Kategorienfehler versus Die Wahl der Kategorie


Beim Radrennen Tour de France gibt es Bergpreise „hors de categorie“. Bezeichnet wird damit eine Kategorisierung der Bergstrassen, die einer Klassifizierung nach Schwierigkeitsgraden oder Anforderungsprofilen entspricht. Ganz lang und steile Anstiege sind Bergstrassen der ersten Kategorie, relativ kurze Anstiege sind Bergstrassen der vierten Kategorie. Richtig schwer zu bewältigende Bergstrassen passen in keine dieser Kategorien, weshalb sie quasi ausser Konkurrenz sind, obwohl sie für die Konkurrenz unter den Radrennfahrern entscheidend sind, eben hors de categorie. Die Frage, weshalb in diesem Fall von Kategorien und nicht von Klassen die Rede ist, bleibt vorerst offen. Die bezeichnete Sache aber ist nicht nur für Radprofis sinnenklar.

Die Einführung des Ausdruckes Kategorie wird Aristoteles zugeschrieben. In den ihm zugerechneten Schriften unterscheidet er anhand von verschiedenen Fragen verschiedene Arten über etwas zu sprechen, die er verschiedenen Kategorien zuordnet. Mit der Frage, wo etwas ist, verwende ich die Kategorie Ort, mit der Frage, wie schwer etwas ist, verwende ich die Kategorie Gewicht. Seine Kategorien bezeichnen also nicht verschiedene Schwierigkeitsgrade, sondern Klassen von Antworten auf ganz einfache Fragen, die oft auch als Prädikate bezeichnet werden. Die Nachfolger von Aristoteles entwickelten dann daraus die Aussagenlogik und die Prädikatenlogik.

I. Kant hat die Kategorie von Aristoteles anders als dieser nicht in der Sprache sondern im Denken begründet, wo er aber wie Aristoteles verschiedene Klassen unterscheidet und viele auch wie Aristoteles benennt. I. Kant vermeidet damit jede Kritik, die die Arbitraität der Sprachen thematisiert, aber er gibt keinerlei Hinweise darauf, woher er über das Denken Bescheid weiss. Seine Kategorien beruhen wie jene von Aristoteles auf Formen, die sich in der Sprache ausdrücken, bei ihm sind es nicht Formen eines Substrates als Natur sondern Denkformen oder Urteilsformen. Beide sehen nicht, dass sie formen, sie sehen nur geformte Dinge.

Eine postmodernere Kritik an solchen Kategorien stammt von N. Luhmann. Aristoteles habe gemeint, wenn er man ein Holzbett vergraben würde, würde Holz wachsen, nicht ein Bett. Deshalb sei Holz bei ihm das Substrat, während die Form , die wird nicht vererbt werde, nur zufällig sei. N. Luhmann verzichtet in der Folge von G. Spencer-Brown auf die Bezeichnung des Substrates und weicht so vielen Problemen aus, die G. Ryle als Scheinprobleme taxiert.

G. Ryle hat die Kategorienlehren von Aristoteles und I. Kant ganz verworfen und stattdessen Kategorienfehler beobachtet. Er gibt keine Definition des Kategorienfehlers sondern beschreibt das Gemeinte anhand von – oft unglücklich einfältigen – Beispielen. Das wohl berühmteste ist der Besucher der Universität Oxford, der nachdem ihm Colleges, Büchereien, Sportplätze, Seminar- und Bürogebäude gezeigt wurden, fragt: „Aber wo ist die Universität?“ Als Kategorie bezeichnet er Prädikate, die in einer gewählten Satzlücke sinnvoll eingesetzt werden können. Das hat mit Klassen im üblichen Sinn nichts zu tun. Der kategorielle Typ eines Ausdrucks wird durch die Menge der Sätze bestimmt, die einen Rahmen für die Einsetzung des Ausdruckes bilden. Sein Beispiel für einen Rahmensatz ist „Aristoteles war ein griechischer […]“. Die Ausdrücke, die man einsetzen kann, gehören zum gleichen kategoriellen Typ. G. Ryle sagt, dass es kein Kriterium dafür gibt, welche Ausdrücke eingesetzt werden können, es sei eine Frage des ordinären Sprachgefühls, welches sich aber als Disposition untersuchen lasse.

Ich invertiere das Verfahren, mit welchem G. Ryle Fehler findet, um Lösungen zu finden. Mir war beispielsweise lange nicht klar, mit welchem Kriterium ich die Begriffe Bild und Abbildung unterscheide. Das hypothetische Erkennen eines Kategorienfehlers – darin liegt das invertierte Verfahren – führte dazu, dass ich nicht mehr Bild und Abbildung, sondern verschiedene Kategorien unterscheide. Ich erkenne jetzt das Bild als Artefakt und die Abbildung als Relation, während ich davor beides derselben – nur als Kategorienfehler vorkommenden – Kategorie zugeordnet habe. Ich habe damit ein „ryle-philosophisches“ Scheinproblem aufgehoben.

Kategorie verwende ich – in Anlehnung an A. Leontjew – für die in einer Theorie beobachtete Einheit der Unterscheidung einer Beobachtung. Kategorie bezieht sich mithin immer auf eine Beobachtung 2. Ordnung.

Mit dem Satz „Das Auto ist rot“ unterscheide ich das Auto von anderen Dingen und rot von anderen Eigenschaften. Im Satz kommen die Wörter Ding und Eigenschaft nicht vor. Ich verwende diese Wörter um Unterscheidungen im beobachteten Satz zu bezeichnen. Rot ist ein Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe. Im Satz kommt auch das Wort Eigenschaftsdomäne nicht vor. Ich verwende das Wort um eine weitere Unterscheidung zu bezeichnen, die ich in der Beobachtung verwendet habe.

Unterscheidungen bezeichne ich implizit, indem ich die eine Seite der Unterscheidung bezeichne. Wenn ich rot sage, impliziere ich eine Unterscheidung rot versus nicht rot. Die Einheit der Unterscheidung bezeichnet beide Seiten und das, wovon sie Teile oder Aspekte sind. In diesem Fall bezeichne ich die Einheit als Farbe. Farbe bezeichnet implizit auch eine Unterscheidung, in Bezug auf rot aber die Einheit der Unterscheidung.

Wenn ich die Einheit in einer Theorie bezeichne, bezeichne ich sie als Kategorie. Mit Kategorie beschreibe ich die Anschauung (theorein), nicht das Angeschaute. Das Auto ist rot oder hat die Farbe rot. Rot ist eine Eigenschaft des Autos. Dass ich die Farbe des Autos beobachte, beruht auf meiner Wahl der Kategorie. Eigenschaftsdomäne und Kategorie werden oft verwechselt oder gleichgesetzt. Die Eigenschaftsdomäne bezeichnet den Wertebereich der Eigenschaft. Die Kategorie bezeichnet, dass in der Beobachtung beispielsweise Eigenschaften unterschieden werden.

Die Kategorie zu bestimmen, ist eine theoretische Entscheidung, die kontingent ist. Bei rot und Auto ist die Kontingenz aus pragmatischen Gründen nicht sehr gross. In vielen Fällen ist aber nicht klar, welcher Begriff mit einem Wort bezeichnet wird. Die je gewählte Zuschreibung von Kategorien ergibt dann verschiedene Theorien. Kategorie bezeichnet hier also etwas ganz anderes als bei den erwähnten Philosophen. Die Kategorie ist die Folge einer Beobachtertätigkeit, nicht deren naturgegebene a priori-Voraussetzung.

Ich unterscheide zwei Fälle: Im einen Fall beobachte ich Sachverhalte ohne Theorie und im andern Fall wende ich eine Theorie an. N. Wiener beschreibt in seinem Roman Die Versuchung, wie er die Systemtheorie anhand von Beschreibungen von Regelungsmechanismen entwickelt hat. Nachdem die Systemtheorie existierte, wurde sie auf verschiedene Gegenstände angewendet, die davor nicht unter der Kategorie Regelung beobachtet wurden.

Unabhängig davon, wie explizit die verwendeten Kategorie sind, entscheiden sie, wie beobachtet wird. Dabei spielt insbesondere eine Rolle, welchen Kategorien Priorität gegeben wird. Ein Standardbeispiel dafür ist die Kategorie Bedürfnis. Wenn zuerst ein Bedarfszustand beschrieben wird, etwa die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, erscheint die menschliche Tätigkeit als Reaktion darauf. Wenn dagegen das Herstellen als fundamentale Kategorie verwendet wird, geht es gerade nicht darum, irgendwelche Mängel zu kompensieren. Denn dann wären die Mängel fundamental und das Herstellen eben nur eine Kompensationshandlung. Herstellen ist dann das, was Menschen von sich aus ohne jede Not tun. Sie heben damit die natürlichen Bedarfszustände, die sie mit anderen Lebewesen teilen auf. Hunger erscheint dann nicht als Bedarfszustand sondern als Zeichen dafür, dass etwas in der Produktion nicht funktioniert.

Die Wahl der Kategorie ist geschichtliche Tat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s