Megapixeln auf den Markt, 2011 waren es 16 Megapixeln oder noch mehr. Die Erhöhung der Pixelzahl kann der Bildqualität sogar abträglich sein. Wiedergabemedien, die wie Bildschirme oder Drucker nicht in der Lage sind, so viele einzelne Bildpunkte aufzulösen, interpolieren analog zum menschlichen Auge. (zurück).

17) Todesco: Zeichen, Signal und Symbol, 1995, S. 685ff. (zurück).

18) Das Sender-Empfänger-Modell von C. Shannon wird durch ein Schema beschrieben, in welchem nur Geräte, also keine Menschen vorkommen. Er schreibt dazu: „the semantic aspects of communication are irrelevant to the engineering aspects“.
C. Shannon ist exemplarisch dafür, dass sich Ingenieure für Maschinen interessieren und Philosophen für Logik. Mich interessiert die Tätigkeit. (zurück).

Eine Antwort zu “Bild und Signal (Bilder als Artefakte)

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