Beobachter beobachten


Auch wenn ganz unklar ist, woher die Formlierung kommt und mithin, wer damit was gemeint haben könnte, kann ich mir klar machen, was ich damit bezeichne und eben auch, was nicht. H. Maturana, der einen Beobachter-Begriff eingeführt hat, und dabei eben das Wort beobachten aus der Alltagssprache terminologisch neu bestimmt hat, bezeichnete damit eine Unterscheidung, die er in einer logischen Buchhaltung erläutert hat. Der Beobachter beobachtet durch (dia, mittels) Unterscheidungen, die sichtbar werden, wo er seine Beobachtungen beschreibt und so mit Wörtern bezeichnet.

Einen Beobachter zu beobachten bedeutet in diesem Sinne nicht, etwas über einen Menschen zu sagen, obwohl – in der Terminologie von H. Maturana explizit – jeder Beobachter ein Mensch ist. Einen Beobachter zu beobachten bedeutet, die von ihm verwendete Unterscheidung zu beobachten – und sich dabei bewusst sein, dass das wiederum eine Beobachtung ist. Deshalb bezeichnet H. Maturana das als Beobachtung 2. Ordnung.

N. Luhmann hat gemerkt, dass der Beobachter sehr oft mit einem Menschen verwechselt wird und vorgeschlagen, nur noch von Beobachtungen zu sprechen, aber das hilft natürlich nichts, weil Beobachtungen ja immer von einem Beobachter gemacht werden. Und sehr oft meinen Leute, die von Beobachter beobachten sprechen, dass sie einen anderen Menschen beobachten, der praktisch immer etwas nicht richtig sieht, was dann als dessen blinder Fleck bezeichnet wird.

Ich gebe ein typisches Beispiel, um den Unterschied zwischen Menschen beobachten und Beobachter beobachten zu verdeutlichen, nicht ohne vorab anzumerken, dass das Beobachten von Menschen selten gut kommt. D. Baecker schreibt in seinem Aufsatz über Marx, Lenin und Mao: „Karl Marx war sich darüber im Klaren, dass die Arbeitswertlehre, die den Wert der Arbeit an der gesellschaftlich durchschnittlich aufzubringenden Arbeitszeit im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Produktivkräften misst, dem Kapital in die Hände spielt.“ Ich will hier vom Unsinn der Aussage, dass K. Marx dem Kapital geholfen habe, absehen. Es geht hier nur darum, dass D. Baecker über K. Marx spricht und darüber, was dieser gemeint oder geschrieben habe. Das ist eine Beobachtung, in welcher ein Mensch beobachtet wird, aber keine Beobachtung 2. Ordnung, also keine Beobachtung eines Beobachters. Es wird keine Unterscheidung beobachtet.

K. Marx hat zwei Klassen unterschieden. Die eine Klasse gibt Lohn und die andere nimmt Lohn. K. Marx bezeichnet die beiden Klassen und beschreibt wie er sie unterscheidet. Das ist eine Beobachtung von K. Marx. Und ich beobachte, dass K. Marx mit dieser Unterscheidung beobachtet. Das ist eine Beobachtung 2. Ordnung. Nun mag man finden, dass meine Beobachtung trivial sei, weil K. Marx selbst ja sehr deutlich geschrieben hat, wie er die Klassen unterscheidet.

Beobachtungen 2. Ordnung werden sehr oft vom Beobachter selbst geschrieben, wenn er seine Kategorien oder Klassifizierungen erläutern will. Sehr oft erscheinen sie als naheliegender Teil der Beobachtung, die beschrieben wird. Im hier zitierten Fall weiss jeder, auch wenn er sonst über die Texte von K. Marx nichts weiss, dass darin Kapitalisten und Proletarier unterschieden werden, und dass das anhand des Lohnverhältnisses passiert, eben weil K. Marx das so dargestellt hat.

Eine andere Frage dagegen ist, inwiefern sich K. Marx als Beobachter verstanden hat. Darüber hat K. Marx nichts geschrieben, weil es damals den Beobachterbegriff, von dem hier die Rede ist, nicht gegeben hat. Natürlich hat K. Marx wie jeder Mensch beobachtet, aber das war kein eigenes Thema für ihn. Eine Form des Beobachters wurde fünfzig Jahre nach seinem Tod populär. Die Physiker haben einen Beobachter entdeckt. A. Einstein hat in seiner Relativität Beobchtungen davon abhängig gemacht, wie sich der Beobachter selbst bewegt, und W. Heisenberg hat in seiner Quantengeschichte Messresultate von der Beobachtung abhängig befunden. In diesen Fällen ist zwar von einem Beobachter die Rede, er spielt aber in dem Sinne keine Rolle, als er keine Kontingenz zur Verfügung hat. Erst die Kybernetiker, vielleicht G. Pask zuerst, haben thematisiert, dass ihre Modelle kontingent sind, eben Konstruktionen, die als Erklärungen dienen. H. Maturana hat diesen Aspekt des kybernetischen Denkens ausformuliert.

Jetzt, wo ich den Beobachter und das Beobachter beobachten in der Theorie explizit zur Verfügung habe, kann ich die Wertlehre von K. Marx als Beobachtung beobachten. Dabei spielt selbstverständlich keine Rolle, wie K. Marx seine Beobachtung beobachtet hat oder hätte, weil jede Beobachtung 2. Ordnung eine Beobachtung ist. Es ist also gleichgültig, was K. Marx klar war, ich beobachte nicht ihn, sondern eine seiner Beobachtungen: seine Kritik an der sogenannte Arbeitswertlehre.

K. Marx beobachtet in seiner Kritik mit der Unterscheidung Wert/Mehrwert die Ungerechtigkeit des Lohnverhältnisses, wozu er die Fiktion Arbeitskraft als Ware erfindet. Die Arbeitskraft als Ware zu beobachten, hilft (ihm) die kapitalistischen Verhältnisse auf den Punkt zu bringen. Er unterscheidet damit Arbeitsprodukt und Arbeitskraft, um zu zeigen, dass die Kapitalisten den Lohn gegen letzteres „tauschen“, was einem „täuschen“ gleichkommt, das in der damaligen Diskussion um den gerechten Lohn Thema war.

Jetzt kann ich mich fragen, wer ein Interesse an dieser Beobachtung hat und erkenne leicht, dass es sich um einen Klassenstandpunkt handelt, den der Beobachter für diese Beobachtung einnehmen muss. K. Marx hat also sehr bewusst beobachtet und dafür einen Standpunkt gewählt, der genau diese Beobachtung möglich macht. Er hat nur nicht so darüber berichtet. Er hat diese Beobachtung 2. Ordnung selbst nicht geleistet.

Und jeder Beobachter, der die Beobachtung von K. Marx beobachtet, kann beobachten, wie er das tut. Die Texte von K. Marx einfach zu lesen ist etwas anderes als sie als Beobachtungen zu beobachten.

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