Zeigen und verweisen (Bilder als Artefakte)


Ich unterscheide Bilder im engeren Sinn oder eigentliche Bilder, die ein Motiv zeigen, von Bildern, die auf etwas verweisen, ohne es zu zeigen. Eigentliche Bildern zeigen ihr Motiv so, wie ich es jenseits des Bildes sehen könnte.

Die Anordnung der Striche oder der Bildpunkte hat ein Motiv. Das Motiv der Anordnung zeigt sich als Gegenstand des Bildes. Wenn ich auf einem Bild einen Hund erkenne, erkenne ich das Motiv. In einem metaphorischen Sinn spreche ich dann allenfalls vom Motiv des Herstellers des Bildes und meine damit, dass er ein bestimmtes Objekt darstellen wollte. Mit Motiv bezeichne ich hier aber nicht die psychologisch gemeinte Motivation oder Absicht des Malers, sondern das, was die Bewegung des handwerklichen Malers beim Farbauftragen bestimmt. Wenn ich einen Hund zeichne, muss meine Hand der Form des Hundes folgen.

In einer Inversion kann ich das Motiv einer Zeichnung auch als Anweisung lesen. Das ist typischerweise bei Konstruktionszeichnungen oder Bauplänen beabsichtigt. Die gezeichnete Form des Motivs bestimmt dann als Anweisung die Bewegungen die gemacht werden, wenn das Motiv hergestellt, wenn also Material geformt wird.

Hier geht es mir aber gerade darum, dass ich mit Formen und Pixelmuster auch ganz andere Bilder herstellen kann, als ich es mit Zeichnungen oder Gemälden mache. Der Ausdruck Bild hat dann einen weiteren Sinn. Er bezeichnet ein Bild, das auf etwas Bestimmtes verweist oder eben es referenziert, ohne dass es unmittelbar erkennbar wäre. Ich kann mit Bildern auf Vereinbarung verweisen.[21]

Wie bereits geschrieben, geht es mir nicht darum, wie die Vereinbarung passiert. Wenn ich beispielsweise deutsch spreche und deshalb die sprachliche Vereinbarung von Hund kenne, und überdies lesen kann, kann ich bestimmte Bilder als Text erkennen. Auch in diesem Fall erkenne ich ein Logik in der Anordnung von Strichen oder Bildpunkten, die dann ja auch materielle hergestellte Gegenstände sind. Und wie bei allen Bildern kann ich quasi ästhetische Kriterien verwenden, um das Bild schön oder weniger schön zu finden. Hier geht es mir darum, dass die beiden Arten zu referenzieren, verschiedene Referenzobjekte haben. Die einen kann ich auf dem Bild sehen, die andern auch jenseits von Bildern nicht:

Ich kann jeden Hund zeichnen, aber den Hund, den ich mit dem Wortbild „Hund“ referenziere, kann ich nicht zeichnen. Wenn ich die Vereinbarung kenne, weiss ich, dass „Hund“ ein Er-Satz für einen Satz mit anderen Worte ist, also beispielsweise für „domestiziertes Raubtier“ steht, aber keinesfalls einen bestimmten Hund meint. Den Hund kann ich nicht nur nicht zeichnen, ich kann ihn auch nirgendwo sehen.

Fortsetzung Bilder als (Mittel von) Anweisungen


21) Die Übersetzer von W. Quine’s „Wort und Gegenstand“ (in welchem es auch um Übersetzbarkeit geht) schreiben in einem Vorwort:
„Eine weitere Anmerkung zur Übersetzung schein angebracht: … Unser Vorgehen wird am Beispiel des englischen Worts „refer“ (bezw. reference, usw.) deutlich: Zur Übersetzung des Ausdruckes hat man sich in letzter Zeit des Neologismus „referieren“ (auf? zu ? über?), bzw. „Referenz“ (von? auf?..) bedient. Warum? Wir wissen es nicht. „Refer“ heisst nämlich schlicht und einfach „bezeichnen“ und manchmal spezifischer „sich beziehen auf“ bzw. „Bezug nehmen auf“. Die Übersetzung durch die genannte Neuprägung ist aber nicht nur unschön, sondern auch irreführend, zum einen, weil sie Homonyme zu (zwei verschiedenen!) gebräuchlichen Ausdrücken einführt, zum anderem, weil sie den Eindruck erweckt, es handle sich bei „refer“ um einen – womöglich klar definierten – der philosophischen oder linguistischen Fachsprache. Dies ist nicht der Fall. Und deshalb ist die Übersetzung mit „referieren“, Referenz“, usw. irreführend, ja falsch, und wir hoffen, dass sie bald wieder aus dem wissenschaftlichen Sprachgebrauch verschwindet.“
Die Übersetzer unterstellen, dass Neuprägungen weniger zu einer Sprache gehören, als Altprägungen. Das lässt sich aber im Moment nicht entscheiden, eine Neuprägung bürgert sich mit der Zeit ein oder eben nicht. Ich verwende den Ausdruck „Referenz“ ohne irgendeinen englischen Text zu übersetzen, weil ich durch die Verwendung dieses Ausdruckes für mich Konnotationen nahelege, die ich mit „bezeichnen“ und mit „Bezug nehmen“ nicht ohne weiteres verbinde. (zurück).

Eine Antwort zu “Zeigen und verweisen (Bilder als Artefakte)

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