Kommunikationstheorie


Gegenstand der Theorie

Gegenstand der Theorie sind Vorstellungen, die mit dem Ausdruck Kommunikation verbunden werden. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch das Wort so verwendet, wie es ihm gefällt, aber einige Menschen machen sich Gedanken darüber, wie sie das Wort verwenden. Und einige Menschen beschreiben, was sie als Kommnikation bezeichnen. Und einige Menschen reflektieren die von ihnen verwendeten Kataegorien in einer je eigenen Kommunikationstheorie, die ihren Sinn natürlich wieder in den Augen jedes einzelnen Lesers finden muss.

Kommunikation in der Umgangssprache

Im Sinne einer phänographischen Umschreibung verbinde ich mit dem Ausdruck „Kommunikation“ umgangssprachlich zwei einfache (quasi-etymologische) Konnotationen (die sich aus jedem mir plausiblen Begriff ableiten lassen):

•Angleichung und Gemeinschaft (Kommune, Kommunismus)

•Interaktion durch Signale (Information)kommunikations_modell_shannon

Den Aspekt der Angleichung sehe ich in den kommunizierenden Gefässen versinnbildlicht. Der Aspekt der Signalübermittlung ist im technologischen Kommunikations-Modell dargestellt. Als Beobachter spreche ich in diesem alltäglichen Sinne von Kommunikation, wenn ich für-wahrnehme, dass sich von mir unterschiedene Instanzen mittels Signalen zu Reaktionen veranlassen, die ich als Angleichungsversuche deuten kann.

Typischerweise sage ich in diesem umgangssprachlichen Sinn etwa, dass zwei Menschen miteinander kommunizieren, wenn sie mittels Symbolen versuchen, einen gemeinsamen oder konsensuellen Verhaltensbereich zu erzeugen, der das Verwenden von Symbolen überhaupt erst möglich macht. Wenn Menschen miteinander sprechen, senden sie einander explizite Signale, die das Verhalten koordinieren sollen. In der Innensicht erscheint dabei jedes Reagieren – und natürlich auch das Nichtreagieren – auf Signale als Kommunikation.

Den kommunizierenden Gefässe rechne ich keine Absicht zu. Die Angleichung ihres Pegelstandes erfolgt durch implizite Signale. In einer naiv beseelenden Redeweise kann ich sagen, dass sie einander etwas mitteilen. Ich verwende aber das Wort Kommunikation in diesem Fall jenseits von Mitteilungen einfach dafür, dass eine Angleichung durch Energieflüsse erfolgt, die ich als Signale interpretiere.

Herstellen als formen und anordnen


Beim Herstellen eines Gegenstandes forme ich Material. Oft – etwa wenn ich einen Gugelhopf aus Teig oder eine Schale aus Ton herstelle – fasse ich das Material dabei als homogene Masse auf, deren Form ich durch Operationen wie drehen, schnitzen, giessen usw verändere. Bei anderen Gegenständen – etwa bei einer Mauer oder einer Steinbrücke – verwende ich Bausteine, die ich anordne und durch Operationen wie kleben oder schweissen verbinde, wodurch auch ein Gegenstand mit einer Form entsteht. Ich unterscheide bezüglich der Formgebung verschiedene Operationen, für die ich auch verschiedene Werkzeuge verwende.

Die Form jedes hergestellten Gegenstandes kann ich als Anordnung von Bestandteilen oder Atomen auffassen. Einen Zopf flechten kann ich als anordnendes Formen sehen. Die Anordnung des Materials bezeichne ich als Struktur des Gegenstandes. Beim Herstellen bestimme ich nicht nur die Form.

Jeder hergestellte Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, in welcher sein Zweck aufgehoben ist. Form und Material sind kontingent, müssen aber den Zweck erfüllen.

Hergestellte Gegenstände kann ich sehen, auch wenn das Gesehenwerden nicht ihr Zweck ist. Bei sehr viele Gegenständen wird in Form von Design sehr darauf geachtet, dass sie beobachtet werden. Sie sollen jenseits ihres Zweckes auch gefallen oder imponieren. Es gibt aber hergestellte Gegenstände, deren Zweck das Angeschautwerden ist. Einen Teil dieser Gegenstände – die auch als Kunstwerke fungieren, wenn sie keinen anderen Zweck haben – bezeichne ich als Bilder.

Als Bild bezeichne ich einen Gegenstand, der dazu hergestellt wurde, etwas zu zeigen, der also keinen anderen Zweck hat. Natürlich kann man sich dafür interessieren, was auf dem Bild zu sehen ist oder es kann als Mitteilung interpretiert werden, aber hier geht es um das Artefakt, also um den hergestellten Gegenstand. Als Bild bezeichne ich eine Anordnung von farbigem Material auf einer begrenzten Fläche, die eine gestaltete Einheit bildet.

Unabhängig davon, was auf einem Bild gesehen werden soll, muss ein Bild von vorne betrachtet werden. Als materieller Körper hat das Bild wie jeder hergestellte Gegenstand eine Rückseite, wobei vorne und hinten durch die in der Gegenstandsbedeutung mitbestimmte Handhabung festgelegt sind. Ein handhabbares Bild kann ich drehen, wie ich will, aber was es zeigen soll, kann ich nur von einer bestimmten Seite sehen. Sehr viele Artefakte haben funktionsbedingt eine Vorderseite, die beim Herstellen entsprechend bearbeitet wird. Ein moderner Bildschirm etwa, der ja etwas ganz anderes ist als ein Bild, hier aber nicht ganz zufällig als Beispiel fungiert, hat vorne eine Anzeigefläche, die aus Flüssigkristallen besteht, die ihrerseits angeordnete Körper sind, deren Farbe gesteuert werden kann. Die Rückseite der Bildschirme interessiert den Nutzer weniger, obwohl sie natürlich für den Bildschirm als Gegenstand so wichtig ist wie die Leinwand für ein Ölgemälde.

Und unabhängig davon, was auf einem Bild – von vorne betrachtet – erkannt wird, kann ich einen Raster über das Bild legen und so jeden Rasterfeld eine Farbe zuordnen. Umgangssprachlich spreche ich von Bildpunkten, obwohl es sich dabei natürlich nicht um Punkte handelt, sondern um farbige Körper. Beim Herstellen eines Bildes kann ich die Rasterfelder – wie die Biene die Zellen ihrer Waben – mit Farbmaterial füllen. Bei einem Mosaik werden die Farbkörper, also die einzelnen Mosaik-Steinchen auf einem Träger aufgeklebt und durch schmale Fugen getrennt. Die Fugen bilden nachdem sie gefüllt sind, einen Raster, die Mosaiksteinchen bilden das Füllmaterial.

Das Mosaik repräsentiert ein Bild, das wie die Bilder im Pointillismus aus einzelnen Bausteinen hergestellt wird, die als Bildpunkte fungieren. Bei Mosaik ist das Raster gut sichtbar, weil es materiell vorhanden ist, auf den Gemälden des Pointillismus ist es erkennbar und bei vielen gedruckten Bilder, kann ich es mit einem Vergrösserungsglas sehen.

Ein Bild ist eine Menge von angeordneten Farbkörper. Es wird im Prinzip so hergestellt wie etwa eine Brücke aus Steinen. Es gibt – wie im Brückenbau – sehr verschiedene Verfahren, die vom Material und von den verwendeten Werkzeugen abhängig sind. Wenn ich mit Ölfarben auf einer Leinwand male oder mit einer Spraydose Hauswände verziere, interessiert mich vielleicht nicht, dass ich einzelne Bildpunkte anordne. Und es mag sein, dass Kunstmaler über Jahrtausende diese Vorstellung gar nicht kannten, obwohl es ziemlich alte Mosaike gibt. Aber vom aktuellen Stand der Bildtechnik her gesehen, zeigt sich jedes Bild als angeordente Farbkörper, egal wie es hergestellt wurde.

Die Anordnung der Steine in einer Brücke ist kontingent, also innerhalb eines Kontingentes von Möglichkeiten. Die Brücke muss sich und eine zusätzliche Last einfach tragen. Die Anordnung der Bildpunkte ist auch kontingent. Als Hersteller eines Bildes erfülle ich aber natürlich eine Intention, die das Kontigent begrenzt – wenn ich nicht gerade freie Kunst machen würde.

Das Anordnen von Farbe auf einem Bildträger ist eine Tätigkeit, für die ich viele Verben, aber kein allgemeines kenne. Ich spreche etwa von malen, zeichnen, skizzieren, schreiben, bedrucken oder kopieren, aber bilden kann ich nicht in diesem Sinn für das Herstellen von Bildern verwenden.

Als bildproduzierende Tätigkeit unterliegt das Anordnen von Farbe wie jedes Herstellen einer Entwicklung der dabei verwendeten Werkzeuge, die ich auch als Übergang von handwerklicher zu automatisierter Produktion beobachte. In gewisser Weise sagen mir die Werkzeuge, was ich beim Herstellen von Bildern quasi von Hand mache, wenn ich die Werkzeuge noch nicht entwickelt habe. In diesem Sinne beobachte ich die Auslagerung von Handlungen in Werkzeuge und jedes Werkzeug verdeutlicht mir das Handwerk. Und alles, wofür ich beim Herstellen von Bildern noch kein Werkzeug habe, bezeichne ich als den noch nicht verstandenen Teil des Herstellens von Bildern.

Evolutionstheoretisch spreche ich von Keimformen, wenn ich im noch nicht Entwickelten Andeutungen auf entwickeltere Stufen erkenne, die nur erkennen kann, wenn das Höhere mir bereits bekannt ist. Wenn ich mit dem Finger im Sand zeichne, kann ich die Keimform eines Bildes erkennen, obwohl alle definititorischen Bestimmungen fehlen, weil ich ja keine Farbe auf einen begrenzten Träger auftrage. Ich schaffe damit eigentlich eher eine Art Skulptur und verwende kein Werkzeug.

Die sogenannte Höhlenmalerei ist in diesem Sinn auch ein Keimform. Allerdings wird das Wort Bild in der Alltagssprache sehr oft so verwendet, dass diese Malereien – besonders wenn sie etwas abbilden – als Bilder gelten. Die sogenannten Graffiti, die aus denselben Grund eher als Grafik als als Bild bezeichnet werden, verwenden ebenfalls einen Bildträger, der nicht dafür gedacht ist. Diese Keimformen zeigen aber auch exemplarisch, dass nicht nur Farben und Werkzeuge entwickelt wurden, sondern eben auch das Bild als solches.

Ich beobachte hier nur die Werkzeuge, mit welchen Bilder hergestellt werden, also nicht die Werkzeuge, die bei der Herstellung von Farben und Bildträgern verwendet werden. Die einfachsten Werkzeuge sind Handwerkzeuge wie der Pinsel oder der Farbstift.

Ich beobachte hier nur die Werkzeuge, mit welchen Bilder hergestellt werden, also nicht die Werkzeuge, die bei der Herstellung von Farben und Bildträgern verwendet werden. Die einfachsten Werkzeuge sind Handwerkzeuge wie der Spachtel, der Pinsel, der Farbstift oder der Stempel. Kompliziertere Werkzeuge sind beispielsweise Spraydosen und Airbrushpistolen, sie markieren den Übergang zu Maschinen.

Eine zweite ganz andere Keimform erkenne ich in der Camera obscura. Dabei geht es mir nicht nur darum, dass das vermeintliche Bild auf der Innenwand durch übermalen dingfest gemacht wird, was ja immer noch ein Mensch tut, sondern darum, dass später mittes der Kamera Bilder hergestellt werden, indem die Innenwand mit einem „Film“ aus lichtempfindlichem Material überzogen wird.

Diese Filmschicht wurde als Bildmaterial zunächst auf eine Fotoplatte und später auf Zelluloid aufgetragen, wodurch ein eigentliches materielles Bild entsteht. Es spielt keine Rolle, dass ich es unter funktionalen Gesichtspunkten als Negativ bezeichen, es ist ein richtiges Bild. Die Anordnung der Bildpunkte ist bei der Bildern, die mit einer Kamera gemacht werden, nicht vom Belieben des Bildherstellers abhängig, sondern davon, was dieser vor der Kamera sehen kann. V. Flusser hat dafür den Ausdruck Technobild vorgeschlagen, weil bei dieser Herstellungstechnik das Werkzeug als Apparat viel stärker in die Gestaltung des Bildes eingreift. Technobilder werden aber nicht von Apparaten, sondern mit Apparaten hergestellt.

V. Flusser hat sich – bei der Wahl des Ausdruckes – nicht so sehr um die Technik der Bildherstellung, sondern viel mehr um „Kulturtechnik“, darum, was alles dargestellt werden kann, gekümmert, was mich hier nicht interessiert. Mich interessiert die Entwicklung des Herstellungsverfahren. Der Fotofilm ist eine entwicklungsgeschichtliche interessante aber erledigte Stufe, er wurde durch die sogenannte Digitalkamera praktisch vollständig verdrängt. Wenn Bilder mit Computern hergestellt werden, ist die Gestaltung praktisch nicht mehr vom Apparat abhängig.

Beim Filmfotobild wird die Farbe des einzelnen Bildpunktes nach dem Auftragen eines homogenen Material festgelegt. Vor der Belichtung sind alle Bildpunkte gleich. Durch die Belichtung erhält jeder Bildpunkt seine spezifische Farbe. Das Verfahren ist also ganz anders als beispielsweise beim Pointilismus, aber das Resultat ist das gleiche.

Fortsetzung folgt

Lehre und Theorie


Lehre und Theorie sind sichtbar zwei verschiedene Wörter. Sie werden aber oft in dem Sinne synonym verwendet, als das eine für das andere steht. L. von Bertalanffy sprach anfänglich von Systemlehre und erst später (nach zwei Übersetzungen ins Englische und zurück) von Systemtheorie. Sein Sohn spricht von einem Übersetzungsfehler. G. Fichte sprach von Wissenschaftslehre, seine Nachfahren von Wissenschaftstheorie, ohne dass Übersetzung direkt im Spiel war.

Als Lehre bezeichne ich die Differenz zwischen Lehre und lehren. Eine Lehre beinhaltet das lehrbare Wissen in einer paradigmatischen Weise, wie es tradiert werden soll. Die Lehre bezeichnet, was beobachtet wird. Das Suffix „-logie“ steht seit dem 16. Jahrhundert für Benennung von wissenschaftlichen Disziplinen und deren Lehren. Einige der mit -logie gebildeten Wörter stammen (als Ganzes) aus der Antike, Etymologie beispielsweise – wohl ein Ursprung der Ableitung – wurde bereits von den Griechen für die Lehre der Nachweisung der eigentlichen, wahren Bedeutung eines Wortes verwendet.

Die englische Sprache, die viele begriffliche Differenzen wie etwa emotion und feeling mit einen romanischen und einen germanischen Ausdruck bezeichnet, hat für Lehre das Wort – neben den verräterischen Ausdrücken teaching und lesson, die das Lehren bezeichnen – die Wörter lore und doctrine, die beide als Übersetzung des deutschen Wortes Lehre – was der Fall von L. von Bertalanffy gezeigt hat – nicht recht passen. G. Fichte wurde deshalb mit Science of Knowledge übersetzt, weil damals der Ausdruck theory noch viel stärker mit einer hypothetischen Doktrin verbunden war.

Die englische Sprache, die oft zwei Wörter für eine deutsch bezeichnete Sache hat, hat oft – wie bei Lehre – kein passendes Wort. So ist das deutsche Wort Theorie im englischen Wort theory nur schlecht aufgehoben, weil theory eben auch für das herhalten muss, was deutsch als Lehre bezeichnet wird.

Die Lehre beschreibt das Beobachtete, die Theorie die Beobachtung in Form von Kategorien. Sehr oft werden in der Lehre aber auch theoretische Anmerkungen gemacht. Oft scheint den Autoren der Unterschied gar nicht bewusst. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass viele Lehren als Theorie bezeichnet werden.

Eine exemplarische Theorie ist die kybernetische Systemtheorie. Sie hat keinen andern Gegenstand als die Kategorien der Beobachtung und kann deshalb für beliebige Gegenstände, als für beliebige Lehren verwendet werden.
Die Kybernetik beschreibt, dass und wie eine eben kybernetische Regelung mit Ist- und Sollwerten beobachtet wird, aber sie hat keinen beobachteten Gegenstand. Und genau deshalb ist sie eine Theorie und keine Lehre.

Theorien werden oft als Methoden gelesen. Dann sagt eine Theorie, wie durch welche Kategorien beobachtet werden muss. Eine Evolutionstheorie etwa besagt, dass Variation, Selektion und Stabilisierung beobachtet werden. Und wenn man sie als Methode liest, dass man das tun soll. Die früher zu Recht Evolutionslehre genannte Lehre, die C. Darwin unter seinem Namen plagiierte, beschreibt, wie sich die biologischen Arten durch Genmutationen entwickelt haben. Diese Lehre wird in verschiedenen Hinsichten kritisiert, die alle die Lehre betreffen, nicht die Theorie.

Neuere Lehren, wie jene von H. Maturana und von N. Luhmann, die in der Selbstbezeichnung das Wort Theorie auch aus dem amerikanischen Sprachgebrauch von T. Parsons übernommen haben, können als Aufhebung der Differenz Lehre und Theorie beobachtet werden, wenn man beobachtet, dass ihr Gegenstand autopoietische Systeme sind, für die Lebewesen oder gesellschaftliche Organisationen lediglich Beispiele sind, wie es die Automaten für die Kybernetik waren. Die Autopoiesis ist dann wie die Selbstorganisation in der Physik eine Beobachtung ohne Gegenstand. N. Luhmann hat insbesondere gezeigt, dass es nicht um Lebewesen geht – und natürlich insgesamt auch nicht um etwas, was jenseits der Beobachtung liegt – auch wenn Soziologen von der Gesellschaft sprechen. There’s no such thing as society, es gibt nur Systeme.

Impfen hat einen neuen Sinn


Die Impfung hat den Zweck, dass der Organismus auf Krankheitserreger schneller oder besser reagieren und so den Verlauf der Krankheit beeinflussen kann. Es handelt sich um eine Art präventives Training. Wenn eine schwerwiegende Krankheit droht, ist die Impfung ein Selbstschutz, der mit Aufwand (Kosten, Körperreaktionen) verbunden ist. Wenn eine Impfung möglich ist, ist es ein Risiko, sich nicht zu impfen.

Die Impfung schützt den Organismus. Damit kann sie aber auch der Psyche helfen, Angst abzubauen. Primär lasse ich mich impfen, um mich zu schützen. Ich kann mich auch impfen lassen, um meine Angst vor einer Erkrankung zu reduzieren.

In der sogenannten Corona-Pandemie bekommt die Impfung einen neuen Sinn, sie wird zum moralischen Gebot. Wer nicht geimpft ist, wird gemobbt. So hilft die Impfung auch gegen eine psychische Krankheit, die durch das Mobbing droht. Das Impfen hilft also gegen zwei sehr verschiedene verschiedene Krankheiten.

Kategorie – neue Version


Kategorie ist ein zentraler Begriff in meiner Theorie-Arbeit Ich habe hier schon früher eine erste Fassung und vor kurzem eine zweite Fassung geschrieben.

Meine Theorie ist ein Text darüber, welche Kategorien ich verwende. Den Ausdruck Kategorie verwende ich nicht im umgangssprachlichen Sinn, also nicht als Synonym zu Klassen, die durch eine Klassifizierung eingeführt werden. Umgangssprachlich bezeichnet Kategorie oft eine Art Wertigkeit von Klassen. Bei Radrennen etwa gibt es Bergpreise erster und zweiter Kategorie, wobei in der ersten Kategorie die höchsten Berge sind.

In der Philosophie ist oft von den Kategorie-Begriffen von Aristoteles und I. Kant die Rede, die hier auch nicht gemeint sind, weil sie nicht Beobachtungen von Beobachtungen bezeichnen, sondern Ideen, die den Beobachtungen auf unergründliche Weise – a priori – vorausgehen sollen. K. Lorenz hat solche Kategorien in der biologischen Evolution verortet, was zeigt, dass er auch einen sehr eigenen Kategorie-Begriff hat.

A. Leontjew begründet sein kulturhistorisch-marxistische Psychologie durch die Verwendung der Kategorie Tätigkeit ohne explizit zu sagen, was er als Kategorie bezeichnet. Im Unterschied zu den genannten Philosophen – die bei ihren Kategorien keine Wahl zulassen – zeigt er aber, wie sich einerseits verschiedene Kategorien in der Beobachtung auswirken und andrerseits, dass die Benennung einer Kategorie noch keineswegs hinreichend bestimmt, wie sie verwendet wird.

Als Kategorien bezeichne ich die in einer Theorie beobachte Einheit der Unterscheidung einer Beobachtung. Ich gebe zuerst eine kurze Erläuterung des Begriffes jenseits von Theorie und anschliessend eine Erläuterung dazu, welche Rolle die Kategorie in der Theorie hat. Im einfachsten Fall beobachte ich Beobachtungen vom Typ des elementarsten Sprechaktes „Es ist xy“. Ich kann mit dieser Beobachtung, also wenn ich beispielsweise den Satz „Das Auto ist rot“ sage, einem Ding oder einem Sachverhalt eine Eigenschaft zuschreiben. Ich kann mit „es ist“ aber auch etwas anderes sagen, etwa dass es dunkel oder Nachmittag ist. Der Satz: „Das Auto ist rot“ enthält zwei Unterscheidungen und ein Zuordnung. Das Auto wird von anderen Dingen und rot von anderen Farben unterschieden. Wenn ich den Satz unter kategorieller Perspektive beobachte, kann ich Ding und Eigenschaft als Kategorien erkennen. Ich beobachte dabei, dass einem Ding ein Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe zugeschrieben wird. Der Satz sagt nichts über Ding und Farbe. Ich verwende Ding und Farbe, um etwas über die im Satz beschriebene Beobachtung zu sagen. Ich sage damit auch nichts über ein rotes Auto.

Kategorie bezieht sich – in meiner Theorie – auf eine Beobachtung, die Eigenschaft auf etwas Beobachtetes. Eigenschaftsdomäne und Kategorie werden oft verwechselt oder gleichgesetzt. Die Eigenschaftsdomäne bezeichnet den Wertebereich der Eigenschaft. Die Kategorie bezeichnet, dass in der Beobachtung beispielsweise Eigenschaften unterschieden werden. Verschiedene Theorien unterscheiden sich durch die je verwendeten Kategorien. Jenseits einer Theorie haben Kategorien für mich keinen Sinn, während sie für I. Kant eine Voraussetzung, also nicht einen konstitutiven Teil der Theorien darstellen.

Ich unterscheide zwei Fälle. Im einen Fall beobachte ich Sachverhalte ohne mir bewusste Theorie und im andern Fall verwende ich eine Theorie. N. Wiener beschreibt in seinem Roman Die Versuchung, wie er die Systemtheorie anhand von Beschreibungen von technischen Regelungsmechanismen entwickelt hat. Nachdem er seine Systemtheorie hatte, wurde sie auf verschiedene Gegenstände angewendet, die davor nicht als kybernetische Systeme beobachtet wurden. Schliesslich erkannte er den universellen Charakter der Theorie.

Kategorien in diesem Sinn sind anders als Eigenschaftsdomänen keine Wertedomänenen. Sie lassen sich auch nicht logisch begründen, sie sind – die den Worten von K. Marx – geschichtliche Tat. Ich kann sie im Sprachspiel beobachten.

Unabhängig davon, wie explizit die verwendeten Kategorie sind, entscheiden sie, wie beobachtet wird. Dabei spielt insbesondere auch eine Rolle, welchen Kategorien Priorität gegeben wird. Ein Standardbeispiel dafür ist die Kategorie Bedürfnis. Wenn zuerst ein Bedarfszustand beschrieben wird, etwa die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, erscheint die menschliche Tätigkeit als Reaktion darauf. Wenn dagegen das Herstellen als fundamentale Kategorie verwendet wird, geht es gerade nicht darum, irgendwelche Mängel zu kompensieren. Denn dann wären die Mängel fundamental und das Herstellen eben nur eine Kompensationshandlung. Herstellen ist dann das, was Menschen von sich aus ohne jede Not – eben primär – tun. Sie heben damit die natürlichen Bedarfszustände, die sie mit anderen Lebewesen teilen auf. Hunger erscheint dann nicht als Bedarfszustand sondern als Zeichen dafür, dass etwas in der Produktion nicht funktioniert.

Kategorien beschreiben – wie Theorie – die Anschauung, nicht das Angeschaute.

Beobachten und die 2. Ordnung


Umgangssprachlich verwende ich das Wort beobachten für eine Tätigkeit, bei welcher ich meine Aufmerksamkeit eine Zeitlang auf einen bestimmten Gegenstand richte. Ich beobachte in diesem Sinne etwa das Verhalten eines Lebewesens. Solches Beobachten kann spontan etwa in Bezug auf ein überraschendes Ereignis erfolgen oder mehr oder weniger systematisch nach empirischen Regelmässigkeiten suchen.

In der umgangssprachlichen Verwendung von beobachten ist aufgehoben, ob die Beobachtung dokumentiert oder wenigstens zur Sprache gebracht wird. Hier interessiert aber nur der Fall, in dem das Beobachtete beschrieben wird. Wenn ich sehe, dass jemand mit einem Feldstecher längere Zeit an einen bestimmte Ort schaut, nehme ich an, dass er etwas beobachtet. Aber nur wenn er beschreibt, was er beobachtet, wird es auch für mich eine Beobachtung.magritte_pipe

Als Beobachtung bezeichne ich in diesem Sinne ein manifestes Resultat des Beobachtens, beispielsweise einen Bericht darüber, was wie beobachtet wurde. In jeder Beobachtung in diesem Sinn wird ein beobachteter Gegenstand bezeichnet und über ihn etwas gesagt, im einfachsten Fall: „x ist y“, beispielsweise „Das Auto ist rot“.

Wenn ich die Beobachtung – also nicht das Referenzobjekt der Beobachtung – beobachte, spreche ich von einer Beobachtung 2. Ordnung. Ich kann dann etwa sagen, dass in der Aussage von einem Auto die Rede ist oder dass die Aussage von xy gemacht wurde. Dabei sage ich nichts über das Auto und dessen Farbe. Da es sich wieder um eine Beobachtung handelt, muss auch sie explizit sein.

Eine spezielle Art der Beobachtung 2. Ordnung beobachtet Unterscheidungen, die in der beobachteten Beobachtung verwendet wurden. Ich beobachte beispielsweise, dass von einem Auto und rot die Rede ist, und frage mich, was dabei wovon unterschieden wird. Rot ist eine Eigenschaft des Autos, die ich als Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe erkenne. Das, was in der Beobachtung unterschieden wird, bezeichne ich als Wert einer Kategorie. In der Beobachtung, dass das Auto rot ist, wurde die Kategorie Farbe gewählt. Die Eigenschaft gehört zum Auto, die Kategorie zur Beobachtung.

Das systematische Beobachtung von Kategorien bezeichne ich als theoretisieren. Als Theorie bezeichne ich eine explizite Reflexion (Widerspiegelung) der Kategorien, die ich beim Beobachten von Sachverhalten verwende. Theorie ist mithin ein Resultat einer Beobachtung 2. Ordnung. Sie beschreibt die Anschauung (theorein), nicht das Angeschaute.

Kategorie versus Klasse oder Eigenschaftsdomäne


Der Ausdruck Kategorie wird sehr vielfältig verwendet. Umgangssprachlich wird der Ausdruck Kategorie oft für Klasse verwendet und in der Logik ist oft von einem Kategorienfehler die Rede. In der Wikipedia steht, Kategorien seien durch andere Begriffe begründbare Begriffsklassen oder Konzepte, die keine Oberbegriffe oder allgemeinere Begriffe zulassen. Klassische Beispiele seien Substanz und Form. Die Sache erscheint etwas kompliziert, wenn ich nicht wie Aristoteles und I. Kant ohne Theorie über Kategorien sprechen, also sie nicht a priori oder voraussetzen will, oder sie nicht empirisch anhand von Kommunikationen bestimmen will. Eine Komplikation ergibt sich aus der sprachlichen Verkürzung, in welcher die Differenz zwischen Klasse und Kategorie aufgehoben wird, indem Eigenschaftsdomänen als Kategorien aufgefasst werden. Ich klassifiziere nach Eigenschaften, aber welche Eigenschaften ich dabei verwende, ist eine Frage der Kategorien.

Als Kategorien bezeichne ich die in einer Theorie beobachte Einheit der Unterscheidung einer Beobachtung. Ich gebe zuerst eine kurze Erläuterung des Begriffes jenseits von Theorie und anschliessend eine Erläuterung dazu, welche Rolle die Kategorie in der Theorie hat.

Im einfachsten Fall beobachte ich Beobachtungen vom Typ des elementarsten Sprechaktes „Es ist xy“. Ich kann mit dieser Beobachtung, also wenn ich beispielsweise den Satz „Das Auto ist rot“ sage, einem Ding oder einem Sachverhalt eine Eigenschaft zuschreiben. Ich kann mit „es ist“ aber auch etwas anderes sagen, etwa dass es dunkel oder Nachmittag ist. Dann verwende ich andere Kategorien. Der Satz: „Das Auto ist rot“ enthält zwei Unterscheidungen und ein Zuordnung. Das Auto wird von anderen Dingen und rot von anderen Farben unterschieden. Wenn ich den Satz beobachte, erscheinen Ding und Eigenschaft, die im Satz nicht vorkommen, als Kategorien. Rot wird dem Auto als Eigenschaft zugeschrieben. Rot ist ein Wert der Eigenschaftsdomäne Farbe.

Die Kategorie bezieht sich immer auf eine Beobachtung, die Eigenschaft auf etwas Beobachtetes. Eigenschaftsdomäne und Kategorie werden oft verwechselt oder gleichgesetzt. Die Eigenschaftsdomäne bezeichnet den Wertebereich der Eigenschaft. Die Kategorie bezeichnet, dass in der Beobachtung beispielsweise Eigenschaften unterschieden werden.

Die Kategorie als Gegenstand der Theorie

Als Theorie bezeichne ich eine explizite Reflexion (Widerspiegelung) der Kategorien, die ich beim Beobachten von Sachverhalten verwende. Verschiedene Theorien unterscheiden sich durch die je verwendeten Kategorien. Jenseits einer Theorie haben Kategorien für mich keinen Sinn, während sie für I. Kant eine Voraussetzung, also nicht einen konstitutiven Teil der Theorien darstellen. Ich unterscheide zwei Fälle: Im einen Fall beobachte ich Sachverhalte ohne Theorie und im andern Fall wende ich eine Theorie an. N. Wiener beschreibt in seinem Roman Die Versuchung, wie er die Systemtheorie anhand von Beschreibungen von Regelungsmechanismen entwickelt hat. Nachdem die Systemtheorie existierte, wurde sie auf verschiedene Gegenstände angewendet, die davor nicht unter der Kategorie Regelung beobachtet wurden.

Unabhängig davon, wie explizit die verwendeten Kategorie sind, entscheiden sie, wie beobachtet wird. Dabei spielt insbesondere eine Rolle, welchen Kategorien Priorität gegeben wird. Ein Standardbeispiel dafür ist die Kategorie Bedürfnis. Wenn zuerst ein Bedarfszustand beschrieben wird, etwa die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, erscheint die menschliche Tätigkeit als Reaktion darauf. Wenn dagegen das Herstellen als fundamentale Kategorie verwendet wird, geht es gerade nicht darum, irgendwelche Mängel zu kompensieren. Denn dann wären die Mängel fundamental und das Herstellen eben nur eine Kompensationshandlung. Herstellen ist dann das, was Menschen von sich aus ohne jede Not tun. Sie heben damit die natürlichen Bedarfszustände, die sie mit anderen Lebewesen teilen auf. Hunger erscheint dann nicht als Bedarfszustand sondern als Zeichen dafür, dass etwas in der Produktion nicht funktioniert.

In meiner Theorie verwende ich in Anlehnung an A. Leontjew die Kategorie Tätigkeit. A. Leontjew hat in seiner Theorie zunächst die Kategorien der Psychologie beobachtet und kritisiert. In seiner Kritik hat er dann die Kategorie Tätigigkeit erkannt. Er selbst bezeichnet für seine Theorie die Kategorien Tätigkeit, Bewusstsein und Persönlichkeit. Allerdings verwendet er einen anderen Tätigkeitsbegriff als ich.
• In der kybernetischen Theorie von N. Wiener gilt: „Alles ist geregelt – wir fragen nicht, was es ist, sondern wie es funktioniert“.
• In der autopoietischen Theorie von H. Maturana gilt: „Alles, was beobachtet wird, wird von einem Beobachter beobachtet.“
H. Maturana begrenzt die Möglichkeiten der Beobachtungen durch das von Menschen Sagbare. Er lässt offen, warum Menschen überhaupt etwas sagen.
• In der funktionalen Systemtheorie von N. Luhmann gilt: „Es gibt Systeme. Sie produzieren beobachtbare Kommunikationen.“

Natürlich gibt es viele andere Auffassungen, auch wenn sie sehr selten explizit gemacht werden. Weil Kategorie sehr vieldeutig verwendet wird, verzichten viele Autoren auf den Ausdruck und sprechen stattdessen beispielsweise nur von Unterscheidungen oder von Differenzen im Sinne von Différance. Oft wird der Ausdruck Kategorie im Sinne einer Eigenschaftsdomäne verwendet. S. Schmidt gibt dafür ein Beispiel: „Jung, schön und Mädchen machen Sinn, indem sie die in der Unterscheidung unbeobachtet mitlaufende Differenz zu alt, hässlich und Mann in Bezug auf die Kategorien Alter, Aussehen und Geschlecht ausnutzen“ (S.32). Er spricht dabei von der Einheit der Differenz: „Insofern können Kategorien als Einheit der Differenz von semantischen Differenzierungen und Unterscheidungen beschrieben werden“ (S.32) Das Beispiel von S. Schmidt ist so gewählt, dass sich die Einheit als Domäne leicht benennen lässt. Es zeigt aber nicht, weshalb oder wann anstelle von Eigenschaftsdomäne von Kategorie gesprochen wird.

S. Ceccato hat den Unterschied zwischen einer Kamera und dem Auge hervorgehoben, letzteres nimmt nicht einfach Bilder auf, sondern ist „aufmerksam“. H. Maturana sagt: „Wir sehen mit den Füssen“, wir richten unsere Aufmerksamkeit auf uns interessierende Dinge“. Die damit eingeführte, aber nicht näher erläuterte Kategorie heisst „Interesse als Steuerung der Aufmerksamkeit“. Mit dem Verhalten (wohin die Füsse gehen), wird die Wahrnehmung gesteuert (W. Powers). Die Konstruktivisten – angefangen bei S. Ceccato und J. Piaget, der den Ausdruck geliefert hat, beobachten mentale Operationen, die sie der Psyche zurechnen. Sie unterscheiden aber keine Theorie, das heisst, sie erkennen die mentalen Operationen nicht als Kategorie, sondern verwenden sie in der Beschreibung des gemeinten Sachverhaltes. Gleiches gilt für die Viabilität, die E. von Glasersfeld eingeführt hat. Als Kategorie beobachte ich auch hier ein „Interesse an einer viablen Auffassung“, die kein Kriterium hat. (Das führt zu den bekannten Kritikmustern Solipsismus und Beliebigkeit der Konstruktionen). Auch N. Luhmann verwendet den Ausdruck Kategorie umgangssprachlich, ohne ihn zu reflektieren. Ich erkenne darin, dass er zwischen seiner Beschreibung der sozialen Systeme und einer Theorie dazu nicht unterscheidet – obwohl er von einer System“theorie“ spricht, wenn er seine Lehre bezeichnet.

Technik als Kunst des Effizient-Seins


Als Tätigkeit bezeichne ich ein Aneignungsverhalten, in welchem ich dieses Verhalten auch in Bezug auf dessen Effizienz reflektiere. Wenn ich tätig bin, denke ich immer auch darüber nach, wie ich es besser machen könnte. Unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten scheint mir dies ein signifikateres Kriterium fürs Menschsein als das Herstellen von Werkzeugen, auch wenn dieses Nachdenken sich hauptsächlich in Form von verbesserten Werkzeugen zeigt.[1] Ich spreche aber – metaphorisch – auch von verschiedenen Techniken, wenn ich Tätigkeiten ausübe, bei welchen ich keine Werkzeuge verwende. Ich kann beispielsweise beim Schwimmen oder Hochspringen verschiedene Techniken verwenden, was ich im Verhaltensrepertoir von Tieren nie sehen kann. Dass ich in solchen Fällen von Techniken spreche, zeigt mir, dass ich an Technik denke, wenn ich wirklich effizienter sein will. Ein Motorboot oder eine Brücke ist viel effizienter als jede Form von Schwimmen, wenn Schwimmen nicht als reines Practise gesehen wird, sondern den Zweck hat, ein Gewässer zu überqueren.

Den Ausdruck Technik verwende ich für die Kunst des Effizient-Seins. Eigentlich verwende ich den Ausdruck als Produkt-Bezeichner für in Artefakten konservierte Verfahren, die mich effizienter machen. Dann verwende ich den Ausdruck Technik in einem verallgemeinerten Sinn als Prozess-Bezeichner für effiziente Tätigkeiten, wenn ich etwa von Verhandlungstechnik oder der Technik eines Künstlers oder eines Fussballers spreche. In diesem übertragenen Sinn beobachte ich Verfahren, die in einem Artefakt, etwa in einem Roboter aufgehoben werden können. Als Technik bezeichne ich mithin einen Handlungszusammenhang, in welchem Verfahren in Artefakten aufgehoben werden.[2]

Technik heisst in diesem Sinne die intendiert wiederholbar Verursachungen von institutionalisierten Verfahren, die im entwickelten Fall im externen Gedächtnis, also in Artefakten, die das Verfahren rekonstruierbar machen, gespeichert sind. Ich gebe dazu ein Beispiel. Wasser schöpfen kann ich, indem ich mit meinen Händen eine Schale forme. Ich kann jemandem zeigen, wie ich mittels meiner Hände Wasser aus einem Bach trinke. Er kann das Verfahren kopieren und wendet dann eine bestimmte Technik an, die beispielsweise meine Katze nicht anwendet. Ich kann statt meiner Hände eine Schale verwenden – was mir dann auch zeigt, warum ich davon spreche, dass ich mit meinen Händen eine Schale forme. Ich kann beispielsweise eine hohle Fruchtschale verwenden oder eine hergestellte Schale. Jede hergestellte Schale ist bewusst geformtes Material. Ich kann beispielsweise mit meinen Händen eine Schale aus Lehm formen, was etwas ganz anderes ist als eine Schale in Form meiner Hände zu formen. Die hergestellte Schale hat eine Gegenstandsbedeutung, die ich erkenne, wenn ich sie als Schale verwende. Die Schale ist in diesem Sinne eine konservierte Anweisung für ein Verfahren, das ich als Schöpfen bezeichne. Ich bezeichne sie als externes Gedächtnis, weil sie mich an das Schöpfen erinnert. Als externes Gedächtnis ist sie in dem Sinne sozial, als auch andere Menschen deren Sinn rekonstruieren können.

Eine hergestellte Schale mittels der Hände zu verwenden, ist in vielen Fällen nicht effizient. Deshalb wird sie oft in Maschinen, beispielsweise in Wasserschöpfeinrichtungen oder in Baggern eingesetzt. Und natürlich sind auch Maschinen nicht sehr effizient, wenn man sie von Hand steuern muss. Deshalb verwende ich lieber geregelte Maschinen, also Automaten. Das Herstellen einer Schale beinhaltet nicht nur, wozu die Schale gut ist, sondern auch dass und wie sie technologisch weiterentwickelt werden kann.

Ein Schale ist zunächst kein Werkzeug, sondern ein Gerät, das aber im Laufe seiner Entwicklung in ein Werkzeug einfliesst. Die gegenständliche Tätigkeit besteht im Kern darin, Werkzeuge zu verwenden, die ihrerseits Produkte gegenständlicher Tätigkeiten sind. Die grösste Effizienz besteht darin, mittels Werkzeugen, entwickeltere Werkzeuge herzustellen. Die technische Entwicklung repräsentiert sozusagen eine selbstbezügliche Produktion, in welcher Werkzeuge zur Herstellung von Werkzeugen hergestellt werden.

Die entwickelsten Werkzeuge sind mittels sogenannter Programmiersprachen programmierbare Automaten. Wenn ich einen Automaten programmiere, stelle ich den jeweiligen Automaten her. Bevor er programmiert ist, ist er lediglich ein Halbfabrikat. Die Programme von entsprechend entwickelten Automaten werden als Texte lochkarte1hergestellt.[3] Als Programmiersprache bezeichne ich eine Steuerungsmechanik, deren Konfiguration als Steuerungselemente so angeordnete Zeichenkörper, beispielsweise Lochkarten verlangt, so dass diese sekundär lesbar sind. Wenn ich Programme schreibe, stelle ich schreibend materielle Teile jener Automaten her, in welchen die Programme verwendet werden. Darin zeigt sich das Textherstellen als subtiles Herstellen von Werkzeugen.

Dass ich Programme schreiben und lesen kann, ist nur für mich wichtig, für deren
lochkarte Funktion in der Maschine ist es ohne Relevanz. Programmieren ohne Programmiersprache ist aber extrem kompliziert und sehr ineffizient. Programme als Texte herzustellen, zeigt in einem spezifischen Sinn, was Texte sind – und inwiefern Schreiben schon immer eine Technik der Technik war. Wenn ich einen Konstruktionsplan einer Maschine zeichne, muss danach ein Mechaniker die Maschine herstellen. Wenn der Arbeitswissenschaftler F. Taylor genau beschreibt, wie welche Arbeit ausgeführt werden muss, muss diese Arbeit von Arbeitern ausgeführt werden. Wenn ich dagegen ein Programm schreibe, muss niemand mehr Hand anlegen. Schreiben erscheint in dieser Hinsicht als die höchstentwickelte technische Tätigkeit, in welcher der Unterschied zwischen Herstellen und Beschreiben aufgehoben ist.

Ich habe diese technologischen Zusammenhänge in meinem Buch „Technische Intelligenz“ ausführlich dargestellt.[4]


[1] K. Marx beispielsweise hat die Verwendung des Kriteriums „toolmaking animals“ ja recht eigentümlich kommentiert, auch wenn ich nicht sehe, dass er es verworfen hätte.

[2] Im Kontext der ökonomischen Produktion dient die Technik der materiellen Verbesserung des Wohlstandes oder anders ausgedrückt, dem Erübrigen von Arbeit. Ein Roboter kann einen Arbeiter ersetzen, ein PC kann eine Sekretärin zehn Mal schneller machen. „Technik = Arbeit sparen“ (Ortega y Gasset, Ropohl, 1979:197).

[3] Anschaulich sind diese Maschinenteile beispielsweise als Lochkarten, wo ihr sekundäres Textsein noch nicht so augenfällig ist, etwa bei J. Jacquards Webstuhlsteuerung. Die Programme der ersten Computer wurden noch nicht als Texte gesehen, weil die Programmiersprache noch nicht erfunden war und die Computer (etwa der Colossus oder die Eniac) durch eine Anordnung von Kabeln programmiert wurden.

[4] Todesco, Rolf: Technische Intelligenz oder Wie Ingenieure über Computer sprechen. Stuttgart, frommann-holzboog, 1992.

Schrift als Handlungszusammenhang


Den Ausdruck Schrift verwende ich homonym für Schrift (ohne Plural) und für je bestimmte Schriften.

Schrift ist einerseits hoch abstrakt und wird andrerseits als Homonym für eine ganz leicht nachvollziehbare Sache benutzt. Ich sage etwa, Du hast schöne Schrift und weiss dann sehr wohl, wovon ich spreche, ohne die geringste Ahnung davon haben zu müssen, wie ich den Begriff Schrift jenseits davon verwende.

text

Als Schrift bezeichne ich – von all den umgangssprachlichen Verwendungen des Wortes abgesehen – einen Handlungszusammenhang, in welchem ich bestimmte Verhaltensweisen als Schreiben deute. Als Handlungszusammenhang bezeichne ich, dass ich Verhaltensweisen als Handlungen beobachte, ihnen also Sinn zuschreibe. Die beobachtbare Operation, die ich als Schreiben deute, besteht im Herstellen von Artefakten, die ich als Schriftzeichen erkenne, wenn ich ein Konzept von Schrift habe. Man könnte sogar sagen, dass man mit einem vorhandenen Konzept von Schrift das Schreiben ausschliesslich als Schreiben gesehen werden muss. Hier geht es gerade darum, dass man das Schreiben nicht als solches beobachten muss. Wenn ich keine Ahnung vom Schreiben habe, kann ich ein Kritzeln oder ein Zeichnen sehen, wo jemand etwas schreibt.

Wenn ich schreibe, stelle ich ein Artefakt her, indem ich Material forme. Die Form der einzelnen Zeichen und des Textes ist durch die von mir gewählten Schrift bestimmt. Schrift bestimmt – in diesem operativen Verständnis – die Form von Text, der aus endlich vielen wohl angeordneten Zeichen besteht. Wenn die Artefakte und deren Anordnung die Bestimmungen der Schrift nicht erfüllen, sind sie kein Text.

Handlungszusammenhänge bilden den funktionalen Kontext von Tätigkeiten. N. Luhmann, der sich nicht für Tätigkeiten interessiert, spricht von Funktionssystemen. Die Wikipedia, die keiner Systemtheorie verpflichtet ist, spricht von einem Zeichensystem, das keiner weiteren Erläuterung bedarf. Als Handlungszusammenhang beruht Schrift auf einer Verdinglichung des Schreibens. Die damit zugrunde gelegte Operation entfaltet sich durch die technische Entwicklung der Werkzeuge, dich ich beim Schreiben, also beim Herstellen der materiellen Zeichenkörper verwende.

noch mehr zu Gutenberg (2. Teil)


zum 1 Teil Ein paar kritische Anmerkungen zur Gutenberg-Geschichte

Entscheidend am Stempel als Textwerkzeug ist, dass in ihm die Form des herzustellenden Zeichens aufgehoben ist, so dass Exemplare des Zeichens mit weniger Aufwand und weniger Geschick hergestellt werden können als wenn sie von Hand anfertigen geschrieben werden.

Es ist entwicklungslogisch unerheblich, wann Meissel, Feder und Stempel von wem zum ersten Mal verwendet wurden. Historiker mögen es interessant finden, dass in Asien viel früher als in Europa Schriftzeichen mit Stempeln hergestellt wurden. Wenn man – aus welchem Grund auch immer – solche Erfindung einem Erfinder zurechnen will, muss man sich mit solch peinlichen Fragen befassen. Wenn ich dagegen nur beschreiben will, was Gutenberg gemacht hat, spielt es keine Rolle, ob er es als erster gemacht hat oder welche Vorbilder er gekannt hat.

J. Gutenberg hat sicher nicht den „Buchdruck“ erfunden, aber er hat einige Verfahren verwendet, die das Herstellen von Textkopien effizient gemacht haben. Ein wichtiges Verfahren mit allerlei Voraussetzungen, das als „Buchdruckes-mit-beweglichen-Lettern“ bezeichnet wird, besteht darin, Zeichenstempel aus einem Setzkasten auf einem Winkelhaken anzuordnen.

patrize

Das vielleicht wichtigste Verfahren von J. Gutenberg betrifft die Herstellung von Stempeln durch Giesen, wozu eine Patrize und eine Matrize hergestellt werden. Dabei geht es nicht darum, mit einem Stempel mehrfach zu drucken, sondern den Stempel durch Giessen mehrfach herzustellen, was für den Setzkasten und für das damit verbundene Verfahren, in welchem die Letter-Stempel in einen Rahmen gebracht werden, notwendig ist. Dabei wird also nicht die Form des herzustellenden Buchstabens sondern jene des Letters in der Gussform aufgehoben, so dass die Exemplare des Letters mit weniger Aufwand und weniger Geschick hergestellt werden können als wenn sie – wie die jeweilige Patrize – von Hand anfertigt würden.

Das Herstellen des Textes beruht darauf, dass Farbe auf den Textträger (Beschreibstoff) aufgetragen wird. Dazu gibt es sehr verschiedene Verfahren, wobei hier nur solche mit Drucktypen interessieren. Bei der Schreibmaschine beispielsweise wird die Drucktype auf ein Farbband geschlagen. Im hier interessierenden Fall unterscheide ich eine Abreibtechnik und das eigentliche Drucken, wobei in beiden Fällen die Farbe vom eingefärbten Bleisatzes (oder Holzschnittes) mit Druck übertragen wird. Beim Abreiben wird das Papier auf den Bleisatz gelegt und mit dem Handballen oder beispielsweise mit einer Bürste durch Reiben angedrückt. Mit einer Druckerpresse dagegen werden der Drucksatz und das Papier auf Platten aufgespannt, die mit einem Mechanismus zusammengedrückt werden. In der einfachsten Form, die Gutenberg von einer Weintraubenpresse übernommen hat, wird eine Spindelpresse mit einem Hebelarm verwendet. Dabei Damit wird der ganze Drucksatz schnell und überall gleich stark belastet, so dass die Farbe gleichmässig übertragen wird.

Der sogenannte „Buchdruck“ besteht aus einer Reihe verschiedener und unabhängiger Verfahren, die alle den Zweck haben, mehrere Exemplare eines Textes herzustellen, wobei jedesmal wohlgeformte Tintenkörper auf einen Textträger aufgetragen werden – die unter anderem auch als Buchseiten verwendet werden können. Die gedruckten Seiten sind keine Kopien eines Originales, wenn man von einer Kopie verlangt, dass sie gleich aussehen soll wie das Original. Texte die in Skriptorien von Hand abgeschrieben werden, sind dagegen Kopien und auf einem Fotokopiergerät werden Kopien erstellt.

Die Mechanisierung der Textherstellungsverfahren ist exemplarisch für die Mechanisierung jeder Handarbeit. Die Gutenbergverfahren sind in dem Sinne primitiv, als die Mechanismen noch von Hand angetrieben und gesteuert werden, also noch keine Maschinen, geschweige denn Automaten darstellen. Die Werkzeuge sind aber bereits so weit entwickelt, dass die Arbeit wesentlich effizienter und vor allem arbeitsteilig organisiert werden kann.

Der Sage nach gab es seit dem 1. Jh. v. Chr. einen „Buchmarkt“ für griechische und lateinische Literatur. Die Herstellung der Texte erfolgte durch Sklaven und Freigelassene, es gab aber auch schon Verleger wie Atticus und Buchhändlern wie die Gebrüder Sosius. Das Gewerbe ist also in keiner Weise an den „Buchdruck“ oder an eine bestimmte Technik gebunden. Es scheint vielmehr so, dass Sklavenhalter nicht erkennen konnten, dass industrielle Mechanisierung, wie sie Gutenberg geleistet hat, viel mehr Mehrwert abwerfen als Slavenarbeit.

Jenseits von antiken Sagen und kapitalistischen Interessen ist jedes technische Verfahren ein Lösung für das Problem, das in der Beschreibung des Verfahrens erläutert wird. Verfahren, die durch Technik aufgehoben werden, bezeichne ich als Operationen. Auf der Ebene von Handlungen hat die Lösung von Gutenberg das Problem gelöst, dass die Sklaven in den Skriptorien die Texte, die sie schreiben mussten, langsam und schlecht herstellten und viel kosteten, auch wenn sie für mager Kost und karge Logie geschrieben haben. Auf der Ebene von Operationen beobachte ich konstruktiv beschreibbare Aspekte von Handlungen, also konstruktiv festgelegte Teile eines Verfahrens. Hier geht es darum, wie die Zeichenkörper hergestellt und platziert werden. Wenn jemand im Skriptorium einen Buchstaben schreibt, stellt er ihn dadurch her, dass er ihn mit der Feder auf dem Papier formt. Wenn der Buchstaben mit einem Stempel hergestellt wird, muss er nicht geformt werden. Der Stempel löst also das Problem, dass der Buchstabe geformt werden muss. Der Stempel oder bei Gutenberg der einzelne Letter muss wie die Feder mit Farbstoff angereichert auf das Papier gedrückt werden. Dieses Problem wird also nicht gelöst, es wird nur ein anderes Verfahren verwendet. Wie eine technisch viel weiter entwickelte Lösung, nämlich der Tintenstrahldrucker zeigt, ist das Verfahren mit der Feder, bei welchem flüssige Tinte geziehlt aufgetragen wird, auch auf ganz andere Weise aufhebbar.

handgiessapparat

Weil der Handgiessapparat oft als Kern von J. Gutenbergs Erfindung bezeichnet wird, soll hier auch dieses Verfahren unter dem Gesichtspunkt der Technik betrachtet werden. Das Giessen war zur Zeit von Gutenberg von der Herstellung von Glocken schon gut bekannt. Der Sage nach hat Gutenberg in seiner Handwerkerkarriere selbst Rahmen für Spiegel gegossen. In seinem Apparat hat er Drucktypen aus einer Bleilegierung hergestellt, wozu er eben Matrizen verwendet hat, die er mit Patrizen, also mit Stempeln geprägt hat, die von Hand aus Stahl hergestellt wurden. Die Patrize und die Drucktype sind in der wesentlichen Hinsicht gleich, sie werden nur mit verschiedenen Verfahren hergestellt. Die Patrize wird graviert, die Letter gegossen. Das Giessen verlangt viel mehr Infrastruktur, ist aber handwerklich einfacher und effizienter. Mit den Handgiessapparat wird also vor allem ein ökonomisches Problem gelöst, denn die Letter könnten natürlich genauso wie die Patrizen hergestellt werden. Dieses Beispiel zeigt auch, inwiefern Gutenberg zurecht eher als Geschäftsmann als als Techniker gelobt wird. Für einen Setzkasten braucht man viele Exemplare von jedem Typ.

Die Verfahren, die Gutenberg angewendet hat, haben ältere Verfahren ersetzt und wurden in der technischen Entwicklung ihrerseits durch neuere ersetzt. Die Produktion von Text unterliegt einer Evolution, in welcher sehr viele Entwicklungsstufen immer noch rezent sind. Ich schreibe immer noch mit einem Bleistift, weil das in vielen Situationen für mich das beste Verfahren ist. Diesen Text schreibe ich aber mit einem sehr handlichen Computer und lege eine Kopie davon auf einen Internetserver, von wo er „on demand“ auf beliebige andere Computer kopiert werden kann. Alle Verfahren, die Gutenberg verwendet hat, spielen dabei absolut keine Rolle mehr. Und wenn ich diesen Text in einem Buch veröffentliche, wird der Text wie bereits vor Gutenbergs Zeiten auf Papier aufgetragen, das als Seiten des Buches „gebunden“ wird. Natürlich wird Papier mittlerweile anders hergestellt und Bücher werden nur noch selten wirklich gebunden, weil auch diese Verfahren einer technischen Entwicklung unterliegen.

Fortsetzung folgt demnächst

Anmerkung:
Die Bilder stammen aus dem wunderbaren Youtube-Video von Stephan Füssel, in welchem die Gutenberggeschichte aber sehr traditionell erzählt wird