Das Computerprogramm als Bild



Der Ausdruck „Computerprogramm“ soll den Kontext markieren. Gemeint sind materielle Artefakte, die zur Steuerung von Automaten verwendet werden.

Gemeinhin bezeichne ich ein Computerprogramm – wofür ich praktisch gute Gründe habe – als Text.[24] In dieser Hinsicht wäre das Programm ein Bild und es würde zunächst auch keinen Unterschied machen, ob ich es von Hand oder mit einem Computer geschrieben habe. Aber das Programm muss, um seine Funktion zu erfüllen, natürlich in den Computer kommen, genauer gesprochen nicht nur in den Computer, sondern in einen spezifischen Bereich des Computers. Wenn ich den Programmtext mit einem Textbearbeitungsprogramm schreibe und auf dem Harddisk des Computers speichere, ist es immer noch nur ein – wie ein handgeschriebener – Text. Es ist eine Datei, die ich bildtechnisch – wie jede Bilddatei – als Text am Bildschirm anschauen oder ausdrucken kann.

Der primärer Zweck eines Computer-Programms besteht nicht darin, dass ich es anschauen oder lesen kann. Ein Computerprogramm, gleichgültig ob es als Text erscheint, dient – tautologischerweise – der Programmierung eines Computers. Die Programmierung besteht in einer Festlegung der Zustandsabfolge eines Prozessors, der als Steuerungsmechanismus dient. In einem modernen Computer ist ein Programm eine strukturierte Datei, die aus Bildpunkten besteht, die in Bytes geordnet sind. Mit der Datei werden die elektronischen Schalter im Prozessor gesteuert. Dieselbe Datei kann aber auch als Text angezeigt werden, so dass ich quasi lesen kann, was im Computer unter dieser Steuerung passiert. Dazu benötige ich einen entsprechenden Code, der umgangssprachlich gemeinhin als Programmiersprache bezeichnet wird. Dieser Code macht das Programm sekundär lesbar. indem er den Programmsequenzen sprachliche Ausdrücke zuordnet.[25] Man könnte in diesem Sinne in einer Stadt die Häusern so anordnen, dass Piloten lesen könnten, wo sie gerade drüber fliegen. Es wäre eine Stadt, kein Bild. Der Pilot würde aber auch einen Text erkennen, also im eigentlichen Sinne des Wortes lesen.

Ich beobachte hier nicht das Programmieren von Computern, sondern die Entwicklung der Technik in der Herstellung von Bildern.[26] Bevor Lochkarten zur Programmierung von Computern verwendet wurden, dienten sie unter anderem der Steuerung von Jacquardwebstühlen zur Herstellung von Bildern aus Stoff. Die Mechanisierung der Bildproduktion hat viele Wege. Das Technobild, das aus dem Webstuhl kommt, ist eine analoge Abbildung der Lochkarten. Dabei wird nicht programmiert. Es handelt sich viel mehr um eine Art Bild, das auf einer Transformation beruht, die technisch komplizierter ist, als jene vom Negativfilm zum Positiv(abzug). Und Programmiersprachen sind einfach noch kompliziertere Mechanismen als Webstühle.

Das Computerprogramm gibt als Anweisung – wie der Platzanweiser im Theater – keine Befehle, sondern zeigt, was wann wo passiert, wenn der Computer dem Programm folgt. Soweit ein Computer eine elektrische Maschine ist, kann ich ihn zeichnen. Die Funktionsweise von programmierbaren Automaten aber lässt sich auf Zeichnungen nicht darstellen. Ich kann sie nur durch Programmtexte darstellen, die überdies nicht wie andere Texte linear gelesen werden können.

Wenn ich ein Programm lese – was ich natürlich auch mache, wenn ich ein Programm schreibe – weiss ich, dass das Programm einen Prozessor impliziert, der seinen Zustand in einem gegebene Takt in diskreten Schritten verändert. Das ist im Programmtext als Technobild nicht zu sehen, ich muss es hineinlesen. Allerdings muss ich es logisch zwingend tun, wenn in einem Programm beispielsweise steht „a=a+1“ und ich keinen Unsinn lesen will. Ich erkenne dann, dass sich der Wert von a im nächsten Takt verändert hat, dass a also nicht gleichzeitig a und a+1 sein kann. Ich muss verstehen, was im Bild gezeigt wird.

Einen Motor etwa, in welchem sich viele Teile bewegen, wenn er läuft, kann ich zeichnen. Auf der Zeichnung kann ich keine Bewegung sehen, aber ich kann erkennen, wie sich die Motorteile bewegen (können), wenn ich die Zeichnung „lesen“ kann. Ich kann sehen, dass sich der Kolben im Zylinder hin- und herbewegen kann, und dass sich die Kurbelwelle damit durch Pleuel verbunden dreht. Bei einem programmierbaren Automaten sind die Zustände, die er durchläuft, nicht in diesem Sinne fest gekoppelt, sie sind abhängig, von zusätzlichen Bedingungen und insbesondere von Fallunterscheidungen, die im Programm beschrieben sind.[27]

Die Programmierung von Automaten repräsentiert den evolutionär entwickelsten Fall der Herstellung insgesamt und der Herstellung von Bildern. Sie begründet die hier verwendeten Kategorien, durch die ich die Herstellung von Bildern beobachte.

Fortsetzung folgt


24) Ich verwende hier die Ausdrücke Computer und Computerprogramm auch im umgangssprachlichen Sinn, in dem sie geprägt wurden, sehe also von verschiedenen Differenzierungen ab, die hier keine Rolle spielen. (zurück).

25) Als Programmiersprache bezeichne ich einen Mechanismus, der Programme als Technobilder lesbar macht. (zurück).

26) Ich will hier nicht näher auf naive Vorstellungen zur Programmierung eingehen, in welchen dem Computer etwas „befohlen“ wird. Ich habe diese Zusammenhänge in Todesco: Technische Intelligenz, 1992 ausführlich beschrieben. N. Wirth schreibt: „Von der Reduktion des Programmieraufwandes durch Programmiersprachen, welche IBM mit Fortran anstrebte, dürfte ein wesentlicher Anteil darin bestehen, dass die Programmierer, die dem Computer Befehle geben, praktisch nichts vom Computer wissen müssen.“ IBM hatte die Erfindung von Programmiersprachen vor allem auch dazu vorangetrieben, dass relativ gering qualifizierte Leute zu kleinen Löhnen programmieren konnten. (zurück).

27) F. Heider spricht von sehr starker Koppelung.. (zurück).

Eine Antwort zu “Das Computerprogramm als Bild

  1. Pingback: Bilder als (Mittel von) Anweisungen | Dialog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s