Fiktion, fiktiv


Als Fiktion bezeichne ich eine durch ein spezifisches Verfahren hergestellte Erscheinung. Ein Zauberer etwa bringt mich dazu, dieses Verfahren anzuwenden, damit ich sehen kann, wie ein Kaninchen im Hut verschwindet. In diesem Sinne ist die Fiktion eine Tat-Sache: ich muss etwas ganz bestimmtes tun (Tat), damit ich eine bestimmte Sache wahrnehmen kann. Umgekehrt ist jede Tat-Sache eine Fiktion, weil ich immer etwas ganz bestimmtes Tun muss, um Tatsachen zu erkennen. Quasietymologisch kommt Fiktion wie Faktum von facere (machen).

I. Newton sagte: „Hypotheses non fingo“
(Ich erfinde keine Hypothesen oder Ich bastle keine unsinnige Begründungen oder ich beobachte den Wertebereich meiner Hypothesen: Wenn ich etwas über die Temperaturabhängigkeit der Ausdehnung einer Quecksilbersäule sage, sage ich nichts (keine Hypothese) darüber aus, weshalb die Quecksilbersäule eine oder eine bestimmte Temperatur hat).
G. Bateson sagte: „Jede Aussage, die zwei deskriptive Aussagen miteinander verknüpft, ist eine Hypothese“ ( beides: H. von Foerster: Wissen und Gewissen:135). Die Fiktion ist dabei jenseits der beschriebenen Sache.

Im englischen Sprachraum wird bei Büchern Fiction (zb Romane) von Nonfiction (Sachbücher) unterschieden. Wenn ich einen Roman lese, frage ich mich nicht, ob das Gelesene wahr ist, bei einem Sachbuch dagegen schon. Die Fiktion zielt darauf, dass ich die Frage nach der Wahrheit nicht stelle.

Im deutschen Sprachraum wird der Fiktion oft eine Realität gegenübergestellt, was die Fiktion verdopppelt, so dass die reale Fiktion und die fiktive Realität getrennt beobachtet und verschieden bewertet werden können. Die reale Fiktion verliert dabei – wie als Roman – ihre Problematik, Fiktion zu sein. Die fiktive Realität aber wird zum Politikum von Erkenntnistheorien (und entsprechenden Soziologien). Ich werden darauf zurückkommen.

Vergl. Fiction: der Pilot im Simulator

Fiction: der Pilot im Simulator


Die Wörter Fiction und Non-Fiction könnte man in gewissen Hinsichten mit Erfindung und Entdeckung übersetzen, denn Fiction steht im Englischen (auch) für (phantastische) Literatur und Non-Fiction steht für Sachbücher. Und Science-Fiction ist auch bei uns Inbegriff für wissenschaftlich verbrämte und mithin (noch nicht) wahre Geschichten. Wenn ich Fiction lese oder höre, frage ich mich nie, ob das, was mir erzählt wird, stimmt. Wenn ich dagegen Non-Fiction lese oder höre, frage ich mich immer, ob das stimmt. In einem Roman glaube ich alles, einem Sachbuch glaube ich fast nichts. Warum wohl? Wenn Sie auch etwas von dieser meiner Haltung haben, bitte ich Sie das folgende sofort als Science-Fiction, mit Betonung auf Fiction aufzufassen – ich werde Ihnen später ohnehin gute Gründe dafür liefern.

Ich lade Sie also ein zu einer Fiction: Stellen Sie sich bitte einen Flugsimunlator vor. Stellen Sie sich bitte aber einen absoluten Flugsimulator vor, bei welchem Sie als Pilot nicht erkennen können, ob Sie im Flugzeug oder im Simulator sitzen. [1]. Beim Non-Fiction-Simulator, den Sie von Ihrer konventionellen Ausbildung kennen, geht es natürlich gerade darum, dass Sie wissen, dass Sie im Simulator sitzen. Dort dient der Simulator für Übungen, die Sie im Flugzeug besser nicht machen; entweder weil Sie am Anfang der Ausbildung eine bestimmte Maschine noch nicht gut genug fliegen können, oder weil Sie Situationen üben, die Sie auch als geübter Pilot nicht gerne im Non-Fiction-Bereich erleben würden [2].

Ich will einen zentralen Aspekte unseres Flugsimulators hervorheben, auf welchen ich später zurückkommen will. Vorderhand haben Flugzeuge noch Fenster, der Pilot kann also sehen, was ausserhalb des Flugzeuges passiert. Der Simulator, den wir uns vorstellen, muss also auch Fenster haben, durch welche man sehen kann, was draussen passiert, weil er ja so sein soll, dass man – von innen – keine Unterschiede zu einem Flugzeug feststellen kann.

Nun kommt der nächste Schritt: Schliessen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, dass Sie kurz betäubt wurden. Jetzt wachen Sie auf und sitzen in unserem Simulator – oder eben im Flugzeug, was für Sie logischerweise dasselbe ist. Nur von aussen kann man sehen, ob es sich um das eine oder um das andere handelt. Natürlich sitzt Ihr Co-Pilot neben Ihnen, er weiss aber bezüglich des Simulators auch nicht mehr als Sie. Sie kriegen über Funk die Anweisung eine bestimmte Destination anzufliegen. Den Flughafen, auf welchem Sie sich zur Zeit befinden, erkennen Sie leicht, weil Sie durch das Fenster nach aussen schauen können.

Sie „fliegen“ los, das heisst, Sie tun alles, was ein Pilot in der gegebenen Situation tut. Sie kontrollieren alle Bedingungen, starten die Maschine, kommunizieren mit dem Turm und Ihrem Co-Piloten, usw. Sie verhalten sich so, wie Sie sich logischerweise verhalten. Ihnen ist – jetzt noch – völlig gleichgültig, ob Sie im Flugzeug oder im Simulator sitzen.

Sie wollen 20000 Fuss hoch fliegen. Sie sehen auf dem Höhenmesser, dass Sie 20000 Fuss erreicht haben und stellen das Flugzeug flach. Ich bitte Sie, mir meine Laienterminologie nachzusehen. Ich kann leider (noch) nicht fliegen. Natürlich wissen wir, dass bei einem gut funktionierenden Flugzeug die wirkliche Flughöhe und die Anzeige auf dem Höhenmesser zusammenpassen, weil sie kausal verknüpft sind. Aber im Simulator ist das natürlich nicht der Fall. Und falls Sie jetzt im Flugzeug statt im Simulator sitzen, wissen Sie natürlich nicht, ob das Flugzeug jetzt gerade gut funktioniert. Also schauen Sie sicherheitshalber aus dem Fenster und sehen weit unter sich das Matterhorn vorbeiziehen. Aber: in unserem Simulator werden ja auch die Fenster simuliert.

Das operational geschlossene System

Jetzt lade ich Sie zu einer Reflexion der Situation ein. Mit Reflexion meine ich eine gedankliche Spiegelung dessen, was Sie tun. Natürlich gibt es sehr verschiedene Möglichkeiten, wie man das eigene Tun auffassen kann. Ich will Ihnen eine Möglichkeit vorstellen, die im Zentrum des Radikalen Konstruktivismus steht: das operationell geschlossene System.

Dazu will ich zuerst ein paar fiktive Worte zur Systemtheorie überhaupt sagen; es gibt beliebig viele Systemtheorien, deshalb bestimme ich etwas genauer, wovon hier die Rede ist. Rosenblueth und Wiener haben das Konzept „Feedback“ zur Beschreibung des Verhaltens von Organismen und Maschinen erfunden und schliesslich Kybernetik genannt. Die ersten Beispiele für Automaten waren – etwas, was Piloten heiss lieben – Flugzeugabwehrkanonen. Ein (nur leicht, aber dafür im doppelten Wortsinn) humaneres Beispiel ist ein Organismus, etwa eine Kröte, die mit den Augen einer fliegenden Fliege folgt. In beiden Fällen geht es darum, mit einem relativ trägen Instrument einem Objekt mit einem relativ komplizierten Bewegungsverlauf zu folgen.

Der Aspekt, der mir hier wichtig ist, ist die Verschmelzung des systemischen Verständnisses von Organismus und Maschine. Durch die Systemtheorie verstehe ich alles als Funtkionsweise von Feedback-Mechanismen. Richtig verstanden habe ich ein Phänomen, wenn ich eine Maschine konstruieren kann, mit welcher ich das Phänomen erzeugen kann. Ich verstehe also im Prinzip wie die Kröte der Fliege folgt, wenn ich ein Flugzeugabwehrkanone konstruieren kann. Ein anschaulicheres Beispiel für ein System – als die „Augenkanone“, die erklärt, wie man konstant richtig zielt – ist die thermostatengeregelte Heizung, mit welcher ich erklären kann, warum es in meiner Wohnung (mehr oder weniger) immer gleich warm ist. Mit einem vergleichbaren Mechanismus erkläre ich auch, wie meine Körpertemperatur relativ konstant bleibt. Systemtheoretisch heisst in diesem Sinn, dass ich Phänomene mit Feedback erkläre. Und Feedback nenne ich das Signal, das von einem Sensor zu einem Aktor fliesst. Bei der Heizung etwa das Signal, das vom Thermometer über den Thermostaten zum Oelbrenner fliesst und dort die Oelmenge reguliert.

Nun kann man Systeme funktional oder konstruktiv beschreiben. Wenn ich die thermostatengeregelte Heizung funktional beschreibe, beschreibe ich ein offenes System, das auf die Raumtemperatur reagiert, weil das eben die Funktion der Heizung ist. Die Raumtemperatur gehört natürlich nicht zur Heizung, sondern ist die „Umwelt“ der Heizung. Offene Systeme reagieren auf ihre Umwelt. Wenn ich die Heizung konstruktiv beschreibe, dann beschreibe ich wie der Oelbrenner auf den Zustand des Thermostaten reagiert. Der Thermostat ist ein Bastandteil der geregelten Heizung, er gehört zur Heizung, nicht zuderen Umwelt. In diesem Sinne sage ich, dass die Heizung auf ihren eigenen Zustand reagiert, weil sie auf den Zustand des Sensors reagiert. Das nenne ich ein operational geschlossenes System. Bitte beachten Sie, dass sich „offen“ und „geschlossen“ auf meine systematischen Auffassung von der Heizung, nicht auf die Heizung bezieht. Der Heizung ist egal, ob ich sie als offen oder als geschlossen beschreibe, sie funktioniert unabhängig von meiner systematischen Beschreibung – wenn sie funktioniert.

Die Blackbox

Falls Sie die Fiktion immer noch mitmachen, sitzen Sie immer noch – reflektierend – in unserem absoluten Simulator. Sie haben das Flugzeug gerade auf der gewünschten Flughöhe flach gestellt. Jetzt fragen Sie sich, worauf Sie reagiert haben: entweder darauf, dass das Flugzeug die gewünschte Flughöhe erreicht hat, oder darauf, dass der Höhenmesser eine bestimmte Zahl anzeigt hat.

Natürlich ist es wie bei der Heizung: dem Flugzeug ist es egal, ob Sie auf die Flughöhe oder auf die Instrumente reagieren – und dem Simulator natürlich auch. Wenn Sie bewusst in Ihrem konventionellen Non-Fiction-Simulator sitzen, fingieren Sie, Sie würden so hoch fliegen, wie das Instrument anzeigt – das ist ja gerade der Witz des Simulators. Dort reagieren Sie logischerweise auf das Instrument, weil Sie wissen, dass Sie gar nicht in der Luft sind.

Dieses Wissen wird durch unseren Simulator problematisiert. Sie wissen gerade nicht, ob Sie in der Luft sind. Sie sehen einfach, dass und wie das „Flugzeug“ auf Ihre Manipulationen reagiert. Sie sehen aber natürlich nicht das Flugzeug, sondern nur das Cockpit (und das, was sich vermeintlich vor den Fenstern abspielt). Sie sehen also beispielsweise, dass Sie das Höhenruder einziehen und dass der Höhenmesser eine konstante Höhe anzeigt. Im Flugzeug könnte man dieses Phänomen damit erklären, dass das Flugzeug aufgrund der Flügelstellung in einer gleichmässigen Höhe fliegt. Im Simulator bräuchte man natürlich eine andere Erklärung, etwa dass ein aufwendiger Computer die entsprechenden Signale verarbeitet.

In der Systemtheorie gibt es den Ausdruck „Blackbox“, er steht aber für etwas anderes als in der Flugzeugtechnik, eigentlich für das Gegenteil. Blackbox heisst in der Systemtheorie eine Box, in die man nicht hineinsehen kann, weil die Wände „black“ sind. Man kann sehen, wie die Blackbox reagiert und sich überlegen, wie sie konstruiert sein könnte, dass sie so und nicht anders reagiert. Natürlich spielt keine Rolle, ob der Beobachter relativ zur Blackboxwand innen oder aussen ist. Die Blackbox ist immer das, was er aufgrund von Beobachtungen an deren Oberfläche rekonstruieren muss. So kann ich mich etwa fragen, was im Kopf einer Kröte passiert, wenn sie mit den Augen eine Fliege verfolgt. Die Kröte ist dann eine Blackbox, weil ich nicht in die Kröte hineinschauen kann. Wenn ich aber die Konstruktion einer Flugzeugabwehrkanone kenne, kann ich damit erklären, wie die Steuerung der Augen der Kröte funktionieren könnte, weil ich einen Mechanismus kenne, der eine analoge Funktion hat.

Sie sitzen zur Zeit in einer Blackbox, die ich bisher als „absoluten Simulator“ bezeichnet habe. Die naheliegenste Erklärung für das Verhalten der Instrumente und der Fenster, die Sie sehen, ist, dass Sie in einem Flugzeug sitzen und gerade über das Matterhorn fliegen. Ich glaube, das wäre weitgehend die einzige Erklärung, wenn Sie nicht wüssten, dass es auch Simulatoren gibt. Das, was Sie sehen – also die Reaktionen der Instrumente auf Ihre Manipulationen, kann man – vom Simulator abgesehen – eigentlich nur als Pilot eines fliegenden Flugzeuges sehen.

Der Radikale Konstruktivismus

Nun will ich die Fiktion noch etwas weitertreiben: Bisher habe ich eine Maschine, nämlich unseren „Flugzeug(Simulator)“ als System betrachtet. Jetzt betrachte ich meinen Organismus als System. Als Anzeige-Instrument betrachte ich die Netzhaut in meinen Augen. So wie Sie im Flugzeug durch die Manipulation des Höhenruders die Anzeige auf dem Höhenmesser (oder im Fenster) beeinflussen können, kann ich die „Anzeige“ auf meiner Netzhaut beeinflussen, indem ich beispielsweise meinen Kopf drehe oder ein paar Schritte gehe. Wiliam Powers (1973) hat geschrieben, dass jedes Verhalten der Kontrolle der Wahrnehmung, also der Steuerung der Anzeige auf den Instrumenten diene. Wenn Sie also das Höhenruder betätigen, dann dazu, dass auf dem Höhenmesser oder im Fenster ein anderes Bild erscheint. Wenn ich den Kopf bewege, dann dazu, dass auf meiner Netzhaut ein anderer Zustand erscheint.

Meine Augen gehören natürlich zu mir, nicht zu meiner Um-Welt. Da ich meinen Organismus als operationell geschlossenes System auffasse, reagiere ich auf meine eigenen Zustände, also etwa auf die Zustände auf meiner Netzhaut, und nicht auf irgendeine „Umwelt“ [3].

Ich sitze also in einer Blackbox, die ich Organismus nenne. Und weil ich in einer Blackbox sitze, ist es für mich eine unentscheidbare Frage, ob ich in einem absoluten Simulator meines Organismuses oder in meinem Organismus stecke. Im Normalfall spielt das aber auch überhaupt keine Rolle, ich verhalte mich in beiden Fällen identisch, so wie ich auch in unserem Flugsimulator und im Flugzeug dasselbe tun würde. Und wenn ich mich identisch verhalte, habe ich auch dieselben Erlebnisse und Gefühle, weil mein Verhalten ja zu denselben Ergebnissen führt.

Als Radikalen Konstruktivismus bezeichne ich die Auffassung, dass die Frage, ob ich im Simulator sitze, nicht entscheidbar ist. Diese Idee durchzieht die Philosophie seit die alten Griechen die Skepsis erfunden haben. Entwickelt erscheint die Idee bei Kant, der von einer Kopernikanischen Wende gesprochen hat, obwohl seine Gedanken schon lange vor ihm bekannt waren. I.Kant hat vorgeschlagen, dass sich unsere Erkenntnis nicht nach objektiven Gegenständen richtet, sondern dass sich die Gegenstände nach unserer Erkenntnis richten. J. Piaget hat die Philosophie von Kant mit seinen Konzepten „Objektkonstanz“ und „la construction du réell“ in gewisser Hinsicht als Konstruktivismus operationalisiert. Und E. von Glasersfeld hat die Ideen von Piaget radikal formuliert. In einem Satz zusammengefasst geht es um die zwei Möglichkeiten: Entweder ich sehe die Welt, so wie ich sie sehe, weil die Welt wirklich und objektiv so ist, oder ich erkläre mir die Wahrnehmungen meines eigenen Zustandes, indem ich eine dazu passende Welt erfinde. Im ersten Fall ist die Welt objektiv, indem sie aus von mir unabhängigen Objekten besteht, im zweiten Fall ist meine Welt eine Fiktion, die zu meinen Wahrnehmungen passt.

Quasi-etymologisch steht „Fiktion“ in einem sehr spezifischen Sinn für Tat-Sache, worauf Bateson – Newton zitierend – hingewiesen hat. Eine Fiktion ist ein Erzeugnis oder eben die Sache einer geistigen Tat. Wenn ich mir in meiner Blackbox überlege, wie meine Um-Welt beschaffen sein muss, damit ich mit ihr meine Wahrnehmungen erklären kann, dann mache ich Hypothesen oder nach Newton eben Fiktionen. Ich nehme jetzt auf meinem Anzeige-Instrument „Netzhaut“ einige Personen wahr. Meine einfachste Erklärung dafür ist natürlich, das einige Personen „wirklich objektiv“ in meiner Um-Welt vorhanden sind. Kant nennt diese Erklärung „notwendig falsches Bewusstsein“. Ich nenne sie mit Newton Fiktion. Das Fiktive an der Fiktion ist, dass sie eine mögliche Erklärung ist, aber oft als die einzig mögliche Erklärung betrachtet wird [4].

Die wohl bekannteste Narration dieser Fiktion ist das Höhlengleichnis von Plato. Das Höhlengleichnis hat zwei Teile. Der erste Teil wird in einigen halbwegs äquivalenten Varianten wiedergegeben: Ein Mensch mit fixiertem Auge schaut auf die Rückseite der platonischen Höhle. Hinter ihm wird ein Schatten-Schauspiel produziert, so dass er die Schatten an der Wand sieht, aber nicht, dass sie eine Ursache haben, und schon gar nicht, welche Ursache sie haben. Die Schatten bilden den phänomenalen Bereich dieses Menschen, sie sind seine „Wirklichkeit“, für die er Erklärungen suchen kann. Im zweitenTeil wird der Mensch losgebunden. Er sieht das Schattenspiel. Jetzt ist er erleuchtet, weil er die Beleuchtung gesehen hat. Aber wie soll er das jenen Menschen erklären, die immer noch in ihrer Wirklichkeit angebunden sind? Müssten sie ihn nicht für verrückt halten?

Nicht entscheidbare Fragen

Ich sehe Plato als ganz gewieften Sklavenhalter, der in seinen „sokratischen Dialogen“ – übrigens wie der diebische G. Galilei in seine discorsi – immer einen Schritt voraus ist. Plato weiss, was seine Sklaven nicht wissen, nämlich dass sie nur Schatten sehen, und er weiss auch, dass seine Sklaven zu dumm sind, um seine Erleuchtung nachzuvollziehen.

Für die gewöhnlich Sterblichen ist die Frage, ob sie die Wirklichkeit oder nur Schatten an der Höhlenwand sehen, nicht entscheidbar. Und da fängt das besondere am Konstruktivismus an: Es gibt Fragen, die sind entscheidbar und es gibt Fragen, die sind nicht entscheidbar. Grundlage dieser Fiktion ist, dass Fragen wie: „Wieviel ist 2 + 2 ?“ in ihrem Kontext eine klare Antwort haben, während K. Gödel mathematisch bewiesen hat, dass es in der Mathematik nicht entscheidbare Fragen gibt. Fragen, die entscheidbar sind, sind immer schon entschieden. Man kann nichts entscheiden, sondern nur die bereits entschiedene Antwort entdecken. Fragen dagegen, die nicht entscheidbar sind, können wir entscheiden (H. von Foerster). Dabei übernehmen wir Verantwortung, das heisst, wir müssen später antworten können auf die Frage, weshalb wir uns so und nicht anders entschieden haben – falls uns jemand zu antworten zwingen kann [5].

Die nicht-entscheidbare Frage, die im Radikalen Konstruktivismus aufgehoben ist, lautet: Was ist in der Blackbox, die meinen Organismus als meine Um-Welt umgibt? [6]

Wahrheit statt Fiktion

Wenn ich die Fiktion aufgebe, dass ich wissen kann, was in der Blackbox um mich herum wirklich ist, kann ich keine Wahrheit mehr behaupten. Die Wahrheit erscheint dann als Erfindung eines Lügners. Aber was verliere ich und was gewinne ich, wenn ich auf Wahrheit verzichte? Ich will diese Frage nicht ethisch sondern empirisch angehen, also schauen, wo in meiner Praxis Wahrheit überhaupt einen Stellenwert hat. [7].

Die Wahrheit oder die Wirklichkeit oder die Realität interessiert mich – im Prinzip – nicht. Wenn ich in unserem Flugsimulator sitze, ist es doch gleichgültig, ob das Matterhorn, das unten vorbeizieht wirklich dort unten ist, oder ob es eine Anzeige in meinem Fenster ist. Es ist gleich schön und weckt in mir die gleichen Erinnerungen. Wenn der Höhenmesser 20000 Fuss zeigt, will ich nicht wissen, wie hoch ich wirklich fliege, ich sehe ja, dass ich auf 20000 bin. Wann also wird das Prinzip verletzt, wann interessiere ich mich für Wahrheit?

Die empirische Frage, die ich vorschage, lautet: Ueberlegen Sie bitte, wann, respektive in welcher Situation Sie eines der Wörter mit der Bedeutung von „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ ausgesprochen oder gehört haben. Ueberlegen Sie also nicht, was die Wörter genau bedeuten, sondern wann sie von Ihnen oder von andern tatsächlich verwendet werden.

Meine Erfahrung ist folgende: Ernsthaft werden diese Wörter ausschliesslich in Situationen verwendet, in welchen jemand in arger Not ist, es sind agressive Beschwörungs- oder Hilferufe. Ein ganz typischer Ort ist etwa ein Mordprozess, wo ein Angeklagter und der Staatsanwalt von ganz gegensätzlichen Dingen behaupten, sie seien wirklich wahr. Diese Wörter werden in Situationen verwendet, in welchen es extrem wichtig erscheint, dass andere Menschen dieselben Für-wahr-nehmungen machen, dies aber nicht freiwillig tun. Es sind Wörter, die ich nur im Streit und im Krieg höre, also nur dann, wenn die Situation bereits katastrophal ist.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Sie fiktiv immer noch in einem absoluten Simulator sitzen. Nun haben Sie in diesem Simlulator zwei (oder beliebig mehr) Höhenmesser. Die zeigen logischerweise im Normalfall alle dieselbe Höhe an. Jetzt sehen Sie plötzlich, dass verschiedene Höhen angezeigt werden. Jetzt wären Sie natürlich sehr froh, wenn Sie wüssten, dass Sie in einem konventionellen Simulator sitzen. Dann müssten Sie abwägen, ob diese Störung Teil einer Uebung ist, die Sie gerade durchspielen, oder ob der Simulator eine Störung hat. In beiden Fällen würden Sie mehr oder weniger cool – und am Boden – bleiben. Weit ungemütlicher wäre es, wenn Sie wüssten, dass Sie im Flugzeug sitzen. Diese Situation bezeichne ich als Krise, und wenn sie sich entsprechend entwickelt, als Katastrophe. Das ist der Augenblick, wo „man“ wirklich wissen möchte, was wirklich der Fall ist. Sie schauen aus dem Fenster …

Jetzt kehre ich mein Reden um: Wenn ein Pilot aus dem Fenster schaut, ist er in einer Katastrophe. Natürlich meine ich nicht den Piloten, der sich am Matterhorn, das weit unten in der Sonne glänzt, erfreut, sondern den Piloten, der überprüfen will, welcher seiner Höhenmesser richtig funktioniert, respektive welcher Höhenmesser die Wahrheit sagt. Ich erinnere Sie nochmals: meine Geschichte ist eine Fiktion. Aber ich habe schon mehrere Zeitungsartikel gelesen, in welchen beschrieben wurde, wie Piloten von irgendwelchen Dingen, die sie durch die Fenster sahen, zu falschen Annahmen geführt wurden und abstürzten. Ich meine natürlich nicht, dass das Rausschauen, also das wissen wollen, wie es wirklich ist, die Ursache für die Abstürze war. Ich meine, dass man genau in den Situationen, in denen ein Absturz schon grosse Wahrscheinlichkeit hat, also in einer Krise, aus der Blackbox rausschauen will.

Solange alles gut läuft, habe ich keinen Grund zum Rausschauen, wenn es gut läuft, ist es gleichgültig, ob ich im Simulator ode im Flugzeug sitze. Dann vertraue ich darauf, dass das System funktioniert, ich vertraue meinen Wahrnehmungen. Erst wenn ich dieses Vertrauen verliere, will ich aus dem System hinausschauen. Dann ist die Situation bereits so kritisch, dass Rausschauen nichts mehr nützt – und ganz besonders stimmt das natürlich in unserem absoluten Simulator.

Der konstruktivistische Dialog

Wenn ich die Fiktion aufgebe, dass ich wissen kann, was in der Blackbox um mich herum wirklich ist, kann ich meine Um-Welt als meine Fiktion erkennen. Meine Um-Welt erscheint mir dann als eine Fiktion, die zu meinen Erfahrungen passt, also eine Fiktion, mit welcher ich mir meine Erfahrungen erklären kann. Natürlich kann ich dabei nicht eine x-beliebige Umwelt erfinden, sondern nur eine die zu meinen Erfahrungen passt.

Dann kann ich annehmen, dass andere Menschen das auch tun, aber ich kann nicht annehmen, dass andere Menschen dieselben Erfahrungen machen wie ich – eben deshalb sind sie ja andere Menschen – und ich kann nicht annehmen, dass sie, falls sie dieselben Erfahrungen hätten, diese auch mit derselben Um-Welt erklären würden wie ich, weil es für jedes Verhalten einer Blackbox viele Erklärungen gibt. Wie etwa stellen Sie sich vor, wie eine Kröte ihre Augenbewegungen steuert? Mit einem Pentium-Prozessor, wie wir ihn in unseren Kanonen verwenden?

Im konstruktivistischen Dialog – den ich hier führe – kann es demnach nicht darum gehen, irgendeine Wahrheit zu finden, oder die andern von irgendeiner Wahrheit zu überzeugen. Es geht darum, sich der eigenen Fiktionen bewusst zu werden – und allenfalls darum gewinnbringendere Fiktionen aufzubauen. Im Dialog erzähle ich eine Möglichkeit – nämlich diejenige, die ich gerade zur Verfügung habe. In einer dialogischen Haltung prüfe ich nicht, ob das, was andere erzählen, richtig oder wahr ist, sondern ob es auch zu mir passen würde, also ob ich diese Fiktion auch erzählen könnte. Im Radikalen Konstruktivismus heissen die Fiktionen, die wir als Erklärungen verwenden, Konstruktionen. Das kann man sehr wörtlich verstehen. In der Systemtheorie werden ja Feedbackmechanismen – und das sind ja eigentliche Konstruktionen – als Erklärungen verwendet. Ein zentrales Postulat des konstruktivistischen Dialoges lautet: Erhöhe die Anzahl der Erklärungen! Je mehr verschiedene und je entwickeltere Konstruktionen mir zur Verfügung stehen, umso verantwortunsbewusster kann ich wählen. Wenn ich nur eine Möglichkeit sehe, bin ich ihr ausgeliefert.

Damit widerspiegelt der Konstruktivismus eine spezifische Sicht auf unsere Kultur. Natur ist alles, was autopoietisch oder eben selbst entsteht; Kultur ist alles, was wir herstellen, also konstruieren. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit besteht in immer entwickelteren Konstruktionen wie etwa Flugzeuge, Flugsimulatoren und absolute Simulatoren. Wir sind nicht schlauer als die alten Griechen, aber wir bauen schlauere Flügel als Ikarus oder Dädalus es getan haben – auch wenn wir der erleuchtenden Sonne immer noch oft zu nahe fliegen wollen.

Die Vorstellung einer Wahrheit führt zu einem Monolog. Als Monolog bezeichne ich ein Gespräch, das als Ziel hat, dass die Beteiligten dasselbe denken. Im Gegensatz dazu sehe ich den Dialog als ein Gespräch mit dem Ziel, dass viele Denkweisen entwickelt werden


Anmerkungen

[1] Ich verdanke die ganze Fiktion der U-Boot-Metapher von H. Maturana. (zurück)

[2] Dornheim (1995) berichtet von einem wörtlichen „Fall“: Piloten eines Airbuses mussten über dem Moskauer Flughafen durchstarten. Aufgrund der im System herrschenden Bedingungen wurde der Autopilot so aktiviert, dass Manipulationen der Piloten wirkungslos waren. Das Flugzeug wurde voll beschleunigt und voll nach oben gezogen. An der kritischen Grenze verlor der Autopilot die Kontrolle und das Flugzeug (kein Akrobatikmodell, sondern ein Airbus) trudeltet ab. Die Eigendynamik des Airbuses bewirkt, dass das Flugzeug fallend in einen stabilen Zustand zurückkommt, so dass der Autopilot seine Funktion wieder aufnimmt und das Flugzeug erneut voll durchstartet und hochzieht. Die Piloten realisieren nicht, dass ihre Manipulationen wirkungslos sind, sie steuern nach bestem Wissen und meinen, dass sie manchmal das Flugzeug in Griff kriegen und dann wieder verlieren. Erst nach mehrenen „Abstürzen“, die glimplicherweise alle über dem Boden endeten, merken die Piloten, dass nicht sie, sondern der Autopilot steuert. Sie stellen den Autopilot ab und landen das Flugzeug ganz normal, wie wenn nicht gewesen wäre. (zurück)

[3] Die Nervenimpulse die von den Sinnesorganen ins Gehinrn gelangen, machen einen sehr geringen Anteil der dortigen Nervenimpulse aus. Das Gehirn ist viel mehr mit seinen eigenen Zuständen beschäftigt, als mit dem, was quasi von ausen kommt. (zurück)

[4] Die Behavioristen, die die Blackbox vorgeschlagen haben, vertraten die Ansicht, man müsse sich nicht darum kümmern, was in der Blackbox drin sei, weil man das ohnehin nicht verifizieren könne. Sie begnügten sich deshalb – bescheiden oder dumm – damit, das Verhalten (behave) der Blackboxes zu studieren. Die Systemtheorie interessiert sich für mögliche Inhalte der Blackbox. Wenn ein Mechanismus gefunden wird, der das Verhalten der Blackbox erklärt, kann man im Sinne des Engineerings eine entsprechende Blackbox bauen. Wer aber einen Roboter baut, muss sich nicht einbilden, ein Mensch würde auch so funktionieren. Die sogenannten Kognitivisten (Künstliche Intelligenz) versuchen mit ihren Modellen die menschliche Kognition zu beschreiben. Sie fallen damit weit hinter den Behaviorismus zurück.(zurück)

[5] Bei entscheidbaren Fragen können wir natürlich keine Verantwortung für die Antworten übernehmen, weil sie nicht von uns abhängig sind. Wissenschaftliche Aussagen sind in diesem Sinne immer verantwortungslos, weil sie von sich behaupten, nicht subjektiv zu sein. Wissenschaftliche Aussagen in einem strengeren Sinne unterstehen natürlich vor allem auch deshalb keiner Verantwortung, weil sie Propositionen im logischen Wenn-dann-Modus sind. Wenn ein bestimmtes Axiomensystem zugrunde liegt, dann stimmt 2 + 2 = 4. Wenn man eine bestimmtes Experiment genau wiederholt, dann kriegt man ein bestimmtes Resultat, usw. (zurück)

[6] Natürlich kann man die Frage über die Systemtheorie hinaus radikalisieren und den eigenen Organismus auch zur Umwelt zählen, wie das in Meditationen gemacht wird. Allerdings verschwinden dann auch Fiktion und Narration. (zurück)

[7] Ethik ist selbst ein Konzept wie Wahrheit und kann in dem vorgeschlagenen empirischen Spiel mitverwendet werden. Mehr zur Ethik (zurück)

Dialog-Kultur


Im Dialog beobachte ich Unterscheidungen, die zu verschiedenen Vorstellungen führen, und wie diese Unterscheidungen von diesen Vorstellungen abhängig sind. Viele dieser Unterscheidungen sind kulturell in dem Sinne fundamental, als sie innerhalb der jeweiligen Kultur kaum wahrgenommen werden. Im Dialog mache ich solche Unterscheidungen dia logos explizit, ich spreche sie aus und erkenne sie dabei. Dia Logos heisst durch das Wort. Eine Unterscheidung, die mein Dialogverständnis selbst betrifft, bezeichne ich mit Dialogkultur.

In meinem Alltag lebe ich in zwei verschiedenen Dialogkulturen, die etwas plakativ als jüdisch-gemeinschaftlich und griechisch-wissenschaftlich bezeichnet werden könnten. Die „griechischen“ Dialoge von Sokrates, die Galileo Galilei im sokratesSinne der Renaissance wieder aufgenommen hat, widerspiegeln sich in unseren wissenschaftlich orientierten Ausbildungen. Es geht dabei darum, Wissen mitzuteilen und sicherzustellen, dass alle dasselbe, das möglichst Richtigste wissen. Galileo Galilei hat dafür den Ausdruck Diskurs verwendet, weil er sich der zerschneidenden und entscheidenden Praxis solcher Diskussionen bewusst war. Den „jüdisch-religiösen“ Dialog dagegen erkenne ich als Gespräch, das an das Du gerichtet ist. Es geht mir in diesem Dialog darum, mich selbst in eine Beziehung zur Welt zu setzen, während ich die „griechische“ Wissenschaft gerade unabhängig von mir zu denken habe. Martin Buber bezeichnete diese Unterscheidung durch zwei verschiedene Ich-Formen, ein Ich-Es und ein Ich-Du. Das Es-Ich spricht – schliesslich wissenschaftlich – über die Welt, das Du-Ich spricht mit der Welt. Franz von Assisi sprach mit den Vögeln, nicht über die Vögel. Im Dialog laviere ich oft zwischen diesen Kulturen. Der Dialog erscheint mir unter diesem Gesichtspunkt als erfahrbare Differenz zwischen Dialog und Diskurs.

In der Diskurstheorie wird diese Differenz wissenschaftlich behandelt. Der Diskurs erscheint dabei als subjektfreies Gespräch der Wissenschaft, welches Wissen gerade dadurch generiert, dass jede Subjektivität sublimiert wird. Michel
Foucault geht in Freudscher Tradition sogar so weit, den Diskurs als gesellschaftlich inszenierten Dialog zu begreifen, in welchem durch die entlastende Inszenierung einer Objektivität alles gesagt werden darf, weil kein Mensch, sondern quasi die Wirklichkeit spricht. Die Wissenschaft kennt kein Tabu, der wissenschaftlich sprechende Mensch hat keine Verantwortung, weil er als Überbringer der Nachricht, quasi als Autor der Natur nur sagt, wie es wirklich ist. Und um die Wirklichkeit zu Worte zu kommen lassen, darf die Wissenschaft auch alles tun. Jedes Tabu wird zugunsten von objektivem Wissen als Hemmung in einer Ethik aufgehoben. Statt die Tabus zu brechen und dafür Ethik auszusprechen, wie Ludwig Wittgenstein es nannte, bringe ich im Dialog Hintergründe von Tabus zur Sprache.

Die Du-Es-Differenz verdoppelt sich in der Vorstellung, man könne den Dialog wie jenen von Sokrates als Verfahren einsetzen, um getrennte Parteien durch rhetorisch geschultes Reden zu einigen. Im Dialog geht es aber gerade nicht
darum, jemandem etwas mitzuteilen, sondern darum, etwas zu teilen. Wenn ich mitteile, behandle ich mein Gegenüber als Es, ich konfiguriere oder in-form-iere Es. Ich entscheide, was mein Gegenüber wissen muss. Im aufgehobenen Mitteilen des Dialoges habe ich gar kein individualisiertes Gegenüber, das ich informieren könnte. Ich nehme im Dialog zwar Personen wahr, aber ich nehme sie als persona eines Du. Wo ich zum Du spreche, idealtypisch beispielsweise im Gebet, reproduziere ich keine Information über die Welt, sondern spreche über mein Wahrnehmen in unserer Beziehung. Im Gebet erkläre ich nicht, wie es wirklich ist und ich stelle keine Fragen, weil ich keine Antworten einfordern kann. Wenn ich mir beim Beten zuhöre, höre ich, was ich gerne hätte, welche Welt ich gerne erleben würde.

Meine plakative Benennung der beiden Kulturen als jüdische und griechische hat mit dem Judentum sowenig zu tun wie die heutigen Griechen mit Sokrates. Ich bezeichne damit vielmehr kulturell übliche Assoziationen zur Religion und Wissenschaft. Das hier gemeinte Judentum, das das Christentum wie den Islam mitumfasst, steht für die Ich-Du-Kultur, die M. Buber genau deshalb als Religion bezeichnet, weil es im Unterschied zu anderen Weltanschauungen einen ansprechbaren Gott (hervorgebracht) hat. Die Griechen haben – wenn sie nicht selbst halbe Götter waren – über Zeus, aber nicht mit ihm gesprochen. Ohne die sinnfreie, an Wiedergeburtsvorstellungen erinnernde Vorstellung einer Renaissance, ist das wissenschaftliche Denken durch arabische Eroberer via Spanien nach Europa gekommen. Dieses Denken wurde den Griechen zugeschrieben, weil die Araber in der Reconquista natürlich so wenig Gutes repräsentierten, wie sie es heute tun. Die arabischen Zahlen sind dabei indisch geworden. Aber jenseits von solchen Zuschreibungen hat sich im dunklen Mittelalter eine Revolution ereignet, in welcher – in Worten von H. Arendt – die Arbeit durch das Herstellen des Homo fabers aufgehoben wurde. Der Homo faber – exemplarisch als Walter Faber im Roman von F. Frisch – interessiert sich weder für Gott und noch für zwischenmenschliche Verhältnisse. Er interessiert sich für das Herstellbare, das er als Es begreift und als Objekt so verallgemeinert, dass ihm – und sei es nur durch Genmanipulation oder Silicontechnik – alles zu herstellbaren Gegenstand wird.

In der zivilen Geschichtsschreibung steht das christlich reformierte Judentum für die Auflösung eines römischen Reiches im vermeintlich dunklen Mittelalter. Ich kenne – von vermuteten Bleivergiftungen und Dekadenzen abgesehen – keine nur halbwegs plausible Geschichte über diesen Zerfall und nehme deshalb an, dass dabei vor allem eine Idee der Renaissanceerfinder, die im 19. Jhd. lebten und sich dieses Reich vorstellten, zerfallen ist. In deren Geschichten ist es den kulturfreien Römer weder gelungen, die gemeinschftliche Kultur der von ihnen unterdrückten Christen abzuwehren, noch konnten sie das objektivierende Denken aufgreifen und sinnvoll nutzen, das der Griechen zugeschrieben wird. Die geschichtlichen Römer blieben, wie die Griechen vor ihnen, ohne relevante Entwicklung einer Herstellungstechnik, in welcher Naturkräfte genutzt werden, die in objektiven Naturgesetzen begriffen sind. Und sie blieben, wie die Juden vor ihnen, ohne Zivilisation, die sie von den in ihr Reich einfallenden „Babaren“ unterschieden hätte. Ihr Reich war eine Fiktion ohne jede Verwaltung, die über die Heeresführung hinausgegangen wäre. (1)

In den Geschichten der Renaissanceerfinder gibt es Hinweise darauf, dass wohl nicht nur Heron von Alexandria bereits in der Antike sehr konkret wusste, wie man Maschinen konstruiert. In diesen Geschichten finde ich aber kein Wissen darüber, warum die Maschinen nicht tatsächlich produziert wurden. Die gängiste, aber doch sehr skurile Vermutung lautet, dass durch die Sklavenhaltung kein Bedarf an Maschinen existierte. In den Geschichten der Renaissanceerfinder über das antike Griechenland erkenne ich deren eigenes, projiziertes Es-Ich, das ihrer industriellen Kultur entsprochen hat, die den heutigen Finanzkapitalismus hervorgebracht hat.

Im schliesslich europäischen Kulturraum wurde die Religion, die Rom unterwanderte, durch das Klosterwesen, das in der päpstlichen Kirche gipfelte, invertiert. Die Kirche machte Christus als Jesus zur hölzerne Sache am Kreuz (Es) und das Gebet zum Zugehörigigkeits- und Abhängigkeitsbekenntnis. In dieser Kultur entwickelte sich neben Klerus und Adel das Verlagswesen in Form von Manufakturen, das den Herstellungsprozess in Gang setzte und mithin den Es-Diskurs. Die industrielle Revolution ersetzte das dialogische Gespräch zwischen Menschen durch die monologische Diskussion der Wissenschaft, in welcher Menschen keine Rolle spielen. (2)

Im Dialog trage ich nichts zur Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums bei, aber ich erkenne, welche Art von Reichtum Dir und mir gefallen würde.


1) Es geht mir hier nicht um die dunkle Geschichte eines Zerfalls, sondern die Ausdifferenzierungen des Ich’s zwischen Du und Es. Zur vermeintlichen Zerfalls-Geschichte schreibe ich in einem andern Beitrag. (zurück)

2) I. Prigogine etwa spricht mit der Natur. Aber mit mir spricht die Natur so wenig wie Gott. N. Luhmann lässt nur die Institutionen kommunizieren. Aber ich habe noch nie eine Institution sprechen gehört. Es geht mir nicht um diese Wissenschaften, sondern auch hier nur um die Ausdifferenzierungen des Ich’s zwischen Du und Es. (zurück)

Was heisst Kommunikation? (neue Version)


P. Watzlawick schrieb 1969 im Vorwort seines zuerst englisch erschienenen Buches „Menschliche Kommunikation“ der Begriff Kommunikation sei „im Deutschen ungewohnt“. Bis 1970 haben deutsch sprechende Menschen offenbar eher miteinander gesprochen als kommuniziert. Erst später hat sich das Kunstwort, das seine Keimformen in verschiedenen Fachsprachen hat, auch in der Umgangssprache eingebürgert. In der englischen Sprache wird communication schon lange verwendet, es wurde aber auch dort durch die technische Entwicklung von Kommunikationsmitteln neu geprägt. C. Shannon führte den Begriff in seiner „Mathematischen Kommunikationstheorie“ 1948 für Signalprozesse jenseits von symbolischen Deutungen ein. N. Wiener hat im gleichen Jahr Kybernetik als Regelung und Kommunikation im Tier und in der Maschine bestimmt. Er hat offen gelassen, worin sich Regelung und Kommunikation unterscheiden, aber Kommunikation wie C. Shannon auf Mechanismen bezogen, in welchen Signale nicht symbolisch gedeutet, sondern konstruktiv interpretiert werden. (1)

Die erste mir bekannte physikalisch-technologische Verwendung des Ausdruckes „Kommunikation“ stammt von Stephen Gray, der 1729 mit nassen Hanfschnüren elektrostatische Versuche zur Leitfähigkeit von Materialien gemacht hat. Elektrizität hatte – hundert Jahre vor M. Farraday – noch keinen sichtbaren Nutzen, sondern war ein physikalisches Phänomen, um dessen Verständnis man sich praktisch – also durch konstruktive Manipulation – bemühen konnte. S. Gray spannte seine Hanfschnur in einem Klostergarten auf. Mönche mussten diese einerseits mit Wasser nass halten und andrerseits während der Messversuche rufen, wenn die mit Bernstein erzeugte elektrische Ladung bei ihnen vorbeikam und sie zwickte. S. Gray stellte fest, dass und wie schnell sich Strom durch nasse Schnüre bewegt. Aber S. Gray entdeckte durch das Rufen der Mönche auch, dass er am Ende seiner Schnur kommunikationsschnur.pngerfahren konnte, dass am Anfang der Schnur Strom angelegt wurde. Er nannte seineelektrische Datenüber-tragung (Telegraph,  Stromleitung weit voraussehend „Kommunikationsschnur“ und hat so die Telefon, Internet, usw.) vorweggenommen, für die er sich mangels Technologie noch gar nicht interessieren konnte.

Die Kommunikationsschnur ist in diesem projizierten Sinne eine Entdeckung, keine Erfindung, weil S. Gray eine Funktion seiner Installation entdeckte, die er so wenig beabsichtigte, wie die Oelfassproduzenten das Musikinstrument, das sich die Mitglieder einer Steelband aus Oelfässern machen. Die Entdeckung ist natürlich reflexiv. S. Gray stellte die Mönche auf, damit sie rufen. Dann entdeckte er, dass sie rufen. Dass er aber den Ausdruck Kommunikations-schnur wählte, zeigt, dass er den Ausdruck Kommunikation bereits irgendwie kannte, falls er ihn nicht assoziativ zur Kommune erfunden hat. In der frühen Phase der Technik wurden für hergestellte Phänomene oft politische Begriffe verwendet.(2)

Das Wort Kommune verwende ich als Fremdwort für die politische Gemeinde, speziell wenn ich die Geschichte der Gemeinde hervorheben will. Kommune bezeichnete im 11. Jhd das Organisationsprinzip einer gemeinsam handelnden politischen Korporation, die sich autonom macht und Stadtrechte gründet, sich also abgrenzt und so einer Herrschaft entzieht. Die Kommune ist die Keimform der Republik, in welcher eine Angleichung in Form von Bürgerrechten angestrebt wird: Vor dem Gesetz der republikanischen Kommune sind alle – die zur Kommune gehören – gleich, was durch die kommunizierenden Gefässe – die auch verbunden sind – veranschaulicht wird. Ich weiss nicht, wer diese Gefässe als „kommunizierende“ bezeichnet hat. B. Pascal, der wohl 1648 im Rahmen seiner physikalischen Experimente über Druckverhältnisse als erster über diese Gefässe kommunikationsgefaessgeschrieben hat, sprach nicht von Kommunikation, sondern von Ausgleich und Gleichgewicht. Ich deute die Namensgebung bei den Gefässen damit, dass das Einschwingen als Kommunikation beobachtet wurde, obwohl die Gefässe ja gerade nicht via Signale kommunizieren. Sie zeigen vielmehr, dass Differenzen auch ohne Kommunikation aufgehoben werden können.

Ich weiss nicht, ob S. Gray tatsächlich an eine Kommune gedacht hat, aber die Klostergemeinschaft, in welcher er seine Versuche gemacht hatte, war eine Kommune. Und wenn die elektrische Ladung beim letzten Mönch in der Reihe angekommen ist, hat dieser dem ersten zugerufen, was als Antwort in die Kommune zu begreifen ist, da die Frage, ob sie den Strom spüren, an alle in der Kommune gerichtet war.

Umgangssprachlich bezeichne ich mit Kommunikation ganz naiv im Sinne von nativ, dass Menschen sich mittels Mitteilungen zu verständigen versuchen. Wenn ich beispielsweise jemandem sage, er solle das Fenster öffnen, hat er meine Mitteilung verstanden, wenn er das Fenster öffnet oder mir sagt, warum er das nicht tun will. Im ersten Fall bricht die Kommunikation ab, weil das Ziel der Verständigung erreicht ist, im zweiten Fall wird sie weitergeführt, indem ich eine Antwort bekomme. Der Kommunikationsprozess lebt sozusagen davon, dass die Verständigung nicht erreicht wird. Kommunikation verbindet die beteiligten Menschen auch, wenn eine Verständigung nicht möglich ist, bis sie endlich aus diesem Grund abbricht.

Jede Mitteilung muss übertragen und geteilt werden. Wenn ich jemandem etwas sage, produziere ich hörbare Laute. Es geht mir dabei nicht um diese Laute, aber ich komme nicht umhin, sie zu produzieren, wenn ich etwas sagen will. Jede Mitteilung ist an ein Signal gebunden. Und ganz unabhängig davon, was ich mitteilen will, muss das Signal von jemandem empfangen werden, der es interpretieren kann. Kommunikation hat im umgangssprachlichen Sinn deshalb die beiden Konnotationen, die im Ausdruck „mitteilen“ aufgehoben sind:

Signalübertragung (Information) und Kommune (Gemeinschaft)

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Wenn Telefontechniker ein Kommunikationsproblem lösen, befassen sie sich vordergründig mit dem Funktionieren der Signalübertragung. Psychotherapeuten, die Kommunikationsprobleme lösen, befassen sie sich vordergründig mit dem Funktionieren einer Gemeinschaft. Aber natürlich beruht diese Arbeitsteilung auf einer fiktiven Trennung von zwei Aspekten der Kommunikation, die sich unterscheiden, aber nicht trennen lassen. Die Kommune kann nicht ohne Signale kommunizieren und Signale haben ihren Sinn nur, wenn sie als solche interpretiert werden. In der technologischen Kommunikationstheorie von C. Shannon wird nur die Signalübertragung behandelt und den sozialphilosophischen Kommunikationstheorie wird nur die Interpretation, die dort als Verstehen bezeichnet wird, behandelt.

Als die Sozialwissenschaftler den Kommunikationsbegriff – nach vielen Jahren – übernommen haben, haben in gewisser Weise komplementiert, was die Technologen in ihrem Kommunikationsbegriff zuvor weggelassen haben. In der deutschsprachigen Sozialwissenschaft haben J. Habermas und N. Luhmann das Wort Kommunikation etwa 1980 ins Zentrum der Sozialwissenschaften gerückt. Bei J. Habermas erscheint das Wort im Buchtitel seiner grundlegenden „Theorie“ (Theorie des kommunikativen Handelns,1981), während bei N. Luhmann die gemeinte Kommune als Soziales System bezeichnet wird (Soziale Systeme, 1984). (3)

In die deutsche Alltagssprache ist der Ausdruck Kommunikation wohl eher durch den oben zitierten Bestseller „Menschliche Kommunikation“ von P. Watzlawick und seinen Mitautoren gekommen. Der deutsche Buchtitel ist in zwei Hinsichten problematisch. Im Original heisst das Buch „Pragmatik der menschlichen Kommunikation“, was auf eine Anwendung verweist. Das Buch befasst sich nicht mit Kommunikation überhaupt, sondern mit dem Beheben von Störungen in zwischenmenschlichen Beziehungen, die als Kommunikationstörungen aufgefasst werden und sich psychotherapeutisch behandeln lassen. Wichtiger aber ist, dass von „menschlicher“ Kommunikation gesprochen wird, was eben auch eine unmenschliche oder nichtmenschliche Kommunikation unterstellt. Im Kontext des therapeutisch gedachten Buches sind dabei nicht technische Aspekte der Kommunikation gemeint, sondern dass bestimmte kommunikative Verhalten der Behandlung bedürfen, weil sie nicht gesellschaftsfähig sind.

Die pragmatischen Thesen, die P. Watzlawick zusammen mit D. Jackson, der ein Assistent von G. Bateson war, veröffentlicht hatte, stammen weitgehend von G. Bateson, der damit zusammen mit J. Ruesch viel Jahre früher eine Anwendung der Kybernetik auf soziale Phänomene beschrieben hat, wobei er sich auch hauptsächlich auf psychiatrisch gesehen gestörtes Verhalten bezogen hat. Das schon 1951erschiene Buch hiess „Kommunikation: Die soziale Matrix der Psychiatrie“. N. Wiener hat seine Kybernetik als mathematisches Prinzip aufgefasst, das er für generell anwendbar hielt. G. Bateson hat das kybernetische Denken als erster auf soziale Phänomene angewendet und dabei die Wienersche Verdoppelung von Regelung und Kommunikation aufgehoben: Regelung funktioniert mechaanisch und Kommunikation könnte wie Regelung funktionieren, wenn soziale Systeme mechanisch begreifbar wären. (4)

In der fragmental getrennten Perspektive vieler Sozialwissenschaftler, in welcher die Signalübertragung keine Rolle spielt, tritt im Kommunikationsprozess anstelle des Signals die jenseits von Energie und Materie doppelt kontigente Information, von welcher der technologisch gedachte Informatik-Duden geschrieben hat, Information stelle neben Energie und Materie einen der „drei wichtigsten Grundbegriffe der Natur- und Ingenieurwissenschaften dar. Für die Informatik als der Wissenschaft von der systematischen Verarbeitung von Informationen sollte der Begriff von zentraler Bedeutung sein; dennoch ist er bisher kaum präzisiert worden“ (Duden Informatik 1988:273). Das scheint die Sozialwissenschaftler wenig zu plagen. (5)

N. Wiener hat in seiner laschen Sprache auch von Information gesprochen, damals aber noch nicht geahnt, wie der Begriff später von Sozialwissenschaftlern verwendet wurde. W. Asby hat in seiner grundlegenden Darstellung der Kybernetik 1956 schon geschrieben, dass kybernetische System informationsdicht sind. In der gleichzeitig propagierten Theorie offener Systeme von L. von Bertalanffy wird Information so verwendet, wie es heute im Commonsense üblich ist, als eine Qualität, die mitgeteilten Daten zugeschrieben wird, wenn diese deutend interpretiert werden. In der Sozialphilosophie, die sich um die technischen Aspekte der Kommunikation nicht kümmert, haben sich rasch zwei unverträgliche getrennte Auffassungen von Kommunikation entwickelt. Einerseits wird Kommunikation als sprachliches Handeln verstanden und andrerseits als konstituierender Prozess im sozialen System. Ich werde auf diese fragmentierte Auseinandersetzung zurückkommen, nachdem ich die kybernetische Auffassung von Kommunikation erläutert habe. (6)

Als Kommunikation bezeichne ich – im Kontext der Kybernetik – den Signalprozess einer Kommune, den ich durch die dabei verwendbaren Kommunikations-Mittel bestimme. Als Kommunikationsmittel bezeichne ich Artefakte, die ich zur Signalübertragung benutzen kann. Ein typisches Beispiel ist das Telefon, in welchem das Signal moduliert und von der Quelle zur Senke weiterleitet wird. Mit Signalübertragung bezeichne ich, was bei jeder Kommunikation operativ passiert, und mit Kommune bezeichne ich, was durch die Kommunikation hervorgebracht wird, nämlich eine Art autopoietisches System, in welchem sich die Kommunikation abspielt. Weil der Ausdruck Kommune in der Alltagssprache oft eingeschränkter verwendet wird, spreche ich stattdessen auch von Gesellschaft oder von Gemeinschaft oder terminologische gebundener von Sozietät, obwohl ich die Kommune im engeren Sinne des Wortes meine, die sich – analog zur biologischen Zelle – durch ein sich Abgrenzen hervorbringt.

Mit Signalübertragung bezeichne ich mithin die mareielle Grundlage der Kommunikation, also die für die Funktion der Kommunikation relevanten mechanischen Operationen oder deren Funktionsweise. Mit Kommunne bezeichne ich die namensgebende Funktion der Kommunikation, einen konsensuellen Deutungs- oder Handlungszusammenhang zu erzeugen, in welchem Kommunikation stattfinden kann. Der exemplarische Handlungszusammenhang ist die Sprache, die als Interpretationsrahmen für mündliches und schriftliches Verhalten fungiert und genau dadurch hervorgebracht wird, dass geschrieben und gesprochen wird. Ein anderer Handlungszusammenhang ist die Gestik. (7)

Die Kommunikation passiert nicht zwischen oder in Kommunikationsmitteln, sondern in der Kommune, in welcher diese Mittel verwendet werden (können). Wenn etwa Robinson zu Freitag sagt, er solle ein Feuer machen, findet eine un-mittel-bare Kommunikation in einer Kommunue statt, die aus zwei Menschen besteht, und die ich genau deshalb als Kommune bezeichne, weil sie kommuniziert. Natürlich könnte Robinson dabei auch Kommunikationsmittel verwenden. Wenn ich beispielsweise mit dem Auto an einer Ampel bei Rot anhalte, findet eine durch viele Kommunikationsmittel kompliziert vermittelt Kommunikation in einer Kommune statt, die aus sehr vielen Menschen besteht. Ich muss weder wissen, wie gross die Kommumune ist, noch wie die Kommunikationsmittel funktionieren, um in die Kommunikation einbezogen zu sein. Ich muss nur auf das Signal reagieren (können).

Als Signal bezeichne ich eine Entität aus strukturierter Energie. Das Signal wird durch den Interpreter zum Signal, weil es dort seinen Sinn erfüllt. Rotes Licht ist nur Energie. Für einen Verkehrsteilnehmer ist es spezifisch strukturiertes Licht, wenn er es situativ von grünem Licht unterscheidet. Und es wird zum Signal, wenn er es als solches interpretiert, also mit einer spezifischen Intention verbindet, die für sein eigenes Verhalten relevant ist. Der Empfänger bestimmt die Bedeutung des Signals. Die Interpretation kann festgelegt oder flexibel sein. Als flexibler Autofahrer wäge ich ab, ob ich bei einem Rotlicht anhalte. Wenn mein Auto dagegen eine entsprechende Sensorsteuerung hat, wurde vorab festgelegt, dass es bei Rot anhält. In beiden Fällen wird das rote Licht als Signal interpretiert und in beiden Fällen geschieht das durch Menschen, die so Teil der Kommune sind.

Die intendierte Gegenstandsbedeutung einer Lichtsignalanlage an einer Kreuzung besteht – in meiner Interpretation – darin, den Verkehr zu regeln. Anstelle der Ampel könnte ein Polizist diese Funktion übernehmen. Wenn mir ein Polizist durch seine Gesten zeigt, ob ich fahren oder halten soll, findet die Kommunikation in dem Sinne unmittelbar statt, als keine Kommunikationsmittel verwendet werden. Der Polizist ist bezüglich seiner Gesten in zwei Hinsichten flexibel, er passt sie seinen Wahrnehmungen an. Er kann eine Verkehrsrichtung bevorzugen und er kann die Gesten mehr oder weniger deutlich machen oder durch rufen unterstützen. Eine Ampel ist festgelegt, aber natürlich wurde sie eingerichtet und in Betrieb genommen. Sie hat sich nicht selbst entschieden, den Verkehr zu regeln oder dann und wann auf Rot zu schalten. Und wenn mein Auto aufgrund von eingebauten Sensoren auf das Signal der Ampel reagiert, hat sich nicht mein Auto dazu entschieden, es wurde von jemandem programmiert. Die Kommunikationsmittel transformieren den Signalprozess. Die Transformation ist rekonstruierbar und auf die unmittelbare Kommunikation mit dem Verkehrspolizisten zurückführbar.

Indem ich ein Auto mit einem Rotlichtsensor verwende, interpretiere ich das Rotlicht in einem verallgemeinerten Sinn. Indem ich ein Auto verwende, das bei Rotlicht anhält, halte ich bei jedem Rotlicht an. Wenn das Rotlicht zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeschaltet ist, wurde es von jemandem eingeschaltet, der damit zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort ein entsprechendes Signal sendet. Wenn zu einem gegebenen Zeitpunkt das Rotlicht keine Interpretation findet, weil an der entsprechenden Kreuzung gar kein Verkehr ist, spreche ich von einem potentiellen Signal. Die Kommunikation ist in diesem Zeitpunkt aufgehoben.

Fortsetzung folgt


1) Die Verbreitung der Begriffe lassen sich anhand von Google Ngram sehr leicht nachvollziehen. Ich kann dort sehen, wann das Wort in der deutschen Literatur erscheint, und insbesondere auch, wann es in die englische Nonfictionliteratur gekommen ist. (zurück)

2) Ein typisches Beispiel mit langer Geschichte: Auf J. Maxwell’s „Theory of Governors“ hat N. Wiener mit der griechische Form des Wortes Steuermann Kybernetik verwiesen, weil J. Maxwell die mathematischen Grundlagen der Regelung entwickelt hat. J. Maxwell seinerseits hat den Begriff von J. Watt, der den Fliehkraftregler, der die Geschwindigkeit seiner Dampfmaschine auf einem konstanten Niveau hält, so nannte. J. Watt bezog sich mit ”Governor” seinerseits auf A. Ampère, der den Ausdruck im Sinne von Plato für die politische Steuerung verwendet. Bei Plato, der den Staat mit einem Schiff verglich, hiess der Steuermann Kybernetes. (zurück)

3) V. Flusser hat im portugisch sprechenden Brasilien das Wort Comunicação in einem umgangssprachlichen Sinn für Marketingfragen schon 1960 verwendet, aber seine kommunikationstheoretischen Arbeiten sind auch erst im akademischen Exil in Deutschland ab 1980 entstanden. Mit seinem Ausdruck Kommunikologie bezeichnete er die Differenz zwischen einem seiner Meinung nach naturwissnschaftlichen Kommunikationskonzept, womit er namentlich C. Shannon meinte, und einer zwischenmenschlichen Kommunikation, die er – ganz in der Tradition – geisteswissenschaftlich als das Verbindende verstanden hat.(zurück)

4) Bei G. Bateson ist die Sache noch etwas komplexer als bei P. Watzlawick, weil er den kybernetischen Beobachter berücksichtig hat, der bei P. Watzlawick in den Axiomen quasi objektiv aufgehoben ist. (zurück)

5) N. Luhmann schreibt in seiner Einführung in die Systemtheorie (S. 128f), dass G. Bateson seine viel zitierte Aussage Information sei „ein Unterschied, der den Unterschied macht“ einfach so sage. „Man findet das als Text, ohne dass die Bedingungen dieser Formulierung reflektiert werden.“ N. Luhmann macht einen Quellverweis auf die „Oekologie des Geistes“, wo er nichts gefunden hat. G. Bateson hat seine vielzitierte Aussage sehr ausführlich erläutert, aber eben in „Geist und Natur„, einem Bestseller, den N. Luhmann offensichtlich so wenig gelesen hat, wie die vielen anderen Zitierer des Zitates. (zurück)

6) L. von Bertalanffy hat nachdem er in die USA ausgewandert war, populäres englisch geschrieben. Es verwendet den Ausdruck Kommunikationssystem schon 1967 und in der 1970 erschienen deutschen Ausgabe wird der Ausdruck als bekannt vorausgesetzt. (zurück)

7) Sprache wird oft als Mittel oder als Werkzeug bezeichnet. Und eben so oft wird Sprache als abstrakte Verallgemeinerung von Sprachen wie Deutsch oder Englisch aufgefasst. Wenn ich spreche, benutze ich kein Werkzeug und dass ich etwas sagen will, hat mit Deutsch oder Englisch, also mit der Codierung des Signalprozesses nichts zu tun, auch wenn ich nicht umhin komme Signal zu unterscheiden. (zurück)

Was heisst Kommunikation? (1. Version, überholt)


Diesen Beitrag habe ich relativ spontan geschrieben, als ich festgesellt habe, dass ich in meinem Hyperlexikon Kommunikation nur unzulänglich von Regelung unterschieden habe. Es war ein Versuch, meine Sprache diesbezüglich etwas zu klären. Die Diskussionen, die ich damit ausgelöst habe, haben mich quasi gezwungen, meinen Kommunikationsbegriff nochmals eingehender zu beobachten. Jetzt habe ich einen 2. Versuch geschrieben, der in einigen Hinsichten stark von diesem Text abweicht, obwohl ich vermeintlich dasselbe behandle. Ich lasse auch diesen Text im Sinne einer Versionsgeschichte hier stehen, empfehle aber naheliegenderweise meine neuste Version „Was heisst Kommunikation? (2. Version) zu lesen.

Der Ausdruck „Kommunikation“ wird sehr vielfältig verwendet. Wenn Telefontechniker ein Kommunikationsproblem lösen, machen sie etwas ganz anderes als Paartherapeuten, die auch Kommunikationsprobleme lösen. Diese Differenz wiederholt sich auch innerhalb der Systemtheorie: N. Wiener verwendet den Ausdruck eher „technologisch“, N. Luhmann eher „therapeutisch“, wo er von Verstehen spricht. Im Alltag wird konventionellerweise von Kommunikation gesprochen, wenn eine Verständigung mittels gegenseitigen Mitteilungen gemeint ist. In diesem alltäglichen Verständnis gelingt die Kommunikation, wenn der Empfänger die Mitteilung des Senders versteht, was sich in dessen Verhalten zeigt. Wenn ich beispielsweise jemandem sage, er solle das Fenster öffnen, hat er meine Mitteilung verstanden, wenn er das Fenster öffnet oder mir sagt, warum er das nicht tun will, womit er die Kommunikation abbricht oder weiterführt.

Mit dem Ausdruck „Kommunikation“ verbinde ich in diesem umgangssprachlichen Sinn zwei einfache (quasi-etymologische) Konnotationen:

•     Angleichung und Gemeinschaft  –  Kommune, Kommunismus
   Kommunizierende Gefässe
kommunikationsgefaess

und

•   Signalübertragung – Information – Sender-Empfänger-Modell
kommunikations_modell_shannon

Den Aspekt der Angleichung sehe ich in den kommunizierenden Gefässen versinnbildlicht, den Aspekt der Signalübermittlung im technologischen Kommunikations-Modell mit Sendern und Empfängern. In diesem alltäglichen Sinn spreche ich von Kommunikation, wenn sich verschiedene Instanzen mittels Signalen zu jeweils gewünschten Reaktionen zu veranlassen versuchen. Wenn jemand auf meinen Wunsch hin das Fenster öffnet, sehe ich eine Angleichung unserer

Bedürfnisse, die ich durch eine Übertragung von Schallwellen ausgelöst habe. Typischerweise sage ich etwa, dass zwei Menschen miteinander kommunizieren, wenn sie mittels Gesten oder Worten versuchen, einen gemeinsamen, konsensuellen Verhaltensbereich zu erzeugen. Wenn Menschen miteinander sprechen, senden sie einander explizite Signale in Form von Schallwellen. Bei kommunizierenden Gefässe kann ich keine Signale erkennen, sie orientieren sich quasi gegenseitig über ihren Pegelstand, weshalb ich von impliziten Signalen spreche. Man könnte natürlich auch sagen, dass Kommunikation auch ohne Signale geht, ich würde dann lieber sagen, dass die kommunizierenden Gefässe eigentlich nicht, oder eben nur sehr metaphorisch kommunizieren.

P. Watzlawick schrieb 1970 im Vorwort seines Buches „Menschliche Kommunikation“ der Begriff Kommunikation sei „im Deutschen ungewohnt“. Bis 1970 haben Menschen eher miteinander gesprochen als kommuniziert. Und schon kurze Zeit nach P. Watzlawick sagte N. Luhmann ganz bestimmt, dass nicht Menschen kommunizieren, sondern dass das System kommuniziere. Die Verwendung des Ausdruckes Kommunikation ist also nicht nur darin begründet, ob ich über Kommunikations-technik oder über die alltäglichen Bemühung um empathisches Verstehen spreche, sondern vor allem auch darin, ob ich dem Begriff Kommunikation eine – oder welche – Theorie zugrunde lege.

Wenn ich mich nur verständigen will, brauche ich keine Theorie. Wie der je andere den Ausdruck Kommunikation zu verstehen hat, ergibt sich im Handlungs-zusammenhang, in dem ich ihn verwende. Hier schreibe ich aber darüber, wie ich den Ausdruck Kommunikation verwende. Ich mache mir damit bewusst, dass sich ein Gespräch zwischen Menschen nicht auf Schallwellen reduzieren lässt, aber auch, dass es ohne Signale nicht stattfinden kann. Das hätte natürlich keinerlei Relevanz, wenn ich den Ausdruck Kommunikation – wie ganz viele Menschen – für etwas ganz anderes und mir ganz unbewusstes verwenden würde.

Kommunikation in (m)einer kybernetischen Systemtheorie

Als Kommunikation bezeichne ich durch die Kategorien (m)einer kybernetischen Systemtheorie eigentlich einen Prozess, durch welchen ein System sein dynamisches Gleichgewicht durch Signale regelt, deren Wirkung mir kontingent erscheint. Ich verwende den Ausdruck Kommunikation aber in vielen Hinsichten auch metaphorisch. Ich erläutere im Folgenden diese Differenz, indem ich meinen eigentlichen Kommunikationsbegriff systematisch entwickle und die Metaphern darauf zurückführe.

Als kybernetisches System bezeichne ich einen geregelten Mechanismus genau dann, wenn ich sein Verhalten in der Erklärung eines Phänomens beschreibe. Systeme sind in diesem Sinne Referenzobjekte von abstrakten, inhaltslosen Abbildungen, die die geregelte Veränderung einer Entität beschreiben. Wenn ich umgangssprachlich von etwas sage, es sei ein ystem, drücke ich aus, dass sich dieses Objekt unter kybernetischen Gesichtspunkten so verhält, dass ich dessen Funktionsweise mit einem Regelkreis-Schema sinnvoll beschreiben kann.

Das kybernetische System ist kein technisches System, sondern ein abstrakter Gegenstand, den ich mit Kategorien beschreibe, die sich auch in der Technik bewähren und sich anhand der Technik leicht veranschaulichen lassen. Es geht im Wesentlichen um Regelung durch Feedbackprozesse. Ein kybernetisches System hat sekundäre Energiekreise, die Schalter in relativ primären Energiekreisen steuern. Wenn ich beispielsweise das Licht in meinem Wohnzimmer anzünde, ist der elektrische Strom, der die Lampe zum Glühen bringt, die primäre Energie. Und meine körperliche Energie, die ich verwende, um den Lichtschalter zu drücken, damit der Strom fliessen kann, ist relativ dazu sekundäre Energie, mit welcher der Stromkeis gesteuert wird. Wenn ich jemanden bitte, das Fenster zu öffnen, verwende ich meine Energie zum Sprechen, womit ich seine Energie, mit welcher er das Fenster öffnet, steuere. Die sekundäre Energie bezeichne ich als Signal und umgangssprachlich als Information.

Die einfachste Regelung beruht auf impliziten Signalen. Der Fliehkraftregler der Dampfmaschine von J. Watt oder der Schwimmkörperregler einer WC-Spülung regeln ohne explizites Signal. Der Schwimmkörper der WC-Spülung schliesst oder öffnet die Wasserzufuhr direkt durch seine Bewegung. Bei der thermostaten-geregelten Heizung dagegen fliesst ein elektrisches Signal vom Thermostaten zum Oelbrenner. Dieses Signal fliesst auf einem eigenen elektrische Energiekreis, der den Oelkreis der Heizung steuert, geheizt wird mit der Energie des Oels. Die Heizung ist eine Maschine, die sich von allerlei Störungen abgesehen trivial verhält. Der Oelbrenner reagiert immer gleich auf das Signal vom Thermostaten, wenn er nicht gerade kaputt oder kein Oel im Tank ist. Das Signal kann aber an zusätzliche Bedingungen geknüpft werden und es kann an verschiedene Empfänger geschickt werden. Beispielsweise kann das Signal von der Tageszeit abhängig gemacht werden und es kann neben der Heizung auch einen Sonnenstoren und eine Klimaanlage steuern.

Das Signal ist in jedem Fall ein strukturierter Energiefluss. Im einfachsten Fall fliesst Strom oder nicht. In komplizierteren Fällen hat das Signal ein Muster wie beispielsweise das SOS-Signal, mit welchem ich um Hilfe rufe. Die Schallwellen, die ich in einem Gespräch produziere, sind noch etwas komplizierter strukturiert. Signale lösen Massnahmen aus. Bei trivialen Maschinen ist die jeweilige Massnahme durch die Konstruktion der Maschine festgelegt. Wenn ich meinem Hund rufe, reagiert er nicht immer gleich. Er repräsentiert keine triviale Maschine eben genau darin, dass er entscheidet, wie er auf mein Signal hin reagiert. Ich kann meinen Hund dressieren und ihn so dazu bringen, dass er sich wie eine triviale Maschine verhält. Dabei kann ich abweichendes Verhalten als – therapeutisch reparierbare – Störung verstehen. Ich könnte überdies den Hund sogar als sehr komplizierte Maschine auffassen, so dass seine Reaktionen festgelegt wären, obwohl ich sie nicht verhersagen kann.

Triviale Maschinen können sehr kompliziert sein. Sie sind dann in ihren Reaktionen festgelegt, aber ich kann diese nicht vorhersagen, wenn ich nicht genug über die Maschine weiss. Mir erscheint dann das Verhalten der Maschine komplex. Mich interessiert hier nicht, ob mein Hund letztlich eine deterministische Maschine ist. Weil er nicht immer gleich reagiert, wenn ich ihm etwas zurufe, reagiert er für mich komplex, unabhängig davon, ob er nur eine komplizierte Maschine ist oder nicht. In ihm wird entschieden, wie er auf mein Signal reagiert. Ich erkenne dabei, dass meine Signale unterschiedlich interpretiert oder gedeutet werden können. Ich erkenne, dass der Hörer bestimmt, was ich mitteile.

Im Falle einer einfachen Regelung löst das Signal eine Massnahme aus, die ich nicht ihrerseits als Signal bezeichne. Ein bestimmtes Signal vom Thermostaten führt dazu, dass die Heizung einschaltet. Es gibt aber auch Signale, die weitere Signale auslösen. In der Heizung etwa löst das Signal des Therometers im Thermostaten ein Signal an die Heizung aus. Die Heizung sendet dann in Form von Wärme ein implizites Signal an das Thermometer, weshalb ich von einem Regelkreis spreche. Im komplizierteren Fall eines Gespräches bezwecke ich – egozentrisch gesprochen – eine Massnahme, die sich in einer Antwort, also wieder als sprachliche Tätigkeit zeigt. Das Signal löst dann ein Signal aus, dass vom Empfänger an den Sender zurückfliesst. Im einfachsten Fall handelt es sich um die Antwort auf eine Datenbank-Abfrage, die mit einem Signal beantwortet wird. ich frage beispielsweise jemanden nach der Uhrzeit und er antwortet mit drei Uhr. Im komplizierteren Fall des Gespräches beeinflussen sich die Antworten gegenseitig.

Von Kommunikation im eigentlichen Sinn spreche ich, wenn die Signale auf nicht triviale Weise interpretiert werden. Diese Interpretationen deute ich als Deutungen. Wenn ich eine Maschine konstruiere, die auf Signale reagiert, lege ich fest, wie das Signal interpretiert wird. Im ABS (Antiblockiersystem) etwa wird das durchgedrückte Bremspedal als Wunsch auf möglichst rasches Anhalten interpretiert, weshalb die Räder nicht blockieren dürfen. Dem ABS ist quasi gleichgültig, wer weshalb das Bremspedal durchdrückt. Ich kann das Signal als Ausdruck von Schrecken deuten, was das ABS nicht interessiert. Ich kann auch blockierte Räder zum Sliden wollen, was das ABS auch nicht verstehen kann, weil seine Interpretation festgelegt ist.

Ein Signal, das gedeutet wird, bezeichne ich als Symbol. Wenn ich ein Wort höre, muss ich immer deuten, wofür es steht, auch wenn mir das im Alltag sehr selten bewusst ist. Und meine Deutungen sind immer konsensuell, das heisst ich deute immer auch den Zusammenhang, in welchem ich das Wort höre. In diesem Text etwa verwende ich das Wort Signal für einen Energiestrom. In anderen Kontexten bezeichne ich mit demselben Wort aber eine Lichtanlage, die der Verkehrsregelung dient. Wenn das Verkehrsignal auf rot steht, muss ich – von Ausnahmen, wie wenn ich es etwa sehr eilig habe, abgesehen – anhalten. Natürlich kommen dann vom Lichtsignal, das eine Art Zeichenkörper darstellt, Signale aus Licht in meine Augen. Und wenn ich Symbol sage, meine ich damit sowohl den Zeichenkörper als auch das von ihm ausgehende Signal, das ich deuten muss. Diese verkürzten Redeweisen sind praktisch und manchmal problematisch.

Das Wort Kommunikation ist natürlich auch ein Symbol. Ich verwende es – davon handelt ja dieser Text – eigentlich für Signalprozesse, in welchen die Signal als Symbole gedeutet werden. Aber in einer metaphorischen Redeweise verallgemeinere ich den Ausdruck für alle Signalprozesse, also auch für technisch festgelegte. Ich weiss nicht, wann Communication in der englischen Sprache noch so unüblich war, wie es P. Watzlawick 1970 für die deutsche Sprache für die vermeintliche Übersetzung Kommunikation postuliert hat. Aber im Kontext der Kybernetik wurde der Begriff Kommunikation vor allem durch C. Shannon geprägt, der damit Signalprozesse jenseits von Deutungen bezeichnete. N. Wiener hat Kybernetik als Regelung und Kommunikation im Tier und in der Maschine bestimmt. Er hat offen gelassen, worin sich Regelung und Kommunikation unterscheiden, aber Kommunikation auf Maschinen bezogen und mit Tier einen maschinenartigen Körper bezeichnet, in welchem Signale nicht gedeutet werden. Die Kommunikationstheorie von C. Shannon und N. Wiener behandelt nur den Signalaspekt. Kommunikation ist darin eine Metapher, die die Deutung eines Symbols ausblendet, so wie ich mit dem Fuss eines Berges ausblende, dass der Berg kein Lebewesen ist.

Fortsetzung folgt ..

Hyperkommunikation


Als Hyperkommunikation im engeren Sinne begreife ich die Kollaboration an einem Hypertext. Diese kann etwa stattfinden, wenn mehrere Menschen kollaborativ eine „Homepage“ im Internet unterhalten. In einer solchen Kollaboration nimmt jeder der Beteiligten am gemeinsamen Text genau die Veränderungen vor, die den Text für ihn selbst stimmig machen. Jede Veränderung des Textes kann auf alle Beteiligten zurückwirken. Mit ihren Veränderungen am gemeinsamen Text perturbieren sich die Beteiligten gegenseitig bis ein relativer Gleichstand erreicht ist, der natürlich durch jeden weiteren Text wieder aufgehoben werden kann (Ein mögliches Verfahren ist im Crash-Kurs Hyperbibliothekhypertext_text beschrieben.)

Die je individuelle Arbeit am Text – den ich als Artefakt betrachte -, stelle ich mir dabei analog dazu vor, wie ein bildender Künstler mit der Entwicklung seines Gegenstandes verfährt. Ich verändere den Text wie ein anderer eine Skulptur bearbeitet, bis das Kunstwerk ent-(ausge)-wickelt ist. Da ein solcher Hypertext das Produkt einer kollektiven Autorenschaft ist, verändert sich das Werk in der Sicht der einzelnen Beteiligten quasi selbständig. Ich schreibe etwas, und wenn ich den Text wieder lese, hat er sich verändert, weil andere ihn ergänzt oder umgeschrieben haben – worauf ich dann wieder reagieren kann.

Die Kommunikationsgemeinschaft konstituiert sich durch die Kollaboration. In der Hyperkommunikation hat der Text keine Mitteilungs-Funktion, die Kommunikation liegt in seiner kollaborativen Produktion, nicht in einer nachgelagerten Rezeption. Der kollektive Hyper-Autor ist künstlerisch autonom, er produziert für sich, nicht für eine (Einschaltquoten)-Leserschaft.

Die kollaborative Hyper-Textkonstruktion ist exemplarisch, das zugrunde liegende Konzept gilt für jeden Dialog. Siehe dazu auch Die Genesis der Hyperkommunikation

 

Gefühl (feeling)


Es gibt Redeweisen wie ein „ungutes Gefühl“ oder „nur ein Gefühl“ zu haben. Gefühl wird oft synonym zu Ahnung, Meinung, Emotion, Einschätzung usw. verwendet. Zur Zeit habe ich noch eine unsortierte Anhäufung von Ideen zum Ausdruck Gefühl, respektive zu dessen Verwendungen. Hier befasse ich mich nur mit einer spezifischen Differenz, die in der englischsprachigen Unterscheidung zwischen feeling und emotion Ausdruck findet. Die eine Seite dieser Unterscheidung ist in der deutschen Sprache durch die neudeutschen Ausdrücke Emotion und Motivation sichtbar geworden, die andere, mit feeling bezeichnete Seite der Unterscheidung wird aber gemeinhin mit Gefühl bezeichnet, wodurch die Unterscheidung aufgehoben wird.
Hier verwende ich den Ausdruck Gefühl im Sinne des englischen feeling’s.

Gefühl begreife ich als eine Hypostasierung von fühlen. Ich fühle etwas und sage, dass ich ein Gefühl von etwas habe. Das Gefühl ist in mir, aber ich fühle etwas ausserhalb von mir. Das entspricht der visuellen Wahrnehmung, die in meinem Körper zwischen Retina und Hirn stattfindet, während ich etwas in meiner Umgebung sehe.

Als Gefühl bezeichne ich einen Deutungszusammenhang, in welchem ich Empfindungen als Resultat von Tätigkeiten deute. Mit Gefühl bezeichne ich aber nicht die Empfindung, sondern mein Vorwegnahme möglicher Empfindungen.

Ein Beispiel (eine Redeweise, die ich verwende): bremsen
Ich habe ein gutes Gefühl für das Verhalten meines Motorrades im Grenzbereich. Ich paraphrasiere: Ich spüre sehr gut, ob ich mich mit meinem Motorrad am Limit bewege und ich kann sehr gut abschätzen, wo das Limit ist und wie mein Motorrad sich verhält, wenn ich noch näher ans Limit komme oder es überschreite. Für all das habe ich ein gutes Gefühl, und etwas verkürzt und verallgemeinert: Ich habe ein gutes Gefühl für (!) mein Motorrad.

Ein Beispiel im Beispiel:
Ein Motorrad wird optimal gebremst, wenn das Vorderrad permanent an der Rollhaftgrenze zwischen Pneu und Strassenbelag ist, bis es stillsteht.
Ein ABS (Antiblockiersystem) regelt den Bremsdruck so, dass das Rad beim Bremsen nicht blockiert. Der kybernetische Mechanismus hat und braucht dafür kein Gefühl. Die Ist-Soll-Differenz der Raddrehzahl steuert mechanisch die Bremskraft als Regelungsmassnahme.

Wenn ich ein Motorrad ohne ABS optimal bremse(n will), brauche ich Gefühl. Anhand des ABS kann ich verdeutlichen, was ich in diesem Fall mit Gefühl tue. Ich bremse so, dass das Rad immer kurz davor ist zu blockieren. Ich spüre dabei die Radauflage und den Strassenbelag. Das Motorrad habe ich dabei so einverleibt, dass ich nicht das Motorrad, sondern die Strasse spüre. Ich orientiere mich an meinem Gefühl für dies Situation, dass ich zuvor durch üben entwickelt habe. Ich fühle die kommende Empfindung vorab und verhalte mich so, dass sie entsprechend eintreten wird, dass also das Rad nicht blockiert.

Eine Erweiterung des Beispiels:
Das ABS hilft mir nicht beim Abschätzen des notwendigen Bremsweges, wenn ich beispielsweise mit 100 km/h fahre. Dazu brauche ich ein Fahrerassistenzsystem wie es in autonomfahrenden Fahrzeugen verwendet wird und viel komplizierter als ein ABS ist. Es verrechnet viele verschiedene Sensordaten (noch viel mehr als auch ein modernes Schräglagen-ABS schon tut).
Als Motorradfahrer ohne Fahrerassistenzsystem leiste ich solche Abschätzungen mit Gefühl. Auf dieser Stufe des Gefühls kann ich nicht mehr sagen, was ich alles erspüre und berücksichtige. Ich müsste dazu das Fahrerassistenzsystem erläutern können. Weil ich das nicht kann, spreche ich von tacit knowledge, von einem impliziten Wissen darüber, was ich und das Assistenzsystem tun. Ich spreche bei so diffusem Gefühl von einer Art Intuition oder einem Instinkt.

Die Intuition entspricht einer Inversion des Gefühls. Im Beispiel geht es nicht mehr darum, dass mein Gefühl einen Fahrerassistenten ersetzt, sondern dass immer noch mehr Erwägungen hinzukommen, die mit dem Motorrad immer weniger zu tun haben. Als Motorradfahrer ahne ich, habe ich ein Gefühl dafür, dass auf der Strasse eine Oelspur sein könnte, dass ein Kind auf die Strasse springen könnte oder dass andere Verkehrsteilnehmer bei Vollmond auf der falschen Fahrbahn fahren.

Wenn ich einem Lebewesen kein Gefühl zusprechen will, spreche ich von angeborenem Instinkt. Als Gefühl bezeichne ich in diesem Sinn einen Instinkt, der kein Instinkt ist, weil sich Gefühl durch praktizieren entwickeln lässt.

Noch eine Anmerkung zu einem uneigentlichen Wortgebrauch. Die Redeweise, ein „ungutes Gefühl“ zu haben, bezeichnet oft eine Emotion, meistens Angst. Ich kann auf dem Motorrad Angst haben, weil es mir gefährlich vorkommt. In diesem Zustand habe ich dann praktisch kein Gefühl für das Motorrad mehr. Emotion vernichtet Gefühl. (Darauf werde ich zurückkommen, wenn ich von der anderen Seite der Unterscheidung spreche).

Zeit


Ich weiss genau, was Zeit ist, solange ich es nicht sagen muss.

Phänographische Erläuterungen:
Ich frage: „Wie spät ist es“ und meine damit: Wo steht die Sonne am Himmel?“analog
Ich frage: „Wie alt wurde Kolumbus, wann hat er gelebt?“ und meine damit: Wie oft ist die Sonne seit seiner Geburt aufgegangen und wie oft, seit seinem Tod?
Ich frage: „Wie lange braucht die Sonne von Aufgang zu Aufgang?“ und meine damit: Wieviele Schritte oder Herzschläge kann ich tun, bis die Sonne wieder erscheint? Oder: Wie oft dreht sich der Zeiger meiner Uhr, bis die Sonne wieder erscheint?

In all diesen Fragen spielt „Zeit“ keine Rolle, es sind chronologische Fragen.

Ich frage: „Wann soll ich die schlechte Nachricht überbringen?“ oder „Wann soll ich den Heiratsantrag machen?“ oder „Wann soll ich den Preis der Ware nennen?“ und meine damit, dass es mehr oder weniger günstige Konstellation gibt, die ich erkennen, spüren oder hellsehen kann.

In all diesen Fragen spielt „Zeit“ keine Rolle, es sind Kairos-Fragen.

* * * * *Differenztheoretisch verwende ich den Ausdruck „Zeit“ für die Differenz zwischen einer Beobachter-Perspektive und der Hypostasierung einer Messung, für die ich die Uhr verwende. Die Grösse heisst Dauer, ich messe die Dauer, nicht die Zeit. Wenn ich Zeit sage, meine ich die Veränderung eines permanenten Objektes, was ich eben als Beobachter mit einer bestimmten Perspektive erkennen kann. Ich unterscheide dabei dasselbe und das gleiche Objekt. Zwei gleiche Objekte können nebeneinander stehen, dasselbe Objekt kann ich nur erkennen, wenn ich das Objekt zweimal wahrnehme. Das zweimal Wahrnehmen verlangt ein Gedächtnis, in welchem ich das Objekt als vorheriges Objekt neben einem aktuellen Objekt – also quasi gleichzeitig – wahrnehme. Das identische Objekt kann dann in bezug auf eine Messung noch gleich oder verändert sein. Ich sage, es ist eine Variable mit gleichem oder mit unterschiedlichem Wert.

Wenn ich zwei permanete Objekte vor mir habe, kann ich die je zugehörigen Gedächtnisobjekte einzeln aufeinander beziehen. Ich kann so die Veränderung einer Variable mittels einer Veränderung einer andern Variablen messen. Objekt A verändert seinen Wert, „während“ Objekt B seinen Wert verändert. Ich stelle dabei A und B im je ersten Gedächtniszustand nebeneinander und im nächsten Gedächtniszustand stelle ich das je aktuelle A und B nebeneinander. Dann sage ich, dass Aenderung von B solange wie die Aenderung von A gedauert hat.

Umgangssprachlich spreche ich dann und wann von Zeit, ich meine aber … ganz sicher gar nie Zeit.

Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer als Medienbrüche


D. Baecker unterscheidet Medienbrüche. Er verwendet das Wort Medienbrüche für von ihm wahrgenommene Revolutionen in dem, was er als Kommunikation bezeichnet. Er bezeichnet mit dem Ausdruck vier Ereignisse, die er auf ein ungenanntes Medium bezieht: Das Erscheinen von Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer. D. Baecker unterscheidet vier Gesellschaftstypen, die er als Reaktionen auf solche Medienbrüche interpretiert. Die Tribalgesellschaft hat Sprache, die antike Gesellschaft hat Schrift, die moderne Gesellschaft hat Buchdruck und die postmoderne Gesellschaft – die sich gerade selbst hervorbringen soll – hat vernetzte Computer.

Die genannten Medienbrüche sind ein Narrativ, das (s)eine Kommunikations-Soziologie erzählbar machen soll. Es ist eine quasiantropolgische Geschichtsschreibung, in welcher die Kultur nicht anhand von Kriegen, Staatsmänner und Reichsbildungen erzählt wird, sondern anhand daran, wie Menschen zu ihrem symbolischen Wissen kommen. Dabei interessieren nicht die Menschen, sondern das Wissen, das als Medium fungiert, weil es keine inhaltlich Bestimmung hat. Es interessiert auch nicht, wer was weiss, sondern dass das Wissen wahr oder nicht wahr und gesellschaftlich akzeptiert sein kann, und dass es in der gemeinten Moderne ausschliesslich aus den buchdruck.pngMassenmedien kommt, die zusammen mit den Sozialwissenschaften durch die Socialmedia genannten Plattformen bedroht sind. Der letzte oder aktuelle Medienbruch zerstört die Massenmedien und zeigt noch keine Alternative dazu – ausser Facebook.

Das Mediennarrativ ist eine klassische Untergangsgeschichte, die Kultur ist darin in Auflösung, nicht zuletzt weil in den neuen Medien sogar wieder – wie am Anfang der Geschichte – hauptsächlich gesprochen wird. D. Baecker befasst sich deshalb schon länger als Kulturantropologe mit der Next Society, die dem aktuell vermeinten Medienbruch folgen soll. Hier geht es mir aber nicht um die nächste Kultur, sondern um die vermeintlichen Medien:

Sprache scheint für D. Baecker – wobei ich nicht erkenne, was er mit dem Ausdruck bezeichnet – eine Art soziales Urereignis zu sein, durch welches sich die Kommunikation grundlegend verändert hat – was natürlich voraussetzt, dass
Menschen davor auch ohne Sprache kommunizierten. Dass auch Sprache als Mediumbruch bezeichnet wird, suggeriert Vor-Menschen, die noch jenseits einer Kommunikationsgesellschaft ums Feuer sitzen, wie S. Kubrick sie im Film Space
Odyssee vor der Götterdämmerung gezeigt hat. Indem Sprache als Medium eingeführt wird, erscheint sie als etwas, was den Menschen irgendwann zugekommen ist und nicht als Handlungszusammenhang, durch den sie ihr Tun begreifen.

Schrift habe die Kommunikation aus der zeitlichen Begrenzung befreit. Darin spiegelt sich die landläufige Vorstellung sie sei nach der „Sprache“ entstanden, weil es dafür – anders als B. Brecht fürs Radio schreibt – ein Bedürfnis gegeben habe. Der Unterschiede zwischen Sprechen und Schreiben ist für mich offensichtlich, weil ich ja beides mache, aber keineswegs offensichtlich ist für mich die Revolution oder der Bruch, weil ich nicht sehen kann, dass das eine eine Weiterentwicklung ist des anderen ist. Oder etwas, was später zur Sprache hinzugekommen ist. Wenn ich schreibe, also Text herstelle, mache ich etwas anderes als wenn ich spreche. Text ist ein materielles Artefakt, dessen Sinn ja gerade darin liegt, dass ich es später wieder verwenden kann. Wenn ich sage, dass Menschen Werkzeuge herstellen, bezeichne ich damit auch vor allem, dass in Werkzeugen spätere Situationen antizipiert werden. Das aber hat nichts damit zu tun, dass ich je aktuell über spätere Situationen sprechen oder schreiben kann.

Buchdruck setzt Sprache und Schrift voraus und ist offensichtlich später auf der Welt erschienen als die Schrift. Aber in einem begrifflichen Sinn ist Buchdruck gar nicht mit Schrift vergleichbar. Buchdruck ist keine Entwicklung der Schrift oder gar der Sprache, sondern ein Textherstellungsverfahren, in welchem das Schreiben von Hand mit Tinte aufgehoben ist. Bücher hat es auch offensichtlich schon vor der Erfindung des Buchdruckes gegeben. Man könnte also ebensogut das Buch als Revolution bezeichnen, womit auch nichts gewonnen wäre. Buchdruck hat Bücher und andere Textformate wesentlich billiger gemacht. Das ist der kapitalistische Sinn jeder Mechanisierung. Und wenn man will, kann man jede technische Entwicklung als Bruch bezeichnen. In der gängigen Geschichte wird etwa der Webstuhl als Bruch dargestellt, weil damit ganz viele Weber ihre Arbeit verloren haben. Aber was haben der Webstuhl und die Buchmassen verändert oder gar revolutioniert?

Computer schliesslich sind automatisierte Werkzeuge, die wie der Buchdruck die Textherstellung effizienter und zusätzlich in Netzwerken die Textverwaltung effizienter machen. Und ja, man kann von einem neuen Medium sprechen, wenn man die elektrische Übertragung von Texten damit bezeichnet. In diesem Fall ist der Draht des Telegraphen die mediale Revolution. Der von D. Baecker vielleicht gemeinte Bruch bezieht sich darauf, dass ein Computernetz keine Massenmedium ist, auch wenn das von vielen Menschen, die etwa Facebook zu Redaktionsarbeit verpflichten wollen, ganz anders gesehen wird. Dabei handelt es sich aber eben um aktuelle Auseinandersetzungen, die zeigen sollen, dass dieser Medienbruch noch nicht vollzogen sei. Es gibt überdies allerlei KI-Fantasien, in welchen Menschen mit Computern sprechen, was natürlich auch Bruch ist. Ich habe bislang noch nie einen Menschen kennen gelernt, der das wirklich tut. Schon vor 50 Jahren hat J. Weizenbaum Menschen auf trickige Weise dazu gebracht, so etwas von sich zuzugeben. Aber ohne Tricks tut das bislang niemand, auch D. Baecker meint, nur bislang noch nicht.

Bei N. Luhmann ist der Buchdruck – oder genauer, das massenhafte Resultat davon – der Ausgangspunkt für alles, was davor und danach auch noch vorkommt, weil darin seine Kommunikation quasi handfest wird und Massen bindet. Sprache und Schrift begründen keine sozialen Systeme. Buchdruck ist für die von N. Luhmann bezeichneten sozialen Herrschaftssysteme ein wesentlicher Mechanismus der
Gleichschaltung im Sinne einer moralischen Inklusion des massenmedial Sagbaren, das von der postmoderne Differenz zwischen Wissen und Fake unberührt ist. Mit Massen sind in dieser Theorie eben gerade nicht Menschen gemeint, sondern Kommunikationsmassen, die das Sagbare – oder im Slang, das Beobatbare – repräsentieren.

Wenn ich Kommunikation im Sinne von N. Luhmann als systembildend beobachte, sehe ich im Buchdruck keinen Bruch, sondern den Anfang einer gesellschaftlichen Epoche, in welcher Wissen durch Monopolisierung überhaupt geschaffen wird. Davor wusste jeder, was er wusste, aber es gab kein Wissen in einem gesellschaftlichen Sinn, weil niemand darauf zugreifen konnte. Die Medienbruch-Geschichte bezieht ihren Sinn aus der Angst, dass Massenmedien und mithin die postulierten sozialen Systeme als Herrschaftsinstrument nicht mehr funktionieren.

Digitalisierung und analoge Kommunikation


D. Baecker setzt „Ausgangspunkte einer Theorie der Digitalisierung“ [1], indem er den Ausdruck Digitalisierung der Alltagssprache entnimmt und ihn für ein Sammelsurium von Schlagwörtern verwendet, weil jeder wisse, „was darunter zu verstehen ist“, auch wenn er selbst es nicht recht weiss, weil er als Mensch seine Kompetenz in der analogen Kommunikation verortet. Die digitale Kommunikation habe – wozu er P. Watzlawick herbeizitiert – aufgrund ihrer 0/1-Logik einem Alles-oder-Nichts-Charakter. Wie eben eine Maschine müsse der Mensch dabei verstehen oder nicht verstehen, ein ungefähres Verstehen sei in der digitalen Kommunikation nicht vorgesehen. Die digitale Kommunikation verfüge über Möglichkeiten der Negation, weshalb sie beliebig kompliziert sein könne. D. Baecker schreibt statt kompliziert komplex, was er dann zugunsten von konnektiv verwirft, weil er komplex für die analoge Kommunikation verwenden will. Die analoge Kommunikation setze anstelle der Negation, die sie nicht kenne, eine Widersprüchlichkeit, womit wohl eher eine Mehrdeutigkeit gemeint ist, die zu Widersprüchen führen kann.

Ich will seine Medientheorie, die auf einem Sammelsurium von Medienkonzepten wie Sprache, Schrift, Buchdruck beruht, [2] hier nicht weiter verfolgen, sondern den hier gewählten Ausgangspunkt genauer beobachten. Tränen der Freude und Tränen des Schmerzes, das Lächeln der Sympathie und black_panther.pngdas Lächeln der Verachtung, die geballte Faust der Drohung und die geballte Faust der Selbstbeherrschung übernimmt D. Baecker von P. Watzlawick als Beispiele für eine Analogkommunikation, die eben noch Domäne des Menschen sei, weil sie sich nicht computerisieren lasse. Wörter wie Natur, Gesellschaft oder Digitalisierung scheinen dagegen eindeutig. Sie verlangen aber gerade um diese scheinbare Eindeutigkeit zu behalten immer komplexere Theorien – wozu D. Baeker wenigstens durch sein Forschungsprogramm explizit beitragen will.

Sprache ist nicht digital, weil sie die Möglichkeit der Negation bietet, sondern weil sie vereinbart ist. Ich verstehe, was mit Wörtern wie Tisch oder Hammer gemeint ist, aber nicht weil ich deren Vereinbarung kenne, sondern weil ich weiss, wie ich die Wörter verwende. Mein Verstehen beruht auf einer Analogie, die ich erkenne, wenn andere Menschen Wörter wie ich verwenden. Und wenn mein Gegenüber Tränen oder ein Lächeln zeigt, verstehe ich das, weil ich analog weiss, wann mir Tränen kommen und wann ich lächle. Die Analogie ist in beiden Fällen dieselbe, nämlich jene dialogische zwischen Ich und Du. Und ich kann ein Lächeln meines Gegenübers so gut missverstehen wie irgendein Wort, das er sagt.

Analog und digital bezeichnen Verweisungsverhältnisse von Symbolen oder Abbildungen, was mit Computern nur ganz am Rande und mit Kapitalismushandeln 4.0 rein gar nicht zu tun hat. Es ist der Witz der Sprache, dass sie digital ist, dass ich einem Wort auf gar keine Weise ansehen kann, wofür es steht, es repräsentiert immer eine Folge von Zeichen, die ich auch mit 1 und 0 darstellen kann. Ein Lächeln dagegen ist kein sprachliches Zeichen, was es ausdrückt muss mir niemand erklären, weil ich auch lächeln kann. Und weil es keine Abbildung ist, ist es anders als etwa eine Zeichnung auch nicht analog. Eine analoge Abbild hat eine – von mir wahrgenommene – Ähnlichkeit mit dem Abgebildeten, die Zeichnung einer Kuh mit einer Kuh. Wozu soll den ein Lächeln analog sein?

Epilog

Jeder verwendet Wörter, wie es ihm gefällt. Ich kann niemandem vorschreiben, ein bestimmtes Wort auf eine bestimmte Art und Weise zu verwenden. Ich kann auch von niemandem verlangen, dass er seine Verwendung des Wortes erläutert, schon gar nicht, dass er seinen Wortgebrauch definiert. Ich kann aber natürlich immer eine Kommunikation unterstellen, in welcher Wörter wie ein Lächeln immer auch ein allfälliges Gegenteil bedeuten können. Einer verbreiteten Theorie – die gar nicht erst geschrieben werden muss – zufolge, kann man die Verwendung von Wörter ohne weiteres als analoge Kommunikation verstehen. Man muss dann nicht nur nicht sagen, wie man die Wörter verwendet, man muss es auch gar nicht wissen, weil der je andere ja ohnehin schon weiss, was man sagen will.


[1] Wie verändert die Digitalisierung unser Denken und unseren Umgang mit der Welt? In: Gläß, R./Leukert, B.: Handel 4.0, Gabler 2017 – Online

[2] Als Sammelsurium bezeichne ich eine Zusammenstellung von Dingen, die jenseits der Zusammenstellung nichts miteinander zu tun haben. Die Gegenstäde, die ich auf einem Flohmarkt finde, gehören in dem Sinne zu einem Sammelsurium, dass ich sie dort kaufen kann. Die Medienkonzepte Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer, die D. Baecker zur Erläuterung von Digitalisierung verwendet, haben gemeinsam, dass sie in seiner Theorie vorkommen, oder vielleicht weiss jeder, der analog kommuniziert, was Computer und Schrift begrifflich jenseits von Digitalisierung mit Buchdruck zu tun haben.