Schreiben (Bilder als Artefakte)


Im vorliegenden Kontext ist klar, dass es darum geht, dass ich beim Schreiben ein Bild herstelle, also beispielsweise farbiges Material auf einen Bildträger auftrage und damit Text herstelle. Wenn ich mit einem Bleistift schreibe, mache ich wie beim Zeichnen Striche auf das Papier. Wenn ich mit dem Computer schreibe, ordne ich Bildpunkte am Bildschirm oder auf dem bedruckten Papier an. In beiden Fällen ist die Anordnung durch eine Grammatik oder eine Schrift vermittelt, aber ich trage Farbe auf.

Als Text bezeichne ich eine Menge von hergestellten Zeichen, die als materielle Gegenstände ein Form haben und auf einem Textträger angeordnet sind. In diesem Sinne sind Texte Bilder. Ich habe schon oben geschrieben, dass Bilder rezente Keimformen haben. Wenn ich mit dem Finger in den Sand schreibe, trage ich keine Farbe auf und der Gegenstand, den ich dabei herstelle, ist ein Relief, das aus bearbeitetem Trägermaterial besteht. Dasselbe gilt für Lochkarten und Scherenschnitte. Diese Keimformen sind unter verschiedenen Gesichtspunkten wichtig, hier beobachte ich sie aber nicht.

Ich kann die Buchstaben und Buchstabengruppen eines Textes als Token eines Typs sehen und sie so als Zeichnungen auffassen oder als gezeichnete Exemplare. Das Wort Uhr etwa besteht aus den drei Buchstaben u, h und r. Wenn ich das Wort schreibe, zeigt jeder dieser Buchstaben die Form des jeweiligen Buchstabens und das Wort die Anordnung der Buchstaben im Wort. Als Zeichnungen zeigen sie nicht die Form von etwas anderem, sondern die Form von sich selbst, während beispielsweise die Zeichnung einer Uhr eine Uhr zeigt. Eine Uhr ist etwas anderes als eine Zeichnung. Der Buchstabe u ist der Buchstabe u.[19]

Nicht nur die Schriftzeichen, auch die Anordnung der Schriftzeichen in einem Wort zeigt lediglich die Instanz eines Tokens, die sich selbst als Exemplar zeigt.[20] Auf eigentlichen Zeichnungen kann ich erkennen, dass etwas gezeichnet wurde, was ich mir jenseits der Zeichnung nicht als gezeichnetes Ding vorstelle. Eigentliche Zeichnungen sind ihrem Gegenstand analog, nicht identisch mit ihm. Der gezeichnete Tisch sieht nur in bestimmter Hinsicht aus wie der Tisch. Es gibt zwar Schriftzeichen, etwa Hieroglyphen, die eine Art ikonische Zeichnung sind, aber das weist sie als Keimformen eigentlicher Symbole aus, sie soll(t)en nicht als Zeichnung gedeutet, sondern als Symbole gelesen werden. Auch die chinesischen Schriftzeichen können als ikonische Symbole gelesen werden.

Die Analogie, die eigentliche Zeichnungen mit ihrem Gegenstand verbindet, ist naturwüchsig. Ich erkenne die Gegenstände oft nur, wenn die Zeichnung einen Aufriss zeigt. Und umgekehrt erkenne ich auf Zeichnungen Gegenstände, wie etwa einen Engel oder ein Einhorn, die ich jenseits der Zeichnung nie gesehen habe, weil ich weiss, was Zeichnungen sind. Genaugenommen steckt in den Analogien viel Vereinbarung, die mir nicht bewusst sein muss, wenn ich Zeichnungen betrachte.

Bei Schriftzeichen ist mir dagegen sinnenklar, dass sie vereinbart sind, auch wenn ich nicht weiss, wie ich deren Vereinbarung angeeignet habe. Eine naive, gleichsam auch naturwüchsige Vorstellung besteht darin, dass ich einzelne Wörter durch ein Zeigeverfahren gelernt habe. Dabei hätte meine Mutter mir Sprechen beigebracht, indem sie jedes Mal, wenn wir einen Hund gesehen haben, Hund gesagt habe. Danach habe dann mein Volksschullehrer mir beigebracht, mit welchen Strichen ich das Geräusch „Hund“ repräsentieren könne. Hier spielt keine Rolle, wie ich sprechen und schreiben gelernt habe, und auch nicht, wozu das gut ist. Hier geht es darum, was ich beim Schreiben mache.

Fortsetzung: Zeigen und verweisen


19) Als Backus-Naur-Form bezeichne ich eine formale Sprache zur Darstellung kontextfreier Grammatiken, also unter anderem zur Darstellung der Syntax von sogenannten Programmiersprachen. Wichtig und hier interessant ist, wie die Zeichen als Token wie Schachfiguren eingeführt werden. Alle Zeichen, etwas 2, a oder + werden wie Läufer und Springer als figürliche Körper eingeführt. (zurück).

20) Das gilt natürlich auch für Sätze, deren Menge durch die Syntax der Sprache gegeben ist, was durch die moderne Übersetzungssoftware ja sehr deutlich gemacht wurde. (zurück).

Eine Antwort zu “Schreiben (Bilder als Artefakte)

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