Achilles und die Schildkröte


Prolog
Kann Achilles die Schildkröte überholen?

Achilles ist der schnellste Läufer in ganz Griechenland. Zenon legt ihm folgendes dar:

„Hör mal, ich habs mir genau überlegt. Es ist egal, wie schnell Du laufen kannst, Du kannst kein Rennen gegen meine Schildkröte gewinnen, wenn Du ihr nur einige Meter Vorsprung gewährst.“

„Mach Dich nicht lächerlich …“

„Ich wills Dir erklären. Bis Du dort bist, wo sie startet, ist sie bereits etwas weiter, weil sie ja auch nicht still steht in der Zeit, die Du brauchst um dorthin zu kommen. Bis Du wiederum dort bist, wo sie zuvor war, ist sie wieder etwas weiter … Merkst Du, dass Du sie gar nie einholen kannst?“

Achilles, der Schnellste, der noch nie ein Rennen verloren hatte, liess sich nur leicht verunsichern. Weil aber Zenon immerhin auch in seinen Augen eine geistige Autorität war, machte er von Zeit zu Zeit ein kleines Rennen gegen seine eigene Schildkröte – nur um sicher zu sein. Sicher sein ist eben das A und das O auf unserer Welt.

Problem
Zenon dagegen, der genau wusste, wie die Rennen von Achilles gegen seine Schildkröte ausgingen, hintersinnte sich über seiner Aufgabe fast – wie übrigens nach ihm viele weitere Philosophen. Er hat sich ein Problem gegeben, das er und viele seiner ihm folgenden Philosophiekollegen nicht lösen konnten – während alle praktischen Menschen wie Achilles, das Problem gar nicht sehen konnten. Einige der Philosophen – nicht die geringsten – legten recht schlaue Vorschläge vor:

Zuerst Aristoteles, dem wir die Überlieferung von Zenons Texten überhaupt verdanken. Aristoteles argumentierte, man könne eine Strecke nur potentiell beliebig häufig teilen, in Wirklichkeit dagegen sei dies nicht möglich, weshalb Achilles über kurz oder lang aufschliessen müsse. Achilles hörte wohl, was Aristoteles erzählte, er liess sich aber von seinen kleinen Rennen nicht abhalten, weil er als normaler Mensch mit Aristoteles Potentialität nicht viel anfangen konnte, obwohl sie seine Erfahrungen bestätigt hätten.

Etwas später als Aristoteles behauptete G. Leibniz (für Mathematiker offenbar glaubhaft), die Summe der Folge 1 / 2n von 1 bis unendlich, also 1/2 + 1/4 + 1/8 + .. sei gleich 1. Jeder der nachrechnet, statt sich auf waghalsige mathematische Theorien zu verlassen, wird finden, dass das so nicht stimmt (Unendlichkeit und Limes hin oder her) und ohnehin nur das Aufholen, nicht aber das Ueberholen der Schildkröte durch Achilles erklären würde.

Deshalb haben noch später unter vielen andern auch Kant, Bergson und Feyerabend magische Vorschläge zur Lösung des Paradoxons gemacht. Der eigentlich unsterbliche Achilles hatte inzwischen schon längstens tödliche Gewissheit, so dass er seine Rennen nicht mehr austragen musste. Würde er aber noch leben, hätte er sich weder von Kant noch von Bergson oder irgendeinem andern Philosophen von seinen heimlichen Rennen gegen seine Schildkröte abhalten lassen.

Konstruktive Lösung: Systemische Rekonstruktion des Problems
Wir betrachten die Geschichte konstruktiv, das heisst, wir charakterisieren das durch die Geschichte implizierte System. Zenon gehört dann natürlich mit zur Geschichte, er ist der Beobachter, ohne den es die Geschichte gar nicht geben würde: sie ist ja seine Konstruktion. Also ist unsere Geschichte eine Geschichte, in welcher wir Zenon und das Rennen zwischen Achilles und der Schildkröte beobachten. Wir nehmen rationellerweise an, dass ein Läufer mit einer gegeben Geschwindigkeit für ein kürzere Strecke immer weniger lange benötigt als für eine längere, für die halbe Strecke beispielsweise die halbe Zeit. Natürlich teilen wir mit Zenon auch, dass sich die Schildkröte immer einen bestimmten Vorsprung verschafft, bis Achilles dort ist, wo sie war.

Nun beobachten wir unser System. Der Einfachheit halber nehmen wir an, die Schildkröte sei halb so schnell wie Achilles und habe einen Vorsprung von 100 Metern bekommen. Das Rennen wird gestartet. Nach 10 Sekunden ist Achilles dort, wo die Schildkröte gestartet ist, die Schildkröte ist 50 Meter weiter. Zenon registriert die Tatsache und nickt zufrieden. Nach weiteren 5 Sekunden ist der unermüdliche Achilles dort, wo die Schildkröte nach 10 Sekunden war, also nochmals 50 Meter weiter. Die Schildkröte, auch nicht müde, hat 25 Meter Vorsprung erkämpft. Zenon registriert die Tatsache und nickt zufrieden, das Spiel läuft.

Wenn wir den Beobachter Zenon beobachten, registrieren wir, dass er seine erste Messung nach 10 Sekunden vornimmt, seine zweite Messung nach 15 Sekunden, usw., dass er also sein Messintervall laufend halbiert. Es ist leicht zu sehen, was passiert, wenn Zenon seine Strategie beibehält. Nach einigen Messetappen dauert sein Messintervall noch einige Zehntelsekunden, später noch einige Tausendstelsekunden usw. bis die Sache langweilig wird. Die Strecken von Achilles und der Schildkröte werden gemäss unseren sicher vernünftigen Annahmen im gleichen Ausmass wie Zenons Zeitintervalle kürzer, am Prinzip des Rennens ändert sich nichts: Achilles hat keine Chance.

Der von uns beobachtete Prozess läuft nicht in einer irgendwie relativistisch unverständlichen Zeit, sondern in unserer ganz normalen, alltäglichen Zeit, die wir gedanklich ebenso beliebig teilen können wie jede Strecke. Zenon, der Beobachter des Rennens, hat beschlossen, die einzelnen Beobachtungsintervalle immer kürzer werden zu lassen – was wir ihm weder verwehren wollen noch können.

Er protokolliert genau, was er dabei sieht, nämlich dass Achilles die Schildkröte auch nach unendlich vielen Beobachtungen nicht einholen wird. Die Situation ist rational vorhersagbar, ohne irgendwelche Paradoxie.

Selbstverständlich brauchen wir Zenon nicht, wir können auch das Rennen selbst beobachten (konstruieren). Dabei können wir uns selbst so verhalten wie Zenon oder – und das ist unsere konstruktive Entscheidung – ein anderes Beobachtungsverhalten wählen, in welchem wir die Beobachtungszeitintervalle konstant halten, was Zenon uns auch nicht verwehren kann. Logischerweise ist das, was wir in den beiden Fällen sehen, verschieden: wir sehen entweder, was Zenon sieht, oder wir sehen, wie Achilles seine Schildkröte nach kurzer Zeit überholt. Paradoxes jedenfalls sehen wir nicht, wenn wir uns unserer Konstruktion bewusst sind.

Zenon und die Philosophen mögen nun studieren, welche Beobachtungsweise die richtige, die einzig wahre ist; wir lassen dem Beobachter die Wahl.

Epilog

Wohin schauten die para(doxi)lysierten Philosophen?
Philosophen, die Paradoxien wahrnehmen, beschäftigen sich mit der Wirklichkeit. Sie versuchen beispielsweise zu entdecken, ob eine wirkliche (!), physikalische Strecke unendlich teilbar ist oder nicht. Zenon bezeichnete das Problem durch seine Unterscheidung „Kontinuum“. Sie setzen sich dazu an dieselbe Stelle wie Meister Zenon, nämlich an die einzige Stelle, wo man Paradoxien sehen kann, weil man von dort den Beobachter nicht sieht. Einigen wurde dieser Sperrsitz sehr zum Verhängnis. B. Russell schrieb: „Ich habe mich wegen der Kreterparadoxie mehrere Jahre mit etwas völlig unwichtigem beschäftigt“. Ich glaube, er irrte sich auch darin.

Das Wunderbare am Radikalen Konstruktivismus sehr ich darin, dass er uns als autonome Beobachter oder eben als Konstruktivisten sieht. Wir sehen, was wir sehen, aber nicht ob Achilles die Schildkröte WIRKLICH und WAHRHAFTIG überholt.


Konstruktive Lösung von Zenons Paradoxie Vortrag im Seminar Radikaler Konstruktivismus mit Heinz von Foerster, 4. – 6. Februar 1994, in Einsiedeln

Drei Fehler in der Physik-Didaktik


Erstens: Physik ist keine Wissenschaft der Natur, sondern eine Naturwissenschaft. Sie macht keine Aussagen über die sogenannte Natur, sondern Aussagen über die Natur von Artefakten. Als Beispiele eignen sich deshalb nur Artefakte, die ich als Systeme begreifen kann.

Zweitens: Formeln sind vereinbarte Symbole, die aus vereinbarten Symbole bestehen. Die Vereinbarungen müssen sprachlich erfolgen, die Formeln sind also nur sehr kurze Aussagen, deren Sinn darin liegt sprachliche Mehrdeutigkeiten zu begrenzen, was terminologischen Definitionen entspricht. Im Unterricht vermeide ich Formeln, dafür achtet ich sehr genau auf die verwendete Terminologie. Energie beispielsweise kann nicht verbraucht werden.

Drittens: Bei Berechnungen setze ich Zahlen in Formeln ein. Beim Rechnen lerne ich nichts über Physik. Bevor ich aber etwas berechnen kann, muss ich verstehen, was ich berechnen würde. Ich muss also die richtige Beschreibung oder eben die richtige Formel finden. Darin sehe ich den Inhalt der Physik.

Sehr viele praktische Fragen beziehen sich auf Prozesse, die nicht gleichförmig ablaufen, und in Form von Infinitesimalrechnung oder graphisch durch Kurven dargestellt werden. Das macht die Formeln kompliziert, trägt aber zum Verständnis sehr wenig bei. Wenn ich eine lineare Beschleunigung verstanden habe, weiss ich auch, was eine nicht lineare Beschleunig ist. Dazu muss ich sie nicht berechnen können.

Die mir bekannten, aktuellen Lehrbüchern orientieren sich an Berechnungen von Intergralen, die von ganz wenigen Menschen je angewendet werden. Dafür sind sie sprachlich sehr dürftig, was ein adäquates Verständnis be-, wenn nicht ganz verhindert. Ein guter Physikunterricht verzichtet bis zum Hochschulstudium im Fach Physik auf Formeln und Berechnungen.

In der Physik gibt es seit einiger Zeit – umstrittene, aber meines Erachtens sehr plausible – Ansätze, in welchen Physik in systemdynamischer Perspektive eingeführt wird.(1) Dabei zeigt sich, dass die hier dargestellten Fehler auch in Bezug auf Kybernetik gemacht werden, wenn sie nicht als Theorie, sondern als Formelsammlung begriffen wird.


Anmerkungen

Der Karlsruher Physikkurs (zurück)

Interessiert Dich Deine Sprache?


In sehr vielen Situationen interessiert mich nur, dass ich verstanden werde. Dann interessiert mich meine Sprache nicht.
Es gibt viele Arten, sich für (seine) Sprache zu interessieren. Viele Sprachphilosophen interessieren sich für Sprache überhaupt, also nicht für ihre je eigene. Mich interessiert, was ich wie sage, also welche Wörter ich wie verwende.
Wenn ich jemandem sage, dass er mir Geld schuldet, kann mich unser Verhältnis interessieren, also dass er beispielsweise versteht, dass er mir das Geld über kurz oder lang zurückzahlen muss. So wie ich mich aber für meine Sprache interessiere, frage ich mich, wie ich dabei das Wort Geld verwende, also was ich mit dem Wort bezeichne. Ich achte auf meine Formulierungen.

Ich gebe ein Beispiel:

Mit Geld bezeichne ich zwei ganz verschiedene Sachen. Zum einen bezeichne ich Banknoten als Geld und zum andern eine Grösse. Wenn ich mit Geld Banknoten meine, bedeutet meine obige Aussage, dass der andere mir eine Menge Banknoten schuldet. Mit Menge bezeichne ich dann die zählbare Anzahl von Dingen, hier von Banknoten, die ich in die Hände nehmen kann.
Wenn ich dagegen mit Geld die Grösse meine, geht es nicht um Banknoten, und auch nicht um eine Menge von Banknoten. Als Grösse bezeichnen ich eine Hypostasierung eines Vergleichs, in welchem ich den Wert einer Eigenschaft, die ich zwei verschiedenen Entitäten zuschreibe, vergleiche. Wenn ich zwei Gegenstände, die sonst gleich sind, nebeneinanderlege, kann ich sehen, welcher beispielsweise der längere und mithin der grössere ist. Die Eigenschaft, die ich dabei vergleiche, bezeichne ich als Grösse.
Jeder Grössenwert wird in einer Einheit angegeben, in welcher der Vergleich standardisiert ist. Die Länge messe ich in Metern oder Meilen, den finanziellen Wert in Dollars oder Euros.
Ich unterscheide verschiedene Grössen, einige beruhen auf Messverfahren, andere auf anderen Arten des Vergleichens. Mit Geld bezeichne ich die Grösse des finanziellen Wertes, der sich im gemittelten Preis einer Sache zeigt. Den Wert einer Sache kann ich nicht messen, der Preis ist situativ von vielen Bedingungen abhängig, ich kann ihn aber im Einzelfall beziffern.
Wenn mir jemand Geld schuldet, schuldet er mir etwas, dem ich einen Preis zuordnen kann. Wenn mir jemand eine bestimmte Menge Reis oder Benzin schuldet, kann ich diese Sache mit den Grössen Gewicht, Volumen oder Geld bemessen. Ich bezeichne dann immer eine Menge einer Sache, beispielsweise fünf Kilogramm Reis oder Reis für fünf Franken, aber die Sache bleibt eine Sache, es ist keine Grösse.
Wenn mir jemand fünf Franken schuldet, etwa weil ich ihm entsprechend viel Reis vorgeschossen oder weil ich für ihn gegen Lohn gearbeitet habe, schuldet er mir eine Sache mit dem Grössenwert fünf Franken. Wie er seine Schuld begleicht, ist unerheblich. Er kann mir irgendetwas gegeben, was für mich auch fünf Franken wert ist. Eine Banknote ist so gut wie viele andere Gegenstände, andernfalls würde ich eine Banknote ja auch nicht gegen andere Gegenstände tauschen (können).

Die verkürzte Redeweise, wonach mir jemand Geld schuldet, steht – in meiner Sprache – also dafür, dass mir jemand ETWAS schuldet, was ich mit Grösse Geld bewerte, aber natürlich schuldet er mir nicht Geld, auch wenn er seine Schuld mit Banknoten begleichen kann, die den entsprechenden Geldwert haben.

Der blinde Fleck


Es gibt in meinem Gesichtsfeld einen blinden Fleck, der darauf beruht, dass an der Austrittsstelle des Sehnervs aus der Retina – eigenartigerweise – keine Sehzellen (Lichtrezeptoren) vorhanden sind. Sozusagen in der Mitte meines Gesichtsfeldes kann ich nichts sehen. Unter normalen Umständen merke ich es nicht, also stört es mich auch nicht. Ich kann mir aber diesen blinden Fleck durch ein einfaches Experiment bewusst machen:

Ich zeichne zwei Symbole, beispielsweise einen Kreis und ein Kreuz, auf ein Papier, das ich dann vor meine Augen halte. Dann decke ich mit der linken Hand das linke Auge ab und schaue mit dem rechten Auge auf den Kreis. Ich bewege das Papier langsam näher zu meinen Augen und wieder weiter weg. In den meisten Entfernungen sehe ich neben dem Kreis auch das Kreuz. In einer bestimmten Distanz (ca 30 cm) aber verschwindet das Kreuz. Ich sage dann, es liege in meinem blinden Fleck. Der Fleck ist – wie jeder Fleck – dreidimensional, er füllt einen Raum im Raum meines Gesichtsfeldes, in welchen ich nicht sehen kann.

In der Anatomie des Auges habe ich eine zunächst einfache Erklärung für dieses Phänomen, die eben durch die fehlenden Sehzellen gegeben ist. Ich weiss nicht, ob der blinde Fleck als Phänomen und das beschriebene Experiment bereits vor der entsprechenden Anatomie bekannt waren. E. Mariotte hat 1668 über beides zugleich geschrieben. [1]

Ein zweites Experiment zeigt ein zunächst sehr überraschendes Resultat. Ich wiederhole das erste Experiment, zeichne aber einen Strich durch das x.

Das Erstaunliche ist nicht, dass das Kreuz auch hier verschwindet, sondern dass der Strich dabei durchgezogen erhalten bleibt. Im Radikalen Konstruktivismus dient dieses Experiment – anders als bei anderen Weltanschauungen – nicht der Veranschaulichung, dass ich nicht sehe, dass ich etwas nicht sehe, sondern dass ich im zweiten Experiment als durchgezogene Linie quasi etwas sehe, was es gar nicht zu sehen gäbe. Damit wird das Konstruieren im Wort „Konstruktivismus“ begründet. Es wird sozusagen eine Wirklichkeit konstruiert.

C. Peirce, der den blinden Fleck bekannt gemacht hat, schrieb Phänomene wie den durchgezogenen Strich, den man nicht sehen sollte, einer ergänzenden Vermutung zu, die er als Konjektur bezeichnete. [2] Wenn ich im Louvre den Saal mit der Mona Lisa betrete und im ersten Augeblick erst das halbe Bild sehen kann, sehe ich – im von C. Peirce besagtem Sinn – trotzdem das ganze Bild, obwohl dann die zweite Hälfte noch in einem blinden Fleck liegt, der mit der Anatomie meiner Augen nichts zu tun hat. Wenn aber jemand die zweite Hälfte des Bildes im Louvre abgeschnitten hätte, würde ich das ganze Bild sehen, obwohl es gar nicht zu sehen wäre.

Dass ich sehe, was ich nicht sehen sollte, kann ich als optische Täuschungen beobachten. Dabei problematisiere ich, wie ich schaue, indem ich ein Schauen wähle, bei welchem ich nicht sehe, was ich nicht sehen sollte. Ich beobachte dabei, wie ich schauen muss, um bestimmte Dinge zu sehen oder nicht zu sehen. Ich beobachte, wie ich diese Phänomene erzeuge. Damit ich etwas, was in meinem blinde Fleck liegt nicht sehe, muss ich eine ganz bestimmte Perspektive wählen, die durch das obige Experiment veranschaulicht ist. Bei optischen Täuschungen, wie etwa der Müller-Lier-Geraden, muss ich zusätzliche Gegenstände ins Gesichtsfeld nehmen, um die Täuschung aufzuheben.

Ich kann nicht nur sehen, was es nicht gibt, ich kann auch nicht sehen, was es gibt. Ich kann mich nicht sehen. Ich bin in einem für mich blinden Fleck. Einen grossen Teil meines Körpers kann ich ohne weiteres sehen, nicht aber meinen Rücken, meinen Hals, meine Ohren und vor allem kann ich mir nicht in die Augen schauen. Ich kann sozusagen die Welt sehen, aber in meinem Gesichtsfeld fehlt ein Teil von mir.

Hätte ich weder Spiegel noch Bilder von mir, wüsste icht nicht, wie ich aussehe, nicht wie ich von aussen gesehen werde. Ich könnte nur meine Mitmenschen sehen und annehmen, dass ich – im Sinne einer Familienähnlichkeit – aussehe wie sie. Ich habe diesen blinden Fleck, nicht aufgrund der Anatomie meiner Augen, sondern weil ich quasi durch meine Augen hinausschaue. Ich weiss nicht, ob ich diesen blinden Fleck ohne die Existenz von Spiegelbildern je erkannt hätte. Ich hätte vielleicht einfach gesehen, was ich sehen kann, ohne zu erkennen, dass ich mehr sehen könnte.

Buchstäblich ins Bild gesetzt hat diesen blinden Fleck C. Escher, der sich selbst in einer Gallerie sehen kann.

Was wäre, wenn es keine Spiegel geben würde, gar keine, also auch nichts, was spiegelt wie etwa Glas, ruhiges Wasser oder blankes Metall. Und ohnehin keine Kameras und auch niemanden, der mich zeichnen oder malen könnte. Es geht in dieser Vorstellung nicht darum, dass ich blind wäre, also nichts sehen könnte. Es geht darum, dass ich mich nicht sehen kann, obwohl ich sehen kann.

Es gibt Menschen, die meinen, im Spiegel sich selbst zu sehen. Ich sehe im Spiegel mein Spiegelbild. Kleine Kinder und wohl die meisten Tiere sehen im Spiegel weder sich noch ein Bild von sich. Narziss wurde sterbenskrank, weil er sich im Spiegel nicht erkannte. [3]

Während ich mir den blinden Fleck in meinen Augen durch Tricks bewusst machen muss und für dessen Kompensation Erklärungen suchen muss, erkenne ich den blinden Fleck, von welchem hier die Rede ist, durch das einfache Gedankenexperiment, in welchem ich auf alle Abbildungen von mir verzichte. Ich kann mir zwar auch zum Spiegel Erklärungen machen [4], aber ich frage mich dabei nicht, weshalb ich mich ohne Spiegel nicht sehen kann und schon gar nicht, inwiefern ich im Spiegel etwas sehen kann, wo es eigentlich nichts zu sehen gäbe.

Der Spiegel dient mir wie beispielsweise das Mikroskop oder das Fernrohr mehr zu sehen, als ich ohne dieses Artefakte sehen kann. Dieselbe Funktion erfüllen auch eine Fotografie oder ein gutes Gemälde. Diese Gegenstände fungieren als Tricks, Dinge sichtbar zu machen. Ich habe gute Gründe, dem Spiegel mehr zu trauen, als anderen Bildern von mir, was hier aber keine Rolle spielt.
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Ich könnte mich fragen, wozu ich in den Spiegel schaue oder mich porträtieren lassen würde. Aber dieser Frage will ich hier nicht nachgehen. Hier interessiert mich, was ich im Spiegel sehen kann oder anders gesagt, was mein Spiegelbild von mir zeigt. Das Spiegelbild zeigt mir zunächst, was andere Menschen von mir sehen können, wenn sie an der Stelle des Spiegels stehen. Es zeigt mithin nicht, was sie nicht sehen können. Andere Menschen können nicht nur meine Augen sehen, sie können auch auf meine Rückseite gehen. So können sie sehen, was ich mit zwei Spiegeln auch sehen kann.

Der Spiegel zeigt nicht, was ich sehe, wenn ich den Spiegel anschaue. Der Spiegel zeigt den Spiegel nicht. Der Spiegel selbst ist sozusagen im blinden Fleck des Spiegelbildes, ich kann ihn aber sehen. Interessanter ist aber, was ich im Spiegelbild sehe, wenn ich dort qusi mich sehe.

Im Spiegel kann ich meine Oberfläche oder die Oberfläche meines Körpers sehen. Aber der Spiegel zeigt mir ein Bild. Er erfüllt die Funktion einer analogen Abbildung, die eben auch ein Gemälde oder eine Fotographie erfüllt. Wenn ich in einen Spiegel oder auf ein Bild von mir schaue, sehe ich eine Fläche voller Bildpunkte, die ich als Pixel bezeichne. Das Bild zeigt nicht, welche Pixel quasi so zusammengehören, dass sie einen Gegenstand repräsentieren. Das Bild zeigt nicht, welche Bildpunkte mich widerspiegeln und welche Bildpunkte meinen Hintergrund zeigen. Ich muss wissen, welche Bildpunkte mich darstellen und welche nicht.

Wenn ich mich vor einem Spiegel bewege, bewegen sich nicht alle Bildpunkte im Spiegelbild. Das Spiegelbild zeigt in dieser Hinsicht besser als ein Gemälde, was zu mir gehört. Was sich zusammen bewegt, erscheint als Gestalt. [5] Aber auch vor dem Spiegel muss ich natürlich wissen, wer oder was sich bewegt, wenn ich mich bewege.

Und natürlich weiss ich vieles über mich, was auf keinem Bild sichtbar wird. In diesem Sinne kann ich sagen, dass jedes Bild von mir einen blinden Fleck hat. Und so, wie ich einen bestimmten blinden Fleck von mir mit einem Spiegel kompensieren kann, kann ich vieles, was ein Bild nicht zeigt, beschreiben.


Anmerkungen

[1] E. Mariotte war Naturwissenschaftler. Er hat das Experiment in einer etwas anderen Form dem französischen König vorgeführt: mit zwei Münzen, wovon die rechte hin und her geschoben wird. C. Peirce hat das Experiment so übernommen. Damit lässt sich aber der zweite Teil des Experimentes nicht so leicht machen. Ich weiss nicht, von wem er stammt und ob das Phänomen E. Mariotte schon bekannt war. (zurück)

2) Eine gute Einführung dazu gibt U. Wirth in Die Konjektur als blinder Fleck
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3) Ovid schreibt, dass der Jüngling, den Narziss gesehen hatte, verschwunden ist, nachdem eine Träne von Naziss ins Wasser gefallen sei. S. Freud meint, es sei infantil, wenn ein Mensch die Differenz zwischen einem Bild von Sich und sich nicht unterscheiden könne/wolle.
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4) F. Heider beispielsweise erklärt durch verschieden feste Koppelungen, warum ich durch ein Fenster, aber nicht durch einen Spiegel schauen kann.  Ding und Medium (zurück)

5) Solche Fragen behandelt die Gestalttheorie ausführlicher: „Sphären dieser Welt: zu Vielem was um uns ist und vorgeht, haben wir keine Beziehung, es ist nicht wirklich für uns. Die kleinen Molekülsprünge sind in ihrer Eigenart für uns unwichtig. Was für uns wichtig ist, baut sich irgendwie über diese kleinen Teilchen auf, es sind grössere Einheiten. Und über diese grösseren Einheiten müssen wir noch etwas Näheres erfahren.“ Ding und Medium (zurück)

Wofür verwendest Du das Wort Funktion?


Im hier gemeinten Dialog geht es – dia logos (durch das Wort) – darum, wie Wörter verwendet werden. Es geht mithin nicht um die richtige Bedeutung der Wörter, sondern darum, welche Bedeutung sich in welchen Verwendungen der Wörter zeigt. Sehr oft zeigen sich durch die Erläuterungen Homonyme, so dass vermeintlich verschiedene Verwendungen eigentlich verschiedene Wörter oder Metaphern betreffen, die vorab nicht ohne weiteres als solche erkennbar sind.

Ich unterscheide zwei Arten, den Ausdruck Funktion zu verwenden. In einem Fall schreibe ich einem Gegenstand eine Funktion zu, im andern Fall bestimme ich die Funktion vorab und suche einen Gegenstand, der sie erfüllt.

Im ersten Fall frage ich beispielsweise nach der Funktion einer Tasse und sage dann, dass sie die Funktion hat, ein Getränk zum Mund zu führen oder allgemeiner eine Flüssigkeit zu transportieren. In zweiten Fall frage ich, womit oder wie ich eine Flüssigkeit transportieren kann. Ich sage dann mit einem Behälter oder in einem spezielleren Fall mit einer Tasse.

Es handelt sich um zwei verschiedene Perspektiven. Im ersten Fall erkenne ich, was ich mit einer Tasse auch noch machen könnte. Ich verwende beispielsweise eine Tasse auf meinem Schreibtisch zum Aufbewahren meiner Kugelschreiber und Bleistifte. Im zweiten Fall erkenne ich, dass ich Flüssigkeiten auch mit anderen Gefässen, etwa mit einer Flasche transportieren kann.

Wenn ich beispielsweise nach der Funktion von Geld frage, frage ich, wozu es mir dient. Ich kann dann sagen, dass ich es als Tauschmittel verwende und erkennen, dass es weitere Funktionen hat. Es dient mir auch dazu, Wert aufzubewahren. Wenn ich umgekehrt frage, was mir als Tauschmittel dienen könnte, kann ich erkennen das Geld die Funktion gut erfüllt, dass aber auch viele andere Sachen sich je nach Fall mehr oder weniger gut eignen. Mitten in der Wüste wäre vielleicht Wasser ein besseres Tauschmittel als Gold.

Wenn ich mich frage, was als Wertaufbewahrungsmittel gut geeignet ist, kann ich wiederum Geld sagen, aber auch dazu viele Alternativen erkennen. Eine verbreitete Form etwa ist ein Kredit, den ich einem guten Schuldner gebe. Dazu hat S. Gesell einige Beispiele gegeben, die ich hier nur kurz andeuten will. Korn und Geld braucht einen Speicher, den ich mir sparen kann, wenn ich die Sachen ausleihe. Korn kann faulen und Geld kann leicht gestohlen werden.

Dem Geld wird oft auch die Funktion eines Bewertungsmittel zugeschrieben. Wenn ich beispielsweise für eine bestimmte Menge Korn 10 Franken bezahle, scheint das das Korn zu bewerten, das Korn scheint (mir) dann 10 Franken wert – wenn ich vom Unterschied zwischen Preis und Wert absehe. Wenn ich dagegen nach einem Massstab für beliebige Werte frage, kann ich erkennen, dass Geld diese Funktion sehr gut erfüllt. Mir fällt gerade kein anderes Mittel ein, dass diese Funktion auch gut erfüllen würde. Aber natürlich weiss ich, dass jeder Tausch auch ohne Geld vonstatten gehen kann. Ich kann eine Menge Korn gegen ein paar Schuhe oder ein Paar Fische tauschen.

Geld hat also verschiedene Funktionen, aber mit Geld antworte ich auch auf sehr verschiedene Funktionsfragen. Wenn ich nach Funktionen von Geld frage, setze ich voraus, was Geld ist oder was ich als Geld bezeichne. Ich frage dann ja nach verschiedenen Funktionen derselben Sache. Wenn ich dagegen nach Mitteln frage, die eine bestimmte Funktion erfüllen, unterscheide ich verschiedene Funktionen. Wenn verschieden Funktionen mit Geld erfüllt werden können, kann ich fragen, wie Geld die jeweilige Funktion erfüllt. Dabei kann ich erkennen, dass Geld verschiedene Funktionen auf ganz verschiedene Weisen erfüllt. Ich kann erkennen, dass ich mit Geld in dieser Hinsicht ganz verschiedene Sachen bezeichne.

Wenn ich Geld gegen etwas tausche, spreche ich von einer gegenständlichen Ware mit demselben Wert wie die andere Ware. Geld ist dann ein Ding mit einem Wert, eine Münze er eine Banknote, etwas, was ich in die Hände nehmen kann. Wenn ich dagegen sage, dass eine bestimmte Menge Korn, einen bestimmten Wert habe, bewerte ich das Korn mit einem Massstab, so wie ich die Länge eines Gegenstandes mit einem Meter messe, den ich nicht gegen diesen Gegenstand tauschen will. Wenn ich Geld für die Funktion einer Bewertung verwende, bezeichne ich mit Geld einen Massstab oder eine Grösse, also kein Ding, das einen Wert hat, sondern ein Mass für Wert.

Ich bezeichne mit Geld also sehr verschiedene Sachen, die sehr verschiedene Funktionen erfüllen. Wenn ich diese Funktionen genauer beobachte, beobachte ich wie Geld diese Funktionen erfüllt. In einer verkürzten, aber sehr üblichen Redeweise bezeichne ich dann mit dem Ausdruck Geld den Funktionsträger, dessen Funktionsweise ich beobachte. Geld „hat“ dann diese Funktion. Zur Veranschaulichung der Redeweise gebe ein anderes Beispiel. Ich kann mich beispielsweise fragen, wie ich meinen Wohnraum warm halte(n kann). Dabei frage ich nach einem Mittel oder einem Verfahren, das diese Funktion erfüllt. Auch diese Funktion kann durch sehr verschiedene Mittel erfüllt werden. Ein typisches Mittel ist die Heizung, von welcher ich dann in umgekehrter Perspektive verkürzt sage, dass sie die Funktion habe, den Raum warm zu halten.

Wo Funktionen Gegenständen zugeschrieben werden, wird das oft als Erklärung verstanden. Die Frage, was Geld sei beispielsweise, wird dann mit den Funktionen beantwortet, die das Geld haben soll. Damit wird die Sache nicht erklärt, sondern jemandem „erklärt“, welche Sache gemeint ist. Funktionen erklären nichts. Sie bezeichnen Phänomene, für die Erklärungen gesucht werden (können). Wenn ich sage, dass ich den Raum mit einer Heizung warm halte, sage ich, dass ich eine Heizung verwende, aber nichts darüber, wie ich mit der Heizung den Raum warm halte. Erklärungen beschreiben Funktionsweisen, die zeigen, wie die jeweilige Funktion erfüllt wird.

Funktionen, die nicht vorab einem Gegenstand zugeschrieben werden, implizieren einen Handlungszusammenhang, der bestimmt oder begrenzt, welche Mittel oder Verfahren die Funktion erfüllen können. Geldfunktionen etwa beziehen sich auf Werte die beim Tauschen eine Rolle spielen. Oft wird aber der Ausdruck Funktion in dem Sinne metaphorisch verwendet, dass vom Handlungszusammenhang abstrahiert wird. Das ist insbesondere im Kontext der Mathematik der Fall, wo Funktion eine Wertzuordnung zwischen zwei Mengen bezeichnet. Jedem Element der einen Menge (Funktionsargument, unabhängige Variable, x-Wert) wird genau ein Element der anderen Menge (Funktionswert, abhängige Variable, y-Wert) zuordnet, was ich wie folgt symbolisiere: x = f(y). Ich sage dann x sei ein Funktion von y, was natürlich eine sehr verkürzte Redeweise, für eine sehr speziellen Fall darstellt.

Wenn ich x = f(y) schreibe, steht ‚f‘ die Funktion eines Mechanismus, der die Relation zwischen Input und Output erklärt. Auch in diesem Fall dient der Mechanismus als Erklärung der Funktion.

Und schliesslich ist in der Soziologie von Funktionalismus die Rede. Bezeichnet wird damit ein Ansatz, bei welchem der jeweilige soziologische Gegenstand durch eine Funktion bezeichnet wird. In den Ansätzen von T. Parsons und N. Luhmann etwa gibt es Funktionssysteme. Dabei geht es sinnigerweise auch hier nicht darum, dass die Systeme eine Funktion haben, sondern darum, die jeweilige Funktion zu erläutern und zu schauen, durch welche Mittel, Institutionen oder Verfahren die Funktion erfüllt wird, und welche Alternativen auch denkbar wären.


Mein Theorie-Projekt: Einleitung: Projekt

Einleitende Bemerkungen haben oft den Charakter eines nachgetragenen Konzeptes. Ich will dagegen zuerst beschreiben, was ich als Konzept betrachte und wie dieses im Projektzusammenhang steht. Ich beschreibe also zunächst, inwiefern ich diese Arbeit als Projekt auffasse und anschliessend in einem Konzept, wie ich dieses Projekt organisiere.

Das Projekt

Im hier beschriebenen Projekt stelle ich einen Text her.

Als Projekt bezeichne ich die konzipierte einmalige Produktion eines hinreichend genau abgegrenzten Gegenstandes. Diese Produktion wird durch ein vorausgesetztes Produkt bestimmt und beendet. Ein Beispiel dafür ist etwa der Bau einer Eisenbahnbrücke an einer bestimmten Stelle innerhalb eines Eisenbahnnetzes. Das Projekt betrifft eine konkrete Brücke an einem bestimmten Ort, also eine Instanz des Objektes „Eisenbahnbrücke“, die beispielsweise eine Hängebrücke oder brücke5.pngeine Betonkonstruktion mit einer gegebenen Spannweite sein kann und natürlich den Bedingungen der entsprechenden Eisenbahn genügen muss. Das Projekt ist abgeschlossen, wenn die Eisenbahn über die Brücke fährt – oder abgebrochen, wenn der Brückenbau beispielsweise mangels Geld eingestellt wird.

Wenn ich einen Gegenstand herstelle, verfolge ich ein Ziel, dem der Zweck des Gegenstandes unterliegt. Der Zweck des Gegenstandes erscheint als dessen Gegenstandsbedeutung oder als dessen Funktion. Zweck einer Eisenbahnbrücke ist, dass die Eisenbahn auf die jeweils andere Seite des überbrückten Hindernis fahren kann. Hergestellte Gegenstände befriedigen die Bedürfnisse, die deren Antizipation schaffen. Wenn ich beim Verlegen von Eisenbahnschienen an einen Fluss komme, entsteht in mir das Bedürfnis auf die andere Seite des Flusses zu kommen, weil ich mir vorstellen kann, dass das beispielsweise mit einer Brücke möglich ist. Projekte haben oft evidente Zwecke, aber manchmal wird die Erläuterung des Zweckes als Teil des Projektes gesehen. Wenn ich andere Menschen für das Projekt gewinnen will, muss ich erläutern, wozu es gut ist. Dabei kann das auch mir klarer werden.

Jedes mir hinreichend wichtige Projekt beschreibe ich in einem Konzept, das mir als Anweisung dient. Im Konzept beschreibe ich, was ich im Projekt weshalb tun werde und welche Resultate mir als Abbruchkriterien genügen. In diesem Sinne ist das Konzept immer auch ein erstes Resultat des Projektes, das seinerseits auf einem mehr oder weniger impliziten Konzept beruht, das bereits im Bedürfnis nach dem Projektgegenstand enthalten ist. Wenn ich mir eine Eisenbahnbrücke wünsche, weiss ich im Prinzip, wie die herzustellen wäre – auch wenn „im Prinzip“ sehr oft „eigentlich nicht“ heisst. Das jeweils erste Konzept ist entsprechend allgemein, aber bereits als Anweisung formuliert. In der Ausarbeitung des Konzeptes ersetze ich Tätigkeiten durch Handlungen, die ich zunehmend operativer beschreibe, so dass ich die Beschreibungen schliesslich – der Tendenz nach – als Programm lesen kann, in welchem die einzelnen Teilschritte des Projektes beschrieben sind. Als Konzept bezeichne ich in diesem Sinne einen nicht operationalisierten Entwurf zur geplanten Tätigkeit. Ich mache hier aber noch ein paar Anmerkungen dazu, was ich von Konzepten überhaupt erwarte und was das Konzept in diesem nicht kommerziellen Fall hier erfüllen muss. In vielen Konzepten wird auch die Strategie und die Taktik explizit behandelt, die sich später in Form von Methoden zeigt. Strategie und Taktik sind kriegerische Konzepte, die einen Projektgegner implizieren. Ich nehme nicht an, dass irgendjemand etwas gegen mein Projekt haben könnte.

Die Systematik der Konzeption erscheint gebrochen, wenn ich das Projekt als Differenz zwischen Auftrag und Projekt beobachte. Wenn ich ein Konzept schreibe, habe oder will ich einen Auftrag. Ich kann mit einem Konzept Geldgeber oder Mitarbeiter für eine bestimmte Produktion suchen. Dann beschreibe ich natürlich den Sinn des Projektgegenstandes und im kommerziellen Bereich auch den finanziellen Gewinn, der mit dem Projekt verbunden ist. Wenn dagegen bereits klar ist, dass beispielsweise eine bestimmte Eisenbahnbrücke gebaut werden muss, beschreibe ich im Konzept nur noch, wie die Brücke gebaut wird. Wenn ich ein Projekt nur für mich plane, brauche ich weder Geldgeber noch Mitarbeiter, aber ich kann mir natürlich trotzdem Gedanken über den Sinn des Projektes machen. Und logischerweise kann jedes Konzept auch als eigenständiges Projekt aufgefasst werden.

In kommerziellen Konzepten wird Aufwand und Nutzen in Geld aufgewogen. In einem allfälligen Gewinn sind Sinnfragen aufgehoben. Wenn in Bezug auf Geld nur Kosten ausgewiesen werden können, muss der Gewinn vermittelt im Sinn des Projekts gefunden werden.[4] Die akademische Forschung und deren Institutionen beispielsweise postulieren einen durchaus materiellen Gewinn für die Allgemeinheit, die die Kosten trägt, wobei die Verteilung der Gewinne innerhalb der Gesellschaft normalerweise nicht thematisiert wird. Die Volksschule etwa hat neben ihrem eigentlichen Nutzen ein Zivilisierungsinstrument zu sein, den oft propagierten Nutzen, dass alle, die die Volksschule durch Steuern bezahlen, lesen und schreiben können, auch wenn ganz und gar unklar bleibt, wie das für die Einzelnen die Kosten materiell aufwägen sollte. Wenn die Regierung eines Staates beispielsweise in Form von gebundenen Subventionen Geld für Projekte ausgibt, die den CO2-Ausstoss zu verringern sollen, haben die Empfänger der Subventionen einen materiellen Nutzen, während die Kostenträger insgesamt sich allenfalls damit trösten, dass es der Natur besser gehe. Es ist eine Frage des Projektes, inwiefern Termine, Ressourcen und Kosten eine nennenswerte Rolle spielen, im hier vorliegenden Projekt spielen sie keine Rolle.

Wenn ich keinen kommerziellen Zweck verfolge, kann ich meine Motivation in dem Sinne problematisieren, dass ich ein persönliches und ein gesellschaftliches Interesse unterscheide. Ich kann beispielsweise in meiner persönlichen Entwicklung ein Motiv sehen, das nicht nur mir Vorteile verschafft. Wenn ich einen Text herstelle, dient er mir beim Verfassen meiner Gedanken, er kann aber – wenn ich ihn publiziere – auch anderen Menschen helfen. Ich beobachte dieses Differenz in meinem Text über das Schreiben.[4a]

In vielen Projekten, vor allem wenn das Konzept zur Abschätzung der Projektfinanzierung dient, gibt es fliessende Übergänge zwischen dem Konzept und der Planung im engeren Sinne. Insbesondere wenn der Projektgegenstand in dem Sinne arbeitsteilig hergestellt wird, dass Planung und Ausführung getrennt werden, wird die Konzeptarbeit abgeschlossen, wenn die eigentliche Projektarbeit in Form der Planung beginnt. Wenn ein Ingenieur eine Eisenbahnbrücke plant, stellt er keine Brücke, sondern Pläne her. Die Planung kann dann sowohl als Umsetzung wie auch als letzte Stufe des Konzeptes gesehen werden, die die Tätigkeiten vollständig bestimmt. Während das Konzept primär eine Abbildung des Projektes darstellt, wird in den Plänen hauptsächliche der Projektgegenstand abgebildet. Das ist insbesondere der Fall, wenn ein Konstruktionsplan der gemeinten Arbeit vorausgeht. Eine weniger klare Trennung zwischen Konzept und Planung besteht in Fällen, in welchen die Pläne der praktischen Projektentwicklung wie etwa ein Stadtplan nachgeführt werden, wenn das Projekt vom Konzept abweicht.

Wenn der Gegenstand des Projektes als Resultat einer Entwicklung gesehen wird, kann das Konzept den Entwicklungsprozess beschreiben. Das ist insbesondere der Fall, wenn es sich um ein Forschungsprojekt handelt, bei welchem das Resultat noch nicht bekannt ist, obwohl klar ist, was erforscht wird. Im vorliegenden Fall geht es um die Entwicklung einer bestimmten Theorie, also um einen recht genau bestimmten Gegenstand, wobei aber nicht vorab geklärt ist, was überhaupt als Theorie bezeichnet wird und inwiefern eine Theorie ein Projektgegenstand sein kann. Das Konzept ist in diesem Sinne ein Entwurf zu einer Theorie, den ich in der Theorie reflektiere. Ich beschreibe auf der Stufe des Konzeptes Voraussetzungen der Theorie, die später in der Theorie aufgehoben sind – oder im Konzept entsprechend korrigiert werden. Als Voraussetzung bezeichne ich in diesem Zusammenhang nur, was ich später in der Theorie aufheben will. Ich selbst bin in diesem Sinne keine Voraussetzung des Projektes, obwohl es dieses Projekt ohne mich nicht geben würde.

Im vorliegenden Fall beschreibe ich im Konzept, wie ich meine Theorie entwickle. Das beinhaltet viele Entscheidungen, die sich in der Theorie erst noch bewähren müssen, aber vor allem auch implizite Annahmen darüber, was ich als Theorie begreife. Implizit sind diese Annahmen, weil ich die Theorie ja noch nicht geschrieben habe. Umgangssprachlich würde man sagen können, dass ich meine Theorie bereits im Kopf habe, wo sie aber eben – auch von mir – nicht gesehen werden kann.

* * * * *

Ich fasse nochmals zusammen. In diesem Projekt will ich über meine je eigenen Theorie nachdenken, wozu insbesondere auch gehört, was ich als Theorie bezeichne und auf welchem Weg ich mir meine (je) eigene Theorie bewusst mache. Der Gegenstand dieses Projektes ist die Entwicklung im Sinne einer Herstellung meiner Theorie. Als Gegenstand ist meine Theorie ein Text, in welchem ich die Kategorien, die ich beim Beobachten verwende, reflektiere. Die Kategorien, die ich verwende, sind kontingent. Genau deshalb spreche ich von meiner Theorie. Andere Beobachter verwenden andere Kategorien und haben in diesem Sinne andere Theorien.

Der Sinn dieses Projekts besteht für mich darin, mir mein Beobachten bewusst zu machen. Ich setze dabei voraus, dass ich beobachte und dass ich adäquater beobachte, wenn ich mir dessen nicht nur bewusst bin, sondern auch weiss, wie ich beobachte. Gegenstand des Projektes ist also nicht irgendetwas in meinem geistigen Bewusstsein, auf das ich introspektiv Zugriff habe, sondern ein hergestellter Text, den ich und eben auch andere beobachten können.

Ich mache mir so auch bewusst, dass ich mir meines Beobachtens nicht bewusst sein muss und auch ohne Theorie gut leben kann. Ich bezeichne das, was ich in Form der Theorie erst hervorbringen will, als tacit knowledge, also als eine Art Können, über welche ich ohne Theorie kaum Auskunft geben kann.[5] Ein Teil dieses Können zeigt sich mir darin, dass ich lernen3schreiben kann. Ich kann beispielsweise ein Buch über das Schreiben schreiben. Das kann ich ohne zu wissen, weshalb ich den Text gerade so schreibe, wie ich es mache. Naturwüchsig schreibe ich in diesem Fall einfach, was der Fall ist, ich beschreibe einfach die Wirklichkeit. Ich muss nicht darüber nachdenken, warum oder wie ich die Wirklichkeit wahrnehme. Aber ich kann es tun. Ich brauche keine Theorie, aber ich kann (m)eine Theorie herstellen.

Mein Motiv, mich mit meiner Theorie zu befassen, entspringt der Verallgemeinerung einer einfachen Erfahrung, wobei ich mir weder meine Erfahrungen noch deren Verallgemeinerungen jenseits meiner Theorie vorstellen kann. Die noch nicht reflektierte Erfahrung besteht darin, dass meine Tätigkeiten effizienter werden, wenn ich sie mir bewusst mache.[6] Dieser Erfahrung liegt auch jedes entwickeltere Unterrichten zugrunde, bei welchem auch erläutert wird, was weshalb wie lernen ist. Unterrichten hat in diesem Sinne auch zwei sehr verschiedene Bedeutungen. Im eigentlichen Unterrichten erläutere ich, weshalb ich das unterrichte, was ich unterrichte. Im institutionalisierten Unterricht, also etwa in der Schule, gelten die Unterrichteten als noch nicht in der Lage, den Sinn des Unterrichtes zu verstehen, weshalb sie als Schüler bezeichnet werden. Mein Text richtet sich nicht an Schüler.


Anmerkungen

[4] N. Luhmann schrieb: „Bei meiner Aufnahme in die 1969 gegründete Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld fand ich mich konfrontiert mit der Aufforderung, Forschungsprojekte zu benennen, an denen ich arbeite. Mein Projekt lautete damals und seitdem: Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“ (Die Gesellschaft der Gesellschaft:11) Damit hat er geflissentlich übersehen, was (s)eine Professur kostet, aber wohl richtig eingeschätzt, dass der Kostenträger kaum Nutzen erkennen wird.
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[4a] Dabei geht es um die Frage, ob Menschen zuerst für sich selbst oder für andere geschrieben haben., was in vielen sogenannten Kommunikationstheorien sträflich vernachlässigt wird.
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[5] tacit knowledge kann ich in diesem Zusammenhang nicht übersetzten. Es ist ein Kunstwort für noch nicht explizite Theorie. Eingeführt wurde der Ausdruck von I. Nonaka im Kontext der industriellen Automatisierung für die Idee, wonach die Arbeitenden Fähigkeiten besitzen, über die sie nicht so sprechen können, dass daraus Maschinenfunktionen ableitbar würden.
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[6] Der sprichwörtliche Tausendfüssler macht scheinbar die gegenteilige Erfahrung, er verliert seine graziöse Beweglichkeit, wenn er darüber nachdenkt, wie er sich bewegt. Im Unterricht etwa der Ballerina wird deren Bewegung durch unfreeze, change, refreeze (K. Lewin) vorübergehend ins Bewusstsein genommen und dann wieder automatisiert.
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Mein Theorie-Projekt: Vorwort

[ TheorietheorieInhaltsverzeichnisEinleitung –> ]

In meinem Geld-Buch habe ich ein paar Bemerkungen Geld_Cover_200zur meiner Theorie gemacht.[1] Nachträglich ist mir bewusst geworden, dass ich meine Theorie bisher nicht systematisch be(ob)achtet habe. Das werde ich nun in einem Projekt nachholen.

Ich bezeichne meine – hier noch weitgehend implizite – Theorie als materialistisch und als kybernetisch. Das sind aber Labels, die nicht viel mehr erhellen als sie verstecken, weil ich auch mit diesen Wörtern sehr eigene Vorstellungen verbinde. Gleichwohl zeigen mir diese Bezeichnungen ein benennbares kategorielles Vorverständnis, das meiner Sicht auf den von mir gewählten Gegenstand Theorie zugrunde liegt.

Die Ausdrücke Materialismus und Kybernetik beziehe ich nicht nur auf meine Theorie, sondern auch als Bezeichnungen für die Literatur, die für mich relevant geblieben ist. Ich habe nur sehr diffuse Ahnungen, warum ich gerade die Bücher gelesen habe, die ich gelesen habe, und ich finde kaum Menschen, die dieselben Bücher gelesen haben. Und selbst wenn jemand das gleiche Buch wie ich gelesen hat, hat er doch normalerweise ein ganz anderes Buch gelesen. Was ich wie gelesen habe, war immer auch von meiner Theorie abhängig, die aber gerade dadurch erst entstanden ist. Diese Wechselseitigkeit werde ich meinem Projekt zugrunde legen, nicht in Bezug auf das Lesen, sondern in Bezug auf das Schreiben. Eine wesentliche Kategorie in meinem Materialismus erkenne ich – hier vorab – darin, dass ich primär gegenständliche Tätigkeiten beobachte. Beim Lesen stelle ich keine Gegenstände her. Was ich lese, ist flüchtig, beim Schreiben stelle ich Artefakte her, die den Moment überdauern. Ich schreibe meine Theorie und werde dabei insbesondere mein Schreiben und mein Schreiben über das Schreiben beobachten.

Meine Theorie ist ein – jetzt noch nicht geschriebener – Text darüber, wie ich mein Beobachten beobachte, wozu das Schreiben als selbstbezügliches Referenzobjekt dient. Der Text dient mithin auch als ein Text darüber, was ich als Text und als Beobachten bezeichne. Den Ausdruck Theorie verwende ich dabei in Anlehnung an eine Konvention, in welcher das griechische ‚theorein“ für „sich selbst beobachten“ steht. Ich werde aber nicht mich selbst, sondern mein Beobachten beobachten. Theorie begreife ich – auch dies vorweg – als eine explizite Widerspiegelung der Kategorien, die ich beim Beobachten verwende.

Um die Selbstbezüglichkeit meines Schreiben über das Schreiben etwas aufzubrechen, werde ich zwei Texte schreiben. Ich schreibe einen Text über das Schreiben, in welchem ich das Schreiben als Tätigkeit beobachte, also über die Entwicklung des Schreibens schreibe. Dieser Text trägt den Titel „Schrift-Sprache“ und soll ein konventionelles Sachbuch werden. Im zweiten, hier vorliegenden Text beobachte ich die Kategorien, die ich verwende, wenn ich über das Schreiben schreibe. Ich bezeichne letzteres als Beobachtung 2. Ordnung, weil ich dabei mein Beobachten beobachte. Natürlich ist jede Beobachtung 2. Ordnung auch eine Beschreibung einer Sache und in diesem Sinn eine Beobachtung 1. Ordnung.[2]

Ich begreife mein Vorhaben als Projekt. Der Text, den ich herzustellen plane, ist ein materieller Gegenstand und so das Produkt einer Produktion, zu der ich ein Konzept entwickle. Als Theorie bezeichne ich den Text selbst, also nicht etwas, was im Text beschrieben ist, das es jenseits des Textes – etwa in meinem Kopf – nochmals geben müsste. Es ist Teil meines Theoriebegriffes, dass in einer Theorie nicht der beobachtete Gegenstand, sondern das Beobachten des Gegenstandes beobachtet wird. In einer Theorie schreibe ich nicht, wie die Welt ist, sondern wie ich sie beobachte. Im umgangssprachlichen Sinn von Theorie ist diese Unterscheidung aufgehoben. Die umgangssprachlich gemeinten „Theorien“ von A. Einstein oder C. Darwin beschreiben – auch im Selbstverständnis dieser Autoren – die Realität, die nicht von einer kontingenten Art der Beobachtung abhängig ist, sondern eine bestimmte Beobachtung verlangt, um erkannt zu werden.[3]

Es ist überdies Teil meiner Theorie, dass ich die Verwendung von Wörtern nicht in irgendeinem umgangssprachlichen Sinn voraussetzen kann, sondern vereinbaren muss. Wenn ich von umgangssprachlicher Wortverwendung spreche, bezeichne ich eine Art diffusen Commonsense, um darauf aufmerksam zu machen, dass ich meine eigene Wortverwendung explizit erläutere, wie ich es hier für das Wort Theorie bereits angefangen habe. Ich schreibe dazu ein Wörterbuch, das ich als Hyperlexikon bezeichne, weil es ein Hypertext ist. Dieses Wörterbuch ist wie das Buch Schrift-Sprache Teil meines Projektes und natürlich auch ein Text, den ich durch meine Theorie beobachte. In gewisser Weise reflektiere ich meine Theorie auch durch die Explikation perspektivischer Wortbedeutungen.

Was ich hier entwickle, ist eine Theorie, also nicht die Theorie. Davon abgesehen, dass ich das Wort sehr spezifisch vereinbare, entwickle ich diese Theorie anhand eines bestimmten Textes über das Schreiben, den ich selbst schreibe. Durch meine Theorie lege ich nicht fest, was Schreiben ist, sondern mittels welcher begrifflichen Kategorien, also durch welche Sichtweise ich beobachte, was ich als Schreiben bezeichne. In so verstandener Theorie sehe ich den Sinn eines Dialoges, in welchem Sichtweisen bewusst gemacht werden. Dialoge unterscheide ich von Diskussionen dadurch, dass es im Dialog um eine Vielfalt von Sichtweisen geht, während in einer Diskussion möglichst eine einzige Sichtweise herbeiargumentiert wird. Ich entfalte hier eine für mich sinnvolle Sichtweise, aber keineswegs die Vorstellung, dass jemand Schreiben oder Theorie auch so sehen müsste. Ich suche im Dialog Nachahmung in Bezug auf das Entfalten von Sichtweisen, nicht in Bezug auf eine bestimmte Sichtweise. Ich spreche deshalb bewusst von (m)einer Theorie.

Das Projekt umfasst also drei verschiedene Texte, die genetisch in einer Reihenfolge stehen, aber zeitlich parallel entstehen und sich gegenseitig beeinflussen. Vom Theoriestandpunkt aus gesehen schreibe ich Sachtexte, damit ich beobachten kann, wie ich Wörter verwende, und ein Hyperlexikon, durch welches ich die Wortverwendungen kontrolliere und regle. Beides mache ich dazu, dass ich (m)eine Theorie entwickeln kann. In einem vergleichbaren Sinn dient die Entwicklung der Technik der Entwicklung der Technologie, also dem besseren Begreifen, wie Phänomene erklärt werden (können).

Meine Theorie ist ein Text, also eine materieller Gegenstand, den ich herstelle.

Jede gegenständliche Tätigkeit entwickelt sich mit der darin verwendeten Technik. Die Textproduktion, die ich in diesem Projekt beobachte, bezeichne ich als Hyperkommunikation, weil ich grundlegende Kategorien anhand meines Schreibens mit Hypercard entwickelt habe, einer Software, die das Schreiben von Hypertexten im WWW vorweggenommen hat. Die Kategorien, durch welche ich meine Tätigkeit theoretisch reflektiere, sind in einer Hypertext-Technologie aufgehoben, die bestimmt, was ich wie als Schreibtätigkeit erkenne. Was ich mit einem Bleistift schreibend tue, verstehe ich, wenn ich es nicht mehr tun muss, weil ich mit einem Computer schreibe.[3]

weiter zu Mein Theorie-Projekt: Einleitung: Projekt


Anmerkungen

[1] Todesco, Rolf: Geld. CreateSpace Independent Publishing Platform; (4. August 2016, Amazon), ISBN-10: 1535554452 (zurück)

[2] Ich werde das Beobachten 2. Ordnung, das in dieser Theorie zentral ist, später ausführlicher behandeln. (zurück)

[3] Natürlich kann ich die Evolutionstheorie und die Relativitätstheorie als kontingent betrachten. Jede Lehre kann falsch sein. Aber das ist in der Lehre nicht vorgesehen und wird unter dem Gesichtspunkt von Wahrheit behandelt, der hier nicht interessiert. (zurück)

[4] Der Mensch als evolutionstheoretischer Schlüssel zum Verständnis des Affen. „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutung auf Höheres in den untergeordneteren Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.“(Grundrisse, MEW 42, S. 39). (zurück)

Technologie versus Technikphilosophie


Sehr oft wird in der Alltagssprache zwischen Technik und Technologie kaum unterschieden und wo es doch getan wird, lese ich meistens von Technik, wenn Technik kritisiert wird, und von Technologie, wenn darüber gestaunt wird, was technisch möglich ist. Ich verwende eine andere Unterscheidung.

Als Technologie bezeichne ich die Lehre, die die sachlogische Entwicklung der technischen Artefakte beschreibt. Die Technologie entwickelt sich mit den in ihr beschriebenen technischen Verfahren und insbesondere mit den Artefakten, in welchen diese Verfahren aufgehoben werden.

Ein exemplarisches Beispiel einer technologischen Entwicklung erkenne ich in der der Entwicklung von Automaten. Eigentliche Werkzeuge muss ich mit meiner Körperkraft antreiben und selbst steuern. Maschinen werden durch Motore angetrieben, ich muss sie nur noch steuern. Allerdings muss ich in viele Fällen auch die Motorleistung steuern, so wie ich beim Werkzeug mehr oder weniger Kraft anwenden kann. Bei Automaten werden bestimmte Funktionen geregelt, so dass ich sie weder antreiben noch steuern muss.

Zur Wortgeschichte

Der Ausdruck Technologie wurde wohl zuerst von J. Beckmann (1777) verwendet und bezeichnet dort die Bemühung, das technische Wissen allgemein verfügbar zu machen, wobei J. Beckmann zeitgemäss vor allem handwerkliche Verfahren als Technik auffasste. Etwa ab 1960 wurde in der DDR der Begriff mit Bezug auf J. Beckmann wieder reaktiviert, da aber der Ausdruck bereits umgangssprachlich für „modernen Technik“ verwendet wurde, bezeichneten die Philosophen ihr als Ausbildungsprogramm für technische Fach- und Hochschulen gedachte Material als „allgemeine Technologie“. In Westdeutschland wurde der Ausdruck dann etwas später so übernommen, etwa von G. Ropohl, der seine Systemtheorie der Technik so bezeichnete. Von einer allgemeinen Technologie zu sprechen, impliziert spezielle Technologien, was es nicht gibt. Es gibt nur spezielle Gegenstände der Technologie, die immer „allgemein“ ist.

In der Ausbildung der Ingenieure spielen in Bezug auf Maschinen die sogenannten Naturwissenschaften und die Mathematik eine wichtige Rolle. Auf der – technologischen – Stufe der Automaten hat sich das Engineering – etwa als Informatik – von den Naturwissenschaften getrennt, was aber weitgehend naturwüchsig, also jenseits einer bewussten Technologie passiert ist. Die gemeinte Technologie konnte sich als Fach nie etablieren. Die Ingenieure befassen sich immer mit speziellen Gegenständen. Die Philosophen, die sich nicht für Technik, sondern für vermeintliche Folgen der Technik interessieren, bezeichnen ihre Bindestrich-Disziplin als Technikphilosophie, wobei der Ausdruck „Technologie“ praktisch nur im umgangssprachlichen Sinn verwendet wird.

Der Sinn der – eigentlichen – Technologie

Die Technologie repräsentiert mein begriffliches Wissen schlechthin. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Entwicklung der Technik als eine Entwicklung des Begreifens. Jede Erklärung beschreibt die Funktionsweise eines Mechanismus.

Die Entwicklung der Technik dient der Technologie. Würde die Technik dazu entwickelt, den materiellen Wohlstand der Menschen zu verbessern, hätte die Technik bisher durchwegs versagt: Absolut und relativ verhungern oder verslummen immer mehr Menschen auf der Erde (egal, was welche Statistiken sagen, die von Nichtbetroffenen geschrieben werden). Als Technologie verstehe ich eine Auffassung, wonach sich der Mensch als toolmaking animal begreifen lässt, wie B. Franklin und nach ihm K. Marx geschrieben haben, um die Wichtigkeit der Werkzeugentwicklung in ihren Selbstverständnissen hervorzuheben.

Das Primitive des Neandertalers sind in dieser Sichtweise seine Werkzeuge. Ich kann beim Gattungswesen Mensch (toolmaking animal) keine wesentliche Entwicklung erkennen, ich erkenne aber leicht, dass die Gattung ihre Technik und mithin ihre Technologie entwickelt. Die “alten” Griechen waren wohl mindestens so intelligent und beweglich wie ich, aber sie hatten keine Computer und deshalb natürlich auch kein Wissen über Computer. Ich – und andere Menschen, die nicht im unberührten Urwald oder in sogenannten Entwicklungsländern leben – scheinen allenfalls entwickelter, weil wir eine entwickeltere Technik (zur Verfügung) haben. Insofern die Werkzeugherstellung ein Gattungskriterium ist, hatten (tauto)logischerweise bereits die ersten Menschen Werkzeuge, wenn auch sehr primitive. Die menschliche Gattung entwickelt ihre Technik, Tiere entwickeln sich – von Genmutationen abgesehen – gar nicht.

Aristoteles lebte in einer Epoche der antiken Polis, in welcher die Werkzeuge noch von Sklaven benutzt wurden. Aristoteles entwickelt deshalb sein Geschlecht nicht im Umgang mit Werkzeugen, sondern politisch im Umgang mit Sklaven. Deshalb schien ihm der Menschen ein politisches Tier. B. Franklin, dagegen war als einer der Begründer der USA ein Yankee, der Werkzeuge und Maschinen anstelle der Sklavenhaltung setzen wollte, deshalb sah er das toolmaking animal. Und unabhängig von den beiden, neigt die Geschichtsschreibung dazu, ihre Epochen anhand der Entwicklung der Technologie einzuteilen. In diesem – etwas tierischen – Sinne würde ich allenfalls sagen, der Mensch unserer Epoche ist ein systemerzeugendes Tier.

Beobachter beobachten


Auch wenn ganz unklar ist, woher die Formlierung kommt und mithin, wer damit was gemeint haben könnte, kann ich mir klar machen, was ich damit bezeichne und eben auch, was nicht. H. Maturana, der einen Beobachter-Begriff eingeführt hat, und dabei eben das Wort beobachten aus der Alltagssprache terminologisch neu bestimmt hat, bezeichnete damit eine Unterscheidung, die er in einer logischen Buchhaltung erläutert hat. Der Beobachter beobachtet durch (dia, mittels) Unterscheidungen, die sichtbar werden, wo er seine Beobachtungen beschreibt und so mit Wörtern bezeichnet.

Einen Beobachter zu beobachten bedeutet in diesem Sinne nicht, etwas über einen Menschen zu sagen, obwohl – in der Terminologie von H. Maturana explizit – jeder Beobachter ein Mensch ist. Einen Beobachter zu beobachten bedeutet, die von ihm verwendete Unterscheidung zu beobachten – und sich dabei bewusst sein, dass das wiederum eine Beobachtung ist. Deshalb bezeichnet H. Maturana das als Beobachtung 2. Ordnung.

N. Luhmann hat gemerkt, dass der Beobachter sehr oft mit einem Menschen verwechselt wird und vorgeschlagen, nur noch von Beobachtungen zu sprechen, aber das hilft natürlich nichts, weil Beobachtungen ja immer von einem Beobachter gemacht werden. Und sehr oft meinen Leute, die von Beobachter beobachten sprechen, dass sie einen anderen Menschen beobachten, der praktisch immer etwas nicht richtig sieht, was dann als dessen blinder Fleck bezeichnet wird.

Ich gebe ein typisches Beispiel, um den Unterschied zwischen Menschen beobachten und Beobachter beobachten zu verdeutlichen, nicht ohne vorab anzumerken, dass das Beobachten von Menschen selten gut kommt. D. Baecker schreibt in seinem Aufsatz über Marx, Lenin und Mao: „Karl Marx war sich darüber im Klaren, dass die Arbeitswertlehre, die den Wert der Arbeit an der gesellschaftlich durchschnittlich aufzubringenden Arbeitszeit im Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden Produktivkräften misst, dem Kapital in die Hände spielt.“ Ich will hier vom Unsinn der Aussage, dass K. Marx dem Kapital geholfen habe, absehen. Es geht hier nur darum, dass D. Baecker über K. Marx spricht und darüber, was dieser gemeint oder geschrieben habe. Das ist eine Beobachtung, in welcher ein Mensch beobachtet wird, aber keine Beobachtung 2. Ordnung, also keine Beobachtung eines Beobachters. Es wird keine Unterscheidung beobachtet.

K. Marx hat zwei Klassen unterschieden. Die eine Klasse gibt Lohn und die andere nimmt Lohn. K. Marx bezeichnet die beiden Klassen und beschreibt wie er sie unterscheidet. Das ist eine Beobachtung von K. Marx. Und ich beobachte, dass K. Marx mit dieser Unterscheidung beobachtet. Das ist eine Beobachtung 2. Ordnung. Nun mag man finden, dass meine Beobachtung trivial sei, weil K. Marx selbst ja sehr deutlich geschrieben hat, wie er die Klassen unterscheidet.

Beobachtungen 2. Ordnung werden sehr oft vom Beobachter selbst geschrieben, wenn er seine Kategorien oder Klassifizierungen erläutern will. Sehr oft erscheinen sie als naheliegender Teil der Beobachtung, die beschrieben wird. Im hier zitierten Fall weiss jeder, auch wenn er sonst über die Texte von K. Marx nichts weiss, dass darin Kapitalisten und Proletarier unterschieden werden, und dass das anhand des Lohnverhältnisses passiert, eben weil K. Marx das so dargestellt hat.

Eine andere Frage dagegen ist, inwiefern sich K. Marx als Beobachter verstanden hat. Darüber hat K. Marx nichts geschrieben, weil es damals den Beobachterbegriff, von dem hier die Rede ist, nicht gegeben hat. Natürlich hat K. Marx wie jeder Mensch beobachtet, aber das war kein eigenes Thema für ihn. Eine Form des Beobachters wurde fünfzig Jahre nach seinem Tod populär. Die Physiker haben einen Beobachter entdeckt. A. Einstein hat in seiner Relativität Beobchtungen davon abhängig gemacht, wie sich der Beobachter selbst bewegt, und W. Heisenberg hat in seiner Quantengeschichte Messresultate von der Beobachtung abhängig befunden. In diesen Fällen ist zwar von einem Beobachter die Rede, er spielt aber in dem Sinne keine Rolle, als er keine Kontingenz zur Verfügung hat. Erst die Kybernetiker, vielleicht G. Pask zuerst, haben thematisiert, dass ihre Modelle kontingent sind, eben Konstruktionen, die als Erklärungen dienen. H. Maturana hat diesen Aspekt des kybernetischen Denkens ausformuliert.

Jetzt, wo ich den Beobachter und das Beobachter beobachten in der Theorie explizit zur Verfügung habe, kann ich die Wertlehre von K. Marx als Beobachtung beobachten. Dabei spielt selbstverständlich keine Rolle, wie K. Marx seine Beobachtung beobachtet hat oder hätte, weil jede Beobachtung 2. Ordnung eine Beobachtung ist. Es ist also gleichgültig, was K. Marx klar war, ich beobachte nicht ihn, sondern eine seiner Beobachtungen: seine Kritik an der sogenannte Arbeitswertlehre.

K. Marx beobachtet in seiner Kritik mit der Unterscheidung Wert/Mehrwert die Ungerechtigkeit des Lohnverhältnisses, wozu er die Fiktion Arbeitskraft als Ware erfindet. Die Arbeitskraft als Ware zu beobachten, hilft (ihm) die kapitalistischen Verhältnisse auf den Punkt zu bringen. Er unterscheidet damit Arbeitsprodukt und Arbeitskraft, um zu zeigen, dass die Kapitalisten den Lohn gegen letzteres „tauschen“, was einem „täuschen“ gleichkommt, das in der damaligen Diskussion um den gerechten Lohn Thema war.

Jetzt kann ich mich fragen, wer ein Interesse an dieser Beobachtung hat und erkenne leicht, dass es sich um einen Klassenstandpunkt handelt, den der Beobachter für diese Beobachtung einnehmen muss. K. Marx hat also sehr bewusst beobachtet und dafür einen Standpunkt gewählt, der genau diese Beobachtung möglich macht. Er hat nur nicht so darüber berichtet. Er hat diese Beobachtung 2. Ordnung selbst nicht geleistet.

Und jeder Beobachter, der die Beobachtung von K. Marx beobachtet, kann beobachten, wie er das tut. Die Texte von K. Marx einfach zu lesen ist etwas anderes als sie als Beobachtungen zu beobachten.

Kategorienfehler versus Die Wahl der Kategorie


Beim Radrennen Tour de France gibt es Bergpreise „hors de categorie“. Bezeichnet wird damit eine Kategorisierung der Bergstrassen, die einer Klassifizierung nach Schwierigkeitsgraden oder Anforderungsprofilen entspricht. Ganz lang und steile Anstiege sind Bergstrassen der ersten Kategorie, relativ kurze Anstiege sind Bergstrassen der vierten Kategorie. Richtig schwer zu bewältigende Bergstrassen passen in keine dieser Kategorien, weshalb sie quasi ausser Konkurrenz sind, obwohl sie für die Konkurrenz unter den Radrennfahrern entscheidend sind, eben hors de categorie. Die Frage, weshalb in diesem Fall von Kategorien und nicht von Klassen die Rede ist, bleibt vorerst offen. Die bezeichnete Sache aber ist nicht nur für Radprofis sinnenklar.

Die Einführung des Ausdruckes Kategorie wird Aristoteles zugeschrieben. In den ihm zugerechneten Schriften unterscheidet er anhand von verschiedenen Fragen verschiedene Arten über etwas zu sprechen, die er verschiedenen Kategorien zuordnet. Mit der Frage, wo etwas ist, verwende ich die Kategorie Ort, mit der Frage, wie schwer etwas ist, verwende ich die Kategorie Gewicht. Seine Kategorien bezeichnen also nicht verschiedene Schwierigkeitsgrade, sondern Klassen von Antworten auf ganz einfache Fragen, die oft auch als Prädikate bezeichnet werden. Die Nachfolger von Aristoteles entwickelten dann daraus die Aussagenlogik und die Prädikatenlogik.

I. Kant hat die Kategorie von Aristoteles anders als dieser nicht in der Sprache sondern im Denken begründet, wo er aber wie Aristoteles verschiedene Klassen unterscheidet und viele auch wie Aristoteles benennt. I. Kant vermeidet damit jede Kritik, die die Arbitraität der Sprachen thematisiert, aber er gibt keinerlei Hinweise darauf, woher er über das Denken Bescheid weiss. Seine Kategorien beruhen wie jene von Aristoteles auf Formen, die sich in der Sprache ausdrücken, bei ihm sind es nicht Formen eines Substrates als Natur sondern Denkformen oder Urteilsformen. Beide sehen nicht, dass sie formen, sie sehen nur geformte Dinge.

Eine postmodernere Kritik an solchen Kategorien stammt von N. Luhmann. Aristoteles habe gemeint, wenn er man ein Holzbett vergraben würde, würde Holz wachsen, nicht ein Bett. Deshalb sei Holz bei ihm das Substrat, während die Form , die wird nicht vererbt werde, nur zufällig sei. N. Luhmann verzichtet in der Folge von G. Spencer-Brown auf die Bezeichnung des Substrates und weicht so vielen Problemen aus, die G. Ryle als Scheinprobleme taxiert.

G. Ryle hat die Kategorienlehren von Aristoteles und I. Kant ganz verworfen und stattdessen Kategorienfehler beobachtet. Er gibt keine Definition des Kategorienfehlers sondern beschreibt das Gemeinte anhand von – oft unglücklich einfältigen – Beispielen. Das wohl berühmteste ist der Besucher der Universität Oxford, der nachdem ihm Colleges, Büchereien, Sportplätze, Seminar- und Bürogebäude gezeigt wurden, fragt: „Aber wo ist die Universität?“ Als Kategorie bezeichnet er Prädikate, die in einer gewählten Satzlücke sinnvoll eingesetzt werden können. Das hat mit Klassen im üblichen Sinn nichts zu tun. Der kategorielle Typ eines Ausdrucks wird durch die Menge der Sätze bestimmt, die einen Rahmen für die Einsetzung des Ausdruckes bilden. Sein Beispiel für einen Rahmensatz ist „Aristoteles war ein griechischer […]“. Die Ausdrücke, die man einsetzen kann, gehören zum gleichen kategoriellen Typ. G. Ryle sagt, dass es kein Kriterium dafür gibt, welche Ausdrücke eingesetzt werden können, es sei eine Frage des ordinären Sprachgefühls, welches sich aber als Disposition untersuchen lasse.

Ich invertiere das Verfahren, mit welchem G. Ryle Fehler findet, um Lösungen zu finden. Mir war beispielsweise lange nicht klar, mit welchem Kriterium ich die Begriffe Bild und Abbildung unterscheide. Das hypothetische Erkennen eines Kategorienfehlers – darin liegt das invertierte Verfahren – führte dazu, dass ich nicht mehr Bild und Abbildung, sondern verschiedene Kategorien unterscheide. Ich erkenne jetzt das Bild als Artefakt und die Abbildung als Relation, während ich davor beides derselben – nur als Kategorienfehler vorkommenden – Kategorie zugeordnet habe. Ich habe damit ein „ryle-philosophisches“ Scheinproblem aufgehoben.

Kategorie verwende ich – in Anlehnung an A. Leontjew – für die in einer Theorie beobachtete Einheit der Unterscheidung einer Beobachtung. Kategorie bezieht sich mithin immer auf eine Beobachtung 2. Ordnung.

Mit dem Satz „Das Auto ist rot“ unterscheide ich das Auto von anderen Dingen und rot von anderen Eigenschaften. Im Satz kommen die Wörter Ding und Eigenschaft nicht vor. Ich verwende diese Wörter um Unterscheidungen im beobachteten Satz zu bezeichnen. Rot ist ein Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe. Im Satz kommt auch das Wort Eigenschaftsdomäne nicht vor. Ich verwende das Wort um eine weitere Unterscheidung zu bezeichnen, die ich in der Beobachtung verwendet habe.

Unterscheidungen bezeichne ich implizit, indem ich die eine Seite der Unterscheidung bezeichne. Wenn ich rot sage, impliziere ich eine Unterscheidung rot versus nicht rot. Die Einheit der Unterscheidung bezeichnet beide Seiten und das, wovon sie Teile oder Aspekte sind. In diesem Fall bezeichne ich die Einheit als Farbe. Farbe bezeichnet implizit auch eine Unterscheidung, in Bezug auf rot aber die Einheit der Unterscheidung.

Wenn ich die Einheit in einer Theorie bezeichne, bezeichne ich sie als Kategorie. Mit Kategorie beschreibe ich die Anschauung (theorein), nicht das Angeschaute. Das Auto ist rot oder hat die Farbe rot. Rot ist eine Eigenschaft des Autos. Dass ich die Farbe des Autos beobachte, beruht auf meiner Wahl der Kategorie. Eigenschaftsdomäne und Kategorie werden oft verwechselt oder gleichgesetzt. Die Eigenschaftsdomäne bezeichnet den Wertebereich der Eigenschaft. Die Kategorie bezeichnet, dass in der Beobachtung beispielsweise Eigenschaften unterschieden werden.

Die Kategorie zu bestimmen, ist eine theoretische Entscheidung, die kontingent ist. Bei rot und Auto ist die Kontingenz aus pragmatischen Gründen nicht sehr gross. In vielen Fällen ist aber nicht klar, welcher Begriff mit einem Wort bezeichnet wird. Die je gewählte Zuschreibung von Kategorien ergibt dann verschiedene Theorien. Kategorie bezeichnet hier also etwas ganz anderes als bei den erwähnten Philosophen. Die Kategorie ist die Folge einer Beobachtertätigkeit, nicht deren naturgegebene a priori-Voraussetzung.

Ich unterscheide zwei Fälle: Im einen Fall beobachte ich Sachverhalte ohne Theorie und im andern Fall wende ich eine Theorie an. N. Wiener beschreibt in seinem Roman Die Versuchung, wie er die Systemtheorie anhand von Beschreibungen von Regelungsmechanismen entwickelt hat. Nachdem die Systemtheorie existierte, wurde sie auf verschiedene Gegenstände angewendet, die davor nicht unter der Kategorie Regelung beobachtet wurden.

Unabhängig davon, wie explizit die verwendeten Kategorie sind, entscheiden sie, wie beobachtet wird. Dabei spielt insbesondere eine Rolle, welchen Kategorien Priorität gegeben wird. Ein Standardbeispiel dafür ist die Kategorie Bedürfnis. Wenn zuerst ein Bedarfszustand beschrieben wird, etwa die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, erscheint die menschliche Tätigkeit als Reaktion darauf. Wenn dagegen das Herstellen als fundamentale Kategorie verwendet wird, geht es gerade nicht darum, irgendwelche Mängel zu kompensieren. Denn dann wären die Mängel fundamental und das Herstellen eben nur eine Kompensationshandlung. Herstellen ist dann das, was Menschen von sich aus ohne jede Not tun. Sie heben damit die natürlichen Bedarfszustände, die sie mit anderen Lebewesen teilen auf. Hunger erscheint dann nicht als Bedarfszustand sondern als Zeichen dafür, dass etwas in der Produktion nicht funktioniert.

Die Wahl der Kategorie ist geschichtliche Tat.