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Ein paar kritische Anmerkungen zur Gutenberg-Geschichte


„Gutenberg“ ist der Name einer dramatischen Geschichte, in welcher ein simples technisches Verfahren als Grundlage einer Revolution, die ihresgleichen sucht, dargestellt wird. Johannes Gutenberg, der Namensgeber dieser Geschichte, wird oft als Erfinder des Buchdrucks bezeichnet, der so die Reformation, die Renaissance und die moderne Wissenschaft wenn nicht verursacht, mindestens ermöglicht habe.

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Ich erzähle die Geschichte etwas anders, also eine andere Geschichte. Ich erzähle nicht die Geschichte eines Erfinders, sondern eine technische Entwicklungsgeschichte, in welcher auch gedruckte Bücher eine Rolle spielen. Ich betrachte dabei verschiedene Stadien der Textherstellung als Lösungen von jeweiligen Problemen, die ich anhand der Lösungen rekonstruiere. Die Perspektive oder Theorie, die ich dabei zugrunde lege, entwickle ich in meinem Blog Schrift-Sprache. Hier geht es um eine Geschichte der Technik, nicht um die Geschichte von Helden, die die patriarchalische Geschichtsschreibung bevölkern. Hier geht es darum, die Erfindungen von Gutenberg als Momente einer evolutionären Entwicklung der werkzeugherstellenden Tätigkeit des toolmaking animals zu begreifen.

Die Gutenberg-Geschichten bezeichnen Gutenberg oft halbwegs bewusst verkürzt als Erfinder des Buchdruckes, und wenn sie etwas genauer bezeichnen wollen, als Erfinder des Buchdruckes-mit-beweglichen-Lettern und der Druckerpresse. Unabhängig davon, was der Held dieser Vorstellung wirklich erfunden hat, kennzeichnet Buchdruck allenfalls (s)ein Gewerbe, worin er in seiner Manufaktur gedruckte Bibeln verkauft hat. Der Ausdruck Buchdruck zeigt gut, dass nicht eine Technik sondern eine sozialhistorisch srevolutionäre Epoche gemeint ist. Das Drucken, gleichgültig mit welcher Art von Lettern und Pressen, produziert Texte oder Abbildungen, aber sicher keine Bücher. Für das Buch ist gleichgültig, ob die Seiten gedruckt sind, und für die gedruckten Seiten ist gleichgültig, ob sie zu einem Buch gebunden werden.
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In der Wikipedia steht „Buchdruck ist ein mechanischer Prozess, bei dem Schriften und Bilder in großer Anzahl auf ebenen Flächen, meist aus Papier, reproduziert werden“. Weshalb dabei von Buchdruck die Rede ist, bleibt offen, vielmehr wird nicht nur gesagt, dass es nicht um Bücher geht, sondern dass auch nicht das Drucken mit einer Presse gemeint ist. Die ersten mechanisch vervielfältigten Texte wurden per Abreibtechnik reproduziert.

Natürlich kann man für alles beliebige Bezeichnungen wählen. Erdbeeren sind ja auch keine Beeren. Das Wort Buchdruck mag in diesem Sinne dafür stehen, dass Bücher seit der bezeichneten Epoche hauptsächlich aus bedruckten Seiten gebunden werden. Und auch natürlich setzt auch diese Redeweise voraus, dass mit „Buch“ ein Buch aus gebundenen Seiten und nicht grössere Textteile wie das „Buch Moses“ oder „Der Produktionsprozess des Kapitals“ bemeint ist, also das, was ein Buchbinder herstellt. Bücher gab es schon lange bevor Gutenberg auf die Welt kam, und es gab wohl vereinzelt auch Bücher, deren Seiten durch Abreiben von Holzschnitten „bedruckt“ waren.

Mittlerweile gibt es beachtlich viele Hinweise darauf, dass in Asien schon lange vor der Buchdruckepoche in Europa verschiedene Verfahren zur Herstellung von Textkopien verwendet wurden, insbesondere auch bewegliche Lettern. Allerding ist wenig darüber bekannt, wann welches Wissen darüber wie nach Europa kam. Man kann also gut annehmen, dass Gutenberg diese Technik nochmals erfunden hat – was hier einfach keine Rolle spielt, weil es um die Technik, nicht um Erfindungen oder Sozialgeschichte geht. Hier spielt auch keine Rolle, warum die asiatischen Völker von ihren Erfindungen kaum Gebrauch machten. Und warum sich in Europa im 15. Jahrhundert ein Bedürfnis nach Vervielfältigungen von Texten entstand.

Aber wenn schon die Rede vom Erfinder ist: Gutenberg scheint keineswegs den massenhaften „Buchdruck“ im Sinn gehabt zu haben, obwohl er mit den Büchern Geld verdienen wollte. Er wollte nicht vor allem effizienten kopieren, sondern war vielmehr daran interesiert, dass die Dokumente, die er mit seinen Verfahren herstellte, typographisch wohlgestaltet – wie Kunstwerke – waren.Er betrieb sehr viel Aufwand, die besten Handschriften und Malereien zu kopieren. Wäre ihm an einer massenhaften Verbreitung der Bibel gelegen, hätte er ganz sicher ganz anders gearbeitet: Einfache Schriften, kein aufwendiger Blocksatz und keine Ornamente, die er in Handarbeit herstellen liess. Man würde dann wohl auch nicht von Drucker-Kunst sprechen. Zu seiner Zeit gab es noch keinen Massenmarkt, weil fast niemand lesen konnte und kaum jemand Geld für Bücher hatte.

Medienhistorisch wird Gutenberg heute denn auch weniger als technischer Erfinder gewürdigt denn als technisch inspirierter Kaufmann, der ein Produktionsverfahren mit erheblichen Geldmitteln erschloss. Seine 42-zeilige Bibel wie auch die Lutherbibel, die dieser Technik wohl zum Durchbruch verholfen hat, hätte auch ohne seine Erfindung der beweglichen Lettern „druckmässig“ vervielfältiget werden können, denn der Text änderte sich ja nicht so schnell, sodass feste, „gravierte“ (embossierte) Platten ebenso gut bzw. besser als die Gebinde einzelner, eigentlich loser Lettern in der mittleren Auflage durchgehalten hätten. Es ist ja auch immer noch strittig, ob die Gutenberg-Bibel tatsächlich mit losen Lettern gedurckt worden ist (Bruno Fabbian).

Wenn man die technische Entwicklung beobachtet, in welcher die Verfahren, die Gutenberg zugeschrieben werden, beobachtet man sinnigerweise nicht die Herstellung von Büchern oder Bibeln, sondern die Herstellung von Text. Dazu will ich ein paar begriffliche Anmerkungen machen. Als Text bezeichne ich ein materielles Artefakt. Dabei interessiert mich nicht, was mit dem Text gesagt wird, sondern dass er durch Formen von Material hergestellt wird. Die gegenständliche Bedeutung von Text besteht darin, das Licht, das in das Auge des Lesers fällt zu strukturieren. Die Herstellung von Text ist eine handwerkliche Tätigkeit, die mechanisiert und automatisiert werden kann. Ich kann mit dem Finger im Sand schreiben oder mit einer Feder Tinte auf ein Papier auftragen. In jedem Fall forme ich ein Material nach grammatikalisch festgelegten Regeln. Und wenn ich will und kann, kann ich die Zeichenkörper sehr schön gestalten und mich dabei auch daran orientieren, das der Text gut lesbar ist.

Auch das Herstellen von Text unterliegt einer Technik, also einer Kunst des Effizient-Seins. Als Technik im engeren Sinne bezeichne ich die in materiellen Artefakten konservierten Verfahren, die mich effizient machen. Jedes Werkzeug repräsentiert ein solches Verfahren. Mit einem Meisel kann ich in einen Stein schreiben, mit einer Feder und Tinte kann ich auf ein Papier schreiben. Mit dem Stempel kann ich prägen oder Farbe auftragen. In beiden Fällen forme ich Material. Auch ein Schriftzeichen aus Tinte ist ein dreidimensionaler Körper auf einem Textträger, der oft als Beschreibstoff bezeichnet wird.

Fortsetzung: noch mehr zu Gutenberg (2. Teil)

Erd-beere, Wal-fisch, Wal-nuss und Giral-geld …


oder wie adjektivische Voranstellungen in einem zusammengesetzten Wort zu interpretieren sind

Auf irgendeine unverstandene Art versteht jeder – der Deutsch spricht -, was mit dem Ausdruck „Erdbeeren“ gemeint ist. Dem Marktfahrer kann ich sagen, dass ich gerne Erdbeeren hätte, und ich kriege Erdbeeren. Das Referenzobjekt des Ausdruckes, also was ich mit dem Wort meine, ist gemeinhin bekannt. Es ist eben das süsse, rote Ding, das Erdbeere heisst.

Man kann den Ausdruck „Erdbeere“ als beliebige, arbiträe Bezeichnung sehen, die wie der Rufname eines Kindes keinen andern Grund hat, als dass er einmal gewählt wurde. In der linguistischen Sprachwissenschaft hat sich diese Vorstellung von F. de Saussure – jenseits von Doppelwörtern – eingebürgert. G. Frege dagegen meinte, dass Doppelwörter ihre Bedeutung von den Bedeutungen der Teilwörtern übernehmen. Warum aber Beeren Beeren und Erde Erde heissen, hat auch er offen gelassen. B. Whorf hat dann aber anhand von vielen problematischen Fällen gezeigt, dass Ausdrücke und insbesondere Doppelwörter sehr oft quasietymologisch gedeutet werden, dass sie also nicht als zufällige Symbole, sondern als Aussagen über die Welt verstanden werden. Wenn ich „Erdbeere“ nicht als zufälligen Eigenname verstehe, könnte ich in diesem Sinne deutend meinen, dass damit eine bestimmte Sorte von Beeren bezeichnet wird, wozu ich natürlich wissen muss, was ich, egal wie arbiträr der Ausdruck ist, als Beeren bezeichne.

Wenn ich mit Erdbeere eine Sorte bezeichne, bezeichne ich damit gleichzeitig, dass es auch andere Sorten gibt. Ich kenne auch Himbeeren und Stachelbeeren. Beere wäre damit eine Bezeichnung für das, was allen Beeren zukommt, also ein abstrakter oder allgemeiner Begriff, den ich definieren kann, indem ich das bezeichne, was allen Beeren gemeinsam ist. In einem naiven, quasi naturwissenschaftlichen Sinn, beschreibe ich damit, was Beeren wirklich sind. In einem weniger naiven Sinn beschreibe ich, wie der Ausdruck von wem verwendet wird, weil ich weiss, dass Biologen andere Klassifikationsinteressen haben als der Marktfahrer.

In der Perspektive der Biologen wachsen eigentliche Beeren nicht nahe der Erde, sondern an Sträuchern und haben wässeriges Fruchtfleisch und Kernen. Erd-Beeren sind in diesem Sinn also gar keine Beeren. Biologisch gesehen sind Erdbeeren Sammel-Fruchstände der Pflanzengattung Rosaceen. Die eigentlichen Früchte dieser Pflanzen sind die Nüsschen, die auf dem roten, süssen Fruchtboden sitzen. Die Erdbeeren gehören zu den Nüssen. Die adjektivische Vorsilbe sagt also, dass es sich gerade nicht um Beeren handelt, während die Hauptsilbe sagt, dass wir sie wie Beeren essen.

Ich erkenne darin ein generelles Phänomen der deutschen Sprache. Vorsilben reflektieren sehr oft die Position oder die Perspektive des Sprechers. Ich sage beispielsweise her-aus oder hin-aus, je nachdem, von wo aus ich spreche. Vorangestellte Eigenschaften dienen der begrifflichen Spezifizierung sehr verschieden. Erd-Beere heisst sowohl „Beere nahe der Erde“, wie auch „Nicht-Beere“.

Jenseits der Definitionen geht es hier darum, dass unsere sprachlichen Vereinbarungen oft reflektieren, was wir über die Referenten wissen. Mit der Vorsilbe „Erd-“ verweisen wir darauf, dass Beeren – hier im Sinne einer Verallgemeinerung der biologischen Definition, die auch im Alltagsbewusstsein leicht zu finden ist – gerade nicht bei der Erde, sondern an Sträuchern wachsen. Wir wissen ja im gleichen Sinne, dass „Baum“-nüsse keine Nüsse und „Wal“-Fische keine Fische sind. Dass Walfische keine Fische sind, ist sehr verbreitetes Wissen, man sagt mir sogar, dass das Wort Walfisch falsch sei, während es in den Konversationslexika als „volksd(!)ümlich“ bezeichnet wird. Bei der Walnuss oder bei der Erdbeere dagegen brauche ich oft eine längere Erläuterung bis jemand die die Willkür im gewählten Ausdruck akzeptiert. Gemeinhin einigen wir uns darauf, dass es eben verschiedene Bezeichnungskonventionen sind, dass die bezeichnete Sache aber nicht strittig seien: Erdbeeren sind dann keine Beeren, sie heissen nur so. Wenn man das weiss, gibt es keinen Grund den Ausdruck zu verwerfen oder ihn zu ersetzen. Ich esse also weiterhin Erdbeeren und Baumnüsse.

Problematisch ist nur, wenn nicht erkannt wird, dass die Ausdrücke willkürlich (arbritär) gewählt sind, wenn man also meint, Erdbeeren seien wirklich Beeren, weil sie so bezeichnet werden. Dabei gibt es zwei ganz verschiedene Problemlagen. Im einen Fall erkennt jemand einfach nicht, inwiefern die Bezeichnung nicht adäquat ist. Er kriegt dann auf dem Markt trotzdem, was er will. Er hat sozusagen ein Problem, von dem er nichts merkt. Dass es nicht immer so gut geht, hat B. Whorf ausführlich dokumentiert. Beim Analysieren von Brandversicherungsfällen ist er oft darauf gestossen, dass unvorsichtiges Verhalten, das Brandschäden verursachte, daraus resultierte, dass Bezeichnungen quasi zu wörtlich genommen wurden, so etwa wenn neben ”leeren” Benzinfässern geraucht wurde, weil ”leer” nicht mit ”voll explosiver Gase” verbunden wurde, oder der unter Umständen sehr gut brennende Kalk”stein”, weil er Stein heisst, nicht vor Hitze geschützt wurde, usw.

Im andern Fall geht es nicht darum, dass jemand die Ausdrücke zu wörtlich (miss)interpretiert, sondern dass die wörtliche Interpretation zeigt, wie, also mit welchem Verständnis die Ausdrücke gewählt wurden. Warum von Erdbeeren, Walfischen und Baumnüssen gesprochen wird, ist leicht zu erkennen, die Bezeichnungen entsprechen Kategorien der alltäglichen Anschauung. Erdberren werden wie Beeren konsumiert, Walfische schwimmen wie Fische und Baumnüsse haben eine Schale, die man knacken muss. Bei Doppelwörtern, die nicht so anschaulische Gegenstände beschreiben, ist die Wortbildung oft nicht so einfach nachvollziehbar und damit verbunden werden sie auch eher wörtlich interpretiert. Ausdrücke wie Gesellschaftsvertrag oder Giralgeld sind Kompositionen aus Teilwörtern, die auch einzeln nicht leicht zu definieren sind. Gleichwohl kann bei der Interpretation solcher Doppelwörter auch davon ausgegangen werden, dass der vordere Wortteil als eine Art Bestimmunswort fungiert.

Der Ausdruck „Giralgeld“ liesse sich leicht so verstehen, dass die Vorsilbe „giral“ anzeigt, dass es sich um eine bestimmte Art von Geld handle, so wie der Walfisch als eine bestimmte Art der Fische gesehen werden könnte, was viele Menschen bei Erdbeeren ja tun. Der Ausdruck giral bezeichnet jenseits von Geld als Giro eine Art Kreislauf. Banken bezeichnen Kontokorrente als Girokonten, weil sie verschiedene Kontokorrente in einem Kreis schliessen. Von Girogeld oder Giralgeld würde in diesem Sinne jemand sprechen, der meint, auf einem Bankkonto liege Geld, so wie jemand von Erdbeeren spricht, weil weil er meint, es handle sich um Beeren.

Wenn die Komposition eines Doppelwortes, wie G. Frege meinte, derselben Interpretation unterliegt, mit welcher das Wort dann gedeutet wird, hat jemand von Erdbeeren gesprochen, weil er Beeren wahrgenommen hat, und wer das Wort später hört, meint in derselben Logik, dass die bezeichnete Sache zu den Beeren gehören. In diesem Sinne zeigt die Komposition Giralgeld, dass jemand meinte, auf dem Girokonto liege Geld. Und wer beim Dopppelwort Giralgeld in derselben Logik denkt, meint Giralgeld sei Geld.

Man kann Giralgeld auch so verstehen, dass der Bestimungswortteil giral anzeigen soll, dass es gerade nicht um Geld geht. Auf dem Konto der Bank werden Schulden und Guthaben verbucht, ohne dass irgendwelches Geld fliesst, geschweige denn auf der Bank liegt. Giral heisst dann in Bezug auf Geld un-bar oder expliziter un-sicht-bar, weil der Kontoinhaber den Kontostand ausschliesslich durch Umbuchungen verändern kann. Die Kontostände von allen Bankkonten werden wie jene in der Finanzbuchhaltung in Währungseinheiten wie Franken oder Euro angegeben. In dieser Perspektive gehören Währungseinheiten zu einer Grösse, die mit dem Ausdruck Geld bezeichnet wird, so wie Meter und Meilen Einheiten der Grösse Länge bezeichnen. Giralgeld gibt es in dieser Perspektive so wenig wie es in der Terminologie eines Biologen Erdbeeren und Walfische gibt.

Sprachsoziologisch gesehen – und darum geht es hier, wobei zu beachten ist, dass Sprachsoziologie ein Doppelwort ist – geht es nicht darum, was Beeren oder Geld wirklich sind, sondern es geht darum, zu verstehen, wie die Wörter verwendet werden. Wer von Erdbeeren spricht und damit Beeren bezeichnet, bezeichnet mit Beere eben etwas ganz anderes, als der systematische Biologe es tut. Und wer mit Giralgeld Geld bezeichnet, wird wohl eine dazu passende Vorstellung von Geld und Banken haben. Sprachsoziologisch interessant ist, wie sich diese Vorstellungen begrifflich fassen lassen. Hier geht es nicht um Erdbeeren und Giralgeld, sondern um eine sprachsoziologische Methode, in welcher das Sprechen als selbstreferentielle Reflexion beobachtet wird. Wer von Giralgeld spricht, bezeichnet – wie bewusst auch immer – eine sehr spezifische Sichtweise.

„Geld“ als Homonym


Als Homonym bezeichne ich einen Ausdruck, den ich für verschiedene Gegenstände (Referenzobjekte) verwende. Den Ausdruck Bank etwa verwende ich für eine Sitzgelegenheit (bench, banc) und für ein Geldinstitut (bank, banque).Ich unterscheide also zwei Gegenstände, für die ich (in meiner Sprache) das gleiche Wort verwende. Von einem Homonym spreche ich nur, wenn die bezeichneten Gegenstände in meinem Verständnis nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich einen Zusammenhang zwischen ihnen herstelle, spreche ich von einer Metapher.

Homonyme verursachen zwei Arten von Missverständnissen. Ganz einfach aufzulösende, wenn die gemeinte Sache verwechselt wird, und kaum aufzulösende, wenn Homonyme nicht als solche erkannt werden. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir das Homonym Bank je als Kommunikationsproblem begegnet ist. Ich glaube, alle, die mit mir sprechen, erkennen das Homonym und erkenne sehr rasch, von welcher Art Bank die Rede ist.

Ganz anders ist es bei Geld. Ganz viele, die mit mir sprechen, verwenden das Wort Geld nicht homonym, sondern nur für eine Sache, nämlich für das, was sie gerne hätten, weil sie wissen, was sie damit kaufen könnten und für das, was sie der Bank oder die Bank ihnen schuldet. So erzeugen sie paradoxe Formulierungen, die Inbegriff von kommunikativen Missverständnissen sind.

Ich verwende den Ausdruck Geld für zwei ganz verschiedene Sachen. Zum einen bezeichne ich damit die Gegenstände, die ich Porte-Monnaie habe, also Banknoten und Münzen, und zum andern bezeichne ich mit Geld eine Grösse, in welcher ich den Wert einer Sache in Währungseinheiten ausdrücke. Wenn ich mit Geld Banknoten meine, kann ich sagen, dass ich viel oder wenig Geld habe und damit die Anzahl Banknoten meinen, die ich habe. Wenn ich meine Banknoten – beispielsweise einem Bekannten, einem Kunden oder einer Bank – ausgeliehen habe, habe ich diese Banknoten nicht. Dann kann ich nur paradoxerweise sagen, dass ich dieses Geld habe.

Wenn ich mit Geld dagegen eine Grösse – wie etwa Länge oder Gewicht – bezeichne, kann ich nicht viel oder wenig davon haben, und eine Grösse kann ich auch nicht sparen, aufbewahren oder ausgeben. Ich kann beispielsweise Silber haben. Dann kann ich das Gewicht messen. Natürlich kann ich Silber aufbewahren oder weggeben, aber das Gewicht kann ich nicht weggeben. Das Silber hat einen bestimmten Wert, den ich auf dem Markt erfahren kann. Wenn ich sage, dass mein Silber 1 Kilogramm schwer ist, verwende ich Gewicht als Grösse. Wenn ich sage, dass mein Silber 1000.- Franken wert ist, verwende ich Geld als Grösse und Franken als Einheit. Ich kann den Wert aber ebensowenig wie das Gewicht aufbewahren oder weggeben, ich kann bestenfalls sagen, dass der Wert wie das Gewicht beim Silber bleibt, wenn ich das Silber weggebe.

Die begriffliche Konfusion entsteht durch die paradoxe Redeweise, dass ich oder sonst jemand Geld auf einer Bank habe. Kaum jemand (der nicht zu Mafiakonsorten gehört) meint damit, dass er Banknoten in einem Banktresor habe. Normalerweise ist ein Darlehensverhältnis gemeint, das – aus dubiosen Gründen – nicht so bezeichnet wird. Zum Darlehen gehört, von Zinsen und dergleichen abgesehen, dass wenn nicht dieselbe Sache derselbe Wert zurückgegeben wird. Der Wert aber wird in Geldform gemessen ganz unabhängig davon, worin das Darlehen besteht. Die Bank schuldet mir das Darlehen, nicht Geld. Wenn sie Silber hat und mir Silber genehm ist, kann sie mir Silber oder jede andere Ware mit demselben Wert zurückzahlen. Banknoten sind in Bezug auf die Rückzahlung der Schuld nur eine mögliche Form.

Wenn eine Bank mein Schuldner ist, weil ich einen Betrag im Sparbuch habe, habe ich kein Geld und kein Geld auf der Bank.

Zeigen, sagen, beobachten


Im Rinnstein der champs elysees liegt ein noch grüner Apfel.

Ich stehe auf dem Trottoir, das sie Boulevard nennen, und zeige auf den Apfel. Ich sehe ihn, ich zeige mit meinem Zeigefinger auf ihn, und ich zeichne ihn, damit ich ihn auch im Moment nicht Anwesenden zeigen kann. Andere sehen beispielsweise tote Fische im Rhein, auf die sie auch zeigen und die sie auch zeichnen könnten.

Ich sage, dass im Rinnstein der champs elysees ein grüner, noch nicht reifer Apfel liegt. Wer meine Sprache spricht, unreife Äpfel kennt und schon mal an der champs elysees war, kann sich ein Bild zu dem machen, was ich sage. Er kann verstehen, was ich sage. Natürlich weiss er, dass man den unreifen Apfel, den er sieht, weder zeichen nochzeigen kann. Ich kann jeden unreifen Apfel zeichnen, aber nicht den unreifen Apfel.

Ich beobachte also einen noch grünen Apfel im Rinnstein der champs elysees und ich sage es. Ich beobachte dabei, dass ich beobachte und was ich beobachte. Warum sonst sollte ich es sagen? Ich beobachte, dass ich einen Apfel, also keine Birne, aber einen Vertreter der Gattung Kernobst beobachte. Es könnte ja auch etwas anderes im Rinnstein liegen, eine Birne oder reifer, eventuell bereits etwas angefaulter Apfel oder eint toter Fisch. Oder etwas, wofür mit gar kein Wort einfallen würde, obwohl ich es zeigen und zeichnen könnte. Ich beobachte, dass der Apfel nicht irgendwo, sondern im Rinnstein liegt. Aber nicht in irgendeinem Rinnstein, auch wenn die Stelle, wo der Apfel liegt, nur durch diesen und sonst in keiner Weise markiert ist. Ich beobachte mithin, wie beliebig oder – wie andere sagen würden, wie kontingent – meine Beobachtung ist und was ich dabei für Unterscheidungen verwende, die ich allen nicht verwenden müsste, wenn mich der Apfel im Rinnstein der champs elysees nicht interessieren würde.

Ohne all diese Unterscheidungen könnte ich den noch grünen Apfel im Rinnstein der champs elysees sehen, wenn er und ich gleichzeitig dort wären. Auf ihn zu zeigen oder ihn zu zeichnen, würde ich aber nur, wenn ich ihn von seiner Umwelt unterscheiden würde. Die meisten Menschen, die dann auch gerade auf dem Boulevard vorüberschlendern täten, würden den Apfel wohl nicht sehen, und so auch nicht dessen Umwelt, also all das, was nicht Apfel ist. Wenn sie dann – ich meine etwas später – meine Zeichnung im Louvre neben andern Kunstwerken wie der Monalisa sehen würden, würden sie wohl – aber nicht sicher – den noch grünen Apfel im Rinnstein der champs elysees sehen, wozu sie ihn nicht wieder erkennen müssten. Sie könnten aber sagen, dass sie EINEN noch grünen Apfel im Rinnstein der champs elysees sehen, oder nachdem das Bild so berühmt wie Monalisa geworden wär, dass sie DEN noch grünen Apfel im Rinnstein der champs elysees sehen. Und wenn sie dabei – statt kunstbeflissen das Bild – beobachten würden, dass und was sie beobachten, würden sie der Beliebigkeit ihrer Unterscheidungen gewahr, obwohl die Beliebigkeit ihrer Unterscheidungen durch die gezeigte Zeichnung aufgehoben wäre.

Fiktion, fiktiv


Als Fiktion bezeichne ich eine durch ein spezifisches Verfahren hergestellte Erscheinung. Ein Zauberer etwa bringt mich dazu, dieses Verfahren anzuwenden, damit ich sehen kann, wie ein Kaninchen im Hut verschwindet. In diesem Sinne ist die Fiktion eine Tat-Sache: ich muss etwas ganz bestimmtes tun (Tat), damit ich eine bestimmte Sache wahrnehmen kann. Umgekehrt ist jede Tat-Sache eine Fiktion, weil ich immer etwas ganz bestimmtes Tun muss, um Tatsachen zu erkennen. Quasietymologisch kommt Fiktion wie Faktum von facere (machen).

I. Newton sagte: „Hypotheses non fingo“
(Ich erfinde keine Hypothesen oder Ich bastle keine unsinnige Begründungen oder ich beobachte den Wertebereich meiner Hypothesen: Wenn ich etwas über die Temperaturabhängigkeit der Ausdehnung einer Quecksilbersäule sage, sage ich nichts (keine Hypothese) darüber aus, weshalb die Quecksilbersäule eine oder eine bestimmte Temperatur hat).
G. Bateson sagte: „Jede Aussage, die zwei deskriptive Aussagen miteinander verknüpft, ist eine Hypothese“ ( beides: H. von Foerster: Wissen und Gewissen:135). Die Fiktion ist dabei jenseits der beschriebenen Sache.

Im englischen Sprachraum wird bei Büchern Fiction (zb Romane) von Nonfiction (Sachbücher) unterschieden. Wenn ich einen Roman lese, frage ich mich nicht, ob das Gelesene wahr ist, bei einem Sachbuch dagegen schon. Die Fiktion zielt darauf, dass ich die Frage nach der Wahrheit nicht stelle.

Im deutschen Sprachraum wird der Fiktion oft eine Realität gegenübergestellt, was die Fiktion verdopppelt, so dass die reale Fiktion und die fiktive Realität getrennt beobachtet und verschieden bewertet werden können. Die reale Fiktion verliert dabei – wie als Roman – ihre Problematik, Fiktion zu sein. Die fiktive Realität aber wird zum Politikum von Erkenntnistheorien (und entsprechenden Soziologien). Ich werden darauf zurückkommen.

Vergl. Fiction: der Pilot im Simulator

Fiction: der Pilot im Simulator


Die Wörter Fiction und Non-Fiction könnte man in gewissen Hinsichten mit Erfindung und Entdeckung übersetzen, denn Fiction steht im Englischen (auch) für (phantastische) Literatur und Non-Fiction steht für Sachbücher. Und Science-Fiction ist auch bei uns Inbegriff für wissenschaftlich verbrämte und mithin (noch nicht) wahre Geschichten. Wenn ich Fiction lese oder höre, frage ich mich nie, ob das, was mir erzählt wird, stimmt. Wenn ich dagegen Non-Fiction lese oder höre, frage ich mich immer, ob das stimmt. In einem Roman glaube ich alles, einem Sachbuch glaube ich fast nichts. Warum wohl? Wenn Sie auch etwas von dieser meiner Haltung haben, bitte ich Sie das folgende sofort als Science-Fiction, mit Betonung auf Fiction aufzufassen – ich werde Ihnen später ohnehin gute Gründe dafür liefern.

Ich lade Sie also ein zu einer Fiction: Stellen Sie sich bitte einen Flugsimunlator vor. Stellen Sie sich bitte aber einen absoluten Flugsimulator vor, bei welchem Sie als Pilot nicht erkennen können, ob Sie im Flugzeug oder im Simulator sitzen. [1]. Beim Non-Fiction-Simulator, den Sie von Ihrer konventionellen Ausbildung kennen, geht es natürlich gerade darum, dass Sie wissen, dass Sie im Simulator sitzen. Dort dient der Simulator für Übungen, die Sie im Flugzeug besser nicht machen; entweder weil Sie am Anfang der Ausbildung eine bestimmte Maschine noch nicht gut genug fliegen können, oder weil Sie Situationen üben, die Sie auch als geübter Pilot nicht gerne im Non-Fiction-Bereich erleben würden [2].

Ich will einen zentralen Aspekte unseres Flugsimulators hervorheben, auf welchen ich später zurückkommen will. Vorderhand haben Flugzeuge noch Fenster, der Pilot kann also sehen, was ausserhalb des Flugzeuges passiert. Der Simulator, den wir uns vorstellen, muss also auch Fenster haben, durch welche man sehen kann, was draussen passiert, weil er ja so sein soll, dass man – von innen – keine Unterschiede zu einem Flugzeug feststellen kann.

Nun kommt der nächste Schritt: Schliessen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, dass Sie kurz betäubt wurden. Jetzt wachen Sie auf und sitzen in unserem Simulator – oder eben im Flugzeug, was für Sie logischerweise dasselbe ist. Nur von aussen kann man sehen, ob es sich um das eine oder um das andere handelt. Natürlich sitzt Ihr Co-Pilot neben Ihnen, er weiss aber bezüglich des Simulators auch nicht mehr als Sie. Sie kriegen über Funk die Anweisung eine bestimmte Destination anzufliegen. Den Flughafen, auf welchem Sie sich zur Zeit befinden, erkennen Sie leicht, weil Sie durch das Fenster nach aussen schauen können.

Sie „fliegen“ los, das heisst, Sie tun alles, was ein Pilot in der gegebenen Situation tut. Sie kontrollieren alle Bedingungen, starten die Maschine, kommunizieren mit dem Turm und Ihrem Co-Piloten, usw. Sie verhalten sich so, wie Sie sich logischerweise verhalten. Ihnen ist – jetzt noch – völlig gleichgültig, ob Sie im Flugzeug oder im Simulator sitzen.

Sie wollen 20000 Fuss hoch fliegen. Sie sehen auf dem Höhenmesser, dass Sie 20000 Fuss erreicht haben und stellen das Flugzeug flach. Ich bitte Sie, mir meine Laienterminologie nachzusehen. Ich kann leider (noch) nicht fliegen. Natürlich wissen wir, dass bei einem gut funktionierenden Flugzeug die wirkliche Flughöhe und die Anzeige auf dem Höhenmesser zusammenpassen, weil sie kausal verknüpft sind. Aber im Simulator ist das natürlich nicht der Fall. Und falls Sie jetzt im Flugzeug statt im Simulator sitzen, wissen Sie natürlich nicht, ob das Flugzeug jetzt gerade gut funktioniert. Also schauen Sie sicherheitshalber aus dem Fenster und sehen weit unter sich das Matterhorn vorbeiziehen. Aber: in unserem Simulator werden ja auch die Fenster simuliert.

Das operational geschlossene System

Jetzt lade ich Sie zu einer Reflexion der Situation ein. Mit Reflexion meine ich eine gedankliche Spiegelung dessen, was Sie tun. Natürlich gibt es sehr verschiedene Möglichkeiten, wie man das eigene Tun auffassen kann. Ich will Ihnen eine Möglichkeit vorstellen, die im Zentrum des Radikalen Konstruktivismus steht: das operationell geschlossene System.

Dazu will ich zuerst ein paar fiktive Worte zur Systemtheorie überhaupt sagen; es gibt beliebig viele Systemtheorien, deshalb bestimme ich etwas genauer, wovon hier die Rede ist. Rosenblueth und Wiener haben das Konzept „Feedback“ zur Beschreibung des Verhaltens von Organismen und Maschinen erfunden und schliesslich Kybernetik genannt. Die ersten Beispiele für Automaten waren – etwas, was Piloten heiss lieben – Flugzeugabwehrkanonen. Ein (nur leicht, aber dafür im doppelten Wortsinn) humaneres Beispiel ist ein Organismus, etwa eine Kröte, die mit den Augen einer fliegenden Fliege folgt. In beiden Fällen geht es darum, mit einem relativ trägen Instrument einem Objekt mit einem relativ komplizierten Bewegungsverlauf zu folgen.

Der Aspekt, der mir hier wichtig ist, ist die Verschmelzung des systemischen Verständnisses von Organismus und Maschine. Durch die Systemtheorie verstehe ich alles als Funtkionsweise von Feedback-Mechanismen. Richtig verstanden habe ich ein Phänomen, wenn ich eine Maschine konstruieren kann, mit welcher ich das Phänomen erzeugen kann. Ich verstehe also im Prinzip wie die Kröte der Fliege folgt, wenn ich ein Flugzeugabwehrkanone konstruieren kann. Ein anschaulicheres Beispiel für ein System – als die „Augenkanone“, die erklärt, wie man konstant richtig zielt – ist die thermostatengeregelte Heizung, mit welcher ich erklären kann, warum es in meiner Wohnung (mehr oder weniger) immer gleich warm ist. Mit einem vergleichbaren Mechanismus erkläre ich auch, wie meine Körpertemperatur relativ konstant bleibt. Systemtheoretisch heisst in diesem Sinn, dass ich Phänomene mit Feedback erkläre. Und Feedback nenne ich das Signal, das von einem Sensor zu einem Aktor fliesst. Bei der Heizung etwa das Signal, das vom Thermometer über den Thermostaten zum Oelbrenner fliesst und dort die Oelmenge reguliert.

Nun kann man Systeme funktional oder konstruktiv beschreiben. Wenn ich die thermostatengeregelte Heizung funktional beschreibe, beschreibe ich ein offenes System, das auf die Raumtemperatur reagiert, weil das eben die Funktion der Heizung ist. Die Raumtemperatur gehört natürlich nicht zur Heizung, sondern ist die „Umwelt“ der Heizung. Offene Systeme reagieren auf ihre Umwelt. Wenn ich die Heizung konstruktiv beschreibe, dann beschreibe ich wie der Oelbrenner auf den Zustand des Thermostaten reagiert. Der Thermostat ist ein Bastandteil der geregelten Heizung, er gehört zur Heizung, nicht zuderen Umwelt. In diesem Sinne sage ich, dass die Heizung auf ihren eigenen Zustand reagiert, weil sie auf den Zustand des Sensors reagiert. Das nenne ich ein operational geschlossenes System. Bitte beachten Sie, dass sich „offen“ und „geschlossen“ auf meine systematischen Auffassung von der Heizung, nicht auf die Heizung bezieht. Der Heizung ist egal, ob ich sie als offen oder als geschlossen beschreibe, sie funktioniert unabhängig von meiner systematischen Beschreibung – wenn sie funktioniert.

Die Blackbox

Falls Sie die Fiktion immer noch mitmachen, sitzen Sie immer noch – reflektierend – in unserem absoluten Simulator. Sie haben das Flugzeug gerade auf der gewünschten Flughöhe flach gestellt. Jetzt fragen Sie sich, worauf Sie reagiert haben: entweder darauf, dass das Flugzeug die gewünschte Flughöhe erreicht hat, oder darauf, dass der Höhenmesser eine bestimmte Zahl anzeigt hat.

Natürlich ist es wie bei der Heizung: dem Flugzeug ist es egal, ob Sie auf die Flughöhe oder auf die Instrumente reagieren – und dem Simulator natürlich auch. Wenn Sie bewusst in Ihrem konventionellen Non-Fiction-Simulator sitzen, fingieren Sie, Sie würden so hoch fliegen, wie das Instrument anzeigt – das ist ja gerade der Witz des Simulators. Dort reagieren Sie logischerweise auf das Instrument, weil Sie wissen, dass Sie gar nicht in der Luft sind.

Dieses Wissen wird durch unseren Simulator problematisiert. Sie wissen gerade nicht, ob Sie in der Luft sind. Sie sehen einfach, dass und wie das „Flugzeug“ auf Ihre Manipulationen reagiert. Sie sehen aber natürlich nicht das Flugzeug, sondern nur das Cockpit (und das, was sich vermeintlich vor den Fenstern abspielt). Sie sehen also beispielsweise, dass Sie das Höhenruder einziehen und dass der Höhenmesser eine konstante Höhe anzeigt. Im Flugzeug könnte man dieses Phänomen damit erklären, dass das Flugzeug aufgrund der Flügelstellung in einer gleichmässigen Höhe fliegt. Im Simulator bräuchte man natürlich eine andere Erklärung, etwa dass ein aufwendiger Computer die entsprechenden Signale verarbeitet.

In der Systemtheorie gibt es den Ausdruck „Blackbox“, er steht aber für etwas anderes als in der Flugzeugtechnik, eigentlich für das Gegenteil. Blackbox heisst in der Systemtheorie eine Box, in die man nicht hineinsehen kann, weil die Wände „black“ sind. Man kann sehen, wie die Blackbox reagiert und sich überlegen, wie sie konstruiert sein könnte, dass sie so und nicht anders reagiert. Natürlich spielt keine Rolle, ob der Beobachter relativ zur Blackboxwand innen oder aussen ist. Die Blackbox ist immer das, was er aufgrund von Beobachtungen an deren Oberfläche rekonstruieren muss. So kann ich mich etwa fragen, was im Kopf einer Kröte passiert, wenn sie mit den Augen eine Fliege verfolgt. Die Kröte ist dann eine Blackbox, weil ich nicht in die Kröte hineinschauen kann. Wenn ich aber die Konstruktion einer Flugzeugabwehrkanone kenne, kann ich damit erklären, wie die Steuerung der Augen der Kröte funktionieren könnte, weil ich einen Mechanismus kenne, der eine analoge Funktion hat.

Sie sitzen zur Zeit in einer Blackbox, die ich bisher als „absoluten Simulator“ bezeichnet habe. Die naheliegenste Erklärung für das Verhalten der Instrumente und der Fenster, die Sie sehen, ist, dass Sie in einem Flugzeug sitzen und gerade über das Matterhorn fliegen. Ich glaube, das wäre weitgehend die einzige Erklärung, wenn Sie nicht wüssten, dass es auch Simulatoren gibt. Das, was Sie sehen – also die Reaktionen der Instrumente auf Ihre Manipulationen, kann man – vom Simulator abgesehen – eigentlich nur als Pilot eines fliegenden Flugzeuges sehen.

Der Radikale Konstruktivismus

Nun will ich die Fiktion noch etwas weitertreiben: Bisher habe ich eine Maschine, nämlich unseren „Flugzeug(Simulator)“ als System betrachtet. Jetzt betrachte ich meinen Organismus als System. Als Anzeige-Instrument betrachte ich die Netzhaut in meinen Augen. So wie Sie im Flugzeug durch die Manipulation des Höhenruders die Anzeige auf dem Höhenmesser (oder im Fenster) beeinflussen können, kann ich die „Anzeige“ auf meiner Netzhaut beeinflussen, indem ich beispielsweise meinen Kopf drehe oder ein paar Schritte gehe. Wiliam Powers (1973) hat geschrieben, dass jedes Verhalten der Kontrolle der Wahrnehmung, also der Steuerung der Anzeige auf den Instrumenten diene. Wenn Sie also das Höhenruder betätigen, dann dazu, dass auf dem Höhenmesser oder im Fenster ein anderes Bild erscheint. Wenn ich den Kopf bewege, dann dazu, dass auf meiner Netzhaut ein anderer Zustand erscheint.

Meine Augen gehören natürlich zu mir, nicht zu meiner Um-Welt. Da ich meinen Organismus als operationell geschlossenes System auffasse, reagiere ich auf meine eigenen Zustände, also etwa auf die Zustände auf meiner Netzhaut, und nicht auf irgendeine „Umwelt“ [3].

Ich sitze also in einer Blackbox, die ich Organismus nenne. Und weil ich in einer Blackbox sitze, ist es für mich eine unentscheidbare Frage, ob ich in einem absoluten Simulator meines Organismuses oder in meinem Organismus stecke. Im Normalfall spielt das aber auch überhaupt keine Rolle, ich verhalte mich in beiden Fällen identisch, so wie ich auch in unserem Flugsimulator und im Flugzeug dasselbe tun würde. Und wenn ich mich identisch verhalte, habe ich auch dieselben Erlebnisse und Gefühle, weil mein Verhalten ja zu denselben Ergebnissen führt.

Als Radikalen Konstruktivismus bezeichne ich die Auffassung, dass die Frage, ob ich im Simulator sitze, nicht entscheidbar ist. Diese Idee durchzieht die Philosophie seit die alten Griechen die Skepsis erfunden haben. Entwickelt erscheint die Idee bei Kant, der von einer Kopernikanischen Wende gesprochen hat, obwohl seine Gedanken schon lange vor ihm bekannt waren. I.Kant hat vorgeschlagen, dass sich unsere Erkenntnis nicht nach objektiven Gegenständen richtet, sondern dass sich die Gegenstände nach unserer Erkenntnis richten. J. Piaget hat die Philosophie von Kant mit seinen Konzepten „Objektkonstanz“ und „la construction du réell“ in gewisser Hinsicht als Konstruktivismus operationalisiert. Und E. von Glasersfeld hat die Ideen von Piaget radikal formuliert. In einem Satz zusammengefasst geht es um die zwei Möglichkeiten: Entweder ich sehe die Welt, so wie ich sie sehe, weil die Welt wirklich und objektiv so ist, oder ich erkläre mir die Wahrnehmungen meines eigenen Zustandes, indem ich eine dazu passende Welt erfinde. Im ersten Fall ist die Welt objektiv, indem sie aus von mir unabhängigen Objekten besteht, im zweiten Fall ist meine Welt eine Fiktion, die zu meinen Wahrnehmungen passt.

Quasi-etymologisch steht „Fiktion“ in einem sehr spezifischen Sinn für Tat-Sache, worauf Bateson – Newton zitierend – hingewiesen hat. Eine Fiktion ist ein Erzeugnis oder eben die Sache einer geistigen Tat. Wenn ich mir in meiner Blackbox überlege, wie meine Um-Welt beschaffen sein muss, damit ich mit ihr meine Wahrnehmungen erklären kann, dann mache ich Hypothesen oder nach Newton eben Fiktionen. Ich nehme jetzt auf meinem Anzeige-Instrument „Netzhaut“ einige Personen wahr. Meine einfachste Erklärung dafür ist natürlich, das einige Personen „wirklich objektiv“ in meiner Um-Welt vorhanden sind. Kant nennt diese Erklärung „notwendig falsches Bewusstsein“. Ich nenne sie mit Newton Fiktion. Das Fiktive an der Fiktion ist, dass sie eine mögliche Erklärung ist, aber oft als die einzig mögliche Erklärung betrachtet wird [4].

Die wohl bekannteste Narration dieser Fiktion ist das Höhlengleichnis von Plato. Das Höhlengleichnis hat zwei Teile. Der erste Teil wird in einigen halbwegs äquivalenten Varianten wiedergegeben: Ein Mensch mit fixiertem Auge schaut auf die Rückseite der platonischen Höhle. Hinter ihm wird ein Schatten-Schauspiel produziert, so dass er die Schatten an der Wand sieht, aber nicht, dass sie eine Ursache haben, und schon gar nicht, welche Ursache sie haben. Die Schatten bilden den phänomenalen Bereich dieses Menschen, sie sind seine „Wirklichkeit“, für die er Erklärungen suchen kann. Im zweitenTeil wird der Mensch losgebunden. Er sieht das Schattenspiel. Jetzt ist er erleuchtet, weil er die Beleuchtung gesehen hat. Aber wie soll er das jenen Menschen erklären, die immer noch in ihrer Wirklichkeit angebunden sind? Müssten sie ihn nicht für verrückt halten?

Nicht entscheidbare Fragen

Ich sehe Plato als ganz gewieften Sklavenhalter, der in seinen „sokratischen Dialogen“ – übrigens wie der diebische G. Galilei in seine discorsi – immer einen Schritt voraus ist. Plato weiss, was seine Sklaven nicht wissen, nämlich dass sie nur Schatten sehen, und er weiss auch, dass seine Sklaven zu dumm sind, um seine Erleuchtung nachzuvollziehen.

Für die gewöhnlich Sterblichen ist die Frage, ob sie die Wirklichkeit oder nur Schatten an der Höhlenwand sehen, nicht entscheidbar. Und da fängt das besondere am Konstruktivismus an: Es gibt Fragen, die sind entscheidbar und es gibt Fragen, die sind nicht entscheidbar. Grundlage dieser Fiktion ist, dass Fragen wie: „Wieviel ist 2 + 2 ?“ in ihrem Kontext eine klare Antwort haben, während K. Gödel mathematisch bewiesen hat, dass es in der Mathematik nicht entscheidbare Fragen gibt. Fragen, die entscheidbar sind, sind immer schon entschieden. Man kann nichts entscheiden, sondern nur die bereits entschiedene Antwort entdecken. Fragen dagegen, die nicht entscheidbar sind, können wir entscheiden (H. von Foerster). Dabei übernehmen wir Verantwortung, das heisst, wir müssen später antworten können auf die Frage, weshalb wir uns so und nicht anders entschieden haben – falls uns jemand zu antworten zwingen kann [5].

Die nicht-entscheidbare Frage, die im Radikalen Konstruktivismus aufgehoben ist, lautet: Was ist in der Blackbox, die meinen Organismus als meine Um-Welt umgibt? [6]

Wahrheit statt Fiktion

Wenn ich die Fiktion aufgebe, dass ich wissen kann, was in der Blackbox um mich herum wirklich ist, kann ich keine Wahrheit mehr behaupten. Die Wahrheit erscheint dann als Erfindung eines Lügners. Aber was verliere ich und was gewinne ich, wenn ich auf Wahrheit verzichte? Ich will diese Frage nicht ethisch sondern empirisch angehen, also schauen, wo in meiner Praxis Wahrheit überhaupt einen Stellenwert hat. [7].

Die Wahrheit oder die Wirklichkeit oder die Realität interessiert mich – im Prinzip – nicht. Wenn ich in unserem Flugsimulator sitze, ist es doch gleichgültig, ob das Matterhorn, das unten vorbeizieht wirklich dort unten ist, oder ob es eine Anzeige in meinem Fenster ist. Es ist gleich schön und weckt in mir die gleichen Erinnerungen. Wenn der Höhenmesser 20000 Fuss zeigt, will ich nicht wissen, wie hoch ich wirklich fliege, ich sehe ja, dass ich auf 20000 bin. Wann also wird das Prinzip verletzt, wann interessiere ich mich für Wahrheit?

Die empirische Frage, die ich vorschage, lautet: Ueberlegen Sie bitte, wann, respektive in welcher Situation Sie eines der Wörter mit der Bedeutung von „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ ausgesprochen oder gehört haben. Ueberlegen Sie also nicht, was die Wörter genau bedeuten, sondern wann sie von Ihnen oder von andern tatsächlich verwendet werden.

Meine Erfahrung ist folgende: Ernsthaft werden diese Wörter ausschliesslich in Situationen verwendet, in welchen jemand in arger Not ist, es sind agressive Beschwörungs- oder Hilferufe. Ein ganz typischer Ort ist etwa ein Mordprozess, wo ein Angeklagter und der Staatsanwalt von ganz gegensätzlichen Dingen behaupten, sie seien wirklich wahr. Diese Wörter werden in Situationen verwendet, in welchen es extrem wichtig erscheint, dass andere Menschen dieselben Für-wahr-nehmungen machen, dies aber nicht freiwillig tun. Es sind Wörter, die ich nur im Streit und im Krieg höre, also nur dann, wenn die Situation bereits katastrophal ist.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Sie fiktiv immer noch in einem absoluten Simulator sitzen. Nun haben Sie in diesem Simlulator zwei (oder beliebig mehr) Höhenmesser. Die zeigen logischerweise im Normalfall alle dieselbe Höhe an. Jetzt sehen Sie plötzlich, dass verschiedene Höhen angezeigt werden. Jetzt wären Sie natürlich sehr froh, wenn Sie wüssten, dass Sie in einem konventionellen Simulator sitzen. Dann müssten Sie abwägen, ob diese Störung Teil einer Uebung ist, die Sie gerade durchspielen, oder ob der Simulator eine Störung hat. In beiden Fällen würden Sie mehr oder weniger cool – und am Boden – bleiben. Weit ungemütlicher wäre es, wenn Sie wüssten, dass Sie im Flugzeug sitzen. Diese Situation bezeichne ich als Krise, und wenn sie sich entsprechend entwickelt, als Katastrophe. Das ist der Augenblick, wo „man“ wirklich wissen möchte, was wirklich der Fall ist. Sie schauen aus dem Fenster …

Jetzt kehre ich mein Reden um: Wenn ein Pilot aus dem Fenster schaut, ist er in einer Katastrophe. Natürlich meine ich nicht den Piloten, der sich am Matterhorn, das weit unten in der Sonne glänzt, erfreut, sondern den Piloten, der überprüfen will, welcher seiner Höhenmesser richtig funktioniert, respektive welcher Höhenmesser die Wahrheit sagt. Ich erinnere Sie nochmals: meine Geschichte ist eine Fiktion. Aber ich habe schon mehrere Zeitungsartikel gelesen, in welchen beschrieben wurde, wie Piloten von irgendwelchen Dingen, die sie durch die Fenster sahen, zu falschen Annahmen geführt wurden und abstürzten. Ich meine natürlich nicht, dass das Rausschauen, also das wissen wollen, wie es wirklich ist, die Ursache für die Abstürze war. Ich meine, dass man genau in den Situationen, in denen ein Absturz schon grosse Wahrscheinlichkeit hat, also in einer Krise, aus der Blackbox rausschauen will.

Solange alles gut läuft, habe ich keinen Grund zum Rausschauen, wenn es gut läuft, ist es gleichgültig, ob ich im Simulator ode im Flugzeug sitze. Dann vertraue ich darauf, dass das System funktioniert, ich vertraue meinen Wahrnehmungen. Erst wenn ich dieses Vertrauen verliere, will ich aus dem System hinausschauen. Dann ist die Situation bereits so kritisch, dass Rausschauen nichts mehr nützt – und ganz besonders stimmt das natürlich in unserem absoluten Simulator.

Der konstruktivistische Dialog

Wenn ich die Fiktion aufgebe, dass ich wissen kann, was in der Blackbox um mich herum wirklich ist, kann ich meine Um-Welt als meine Fiktion erkennen. Meine Um-Welt erscheint mir dann als eine Fiktion, die zu meinen Erfahrungen passt, also eine Fiktion, mit welcher ich mir meine Erfahrungen erklären kann. Natürlich kann ich dabei nicht eine x-beliebige Umwelt erfinden, sondern nur eine die zu meinen Erfahrungen passt.

Dann kann ich annehmen, dass andere Menschen das auch tun, aber ich kann nicht annehmen, dass andere Menschen dieselben Erfahrungen machen wie ich – eben deshalb sind sie ja andere Menschen – und ich kann nicht annehmen, dass sie, falls sie dieselben Erfahrungen hätten, diese auch mit derselben Um-Welt erklären würden wie ich, weil es für jedes Verhalten einer Blackbox viele Erklärungen gibt. Wie etwa stellen Sie sich vor, wie eine Kröte ihre Augenbewegungen steuert? Mit einem Pentium-Prozessor, wie wir ihn in unseren Kanonen verwenden?

Im konstruktivistischen Dialog – den ich hier führe – kann es demnach nicht darum gehen, irgendeine Wahrheit zu finden, oder die andern von irgendeiner Wahrheit zu überzeugen. Es geht darum, sich der eigenen Fiktionen bewusst zu werden – und allenfalls darum gewinnbringendere Fiktionen aufzubauen. Im Dialog erzähle ich eine Möglichkeit – nämlich diejenige, die ich gerade zur Verfügung habe. In einer dialogischen Haltung prüfe ich nicht, ob das, was andere erzählen, richtig oder wahr ist, sondern ob es auch zu mir passen würde, also ob ich diese Fiktion auch erzählen könnte. Im Radikalen Konstruktivismus heissen die Fiktionen, die wir als Erklärungen verwenden, Konstruktionen. Das kann man sehr wörtlich verstehen. In der Systemtheorie werden ja Feedbackmechanismen – und das sind ja eigentliche Konstruktionen – als Erklärungen verwendet. Ein zentrales Postulat des konstruktivistischen Dialoges lautet: Erhöhe die Anzahl der Erklärungen! Je mehr verschiedene und je entwickeltere Konstruktionen mir zur Verfügung stehen, umso verantwortunsbewusster kann ich wählen. Wenn ich nur eine Möglichkeit sehe, bin ich ihr ausgeliefert.

Damit widerspiegelt der Konstruktivismus eine spezifische Sicht auf unsere Kultur. Natur ist alles, was autopoietisch oder eben selbst entsteht; Kultur ist alles, was wir herstellen, also konstruieren. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit besteht in immer entwickelteren Konstruktionen wie etwa Flugzeuge, Flugsimulatoren und absolute Simulatoren. Wir sind nicht schlauer als die alten Griechen, aber wir bauen schlauere Flügel als Ikarus oder Dädalus es getan haben – auch wenn wir der erleuchtenden Sonne immer noch oft zu nahe fliegen wollen.

Die Vorstellung einer Wahrheit führt zu einem Monolog. Als Monolog bezeichne ich ein Gespräch, das als Ziel hat, dass die Beteiligten dasselbe denken. Im Gegensatz dazu sehe ich den Dialog als ein Gespräch mit dem Ziel, dass viele Denkweisen entwickelt werden


Anmerkungen

[1] Ich verdanke die ganze Fiktion der U-Boot-Metapher von H. Maturana. (zurück)

[2] Dornheim (1995) berichtet von einem wörtlichen „Fall“: Piloten eines Airbuses mussten über dem Moskauer Flughafen durchstarten. Aufgrund der im System herrschenden Bedingungen wurde der Autopilot so aktiviert, dass Manipulationen der Piloten wirkungslos waren. Das Flugzeug wurde voll beschleunigt und voll nach oben gezogen. An der kritischen Grenze verlor der Autopilot die Kontrolle und das Flugzeug (kein Akrobatikmodell, sondern ein Airbus) trudeltet ab. Die Eigendynamik des Airbuses bewirkt, dass das Flugzeug fallend in einen stabilen Zustand zurückkommt, so dass der Autopilot seine Funktion wieder aufnimmt und das Flugzeug erneut voll durchstartet und hochzieht. Die Piloten realisieren nicht, dass ihre Manipulationen wirkungslos sind, sie steuern nach bestem Wissen und meinen, dass sie manchmal das Flugzeug in Griff kriegen und dann wieder verlieren. Erst nach mehrenen „Abstürzen“, die glimplicherweise alle über dem Boden endeten, merken die Piloten, dass nicht sie, sondern der Autopilot steuert. Sie stellen den Autopilot ab und landen das Flugzeug ganz normal, wie wenn nicht gewesen wäre. (zurück)

[3] Die Nervenimpulse die von den Sinnesorganen ins Gehinrn gelangen, machen einen sehr geringen Anteil der dortigen Nervenimpulse aus. Das Gehirn ist viel mehr mit seinen eigenen Zuständen beschäftigt, als mit dem, was quasi von ausen kommt. (zurück)

[4] Die Behavioristen, die die Blackbox vorgeschlagen haben, vertraten die Ansicht, man müsse sich nicht darum kümmern, was in der Blackbox drin sei, weil man das ohnehin nicht verifizieren könne. Sie begnügten sich deshalb – bescheiden oder dumm – damit, das Verhalten (behave) der Blackboxes zu studieren. Die Systemtheorie interessiert sich für mögliche Inhalte der Blackbox. Wenn ein Mechanismus gefunden wird, der das Verhalten der Blackbox erklärt, kann man im Sinne des Engineerings eine entsprechende Blackbox bauen. Wer aber einen Roboter baut, muss sich nicht einbilden, ein Mensch würde auch so funktionieren. Die sogenannten Kognitivisten (Künstliche Intelligenz) versuchen mit ihren Modellen die menschliche Kognition zu beschreiben. Sie fallen damit weit hinter den Behaviorismus zurück.(zurück)

[5] Bei entscheidbaren Fragen können wir natürlich keine Verantwortung für die Antworten übernehmen, weil sie nicht von uns abhängig sind. Wissenschaftliche Aussagen sind in diesem Sinne immer verantwortungslos, weil sie von sich behaupten, nicht subjektiv zu sein. Wissenschaftliche Aussagen in einem strengeren Sinne unterstehen natürlich vor allem auch deshalb keiner Verantwortung, weil sie Propositionen im logischen Wenn-dann-Modus sind. Wenn ein bestimmtes Axiomensystem zugrunde liegt, dann stimmt 2 + 2 = 4. Wenn man eine bestimmtes Experiment genau wiederholt, dann kriegt man ein bestimmtes Resultat, usw. (zurück)

[6] Natürlich kann man die Frage über die Systemtheorie hinaus radikalisieren und den eigenen Organismus auch zur Umwelt zählen, wie das in Meditationen gemacht wird. Allerdings verschwinden dann auch Fiktion und Narration. (zurück)

[7] Ethik ist selbst ein Konzept wie Wahrheit und kann in dem vorgeschlagenen empirischen Spiel mitverwendet werden. Mehr zur Ethik (zurück)

Dialog-Kultur


Im Dialog beobachte ich Unterscheidungen, die zu verschiedenen Vorstellungen führen, und wie diese Unterscheidungen von diesen Vorstellungen abhängig sind. Viele dieser Unterscheidungen sind kulturell in dem Sinne fundamental, als sie innerhalb der jeweiligen Kultur kaum wahrgenommen werden. Im Dialog mache ich solche Unterscheidungen dia logos explizit, ich spreche sie aus und erkenne sie dabei. Dia Logos heisst durch das Wort. Eine Unterscheidung, die mein Dialogverständnis selbst betrifft, bezeichne ich mit Dialogkultur.

In meinem Alltag lebe ich in zwei verschiedenen Dialogkulturen, die etwas plakativ als jüdisch-gemeinschaftlich und griechisch-wissenschaftlich bezeichnet werden könnten. Die „griechischen“ Dialoge von Sokrates, die Galileo Galilei im sokratesSinne der Renaissance wieder aufgenommen hat, widerspiegeln sich in unseren wissenschaftlich orientierten Ausbildungen. Es geht dabei darum, Wissen mitzuteilen und sicherzustellen, dass alle dasselbe, das möglichst Richtigste wissen. Galileo Galilei hat dafür den Ausdruck Diskurs verwendet, weil er sich der zerschneidenden und entscheidenden Praxis solcher Diskussionen bewusst war. Den „jüdisch-religiösen“ Dialog dagegen erkenne ich als Gespräch, das an das Du gerichtet ist. Es geht mir in diesem Dialog darum, mich selbst in eine Beziehung zur Welt zu setzen, während ich die „griechische“ Wissenschaft gerade unabhängig von mir zu denken habe. Martin Buber bezeichnete diese Unterscheidung durch zwei verschiedene Ich-Formen, ein Ich-Es und ein Ich-Du. Das Es-Ich spricht – schliesslich wissenschaftlich – über die Welt, das Du-Ich spricht mit der Welt. Franz von Assisi sprach mit den Vögeln, nicht über die Vögel. Im Dialog laviere ich oft zwischen diesen Kulturen. Der Dialog erscheint mir unter diesem Gesichtspunkt als erfahrbare Differenz zwischen Dialog und Diskurs.

In der Diskurstheorie wird diese Differenz wissenschaftlich behandelt. Der Diskurs erscheint dabei als subjektfreies Gespräch der Wissenschaft, welches Wissen gerade dadurch generiert, dass jede Subjektivität sublimiert wird. Michel
Foucault geht in Freudscher Tradition sogar so weit, den Diskurs als gesellschaftlich inszenierten Dialog zu begreifen, in welchem durch die entlastende Inszenierung einer Objektivität alles gesagt werden darf, weil kein Mensch, sondern quasi die Wirklichkeit spricht. Die Wissenschaft kennt kein Tabu, der wissenschaftlich sprechende Mensch hat keine Verantwortung, weil er als Überbringer der Nachricht, quasi als Autor der Natur nur sagt, wie es wirklich ist. Und um die Wirklichkeit zu Worte zu kommen lassen, darf die Wissenschaft auch alles tun. Jedes Tabu wird zugunsten von objektivem Wissen als Hemmung in einer Ethik aufgehoben. Statt die Tabus zu brechen und dafür Ethik auszusprechen, wie Ludwig Wittgenstein es nannte, bringe ich im Dialog Hintergründe von Tabus zur Sprache.

Die Du-Es-Differenz verdoppelt sich in der Vorstellung, man könne den Dialog wie jenen von Sokrates als Verfahren einsetzen, um getrennte Parteien durch rhetorisch geschultes Reden zu einigen. Im Dialog geht es aber gerade nicht
darum, jemandem etwas mitzuteilen, sondern darum, etwas zu teilen. Wenn ich mitteile, behandle ich mein Gegenüber als Es, ich konfiguriere oder in-form-iere Es. Ich entscheide, was mein Gegenüber wissen muss. Im aufgehobenen Mitteilen des Dialoges habe ich gar kein individualisiertes Gegenüber, das ich informieren könnte. Ich nehme im Dialog zwar Personen wahr, aber ich nehme sie als persona eines Du. Wo ich zum Du spreche, idealtypisch beispielsweise im Gebet, reproduziere ich keine Information über die Welt, sondern spreche über mein Wahrnehmen in unserer Beziehung. Im Gebet erkläre ich nicht, wie es wirklich ist und ich stelle keine Fragen, weil ich keine Antworten einfordern kann. Wenn ich mir beim Beten zuhöre, höre ich, was ich gerne hätte, welche Welt ich gerne erleben würde.

Meine plakative Benennung der beiden Kulturen als jüdische und griechische hat mit dem Judentum sowenig zu tun wie die heutigen Griechen mit Sokrates. Ich bezeichne damit vielmehr kulturell übliche Assoziationen zur Religion und Wissenschaft. Das hier gemeinte Judentum, das das Christentum wie den Islam mitumfasst, steht für die Ich-Du-Kultur, die M. Buber genau deshalb als Religion bezeichnet, weil es im Unterschied zu anderen Weltanschauungen einen ansprechbaren Gott (hervorgebracht) hat. Die Griechen haben – wenn sie nicht selbst halbe Götter waren – über Zeus, aber nicht mit ihm gesprochen. Ohne die sinnfreie, an Wiedergeburtsvorstellungen erinnernde Vorstellung einer Renaissance, ist das wissenschaftliche Denken durch arabische Eroberer via Spanien nach Europa gekommen. Dieses Denken wurde den Griechen zugeschrieben, weil die Araber in der Reconquista natürlich so wenig Gutes repräsentierten, wie sie es heute tun. Die arabischen Zahlen sind dabei indisch geworden. Aber jenseits von solchen Zuschreibungen hat sich im dunklen Mittelalter eine Revolution ereignet, in welcher – in Worten von H. Arendt – die Arbeit durch das Herstellen des Homo fabers aufgehoben wurde. Der Homo faber – exemplarisch als Walter Faber im Roman von F. Frisch – interessiert sich weder für Gott und noch für zwischenmenschliche Verhältnisse. Er interessiert sich für das Herstellbare, das er als Es begreift und als Objekt so verallgemeinert, dass ihm – und sei es nur durch Genmanipulation oder Silicontechnik – alles zu herstellbaren Gegenstand wird.

In der zivilen Geschichtsschreibung steht das christlich reformierte Judentum für die Auflösung eines römischen Reiches im vermeintlich dunklen Mittelalter. Ich kenne – von vermuteten Bleivergiftungen und Dekadenzen abgesehen – keine nur halbwegs plausible Geschichte über diesen Zerfall und nehme deshalb an, dass dabei vor allem eine Idee der Renaissanceerfinder, die im 19. Jhd. lebten und sich dieses Reich vorstellten, zerfallen ist. In deren Geschichten ist es den kulturfreien Römer weder gelungen, die gemeinschftliche Kultur der von ihnen unterdrückten Christen abzuwehren, noch konnten sie das objektivierende Denken aufgreifen und sinnvoll nutzen, das der Griechen zugeschrieben wird. Die geschichtlichen Römer blieben, wie die Griechen vor ihnen, ohne relevante Entwicklung einer Herstellungstechnik, in welcher Naturkräfte genutzt werden, die in objektiven Naturgesetzen begriffen sind. Und sie blieben, wie die Juden vor ihnen, ohne Zivilisation, die sie von den in ihr Reich einfallenden „Babaren“ unterschieden hätte. Ihr Reich war eine Fiktion ohne jede Verwaltung, die über die Heeresführung hinausgegangen wäre. (1)

In den Geschichten der Renaissanceerfinder gibt es Hinweise darauf, dass wohl nicht nur Heron von Alexandria bereits in der Antike sehr konkret wusste, wie man Maschinen konstruiert. In diesen Geschichten finde ich aber kein Wissen darüber, warum die Maschinen nicht tatsächlich produziert wurden. Die gängiste, aber doch sehr skurile Vermutung lautet, dass durch die Sklavenhaltung kein Bedarf an Maschinen existierte. In den Geschichten der Renaissanceerfinder über das antike Griechenland erkenne ich deren eigenes, projiziertes Es-Ich, das ihrer industriellen Kultur entsprochen hat, die den heutigen Finanzkapitalismus hervorgebracht hat.

Im schliesslich europäischen Kulturraum wurde die Religion, die Rom unterwanderte, durch das Klosterwesen, das in der päpstlichen Kirche gipfelte, invertiert. Die Kirche machte Christus als Jesus zur hölzerne Sache am Kreuz (Es) und das Gebet zum Zugehörigigkeits- und Abhängigkeitsbekenntnis. In dieser Kultur entwickelte sich neben Klerus und Adel das Verlagswesen in Form von Manufakturen, das den Herstellungsprozess in Gang setzte und mithin den Es-Diskurs. Die industrielle Revolution ersetzte das dialogische Gespräch zwischen Menschen durch die monologische Diskussion der Wissenschaft, in welcher Menschen keine Rolle spielen. (2)

Im Dialog trage ich nichts zur Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums bei, aber ich erkenne, welche Art von Reichtum Dir und mir gefallen würde.


1) Es geht mir hier nicht um die dunkle Geschichte eines Zerfalls, sondern die Ausdifferenzierungen des Ich’s zwischen Du und Es. Zur vermeintlichen Zerfalls-Geschichte schreibe ich in einem andern Beitrag. (zurück)

2) I. Prigogine etwa spricht mit der Natur. Aber mit mir spricht die Natur so wenig wie Gott. N. Luhmann lässt nur die Institutionen kommunizieren. Aber ich habe noch nie eine Institution sprechen gehört. Es geht mir nicht um diese Wissenschaften, sondern auch hier nur um die Ausdifferenzierungen des Ich’s zwischen Du und Es. (zurück)

Was heisst Kommunikation? (neue Version)


P. Watzlawick schrieb 1969 im Vorwort seines zuerst englisch erschienenen Buches „Menschliche Kommunikation“ der Begriff Kommunikation sei „im Deutschen ungewohnt“. Bis 1970 haben deutsch sprechende Menschen offenbar eher miteinander gesprochen als kommuniziert. Erst später hat sich das Kunstwort, das seine Keimformen in verschiedenen Fachsprachen hat, auch in der Umgangssprache eingebürgert. In der englischen Sprache wird communication schon lange verwendet, es wurde aber auch dort durch die technische Entwicklung von Kommunikationsmitteln neu geprägt. C. Shannon führte den Begriff in seiner „Mathematischen Kommunikationstheorie“ 1948 für Signalprozesse jenseits von symbolischen Deutungen ein. N. Wiener hat im gleichen Jahr Kybernetik als Regelung und Kommunikation im Tier und in der Maschine bestimmt. Er hat offen gelassen, worin sich Regelung und Kommunikation unterscheiden, aber Kommunikation wie C. Shannon auf Mechanismen bezogen, in welchen Signale nicht symbolisch gedeutet, sondern konstruktiv interpretiert werden. (1)

Die erste mir bekannte physikalisch-technologische Verwendung des Ausdruckes „Kommunikation“ stammt von Stephen Gray, der 1729 mit nassen Hanfschnüren elektrostatische Versuche zur Leitfähigkeit von Materialien gemacht hat. Elektrizität hatte – hundert Jahre vor M. Farraday – noch keinen sichtbaren Nutzen, sondern war ein physikalisches Phänomen, um dessen Verständnis man sich praktisch – also durch konstruktive Manipulation – bemühen konnte. S. Gray spannte seine Hanfschnur in einem Klostergarten auf. Mönche mussten diese einerseits mit Wasser nass halten und andrerseits während der Messversuche rufen, wenn die mit Bernstein erzeugte elektrische Ladung bei ihnen vorbeikam und sie zwickte. S. Gray stellte fest, dass und wie schnell sich Strom durch nasse Schnüre bewegt. Aber S. Gray entdeckte durch das Rufen der Mönche auch, dass er am Ende seiner Schnur kommunikationsschnur.pngerfahren konnte, dass am Anfang der Schnur Strom angelegt wurde. Er nannte seineelektrische Datenüber-tragung (Telegraph,  Stromleitung weit voraussehend „Kommunikationsschnur“ und hat so die Telefon, Internet, usw.) vorweggenommen, für die er sich mangels Technologie noch gar nicht interessieren konnte.

Die Kommunikationsschnur ist in diesem projizierten Sinne eine Entdeckung, keine Erfindung, weil S. Gray eine Funktion seiner Installation entdeckte, die er so wenig beabsichtigte, wie die Oelfassproduzenten das Musikinstrument, das sich die Mitglieder einer Steelband aus Oelfässern machen. Die Entdeckung ist natürlich reflexiv. S. Gray stellte die Mönche auf, damit sie rufen. Dann entdeckte er, dass sie rufen. Dass er aber den Ausdruck Kommunikations-schnur wählte, zeigt, dass er den Ausdruck Kommunikation bereits irgendwie kannte, falls er ihn nicht assoziativ zur Kommune erfunden hat. In der frühen Phase der Technik wurden für hergestellte Phänomene oft politische Begriffe verwendet.(2)

Das Wort Kommune verwende ich als Fremdwort für die politische Gemeinde, speziell wenn ich die Geschichte der Gemeinde hervorheben will. Kommune bezeichnete im 11. Jhd das Organisationsprinzip einer gemeinsam handelnden politischen Korporation, die sich autonom macht und Stadtrechte gründet, sich also abgrenzt und so einer Herrschaft entzieht. Die Kommune ist die Keimform der Republik, in welcher eine Angleichung in Form von Bürgerrechten angestrebt wird: Vor dem Gesetz der republikanischen Kommune sind alle – die zur Kommune gehören – gleich, was durch die kommunizierenden Gefässe – die auch verbunden sind – veranschaulicht wird. Ich weiss nicht, wer diese Gefässe als „kommunizierende“ bezeichnet hat. B. Pascal, der wohl 1648 im Rahmen seiner physikalischen Experimente über Druckverhältnisse als erster über diese Gefässe kommunikationsgefaessgeschrieben hat, sprach nicht von Kommunikation, sondern von Ausgleich und Gleichgewicht. Ich deute die Namensgebung bei den Gefässen damit, dass das Einschwingen als Kommunikation beobachtet wurde, obwohl die Gefässe ja gerade nicht via Signale kommunizieren. Sie zeigen vielmehr, dass Differenzen auch ohne Kommunikation aufgehoben werden können.

Ich weiss nicht, ob S. Gray tatsächlich an eine Kommune gedacht hat, aber die Klostergemeinschaft, in welcher er seine Versuche gemacht hatte, war eine Kommune. Und wenn die elektrische Ladung beim letzten Mönch in der Reihe angekommen ist, hat dieser dem ersten zugerufen, was als Antwort in die Kommune zu begreifen ist, da die Frage, ob sie den Strom spüren, an alle in der Kommune gerichtet war.

Umgangssprachlich bezeichne ich mit Kommunikation ganz naiv im Sinne von nativ, dass Menschen sich mittels Mitteilungen zu verständigen versuchen. Wenn ich beispielsweise jemandem sage, er solle das Fenster öffnen, hat er meine Mitteilung verstanden, wenn er das Fenster öffnet oder mir sagt, warum er das nicht tun will. Im ersten Fall bricht die Kommunikation ab, weil das Ziel der Verständigung erreicht ist, im zweiten Fall wird sie weitergeführt, indem ich eine Antwort bekomme. Der Kommunikationsprozess lebt sozusagen davon, dass die Verständigung nicht erreicht wird. Kommunikation verbindet die beteiligten Menschen auch, wenn eine Verständigung nicht möglich ist, bis sie endlich aus diesem Grund abbricht.

Jede Mitteilung muss übertragen und geteilt werden. Wenn ich jemandem etwas sage, produziere ich hörbare Laute. Es geht mir dabei nicht um diese Laute, aber ich komme nicht umhin, sie zu produzieren, wenn ich etwas sagen will. Jede Mitteilung ist an ein Signal gebunden. Und ganz unabhängig davon, was ich mitteilen will, muss das Signal von jemandem empfangen werden, der es interpretieren kann. Kommunikation hat im umgangssprachlichen Sinn deshalb die beiden Konnotationen, die im Ausdruck „mitteilen“ aufgehoben sind:

Signalübertragung (Information) und Kommune (Gemeinschaft)

kommunikations_modell_2.png

Wenn Telefontechniker ein Kommunikationsproblem lösen, befassen sie sich vordergründig mit dem Funktionieren der Signalübertragung. Psychotherapeuten, die Kommunikationsprobleme lösen, befassen sie sich vordergründig mit dem Funktionieren einer Gemeinschaft. Aber natürlich beruht diese Arbeitsteilung auf einer fiktiven Trennung von zwei Aspekten der Kommunikation, die sich unterscheiden, aber nicht trennen lassen. Die Kommune kann nicht ohne Signale kommunizieren und Signale haben ihren Sinn nur, wenn sie als solche interpretiert werden. In der technologischen Kommunikationstheorie von C. Shannon wird nur die Signalübertragung behandelt und den sozialphilosophischen Kommunikationstheorie wird nur die Interpretation, die dort als Verstehen bezeichnet wird, behandelt.

Als die Sozialwissenschaftler den Kommunikationsbegriff – nach vielen Jahren – übernommen haben, haben in gewisser Weise komplementiert, was die Technologen in ihrem Kommunikationsbegriff zuvor weggelassen haben. In der deutschsprachigen Sozialwissenschaft haben J. Habermas und N. Luhmann das Wort Kommunikation etwa 1980 ins Zentrum der Sozialwissenschaften gerückt. Bei J. Habermas erscheint das Wort im Buchtitel seiner grundlegenden „Theorie“ (Theorie des kommunikativen Handelns,1981), während bei N. Luhmann die gemeinte Kommune als Soziales System bezeichnet wird (Soziale Systeme, 1984). (3)

In die deutsche Alltagssprache ist der Ausdruck Kommunikation wohl eher durch den oben zitierten Bestseller „Menschliche Kommunikation“ von P. Watzlawick und seinen Mitautoren gekommen. Der deutsche Buchtitel ist in zwei Hinsichten problematisch. Im Original heisst das Buch „Pragmatik der menschlichen Kommunikation“, was auf eine Anwendung verweist. Das Buch befasst sich nicht mit Kommunikation überhaupt, sondern mit dem Beheben von Störungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, die als Kommunikationstörungen aufgefasst werden und sich psychotherapeutisch behandeln lassen. Wichtiger aber ist, dass von „menschlicher“ Kommunikation gesprochen wird, was eben auch eine unmenschliche oder nichtmenschliche Kommunikation unterstellt. Im Kontext des therapeutisch gedachten Buches sind dabei nicht technische Aspekte der Kommunikation gemeint, sondern dass bestimmte kommunikative Verhalten der Behandlung bedürfen, weil sie nicht gesellschaftsfähig sind.

Die pragmatischen Thesen, die P. Watzlawick zusammen mit D. Jackson, der ein Assistent von G. Bateson war, veröffentlicht hatte, stammen weitgehend von G. Bateson, der damit zusammen mit J. Ruesch viel Jahre früher eine Anwendung der Kybernetik auf soziale Phänomene beschrieben hat, wobei er sich auch hauptsächlich auf psychiatrisch gesehen gestörtes Verhalten bezogen hat. Das schon 1951erschiene Buch hiess „Kommunikation: Die soziale Matrix der Psychiatrie“. N. Wiener hat seine Kybernetik als mathematisches Prinzip aufgefasst, das er für generell anwendbar hielt. G. Bateson hat das kybernetische Denken als erster auf soziale Phänomene angewendet und dabei die Wienersche Verdoppelung von Regelung und Kommunikation aufgehoben: Regelung funktioniert mechaanisch und Kommunikation könnte wie Regelung funktionieren, wenn soziale Systeme mechanisch begreifbar wären. (4)

In der fragmental getrennten Perspektive vieler Sozialwissenschaftler, in welcher die Signalübertragung keine Rolle spielt, tritt im Kommunikationsprozess anstelle des Signals die jenseits von Energie und Materie doppelt kontigente Information, von welcher der technologisch gedachte Informatik-Duden geschrieben hat, Information stelle neben Energie und Materie einen der „drei wichtigsten Grundbegriffe der Natur- und Ingenieurwissenschaften dar. Für die Informatik als der Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Informationen sollte der Begriff von zentraler Bedeutung sein; dennoch ist er bisher kaum präzisiert worden“ (Duden Informatik 1988:273). Das scheint die Sozialwissenschaftler wenig zu plagen. (5)

N. Wiener hat in seiner laschen Sprache auch von Information gesprochen, damals aber noch nicht geahnt, wie der Begriff später von Sozialwissenschaftlern verwendet wurde. W. Asby hat in seiner grundlegenden Darstellung der Kybernetik 1956 schon geschrieben, dass kybernetische System informationsdicht sind. In der gleichzeitig propagierten Theorie offener Systeme von L. von Bertalanffy wird Information so verwendet, wie es heute im Commonsense üblich ist, als eine Qualität, die mitgeteilten Daten zugeschrieben wird, wenn diese deutend interpretiert werden. In der Sozialphilosophie, die sich um die technischen Aspekte der Kommunikation nicht kümmert, haben sich rasch zwei unverträgliche getrennte Auffassungen von Kommunikation entwickelt. Einerseits wird Kommunikation als sprachliches Handeln verstanden und andrerseits als konstituierender Prozess im sozialen System. Ich werde auf diese fragmentierte Auseinandersetzung zurückkommen, nachdem ich die kybernetische Auffassung von Kommunikation erläutert habe. (6)

Als Kommunikation bezeichne ich – im Kontext der Kybernetik – den Signalprozess einer Kommune, den ich durch die dabei verwendbaren Kommunikations-Mittel bestimme. Als Kommunikationsmittel bezeichne ich Artefakte, die ich zur Signalübertragung benutzen kann. Ein typisches Beispiel ist das Telefon, in welchem das Signal moduliert und von der Quelle zur Senke weiterleitet wird. Mit Signalübertragung bezeichne ich, was bei jeder Kommunikation operativ passiert, und mit Kommune bezeichne ich, was durch die Kommunikation hervorgebracht wird, nämlich eine Art autopoietisches System, in welchem sich die Kommunikation abspielt. Weil der Ausdruck Kommune in der Alltagssprache oft eingeschränkter verwendet wird, spreche ich stattdessen auch von Gesellschaft oder von Gemeinschaft oder terminologische gebundener von Sozietät, obwohl ich die Kommune im engeren Sinne des Wortes meine, die sich – analog zur biologischen Zelle – durch ein sich Abgrenzen hervorbringt.

Mit Signalübertragung bezeichne ich mithin die mareielle Grundlage der Kommunikation, also die für die Funktion der Kommunikation relevanten mechanischen Operationen oder deren Funktionsweise. Mit Kommunne bezeichne ich die namensgebende Funktion der Kommunikation, einen konsensuellen Deutungs- oder Handlungszusammenhang zu erzeugen, in welchem Kommunikation stattfinden kann. Der exemplarische Handlungszusammenhang ist die Sprache, die als Interpretationsrahmen für mündliches und schriftliches Verhalten fungiert und genau dadurch hervorgebracht wird, dass geschrieben und gesprochen wird. Ein anderer Handlungszusammenhang ist die Gestik. (7)

Die Kommunikation passiert nicht zwischen oder in Kommunikationsmitteln, sondern in der Kommune, in welcher diese Mittel verwendet werden (können). Wenn etwa Robinson zu Freitag sagt, er solle ein Feuer machen, findet eine un-mittel-bare Kommunikation in einer Kommunue statt, die aus zwei Menschen besteht, und die ich genau deshalb als Kommune bezeichne, weil sie kommuniziert. Natürlich könnte Robinson dabei auch Kommunikationsmittel verwenden. Wenn ich beispielsweise mit dem Auto an einer Ampel bei Rot anhalte, findet eine durch viele Kommunikationsmittel kompliziert vermittelt Kommunikation in einer Kommune statt, die aus sehr vielen Menschen besteht. Ich muss weder wissen, wie gross die Kommumune ist, noch wie die Kommunikationsmittel funktionieren, um in die Kommunikation einbezogen zu sein. Ich muss nur auf das Signal reagieren (können).

Als Signal bezeichne ich eine Entität aus strukturierter Energie. Das Signal wird durch den Interpreter zum Signal, weil es dort seinen Sinn erfüllt. Rotes Licht ist nur Energie. Für einen Verkehrsteilnehmer ist es spezifisch strukturiertes Licht, wenn er es situativ von grünem Licht unterscheidet. Und es wird zum Signal, wenn er es als solches interpretiert, also mit einer spezifischen Intention verbindet, die für sein eigenes Verhalten relevant ist. Der Empfänger bestimmt die Bedeutung des Signals. Die Interpretation kann festgelegt oder flexibel sein. Als flexibler Autofahrer wäge ich ab, ob ich bei einem Rotlicht anhalte. Wenn mein Auto dagegen eine entsprechende Sensorsteuerung hat, wurde vorab festgelegt, dass es bei Rot anhält. In beiden Fällen wird das rote Licht als Signal interpretiert und in beiden Fällen geschieht das durch Menschen, die so Teil der Kommune sind.

Die intendierte Gegenstandsbedeutung einer Lichtsignalanlage an einer Kreuzung besteht – in meiner Interpretation – darin, den Verkehr zu regeln. Anstelle der Ampel könnte ein Polizist diese Funktion übernehmen. Wenn mir ein Polizist durch seine Gesten zeigt, ob ich fahren oder halten soll, findet die Kommunikation in dem Sinne unmittelbar statt, als keine Kommunikationsmittel verwendet werden. Der Polizist ist bezüglich seiner Gesten in zwei Hinsichten flexibel, er passt sie seinen Wahrnehmungen an. Er kann eine Verkehrsrichtung bevorzugen und er kann die Gesten mehr oder weniger deutlich machen oder durch rufen unterstützen. Eine Ampel ist festgelegt, aber natürlich wurde sie eingerichtet und in Betrieb genommen. Sie hat sich nicht selbst entschieden, den Verkehr zu regeln oder dann und wann auf Rot zu schalten. Und wenn mein Auto aufgrund von eingebauten Sensoren auf das Signal der Ampel reagiert, hat sich nicht mein Auto dazu entschieden, es wurde von jemandem programmiert. Die Kommunikationsmittel transformieren den Signalprozess. Die Transformation ist rekonstruierbar und auf die unmittelbare Kommunikation mit dem Verkehrspolizisten zurückführbar.

Indem ich ein Auto mit einem Rotlichtsensor verwende, interpretiere ich das Rotlicht in einem verallgemeinerten Sinn. Indem ich ein Auto verwende, das bei Rotlicht anhält, halte ich bei jedem Rotlicht an. Wenn das Rotlicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeschaltet ist, wurde es von jemandem eingeschaltet, der damit zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort ein entsprechendes Signal sendet. Wenn zu einem gegebenen Zeitpunkt das Rotlicht keine Interpretation findet, weil an der entsprechenden Kreuzung gar kein Verkehr ist, spreche ich von einem potentiellen Signal. Die Kommunikation ist in diesem Zeitpunkt aufgehoben.

Fortsetzung folgt


1) Die Verbreitung der Begriffe lassen sich anhand von Google Ngram sehr leicht nachvollziehen. Ich kann dort sehen, wann das Wort in der deutschen Literatur erscheint, und insbesondere auch, wann es in die englische Nonfictionliteratur gekommen ist. (zurück)

2) Ein typisches Beispiel mit langer Geschichte: Auf J. Maxwell’s „Theory of Governors“ hat N. Wiener mit der griechische Form des Wortes Steuermann Kybernetik verwiesen, weil J. Maxwell die mathematischen Grundlagen der Regelung entwickelt hat. J. Maxwell seinerseits hat den Begriff von J. Watt, der den Fliehkraftregler, der die Geschwindigkeit seiner Dampfmaschine auf einem konstanten Niveau hält, so nannte. J. Watt bezog sich mit ”Governor” seinerseits auf A. Ampère, der den Ausdruck im Sinne von Plato für die politische Steuerung verwendet. Bei Plato, der den Staat mit einem Schiff verglich, hiess der Steuermann Kybernetes. (zurück)

3) V. Flusser hat im portugisch sprechenden Brasilien das Wort Comunicação in einem umgangssprachlichen Sinn für Marketingfragen schon 1960 verwendet, aber seine kommunikationstheoretischen Arbeiten sind auch erst im akademischen Exil in Deutschland ab 1980 entstanden. Mit seinem Ausdruck Kommunikologie bezeichnete er die Differenz zwischen einem seiner Meinung nach naturwissnschaftlichen Kommunikationskonzept, womit er namentlich C. Shannon meinte, und einer zwischenmenschlichen Kommunikation, die er – ganz in der Tradition – geisteswissenschaftlich als das Verbindende verstanden hat.(zurück)

4) Bei G. Bateson ist die Sache noch etwas komplexer als bei P. Watzlawick, weil er den kybernetischen Beobachter berücksichtig hat, der bei P. Watzlawick in den Axiomen quasi objektiv aufgehoben ist. (zurück)

5) N. Luhmann schreibt in seiner Einführung in die Systemtheorie (S. 128f), dass G. Bateson seine viel zitierte Aussage Information sei „ein Unterschied, der den Unterschied macht“ einfach so sage. „Man findet das als Text, ohne dass die Bedingungen dieser Formulierung reflektiert werden.“ N. Luhmann macht einen Quellverweis auf die „Oekologie des Geistes“, wo er nichts gefunden hat. G. Bateson hat seine vielzitierte Aussage sehr ausführlich erläutert, aber eben in „Geist und Natur„, einem Bestseller, den N. Luhmann offensichtlich so wenig gelesen hat, wie die vielen anderen Zitierer des Zitates. (zurück)

6) L. von Bertalanffy hat nachdem er in die USA ausgewandert war, populäres englisch geschrieben. Es verwendet den Ausdruck Kommunikationssystem schon 1967 und in der 1970 erschienen deutschen Ausgabe wird der Ausdruck als bekannt vorausgesetzt. (zurück)

7) Sprache wird oft als Mittel oder als Werkzeug bezeichnet. Und eben so oft wird Sprache als abstrakte Verallgemeinerung von Sprachen wie Deutsch oder Englisch aufgefasst. Wenn ich spreche, benutze ich kein Werkzeug und dass ich etwas sagen will, hat mit Deutsch oder Englisch, also mit der Codierung des Signalprozesses nichts zu tun, auch wenn ich nicht umhin komme Signal zu unterscheiden. (zurück)

Was heisst Kommunikation? (1. Version, überholt)


Diesen Beitrag habe ich relativ spontan geschrieben, als ich festgesellt habe, dass ich in meinem Hyperlexikon Kommunikation nur unzulänglich von Regelung unterschieden habe. Es war ein Versuch, meine Sprache diesbezüglich etwas zu klären. Die Diskussionen, die ich damit ausgelöst habe, haben mich quasi gezwungen, meinen Kommunikationsbegriff nochmals eingehender zu beobachten. Jetzt habe ich einen 2. Versuch geschrieben, der in einigen Hinsichten stark von diesem Text abweicht, obwohl ich vermeintlich dasselbe behandle. Ich lasse auch diesen Text im Sinne einer Versionsgeschichte hier stehen, empfehle aber naheliegenderweise meine neuste Version „Was heisst Kommunikation? (2. Version) zu lesen.

Der Ausdruck „Kommunikation“ wird sehr vielfältig verwendet. Wenn Telefontechniker ein Kommunikationsproblem lösen, machen sie etwas ganz anderes als Paartherapeuten, die auch Kommunikationsprobleme lösen. Diese Differenz wiederholt sich auch innerhalb der Systemtheorie: N. Wiener verwendet den Ausdruck eher „technologisch“, N. Luhmann eher „therapeutisch“, wo er von Verstehen spricht. Im Alltag wird konventionellerweise von Kommunikation gesprochen, wenn eine Verständigung mittels gegenseitigen Mitteilungen gemeint ist. In diesem alltäglichen Verständnis gelingt die Kommunikation, wenn der Empfänger die Mitteilung des Senders versteht, was sich in dessen Verhalten zeigt. Wenn ich beispielsweise jemandem sage, er solle das Fenster öffnen, hat er meine Mitteilung verstanden, wenn er das Fenster öffnet oder mir sagt, warum er das nicht tun will, womit er die Kommunikation abbricht oder weiterführt.

Mit dem Ausdruck „Kommunikation“ verbinde ich in diesem umgangssprachlichen Sinn zwei einfache (quasi-etymologische) Konnotationen:

•     Angleichung und Gemeinschaft  –  Kommune, Kommunismus
   Kommunizierende Gefässe
kommunikationsgefaess

und

•   Signalübertragung – Information – Sender-Empfänger-Modell
kommunikations_modell_shannon

Den Aspekt der Angleichung sehe ich in den kommunizierenden Gefässen versinnbildlicht, den Aspekt der Signalübermittlung im technologischen Kommunikations-Modell mit Sendern und Empfängern. In diesem alltäglichen Sinn spreche ich von Kommunikation, wenn sich verschiedene Instanzen mittels Signalen zu jeweils gewünschten Reaktionen zu veranlassen versuchen. Wenn jemand auf meinen Wunsch hin das Fenster öffnet, sehe ich eine Angleichung unserer

Bedürfnisse, die ich durch eine Übertragung von Schallwellen ausgelöst habe. Typischerweise sage ich etwa, dass zwei Menschen miteinander kommunizieren, wenn sie mittels Gesten oder Worten versuchen, einen gemeinsamen, konsensuellen Verhaltensbereich zu erzeugen. Wenn Menschen miteinander sprechen, senden sie einander explizite Signale in Form von Schallwellen. Bei kommunizierenden Gefässe kann ich keine Signale erkennen, sie orientieren sich quasi gegenseitig über ihren Pegelstand, weshalb ich von impliziten Signalen spreche. Man könnte natürlich auch sagen, dass Kommunikation auch ohne Signale geht, ich würde dann lieber sagen, dass die kommunizierenden Gefässe eigentlich nicht, oder eben nur sehr metaphorisch kommunizieren.

P. Watzlawick schrieb 1970 im Vorwort seines Buches „Menschliche Kommunikation“ der Begriff Kommunikation sei „im Deutschen ungewohnt“. Bis 1970 haben Menschen eher miteinander gesprochen als kommuniziert. Und schon kurze Zeit nach P. Watzlawick sagte N. Luhmann ganz bestimmt, dass nicht Menschen kommunizieren, sondern dass das System kommuniziere. Die Verwendung des Ausdruckes Kommunikation ist also nicht nur darin begründet, ob ich über Kommunikations-technik oder über die alltäglichen Bemühung um empathisches Verstehen spreche, sondern vor allem auch darin, ob ich dem Begriff Kommunikation eine – oder welche – Theorie zugrunde lege.

Wenn ich mich nur verständigen will, brauche ich keine Theorie. Wie der je andere den Ausdruck Kommunikation zu verstehen hat, ergibt sich im Handlungs-zusammenhang, in dem ich ihn verwende. Hier schreibe ich aber darüber, wie ich den Ausdruck Kommunikation verwende. Ich mache mir damit bewusst, dass sich ein Gespräch zwischen Menschen nicht auf Schallwellen reduzieren lässt, aber auch, dass es ohne Signale nicht stattfinden kann. Das hätte natürlich keinerlei Relevanz, wenn ich den Ausdruck Kommunikation – wie ganz viele Menschen – für etwas ganz anderes und mir ganz unbewusstes verwenden würde.

Kommunikation in (m)einer kybernetischen Systemtheorie

Als Kommunikation bezeichne ich durch die Kategorien (m)einer kybernetischen Systemtheorie eigentlich einen Prozess, durch welchen ein System sein dynamisches Gleichgewicht durch Signale regelt, deren Wirkung mir kontingent erscheint. Ich verwende den Ausdruck Kommunikation aber in vielen Hinsichten auch metaphorisch. Ich erläutere im Folgenden diese Differenz, indem ich meinen eigentlichen Kommunikationsbegriff systematisch entwickle und die Metaphern darauf zurückführe.

Als kybernetisches System bezeichne ich einen geregelten Mechanismus genau dann, wenn ich sein Verhalten in der Erklärung eines Phänomens beschreibe. Systeme sind in diesem Sinne Referenzobjekte von abstrakten, inhaltslosen Abbildungen, die die geregelte Veränderung einer Entität beschreiben. Wenn ich umgangssprachlich von etwas sage, es sei ein ystem, drücke ich aus, dass sich dieses Objekt unter kybernetischen Gesichtspunkten so verhält, dass ich dessen Funktionsweise mit einem Regelkreis-Schema sinnvoll beschreiben kann.

Das kybernetische System ist kein technisches System, sondern ein abstrakter Gegenstand, den ich mit Kategorien beschreibe, die sich auch in der Technik bewähren und sich anhand der Technik leicht veranschaulichen lassen. Es geht im Wesentlichen um Regelung durch Feedbackprozesse. Ein kybernetisches System hat sekundäre Energiekreise, die Schalter in relativ primären Energiekreisen steuern. Wenn ich beispielsweise das Licht in meinem Wohnzimmer anzünde, ist der elektrische Strom, der die Lampe zum Glühen bringt, die primäre Energie. Und meine körperliche Energie, die ich verwende, um den Lichtschalter zu drücken, damit der Strom fliessen kann, ist relativ dazu sekundäre Energie, mit welcher der Stromkeis gesteuert wird. Wenn ich jemanden bitte, das Fenster zu öffnen, verwende ich meine Energie zum Sprechen, womit ich seine Energie, mit welcher er das Fenster öffnet, steuere. Die sekundäre Energie bezeichne ich als Signal und umgangssprachlich als Information.

Die einfachste Regelung beruht auf impliziten Signalen. Der Fliehkraftregler der Dampfmaschine von J. Watt oder der Schwimmkörperregler einer WC-Spülung regeln ohne explizites Signal. Der Schwimmkörper der WC-Spülung schliesst oder öffnet die Wasserzufuhr direkt durch seine Bewegung. Bei der thermostaten-geregelten Heizung dagegen fliesst ein elektrisches Signal vom Thermostaten zum Oelbrenner. Dieses Signal fliesst auf einem eigenen elektrische Energiekreis, der den Oelkreis der Heizung steuert, geheizt wird mit der Energie des Oels. Die Heizung ist eine Maschine, die sich von allerlei Störungen abgesehen trivial verhält. Der Oelbrenner reagiert immer gleich auf das Signal vom Thermostaten, wenn er nicht gerade kaputt oder kein Oel im Tank ist. Das Signal kann aber an zusätzliche Bedingungen geknüpft werden und es kann an verschiedene Empfänger geschickt werden. Beispielsweise kann das Signal von der Tageszeit abhängig gemacht werden und es kann neben der Heizung auch einen Sonnenstoren und eine Klimaanlage steuern.

Das Signal ist in jedem Fall ein strukturierter Energiefluss. Im einfachsten Fall fliesst Strom oder nicht. In komplizierteren Fällen hat das Signal ein Muster wie beispielsweise das SOS-Signal, mit welchem ich um Hilfe rufe. Die Schallwellen, die ich in einem Gespräch produziere, sind noch etwas komplizierter strukturiert. Signale lösen Massnahmen aus. Bei trivialen Maschinen ist die jeweilige Massnahme durch die Konstruktion der Maschine festgelegt. Wenn ich meinem Hund rufe, reagiert er nicht immer gleich. Er repräsentiert keine triviale Maschine eben genau darin, dass er entscheidet, wie er auf mein Signal hin reagiert. Ich kann meinen Hund dressieren und ihn so dazu bringen, dass er sich wie eine triviale Maschine verhält. Dabei kann ich abweichendes Verhalten als – therapeutisch reparierbare – Störung verstehen. Ich könnte überdies den Hund sogar als sehr komplizierte Maschine auffassen, so dass seine Reaktionen festgelegt wären, obwohl ich sie nicht verhersagen kann.

Triviale Maschinen können sehr kompliziert sein. Sie sind dann in ihren Reaktionen festgelegt, aber ich kann diese nicht vorhersagen, wenn ich nicht genug über die Maschine weiss. Mir erscheint dann das Verhalten der Maschine komplex. Mich interessiert hier nicht, ob mein Hund letztlich eine deterministische Maschine ist. Weil er nicht immer gleich reagiert, wenn ich ihm etwas zurufe, reagiert er für mich komplex, unabhängig davon, ob er nur eine komplizierte Maschine ist oder nicht. In ihm wird entschieden, wie er auf mein Signal reagiert. Ich erkenne dabei, dass meine Signale unterschiedlich interpretiert oder gedeutet werden können. Ich erkenne, dass der Hörer bestimmt, was ich mitteile.

Im Falle einer einfachen Regelung löst das Signal eine Massnahme aus, die ich nicht ihrerseits als Signal bezeichne. Ein bestimmtes Signal vom Thermostaten führt dazu, dass die Heizung einschaltet. Es gibt aber auch Signale, die weitere Signale auslösen. In der Heizung etwa löst das Signal des Therometers im Thermostaten ein Signal an die Heizung aus. Die Heizung sendet dann in Form von Wärme ein implizites Signal an das Thermometer, weshalb ich von einem Regelkreis spreche. Im komplizierteren Fall eines Gespräches bezwecke ich – egozentrisch gesprochen – eine Massnahme, die sich in einer Antwort, also wieder als sprachliche Tätigkeit zeigt. Das Signal löst dann ein Signal aus, dass vom Empfänger an den Sender zurückfliesst. Im einfachsten Fall handelt es sich um die Antwort auf eine Datenbank-Abfrage, die mit einem Signal beantwortet wird. ich frage beispielsweise jemanden nach der Uhrzeit und er antwortet mit drei Uhr. Im komplizierteren Fall des Gespräches beeinflussen sich die Antworten gegenseitig.

Von Kommunikation im eigentlichen Sinn spreche ich, wenn die Signale auf nicht triviale Weise interpretiert werden. Diese Interpretationen deute ich als Deutungen. Wenn ich eine Maschine konstruiere, die auf Signale reagiert, lege ich fest, wie das Signal interpretiert wird. Im ABS (Antiblockiersystem) etwa wird das durchgedrückte Bremspedal als Wunsch auf möglichst rasches Anhalten interpretiert, weshalb die Räder nicht blockieren dürfen. Dem ABS ist quasi gleichgültig, wer weshalb das Bremspedal durchdrückt. Ich kann das Signal als Ausdruck von Schrecken deuten, was das ABS nicht interessiert. Ich kann auch blockierte Räder zum Sliden wollen, was das ABS auch nicht verstehen kann, weil seine Interpretation festgelegt ist.

Ein Signal, das gedeutet wird, bezeichne ich als Symbol. Wenn ich ein Wort höre, muss ich immer deuten, wofür es steht, auch wenn mir das im Alltag sehr selten bewusst ist. Und meine Deutungen sind immer konsensuell, das heisst ich deute immer auch den Zusammenhang, in welchem ich das Wort höre. In diesem Text etwa verwende ich das Wort Signal für einen Energiestrom. In anderen Kontexten bezeichne ich mit demselben Wort aber eine Lichtanlage, die der Verkehrsregelung dient. Wenn das Verkehrsignal auf rot steht, muss ich – von Ausnahmen, wie wenn ich es etwa sehr eilig habe, abgesehen – anhalten. Natürlich kommen dann vom Lichtsignal, das eine Art Zeichenkörper darstellt, Signale aus Licht in meine Augen. Und wenn ich Symbol sage, meine ich damit sowohl den Zeichenkörper als auch das von ihm ausgehende Signal, das ich deuten muss. Diese verkürzten Redeweisen sind praktisch und manchmal problematisch.

Das Wort Kommunikation ist natürlich auch ein Symbol. Ich verwende es – davon handelt ja dieser Text – eigentlich für Signalprozesse, in welchen die Signal als Symbole gedeutet werden. Aber in einer metaphorischen Redeweise verallgemeinere ich den Ausdruck für alle Signalprozesse, also auch für technisch festgelegte. Ich weiss nicht, wann Communication in der englischen Sprache noch so unüblich war, wie es P. Watzlawick 1970 für die deutsche Sprache für die vermeintliche Übersetzung Kommunikation postuliert hat. Aber im Kontext der Kybernetik wurde der Begriff Kommunikation vor allem durch C. Shannon geprägt, der damit Signalprozesse jenseits von Deutungen bezeichnete. N. Wiener hat Kybernetik als Regelung und Kommunikation im Tier und in der Maschine bestimmt. Er hat offen gelassen, worin sich Regelung und Kommunikation unterscheiden, aber Kommunikation auf Maschinen bezogen und mit Tier einen maschinenartigen Körper bezeichnet, in welchem Signale nicht gedeutet werden. Die Kommunikationstheorie von C. Shannon und N. Wiener behandelt nur den Signalaspekt. Kommunikation ist darin eine Metapher, die die Deutung eines Symbols ausblendet, so wie ich mit dem Fuss eines Berges ausblende, dass der Berg kein Lebewesen ist.

Fortsetzung folgt ..

Hyperkommunikation


Als Hyperkommunikation im engeren Sinne begreife ich die Kollaboration an einem Hypertext. Diese kann etwa stattfinden, wenn mehrere Menschen kollaborativ eine „Homepage“ im Internet unterhalten. In einer solchen Kollaboration nimmt jeder der Beteiligten am gemeinsamen Text genau die Veränderungen vor, die den Text für ihn selbst stimmig machen. Jede Veränderung des Textes kann auf alle Beteiligten zurückwirken. Mit ihren Veränderungen am gemeinsamen Text perturbieren sich die Beteiligten gegenseitig bis ein relativer Gleichstand erreicht ist, der natürlich durch jeden weiteren Text wieder aufgehoben werden kann (Ein mögliches Verfahren ist im Crash-Kurs Hyperbibliothekhypertext_text beschrieben.)

Die je individuelle Arbeit am Text – den ich als Artefakt betrachte -, stelle ich mir dabei analog dazu vor, wie ein bildender Künstler mit der Entwicklung seines Gegenstandes verfährt. Ich verändere den Text wie ein anderer eine Skulptur bearbeitet, bis das Kunstwerk ent-(ausge)-wickelt ist. Da ein solcher Hypertext das Produkt einer kollektiven Autorenschaft ist, verändert sich das Werk in der Sicht der einzelnen Beteiligten quasi selbständig. Ich schreibe etwas, und wenn ich den Text wieder lese, hat er sich verändert, weil andere ihn ergänzt oder umgeschrieben haben – worauf ich dann wieder reagieren kann.

Die Kommunikationsgemeinschaft konstituiert sich durch die Kollaboration. In der Hyperkommunikation hat der Text keine Mitteilungs-Funktion, die Kommunikation liegt in seiner kollaborativen Produktion, nicht in einer nachgelagerten Rezeption. Der kollektive Hyper-Autor ist künstlerisch autonom, er produziert für sich, nicht für eine (Einschaltquoten)-Leserschaft.

Die kollaborative Hyper-Textkonstruktion ist exemplarisch, das zugrunde liegende Konzept gilt für jeden Dialog. Siehe dazu auch Die Genesis der Hyperkommunikation