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Klavierschüler – kybernetisch gesehen


Der Klavierschüler steht hier exemplarisch für ein Modell eines kybernetischen Lerners mit den Optionen, seine Spielqualität zu verbessern oder seine Ansprüche zu reduzieren. Das Beispiel stammt aus der Vorlesung von R. Hirsig

Das Beispiel zeigt ein qualitatives Modell als Blockdiagramm. Pfeile stehen für Variablen, Blöcke für Verechnungsanweisungen. Man kann sich jeden Block als programmierten Prozessor vorstellen. Ich erläutere zunächst das Prinzip der Darstellung des Modells. Zu beachten ist, dass hier nur die Beschreibung des Modells zu sehen ist, also kein vereinfachter Klavierspieler. Dann ist die Beschreibung so gedacht, dass sie einen sich wiederholenden Takt darstellt, dass also die dargestellte Sequenz immer wieder durchlaufen wird, wodurch die Entwickung des Schülers abgebildet wird.

„s“ kommt aus einem Filter, der als Schnittstelle zur Umwelt gedacht wird. Im hirsig-schema.pngoperationell geschlossenen System gibt gibt es diesen Filter nicht, weil „s“ nicht durch etwas jenseits des System VERklärt wird, sondern als Ausgangspunkt betrachtet wird. Da im 2. Beispiel der Filter selbst abhängig ist, ist an seiner Stelle ein Block, in welchen s generiert wird.

„s“ ist im Schema noch nicht in der Form, die der Differenzbildner braucht, „s“ steht für eine subjektive Wahrnehmung, die in eine definierte Erlebensvariable überführt werden muss. „s“ beeinflusst zwei Blöcke, die dann „u“ und „x“ zum Differenzbildner senden, der daraus e berechnet. „x“ steht dann für die wahrgenommene Qualität, „u“ steht für die angestrebte Qualität. „e“ steht für die Differenz.

„e“ generiert eine Massnahme, die das System näher zum Sollwert bringt. Das Modell ist auf dieser Stufe noch sehr einfach. Es beinhaltet insbesondere keine Veränderung des Sollwertes, was ich in der nächsten Stufe der Modellentwicklung nachführe.

Ich gebe jetzt eine inhaltliche Interpretation, das der Veranschaulichung des Modells dienen soll: Der Klavierschüler.

Ich lerne Klavier spielen. Ich habe ein bestimmtes Niveau erreicht. „s“ ist, wie ich hirsig-schema1mein Klavierspiel – subjektiv – wahrnehme, „x“ ist dann, wie ich bemesse, was ich höre. Ich kann beispielsweise falsche Anschläge zählen, statt einfach „mehr oder weniger gut“ spielen zu können. Ich führe damit eine Operationalisierung ein, die mir den Vergleich mit einem Sollwert ermöglicht. Ich kann jetzt meine Fehlerquote mit der Fehlerquote „u“, die ich mir zugestehe vergleichen. Dabei geht es darum, eine subjektive Wahrnehmung in eine – vom Modellbauer – definierte Erlebensvariable zu überführen.

„e“ beeinflusst wieder zwei Blöcke, der eine errechnet „ia“ und „az“, der andere errechnet „se“. Der Block, der „ia“ generiert, enthält eine Massnahme die durch „e“ gesteuert wird. Ich kann in Abhängigkeit von „e“ beispielsweise mehr oder weniger oft üben oder einen anderen Klavierlehrer suchen. „ia“ repräsentiert dann denn effektiven Erfolg der Massnahmen, die durch „e“ ausgelöst wurde.

Der Block, der aufgrund von „e“ „se“ berechnet, hat einen zweiten Eingang „az“, der meine Einschätzung meines Fortschrittes repäsentiert. „se“ führt als „ms“ dazu, dass ich mein Üben weiter anpasse, weil ich diese Massnahme positiv bewerte, oder als „mu“, dass ich meinen Sollwert reduziere, weil ich merke, dass mein vermehrtes Üben mich nicht vorwärts bringt. Ich kann schliesslich als „mw“ meine subjektive Wahrnehmung veränderen, also mein erreichte Qualität neu bewerten, ich muss ja nicht so spielen können, wie der Glen Gould.

„a“ kommt wieder aus einem Schnittstellenfilter, für den dasselbe gilt wie bein Eingangssignal „w“. Hier ist gemeint, dass „ia“ für das intendierte oder berechnete Verhalten steht, dass dieses aber in der Umwelt anders ankommen kann. Geregelt wird natürlich „ia“, dass einem äusseren Beobachter auch als Ursache des jeweils görten Klavierspiel dient.

Ich erkenne leicht, dass diese Modellierung nicht nur „qualitativ“ sondern auchvernetzt1 ziemlich „psychologisch“ ist, also viele Konstruktvariablen verwendet, die ich nur sehr intuitiv deuten kann. Solche Modelle dienen vor allem dazu, das Gespräch oder das Nachdenken zu strukturieren. Die gängigste Form solcher Modelle sind die noch viel weniger aussagenden Schemata des sogenannten systemischen Denkens, in welchen die Verbindungen zwischen variablen Zuständen lediglich mit „+“ und „-“ bezeichnet werden.

Die eigentliche kybernetische Modellierung produziert quatitative Modelle, deren Variablen sich berechnen lassen, so dass kybernetische Simulationen möglich sind.

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Die ProLitteris und das Internet


Die ProLittteris ist die schweizerische Urheberrechts- oder Verwertungsgesellschaft für Texte der Literatur und Werke der bildende Kunst mit Sitz in Zürich. Die ProLitteris wurde 1974 gegründet und ist mit offizieller Bewilligung des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum tätig. Konkret heisst das, dass Hersteller von Werken, die anmeldbar sind, in Genuss von Beiträgen kommen. Die Idee im Hintergrund ist, dass viele Werke verwendet werden, ohne dass die Autoren dafür bezahlt würden. Wie das Geld erhoben und verteilt wird, lasse ich hier ausser acht.

Damit ein Text Literatur im Sinne der ProLitteris ist, muss er – in gedruckter Form – veröffentlicht werden, das heisst er muss in einem Buch oder in einer Zeitschrift stehen. Seit einiger Zeit gibt es das Print-on-Demand-Verfahren, bei welchem Bücher erst gedruckt werden, wenn sie verkauft wurden. Da hat die ProLitteris eine hinreichende Auflage als Kriterium für anerkannte Literatur genannt. Aber auch in diesem Fall gilt nur gedruckter Text und hinter jedem hinreichend oft gedruckten Text steht ein Verlag.

Seit etwa zwanzig Jahren gibt es immer mehr Menschen, die ihre Texte ins Internet stellen. Man könnte sagen, dass sie selber schuld sind, wenn sie die Texte nicht auf Papier publizieren. Man könnte denken, dass solche Texte das Kriterium der Literatur nicht erfüllen, also keinen Papier-Verleger finden. Solche Texte wären dann privat und private Autoren wären kein Problem.

Aber das Internet hat sich anders entwickelt, als viele Printverleger erwartet hatten. Die Zeitungsverleger mussten ihre Zeitungen ins Internet stellen und nach kurzer Zeit gab es immer mehr Zeitungen und Zeitschriften, die nur im Internet publizieren. Aber auch Zeitungen, die noch gedruckt werden (weil auch das papierlose Büro noch lange nicht wahr geworden ist), finden zunehmend mehr inm Internet statt. Sie folgen Amazon, die e-Bücher verkaufen und diese bei Bedarf oder vielmehr on-Demand auch auf Papier ausdrucken.

Publizieren auf Papier hat seine Vorrangstellung längst eingebüst, ber Verlagswesen hat sich durch eine scharfe Monopolisierung gehalten. Ich will hier vom Streit um Billag-Subventionen und werbungsfinanziertem Boulvard abesehen. Die kapitalstarken Massenmedienverleger dominieren das Internet, soweit es nicht socialmedia ist. Das heisst, was auf den Homepages der Verleger erscheint, erscheint als Nachrichten-Literatur, weil die Verleger diese Deutungshoheit erobert haben. Im unseligen Billagstreit war das wohl entscheidende Argument, die vermeintliche Qualität von ordentlich verlegten Inhalten. Diese Qualität hat keinen Markt, sie ist herbeigedeutet, von Verelgern, die Kopfsteuern durchsetzen können.

Die Verleger definieren jetzt auch, dass Texte im Internet, die auf ihren Seiten erscheinen, Literatur im Sinne der ProLitteris sind, also Anspruch auf ProLitteris-Beiträge generieren. Die ProLitteris sucht einen Kompromiss, indem sie viele

Verleger einlädt und auch private Autoren akzeptiert, wenn diese die Internet-Literatur-Definition erfüllen. Als Verleger gilt, wer in der Lage ist, ein paar tausend Franken in seiner Internetinfrastruktur zu investieren.

Private Autoren dürfen Texte anmelden, die mindestens 2000 Zeichen lang sind und pro Jahr mehr als 1000 Leser finden. Mir ist noch nicht bekannt, wie Verlagstexte diesbezüglich beurteilt werden. In Zeitungen gibt es eine grosse Masse von Texten, die dieses Kriterium nicht erfüllen, auch wenn die jeweilige Zeitung eine Auflage von vielen Tausend Exemplare hat. Mir geht es aber um hypertext_textetwas Grundlegenderes. Wenn Zeitungen ihre Texte ins Internet stellen, bleiben es Zeitungstexte, die eben eine konventionelle Länge haben. Das Internet, und hier ist natürlich das WWW gemeint, ist als Hypertext konzipiert. Das Protokoll, das vor jedem Seitenname steht, heisst http, resp. Hypertext Transfer Protocol. Zeitungen und Bücher sind aber nur in seltenen Fällen hypertextartig und auf Papier natürlich gar nicht hypertextfähig.

Der Witz von Hypertext – der durch Suchmaschinen untergraben wurde – besteht im Verlinken von Textteilen. Ein guter Hypertext besteht aus vielen kurzen Texten, die stark verlinkt sind. Auf meiner privaten Homepage beispielsweise sind mehr als 10’000 Hypertextteile, von welchen nur wenige 2000 Zeichen lang sind, was über die inhaltliche Qualität rein gar nichts sagt. Die Verlinkung von Textteilen ist eine sehr effiziente Form von Text, einerseits – was der Erfinder von Hypertext im Auge hatte – kann man bestimmte Texte so sehr gut finden, und andrerseits werden die Texte schlank, weil vieles, was ein allfälliger Leser schon weiss, ausgelagert ist und nur on-demand im Text erscheint.

Hypertext ist eine neue Form von Text, die sich nicht mit gedruckten hyperbuchTexten vergleichen lässt. Und Hypertexte im Internet können über sehr lange Zeit und rund um die Erde gefunden und gelesen werden, während sich nobody in world für yesterdays paper interessiert (wie die Stones vor 40 Jahren schon gesungen haben). Die ProLitteris denkt in Papier und Verlegerformen, wenn sie Textlängen von 2000 Zeichen verlangt und die die Lesezeit auf (immerhin) ein Jahr begrenzt.

Ein plausibles Mass wäre die Anzahl Zugriffe, die nicht durch Maschinen erfolgen. Solche Statistiken sind nicht leicht zu erheben, wenn man nicht Google Konsorten ist und sie sind leicht zu fälschen. Ein andere Mass – wobei ja Kombinationen mögliche sind – wären die Anzahl Links auf den jewiligen Text, wobei auch dabei beliebige Gewichtungen möglich wären. Sogar die die Bewertung durch die Gooogle-Rangliste könnte berücksichtigt werden.

Solche Verfahren scheinen kompliziert, sie widerspiegeln aber einfach den Unterschied zwischen gedrucktem Text und Hypertext. Die einfachste Lösung besteht darin, diese Unterschiede zu ignorieren, aber die einfachsten Lösungen sind nur begingt die besten.

Geschichte(n) der Physik


Als Geschichte der Physik bezeichne ich eine Geschichte, in welchen erzählt wird, was wann als Physik bezeichnet wurde. Die Physik erscheint darin als einmaliger und irreversibler Prozesses, von welchem gesagt wird, dass er stattgefunden habe.

Eine populäre Geschichte der Physik erzählt von zwei Physiken, von einer alten naturphilosophischen und von einer modernen naturwissenschaftlichen Physik. Die Geschichte der alten Physik erzählt von Griechen und dem Mittelalter, die andere Geschichte beginnt mit den Experiementen von G. Galilei. Eine Geschichte wird daraus, wo erzählt wird, dass G. Galilei auf die alte Physik verwiesen habe.

Die Geschichte lautet etwa so: Am Anfang gab es eine Naturphilosophie. Mit seinem Werk Physik prägte Aristoteles den Begriff „Physik“ (alles natürlich Gewachsene im Gegensatz zu Artefakten [ein interessanter Punkt, der die Erzählung spannend macht]). Neben den Philosophen gab es schon Erfinder wie Ktesibios, Philon von Byzanz oder Heron, die einfach der Physik zugeschlagen werden, weil ihre Technik nicht brauchbar war.

Oft wird dann erzählt, dass die Physik als Naturwissenschaft mit der experimentellen Methode G. Galilei angefangen habe (Wikipediawissen). Dabei wird erstens Physik mit Naturwissenschaft gleichgesetzt und übersehen, dass G. Galilei nicht Experimente einführte, sondern die Abstraktion bei den Hypothesen, etwa der weggelassene Luftwiderstand beim Fallgesetz.[1] Diese Geschichten erzählen dann Verdienste von Trägern von grossen Namen I. Newton, J. Mayer, R. Clausius, J. Maxwell, A. Einstein und M. Planck, wobei sie einerseits davon abstrahieren, dass man Mathematik und Physik unterscheiden könnte und andrerseits suggerieren, dass Technik eine Anwendung der Physik sei. Schliesslich kehrt diese Physik mit Spekulationen über das ganz Kleine und das ganz Grosse wieder in die Naturphilosophie zurück, womit sich in der Erzählung ein Kreis schliesst.

Natürlich kann man auch ganz andere Geschichten erzählen, weil es ja Geschichten sind:

Eine andere Geschichte beispielsweise beschreibt die Physik als formalen Anhang der Technik. Die eigentliche Entwicklung ist dann die technische, die in der Physik (nur) systematisiert wird. Dabei ist quasi miterklärt, warum vor der Industrialisierung auch keine nennenswerte Physik existiert.

In einer solchen Geschichte steht die Erfindung der Dampfmaschine (1700) am Anfang der Physik. G. Galilei und I. Newton sind noch Naturphilosophen, auch wenn sie sich bereits mit mechanischen Instrumenten wie Pendeln befasst haben. N. Carnot, der erste Physiker in dieser Geschichte, hat die Dampfmaschine nicht erfunden oder wie J. Watt verbessert, sondern (lediglich) als thermodynamischen Kreisprozess beschrieben. G. Marconi (1900) hat den drahtlosen Funk erfunden. Weil der Funk als Strahlungsphysik begreifbar war, gilt G. Marconi als Physiker (Nobelpreis), obwohl er Techniker war.
Seit 1850 war aber die Physik und die Technik schon sehr eng verschmolzen, so dass nur noch Geschichten entscheiden, was der Physik und was der Technik zugerechnet wurde. Die Physik behauptet ihre Eigenständigkeit vor allem dadurch, dass sie durch J. Maxwell’s Mathematisierungen sehr allgemeine Formalisierungen eingeführt hat, durch die sie sehr verschieden Techniken einheitlich quantifizieren konnte – was transistor.jpgdann wieder als Grundlage gedeutet wurde. Spätestens ab dem 2. Weltkrieg wurde ein relevanter Teil der Physik bewusst in der Technik aufgehoben, die nie Natur kommentiert, sondern Erfindungen machte. Ich erkenne darin eine Iversion von Naturwissenschaft zu Engineering. Der Transistor-Erfinden J. Bardeen ist ein exemplarischer Vertreter dieser „Physik“, der zuerst Ingenieur studiert hat und nach zwei Physik-Nobelpreisen einen Lehrstuhl für Elektrotechnik und Physik eingerichtet hat.
Die Natur interessiert ab diesem Zeitpunkt als Differenz zwischen naturwissenschaftlicher Materie und ingenieurwissenschaftlichem Material.
Die Physik wird so aufgeteilt, nicht in alte und neue Physik, sondern in eine Physik, die praktische Relevanz hat und in eine esoterische Physik, die sich mit dem ganz Grossen und dem ganz Kleinen befasst, die beide jenseits der Sichtbarkeit liegen, etwa schwarze Löcher oder Quarks.

(und auch das ist eine Geschichte:) Seit es Dampfmaschinen gibt, kennt die Physik Energie, davor kannt sie nur Kraft. Die Einführung der Energie gelang innerhalb des Paradigmas und innerhalb der Einheit der Lehre. Die nächste technische Revolution dagegen, die Erfindung der Computer, brachte das Konzept Information in die elektrotechnischmathematische Physik und sprengte das Fach mit der neuen Wissenschaft Informatik (oder Kybernetik). Duden schreibt dazu in seinem Informatiklexikon, Information stelle neben Energie und Materie einen der „drei wichtigsten Grundbegriffe der Natur- und Ingenieurwissenschaften dar, für welche die Physik nicht mehr zuständig ist.

Die Technik hat die Wissenschaft hinter sich gelassen, sie hat ihre eigene Lehre, die Technologie, die der Physik nicht widerspricht, sie aber aufgehoben hat.

 


[1] E. von Glasersfeld: Galilei hat als Erfinder der Wissenschaft nicht das Experiment, sondern das Arbeiten mit Hypothesen erfunden, etwa in der Fiktion des freien Falls, der nicht beobachtbar war. Galilei war der erste, der bewusst fiktive, ideale Gesetze erfand.
Kardinal Bellarmino sagte dem entsprechend: Sei vernünftig: Bezeichne deine Theorien als Hypothesen, sonst sind sie Ketzerei.

Geschichte(n)


Als Geschichte bezeichne ich eine Beschreibung eines einmaligen und irreversiblen Prozesses, von welchem gesagt wird, dass er stattgefunden habe.

Geschichte haben einen Autor (der nichts dafür kann), ein Ereignis (das aus vielen Ereignissen bestehen kann), einen Anfang und ein Ende. Jede Geschichte erzählt ein Auf-die-Welt-Kommen, eine Entwickeln und ein Verschwinden (falls sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch), wobei viele Geschichten noch nicht zu Ende erzählt sind. Das Universum begann mit dem Urknall und endet .. ganz sicher, nur ist es noch nicht geschehen.

Umgangssprachlich wird oft auch – oder sogar vor allem – der Gegenstand, von welchem die Geschichte erzählt wird, als Geschichte bezeichnet. Aus der Geschichte über den sogenannten Weltkrieg, wird dann dieser Krieg zur Geschichte im Sinne eines – geschichtlichen – Erreignis, welches so stattgefunden habe, wie es die Geschichte erzählt.

Differenztheoretisch beobachte ich Geschichte durch die Differenz zwischen Geschichte und Geschichten. Wenn ich eine Geschichte als Novelle wahrnehme, glaube ich sie, weil es keine Rolle spielt, ob ich sie glaube, wenn ich eine Geschichte im Sinne der Disziplin Geschichtswissenschaft höre, glaube ich sie nicht, weil mir dann gesagt wird, dass sie wahr sei, was zu einem Motivverdacht führt, weil Aufrichtigkeit nicht kommuniziert werden kann.

Die Differenz, die wahre Geschichte begründet, begründet ebenso unwahre Geschichte (Lüge, fake news, Verschwörungstheorie). Die Definitionen, die Geschichte quasi durch Geschichte definiert, lese ich operativ: „Mache eine Unterscheidung zwischen Geschichte und Nicht-Geschichte. Dann schaue nur noch die Geschichte-Seite der Unterscheidung an und mache die dieselbe Unterscheidung noch einmal (re-entry).
Ein Beispiel:
Dass der Astronaut Amstrong auf dem Mond spazieren gegangen ist, ist Geschichte mxondlandungund eine Geschichte. Es wird seit langem intensiv darüber gestritten, ob er auf dem Mond war oder nicht (Unterscheidung). Er könnte in einem Studio in Hollywood gewesen. Eine gängige Variante lautet: beides. Er war auf dem Mond, weil dort aber schlechte Aufnahmen gemacht wurden, wurden die Aufnahmen im Filmstudio nochmals gemacht. Vielleicht weil die Amerikaner glauten, dass sich eine schlechte Kamera schlecht mit einem gelungenen Mondspaziergang vertragen würde. In der Notation von G. Spencer-Browns Differenztheorie lese ich: Unterscheide er war auf dem Mond / er war nicht auf dem Mond. Auf der positiven Seite der Unterscheidung wiederhole die Unterscheidung: Die Bilder stammen vom Mond oder nicht. So kann man finden: Die Bilder lügen, obwohl sie etwas Wahres berichten. (mehr dazu).

Wahre Geschichte

Bestimmte Geschichten sind in dem Sinne Geschichte, als sie innerhalb der Sozietät, die sie konstituieren, nicht ohne Machtposition bestritten werden können. In unserer Gesellschaft gibt es Institutionen für wahre Geschichte, vorab die Universität und die sogenannte Wissenschaft.
In unserer Gesellschaft erscheint die Geschichte – nicht wie etwa in der Bibel, die die Weltgeschichte als Ganzes erzählt – funktional ausdifferenziert, sie hat nicht mehr einen Gegenstand, sondern besteht aus einer beliebigen Menge von Geschichts-Geschichten, die unter verschiedenen Gesichtspunkten angeordnet und verküpft werden und mittels des Primärschlüssels Zeit miteinander lose verknüpft sind, so dass eine Art „Welt“geschichte entsteht.

Als Zeittafel bezeichne ich eine nach Datum sortierte Tabelle, in welcher Ereignisse und Phänomene wie Erfindungen, Personen, Technologien, Kriege zusammengetragen worden sind. Zeittafeln wurden in der „Encyclopedia Britannica“ (1. Auflage 1768) als alternative Darstellungen zur bis dahin üblichen Prosa-Chronik populär gemacht, das heisst, sie ersetzen ein narratives Element der Prosa, die über gleiche Ereignisse berichtet (siehe dazu die Zeittafel im Projekt diasynchron).

Das Thema aller Geschichten ist der Mensch, weil kein Autor umhinkommt, über seine Herkunft (Vergangenheit) und seine Verhältnisse zu erzählen. Ich unterscheide die Naturgeschichte und die Kulturgeschichte, erstere wird von Naturwissenschaften, letztere von Geisteswissenschaft erzählt. Der Homo sapiens ist Gegenstand der Evolutionsgeschichte bis zu dem Zeitpunkt, an dem er angefangen hat, sich seine Geschichte zu erzählen, und so Gegenstand der Revolutionsgeschichte geworden ist. Die Geschichte des Tier-Mensch-Übergangsfeld wird von Archäologen und Naturrechtlern erzählt und gilt den Kulturwissenschaftler, die an der ganzen Kulturgeschichte interessiert sind, als Vorgeschichte bezeichnet, weil weil sie für ihre Wahrheitsansprüche keine noch so dürftige Quellen haben.

Die funktional ausdifferenzierte Weltgeschichte erscheint so als zeitliche Abfolge von
Naturgeschichte                           Urknallgeschichte, Evolutionstheorie
Tier-Mensch-Übergangsfeld      Vorgeschichte
Kulturgeschichte                          Frühgeschichte, Antike, Mittelalter, Neuzeit

Als Schulgeschichte (im Sinne der Geschichtswissenschaft) wird Herschaftsgeschichte erzählt. Tautologischerweise kann ich aber zu jedem Gegenstand eine Geschichte schreiben.
Beispiele:
Geschichte des Geldes, Geschichte der Technik, Geschichte der Demokratie, der Philosophie, des Handwerkes, der Kunst.
Umgekehrt begründet jede Geschichte ihren Gegenstand, indem sie Ereignisse verknüpft. Ich gebe dazu ein Beispiel:
Wenn ich die Geschichte der Physik erzähle, kann ich mich auf die Entwicklung der physikalischen Gesetze beschränken. Ich kann aber auch erzählen, wie die Entwicklung der Technik die Physik verändert hat.
Im ersten Fall erzähle ich, wann die thermodynamischen Gesetz von wem geschrieben wurden, und allenfalls, was sie besagen. Im zweiten Fall beschreibe ich beispielsweise wie die Erfindung der Kraftmaschine die Physik verändert hat.

Aktive Passivität


Das Buch „Aktive Passivität“ von M. Seel war Thema im autopoietischen Kreis (11.4.2018), ich kenne das Buch nicht, berichte nur, was ich wie verstanden habe (und was ich der Kunstdiskussion (jenseits des Buches) entgegensetze):

Das Grundthema ist die Vita contemplativa, der Rest, der den Philosophen bleibt, die die notwendige Arbeit ausklammern. Diese Vita contemplativa aber befasst sich mit der Angst, dass wir das Leben bestimmen könnten und dann nicht mehr leiden würden und so keine Philosophie mehr bräuchten, die uns erklärt, dass es besser ist, wenn man dem Leben ausgeliefert ist. Quasipolitisch lautet diese Geschichte, dass wenn wir den Kommunismus realisiert hätten, das Leben ganz langweilig würde, weil wir uns nicht mehr abmühen müssten, die Arbeitenden könnten nicht mehr um ihre Arbeit bangen und die Reichen könnten nicht mehr um den Mehrwert kämpfen. Alle müssten Künstler werden, hätten aber dann nichts mehr zu sublimieren. Wir sollten uns also freuen, dass wir noch Sorgen haben, weil wir das Leben noch nicht im Griff haben und unser Leben darauf ausrichten können.

Die aktiven Passivität besteht im aktiven Zulassen der eigenen Wahrnehmung der Welt, im bewusst aktiv gewählten Erleiden der Welt, wie sie wirklich ist, was als Offenheit ihr gegenüber gesehen werden kann. Wesentlich ist eine Haltung, in welcher nicht bestimmt wird, sondern die Bestimmung erkannt wird. Das Gegenteil wäre sozusagen eine passive Aktivität, in welcher nicht gewähltes, unbewusstes Nachjagen im Hamsterrad gelebt wird. In aktiven Passivität wird das Leben transzentiert, ich pflege das Wahre, das Gute und das Schöne, was die Philosophen immer schon getan haben.

In Bezug auf das Herstellen (auch eines Kunstwerkes) zeigt sich diese aktive Passivität als Anspruch auf Genauigkeit. S. Dali etwa sagt, dass für ihn nur zählt, wie genau er seine Bilder malen kann. In der passiven Aktivität dagegen ginge es nur um Tauschwert-Nützlichkeit.

In Bezug auf Kunst – und das ist wohl das philosophietypische, dass sie sich mit der kunst.pngContemplativa befasst, statt mit der Arbeit (und dem Herstellen) im Sinne von H. Arendt – unterscheide ich das Handeln des Künstlers als Kunst von dessen Werk, in welchem seine Kunst aufgehoben ist. Als Hersteller kann ich kein Kunstwerk machen (Werkfalle), ich kann Kunst nur praktizieren. Wenn das Kunstwerk als eigentliches Artefakt vor das Publikum kommt, kann es Anlass für die Kunst eines Beobachters werden, indem dieser aus dem Gegenstand ein Kunstwerk macht.

Das Kunstwerk mag für den einzelnen Menschen transzendierenden Charakter haben, aber als hergestellter Gegenstand ist es ein Ding, das keine anderen Menschen braucht, es ist eine Verdinglichung, die Menschen wie alle Waren trennt und isoliert. Das Kunstwerk kann zwar Teil des Öffentlichen sein, politisch ist nur seine Herstellung, wo sie Teil einer politischen Handlung ist. Wenn ich einen Text schreibe und dabei im Sinne der Passivität sehr genau darauf achte, was ich sage, indem ich achte, was andere dazu sagen, bin ich im politischen Prozess. Wenn der Text dann vor sein Publikum kommt, ist er jedem Einfluss entzogen, er kann sich wie jedes vollendete Werk durch nichts mehr bestimmen lassen.

In unserer Hamsterrad-Waren-Gesellschaft sind „Kunstwerke“ durch ihren Warenwert bestimmt, was mit Kunst überhaupt ganz am Rande, aber sehr viel mit der chrematistischen Kunst der Spekulation zu tun hat.

Pixel


Ich beginne hier eine kleine Serie mit ein paar Beiträgen zur Digitalisierung und fange nicht ohne Grund mit dem Begriff Pixel an. Er steht für eine einfache Sache, die aber Resultat einer komplizierten Technik ist. Der Ausdruck Digitalisierung signalisiert normalerweise, dass man sich lieber nur mit den vermeintlichen Folgen dieser Technik als mit der Technik selbst auseinandersetzen will. Ich will hier die Technik beobachten, die hinter dem Schlagwort steht.

Die Technik ist objektiv sehr kompliziert, so kompliziert, dass sie von einem einzelnen Menschen nicht im Detail rekonstruiert werden kann. Es geht hier aber nicht darum, die Details zu verstehen, sondern darum eine Sprache zu gewinnen, mit welcher die Technik prinzipiell adäquat dargestellt werden kann. Ich beobachte deshalb Gegenstände, die mir im Alltag gegegen und nicht mit dreisten Angstvisionen wie künstliche Intelligenz oder denkenden Algorithmen. Ich beginne mit dem Pixel.

Als Pixel bezeichne ich Bildpunkte, also Elemente in einem Raster, das einem pixel1entsprechenden Bild zugrunde liegt. „Pixel“ ist ein Kunstwort aus den englischen Wörtern „Picture“ und „Element“. Bei grosser Auflösung erscheinen gepixelte Bilder körnig, weil ich einzelne Pixel erkennen kann. Der Pointillismus als Stilrichtung in der Malerei nimmt wichtige Konzepte der elektronischen Fotografie, die auf Pixeln beruht, vorweg.

pointillismus

So einfach wie Pixel zu verstehen sind, so kompliziert sind die Verhältnisse, in welchen sie ihre Rollen spielen. Bildraster gibt es schon bei vielen Printverfahren. Punktdichten wie dpi sind beim Scannen und bei der Qualität von Printern relevant. Ich kann und will hier nicht auf die Unterschiede eingehen. Mich interessiert hier nur die Bewandtnis mit elektronisch gespeicherten Bildern, exemplarisch was in sogenannt digitalen Kameras der Fall ist.

Wenn ich ein Bild am LCD-Bildschirm anschaue, schaue ich auf eine Menge von einzelnen Pixeln, von welchen jedes durch ein Datenelement in einem Prozessor bestimmt wird. Jedes Datenelement verweist auf eine Adresse am Bildschirm, beispielsweise 2. Spalte, 3. Reihe (Rastergrafik) und enthält einen Farbwert, beispielsweise „gelb“. So wird der ganze Bildschirm durch x-tausend Datenelemente bestimmt.

Die Bildanzeige verlangt natürlich, dass das Bild zuvor mittels einer Kamera mit einen elektronischen Bildsensor, pixel2der die Datenelemente produziert, aufgenommen wurde. Wenn ich meine Katze fotografiere und die Datei auf meinen Computer kopiere, kann ich die Katze auf dem Bildschirm sehen. Ich sehe dann keine Pixel sondern ein Bild. Und wenn ich den Bildschirm fotografiere, passiert dasselbe wie wenn ich meine Katze fotografiere. Ich fotografiere dann keine Pixel sondern einen Gegenstand in seiner Umwelt, der erst in und durch meine Kamera (wieder) in Pixel zerlegt und Datenelementen zugeordnet wird.

In der elektronischen Kamera ist – wie im Computer – kein Bild, sondern eine Menge von Daten, die in der aktuellen Technik durch materielle Artefakte repräsentiert sind und die ich nur mittels eines Anzeigegerätes überhaupt in einer für mich sinnvollen Art, nämlich als Bild, sehen kann.

Pixel sind für mich wie das Wasser für den Fisch. Sie sind immer da, ohne dass ich sie wahrnehme. Über Pixel nachzudenken, heisst, sich für die Technik hinter den Bildern zu interessieren. Und die Art, wie ich über Pixel nachdenke, zeigt mir mein Technikverständnis.

Ist die Republik „R“ ein Monster?


Adrienne Fichter schreibt über Zuckerbergs Monster einen kindischen Text. Sie ignoriert, dass Facebook ein ganz gewöhnliches kapitalistisches Unternehmen ist, das nur ein Ziel verfolgt: Gewinn. Sie tut so, wie wenn Facebook das Produkt eines anfänglich guten Menschen wäre, der die Kontrolle über sein Produkt monster_rverloren hat. Sie benutzt dabei metaphorisch das volksdümmliche Cliche von Frankenstein als Monster, ohne jede Reflexion des Textes von Marry Shelley. Sie schlägt den Sack, das Facebook, und meint den Esel, Herr Zuckerberg, dem sie vorschlägt, das Facebook zu schliessen, weil es einigen Menschen gar nicht gefällt.

Facebook ist kein Monster, sondern eine Internetapplikation. Monströs ist nicht, was in Facebook alles steht, sondern dass unsere neoliberale Politik zulässt, dass Kapitalisten derart viel Geld zusammenraffen können. Herr Zuckerberg ist in diesem Sinne ein erfolgreicher Charakter des Kapitalisten, der nichts dafür kann, dass wir im Kapitalismus leben, sondern lediglich davon profitiert.

Frau Fichter findet schlimm, dass Herr Trump die Wahl gewonnen hat. Das ist ihr gutes Recht. Sie schreibt überdies, dass er die Wahl dank einer geschickten Verwendung von Facebook gewonnen habe, was sie dem „Monster“ Facebook anlastet. Aber welcher Politiker hat je eine parteienpolitische Wahl gewonnen, ohne gnadenlos Werbung zu treiben? Facebook nimmt jede Werbung an, solange das Facebook nicht verboten wird.

Frau Fichter meint, im Facebook stünden viele Fakenews, die geteilt würden. Das Beispiel, dass sie gibt, zeigt, dass sie Fakenews und gute Witze nicht unterscheiden kann. Sie findet absurd, dass «Der Papst ruft auf zur Wahl von Donald Trump» häufiger angeklickt wurde. Sie hat einen eigenen Humor.

Facebook – und das ist die entscheidende Differenz zur Republik, für welche Frau Fichter schreibt – ist für die Texte, die dort zu lesen sind, nicht zuständig. Facebook schreibt nichts – und auch nichts monströses – über die Republik. Im Facebook schreiben irgendwelche Menschen, von welchen Frau Fichter meint, dass die meisten Katzenbilder lieben. Als kapitalistisches Unternehmen interessiert sich Facebook nicht dafür, was die Menschen schreiben, sondern dafür, welche Menschen dafür wie viel bezahlen, dass sie im Facebook Werbung machen können. Ja, es ist wahr, dass das Facebook-Unternehmen sein Produkt optimiert, aber welcher Kapitalist tut das nicht?

PS: Frau Fichter arbeitet in einem Unternehmen, das von unverschämt reichen Leuten finanziert wird.