Geschichte(n) der Physik


Als Geschichte der Physik bezeichne ich eine Geschichte, in welchen erzählt wird, was wann als Physik bezeichnet wurde. Die Physik erscheint darin als einmaliger und irreversibler Prozesses, von welchem gesagt wird, dass er stattgefunden habe.

Eine populäre Geschichte der Physik erzählt von zwei Physiken, von einer alten naturphilosophischen und von einer modernen naturwissenschaftlichen Physik. Die Geschichte der alten Physik erzählt von Griechen und dem Mittelalter, die andere Geschichte beginnt mit den Experiementen von G. Galilei. Eine Geschichte wird daraus, wo erzählt wird, dass G. Galilei auf die alte Physik verwiesen habe.

Die Geschichte lautet etwa so: Am Anfang gab es eine Naturphilosophie. Mit seinem Werk Physik prägte Aristoteles den Begriff „Physik“ (alles natürlich Gewachsene im Gegensatz zu Artefakten [ein interessanter Punkt, der die Erzählung spannend macht]). Neben den Philosophen gab es schon Erfinder wie Ktesibios, Philon von Byzanz oder Heron, die einfach der Physik zugeschlagen werden, weil ihre Technik nicht brauchbar war.

Oft wird dann erzählt, dass die Physik als Naturwissenschaft mit der experimentellen Methode G. Galilei angefangen habe (Wikipediawissen). Dabei wird erstens Physik mit Naturwissenschaft gleichgesetzt und übersehen, dass G. Galilei nicht Experimente einführte, sondern die Abstraktion bei den Hypothesen, etwa der weggelassene Luftwiderstand beim Fallgesetz.[1] Diese Geschichten erzählen dann Verdienste von Trägern von grossen Namen I. Newton, J. Mayer, R. Clausius, J. Maxwell, A. Einstein und M. Planck, wobei sie einerseits davon abstrahieren, dass man Mathematik und Physik unterscheiden könnte und andrerseits suggerieren, dass Technik eine Anwendung der Physik sei. Schliesslich kehrt diese Physik mit Spekulationen über das ganz Kleine und das ganz Grosse wieder in die Naturphilosophie zurück, womit sich in der Erzählung ein Kreis schliesst.

Natürlich kann man auch ganz andere Geschichten erzählen, weil es ja Geschichten sind:

Eine andere Geschichte beispielsweise beschreibt die Physik als formalen Anhang der Technik. Die eigentliche Entwicklung ist dann die technische, die in der Physik (nur) systematisiert wird. Dabei ist quasi miterklärt, warum vor der Industrialisierung auch keine nennenswerte Physik existiert.

In einer solchen Geschichte steht die Erfindung der Dampfmaschine (1700) am Anfang der Physik. G. Galilei und I. Newton sind noch Naturphilosophen, auch wenn sie sich bereits mit mechanischen Instrumenten wie Pendeln befasst haben. N. Carnot, der erste Physiker in dieser Geschichte, hat die Dampfmaschine nicht erfunden oder wie J. Watt verbessert, sondern (lediglich) als thermodynamischen Kreisprozess beschrieben. G. Marconi (1900) hat den drahtlosen Funk erfunden. Weil der Funk als Strahlungsphysik begreifbar war, gilt G. Marconi als Physiker (Nobelpreis), obwohl er Techniker war.
Seit 1850 war aber die Physik und die Technik schon sehr eng verschmolzen, so dass nur noch Geschichten entscheiden, was der Physik und was der Technik zugerechnet wurde. Die Physik behauptet ihre Eigenständigkeit vor allem dadurch, dass sie durch J. Maxwell’s Mathematisierungen sehr allgemeine Formalisierungen eingeführt hat, durch die sie sehr verschieden Techniken einheitlich quantifizieren konnte – was transistor.jpgdann wieder als Grundlage gedeutet wurde. Spätestens ab dem 2. Weltkrieg wurde ein relevanter Teil der Physik bewusst in der Technik aufgehoben, die nie Natur kommentiert, sondern Erfindungen machte. Ich erkenne darin eine Iversion von Naturwissenschaft zu Engineering. Der Transistor-Erfinden J. Bardeen ist ein exemplarischer Vertreter dieser „Physik“, der zuerst Ingenieur studiert hat und nach zwei Physik-Nobelpreisen einen Lehrstuhl für Elektrotechnik und Physik eingerichtet hat.
Die Natur interessiert ab diesem Zeitpunkt als Differenz zwischen naturwissenschaftlicher Materie und ingenieurwissenschaftlichem Material.
Die Physik wird so aufgeteilt, nicht in alte und neue Physik, sondern in eine Physik, die praktische Relevanz hat und in eine esoterische Physik, die sich mit dem ganz Grossen und dem ganz Kleinen befasst, die beide jenseits der Sichtbarkeit liegen, etwa schwarze Löcher oder Quarks.

(und auch das ist eine Geschichte:) Seit es Dampfmaschinen gibt, kennt die Physik Energie, davor kannt sie nur Kraft. Die Einführung der Energie gelang innerhalb des Paradigmas und innerhalb der Einheit der Lehre. Die nächste technische Revolution dagegen, die Erfindung der Computer, brachte das Konzept Information in die elektrotechnischmathematische Physik und sprengte das Fach mit der neuen Wissenschaft Informatik (oder Kybernetik). Duden schreibt dazu in seinem Informatiklexikon, Information stelle neben Energie und Materie einen der „drei wichtigsten Grundbegriffe der Natur- und Ingenieurwissenschaften dar, für welche die Physik nicht mehr zuständig ist.

Die Technik hat die Wissenschaft hinter sich gelassen, sie hat ihre eigene Lehre, die Technologie, die der Physik nicht widerspricht, sie aber aufgehoben hat.

 


[1] E. von Glasersfeld: Galilei hat als Erfinder der Wissenschaft nicht das Experiment, sondern das Arbeiten mit Hypothesen erfunden, etwa in der Fiktion des freien Falls, der nicht beobachtbar war. Galilei war der erste, der bewusst fiktive, ideale Gesetze erfand.
Kardinal Bellarmino sagte dem entsprechend: Sei vernünftig: Bezeichne deine Theorien als Hypothesen, sonst sind sie Ketzerei.

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Geschichte(n)


Als Geschichte bezeichne ich eine Beschreibung eines einmaligen und irreversiblen Prozesses, von welchem gesagt wird, dass er stattgefunden habe.

Geschichte haben einen Autor (der nichts dafür kann), ein Ereignis (das aus vielen Ereignissen bestehen kann), einen Anfang und ein Ende. Jede Geschichte erzählt ein Auf-die-Welt-Kommen, eine Entwickeln und ein Verschwinden (falls sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch), wobei viele Geschichten noch nicht zu Ende erzählt sind. Das Universum begann mit dem Urknall und endet .. ganz sicher, nur ist es noch nicht geschehen.

Umgangssprachlich wird oft auch – oder sogar vor allem – der Gegenstand, von welchem die Geschichte erzählt wird, als Geschichte bezeichnet. Aus der Geschichte über den sogenannten Weltkrieg, wird dann dieser Krieg zur Geschichte im Sinne eines – geschichtlichen – Erreignis, welches so stattgefunden habe, wie es die Geschichte erzählt.

Differenztheoretisch beobachte ich Geschichte durch die Differenz zwischen Geschichte und Geschichten. Wenn ich eine Geschichte als Novelle wahrnehme, glaube ich sie, weil es keine Rolle spielt, ob ich sie glaube, wenn ich eine Geschichte im Sinne der Disziplin Geschichtswissenschaft höre, glaube ich sie nicht, weil mir dann gesagt wird, dass sie wahr sei, was zu einem Motivverdacht führt, weil Aufrichtigkeit nicht kommuniziert werden kann.

Die Differenz, die wahre Geschichte begründet, begründet ebenso unwahre Geschichte (Lüge, fake news, Verschwörungstheorie). Die Definitionen, die Geschichte quasi durch Geschichte definiert, lese ich operativ: „Mache eine Unterscheidung zwischen Geschichte und Nicht-Geschichte. Dann schaue nur noch die Geschichte-Seite der Unterscheidung an und mache die dieselbe Unterscheidung noch einmal (re-entry).
Ein Beispiel:
Dass der Astronaut Amstrong auf dem Mond spazieren gegangen ist, ist Geschichte mxondlandungund eine Geschichte. Es wird seit langem intensiv darüber gestritten, ob er auf dem Mond war oder nicht (Unterscheidung). Er könnte in einem Studio in Hollywood gewesen. Eine gängige Variante lautet: beides. Er war auf dem Mond, weil dort aber schlechte Aufnahmen gemacht wurden, wurden die Aufnahmen im Filmstudio nochmals gemacht. Vielleicht weil die Amerikaner glauten, dass sich eine schlechte Kamera schlecht mit einem gelungenen Mondspaziergang vertragen würde. In der Notation von G. Spencer-Browns Differenztheorie lese ich: Unterscheide er war auf dem Mond / er war nicht auf dem Mond. Auf der positiven Seite der Unterscheidung wiederhole die Unterscheidung: Die Bilder stammen vom Mond oder nicht. So kann man finden: Die Bilder lügen, obwohl sie etwas Wahres berichten. (mehr dazu).

Wahre Geschichte

Bestimmte Geschichten sind in dem Sinne Geschichte, als sie innerhalb der Sozietät, die sie konstituieren, nicht ohne Machtposition bestritten werden können. In unserer Gesellschaft gibt es Institutionen für wahre Geschichte, vorab die Universität und die sogenannte Wissenschaft.
In unserer Gesellschaft erscheint die Geschichte – nicht wie etwa in der Bibel, die die Weltgeschichte als Ganzes erzählt – funktional ausdifferenziert, sie hat nicht mehr einen Gegenstand, sondern besteht aus einer beliebigen Menge von Geschichts-Geschichten, die unter verschiedenen Gesichtspunkten angeordnet und verküpft werden und mittels des Primärschlüssels Zeit miteinander lose verknüpft sind, so dass eine Art „Welt“geschichte entsteht.

Als Zeittafel bezeichne ich eine nach Datum sortierte Tabelle, in welcher Ereignisse und Phänomene wie Erfindungen, Personen, Technologien, Kriege zusammengetragen worden sind. Zeittafeln wurden in der „Encyclopedia Britannica“ (1. Auflage 1768) als alternative Darstellungen zur bis dahin üblichen Prosa-Chronik populär gemacht, das heisst, sie ersetzen ein narratives Element der Prosa, die über gleiche Ereignisse berichtet (siehe dazu die Zeittafel im Projekt diasynchron).

Das Thema aller Geschichten ist der Mensch, weil kein Autor umhinkommt, über seine Herkunft (Vergangenheit) und seine Verhältnisse zu erzählen. Ich unterscheide die Naturgeschichte und die Kulturgeschichte, erstere wird von Naturwissenschaften, letztere von Geisteswissenschaft erzählt. Der Homo sapiens ist Gegenstand der Evolutionsgeschichte bis zu dem Zeitpunkt, an dem er angefangen hat, sich seine Geschichte zu erzählen, und so Gegenstand der Revolutionsgeschichte geworden ist. Die Geschichte des Tier-Mensch-Übergangsfeld wird von Archäologen und Naturrechtlern erzählt und gilt den Kulturwissenschaftler, die an der ganzen Kulturgeschichte interessiert sind, als Vorgeschichte bezeichnet, weil weil sie für ihre Wahrheitsansprüche keine noch so dürftige Quellen haben.

Die funktional ausdifferenzierte Weltgeschichte erscheint so als zeitliche Abfolge von
Naturgeschichte                           Urknallgeschichte, Evolutionstheorie
Tier-Mensch-Übergangsfeld      Vorgeschichte
Kulturgeschichte                          Frühgeschichte, Antike, Mittelalter, Neuzeit

Als Schulgeschichte (im Sinne der Geschichtswissenschaft) wird Herschaftsgeschichte erzählt. Tautologischerweise kann ich aber zu jedem Gegenstand eine Geschichte schreiben.
Beispiele:
Geschichte des Geldes, Geschichte der Technik, Geschichte der Demokratie, der Philosophie, des Handwerkes, der Kunst.
Umgekehrt begründet jede Geschichte ihren Gegenstand, indem sie Ereignisse verknüpft. Ich gebe dazu ein Beispiel:
Wenn ich die Geschichte der Physik erzähle, kann ich mich auf die Entwicklung der physikalischen Gesetze beschränken. Ich kann aber auch erzählen, wie die Entwicklung der Technik die Physik verändert hat.
Im ersten Fall erzähle ich, wann die thermodynamischen Gesetz von wem geschrieben wurden, und allenfalls, was sie besagen. Im zweiten Fall beschreibe ich beispielsweise wie die Erfindung der Kraftmaschine die Physik verändert hat.

Aktive Passivität


Das Buch „Aktive Passivität“ von M. Seel war Thema im autopoietischen Kreis (11.4.2018), ich kenne das Buch nicht, berichte nur, was ich wie verstanden habe (und was ich der Kunstdiskussion (jenseits des Buches) entgegensetze):

Das Grundthema ist die Vita contemplativa, der Rest, der den Philosophen bleibt, die die notwendige Arbeit ausklammern. Diese Vita contemplativa aber befasst sich mit der Angst, dass wir das Leben bestimmen könnten und dann nicht mehr leiden würden und so keine Philosophie mehr bräuchten, die uns erklärt, dass es besser ist, wenn man dem Leben ausgeliefert ist. Quasipolitisch lautet diese Geschichte, dass wenn wir den Kommunismus realisiert hätten, das Leben ganz langweilig würde, weil wir uns nicht mehr abmühen müssten, die Arbeitenden könnten nicht mehr um ihre Arbeit bangen und die Reichen könnten nicht mehr um den Mehrwert kämpfen. Alle müssten Künstler werden, hätten aber dann nichts mehr zu sublimieren. Wir sollten uns also freuen, dass wir noch Sorgen haben, weil wir das Leben noch nicht im Griff haben und unser Leben darauf ausrichten können.

Die aktiven Passivität besteht im aktiven Zulassen der eigenen Wahrnehmung der Welt, im bewusst aktiv gewählten Erleiden der Welt, wie sie wirklich ist, was als Offenheit ihr gegenüber gesehen werden kann. Wesentlich ist eine Haltung, in welcher nicht bestimmt wird, sondern die Bestimmung erkannt wird. Das Gegenteil wäre sozusagen eine passive Aktivität, in welcher nicht gewähltes, unbewusstes Nachjagen im Hamsterrad gelebt wird. In aktiven Passivität wird das Leben transzentiert, ich pflege das Wahre, das Gute und das Schöne, was die Philosophen immer schon getan haben.

In Bezug auf das Herstellen (auch eines Kunstwerkes) zeigt sich diese aktive Passivität als Anspruch auf Genauigkeit. S. Dali etwa sagt, dass für ihn nur zählt, wie genau er seine Bilder malen kann. In der passiven Aktivität dagegen ginge es nur um Tauschwert-Nützlichkeit.

In Bezug auf Kunst – und das ist wohl das philosophietypische, dass sie sich mit der kunst.pngContemplativa befasst, statt mit der Arbeit (und dem Herstellen) im Sinne von H. Arendt – unterscheide ich das Handeln des Künstlers als Kunst von dessen Werk, in welchem seine Kunst aufgehoben ist. Als Hersteller kann ich kein Kunstwerk machen (Werkfalle), ich kann Kunst nur praktizieren. Wenn das Kunstwerk als eigentliches Artefakt vor das Publikum kommt, kann es Anlass für die Kunst eines Beobachters werden, indem dieser aus dem Gegenstand ein Kunstwerk macht.

Das Kunstwerk mag für den einzelnen Menschen transzendierenden Charakter haben, aber als hergestellter Gegenstand ist es ein Ding, das keine anderen Menschen braucht, es ist eine Verdinglichung, die Menschen wie alle Waren trennt und isoliert. Das Kunstwerk kann zwar Teil des Öffentlichen sein, politisch ist nur seine Herstellung, wo sie Teil einer politischen Handlung ist. Wenn ich einen Text schreibe und dabei im Sinne der Passivität sehr genau darauf achte, was ich sage, indem ich achte, was andere dazu sagen, bin ich im politischen Prozess. Wenn der Text dann vor sein Publikum kommt, ist er jedem Einfluss entzogen, er kann sich wie jedes vollendete Werk durch nichts mehr bestimmen lassen.

In unserer Hamsterrad-Waren-Gesellschaft sind „Kunstwerke“ durch ihren Warenwert bestimmt, was mit Kunst überhaupt ganz am Rande, aber sehr viel mit der chrematistischen Kunst der Spekulation zu tun hat.

Pixel


Ich beginne hier eine kleine Serie mit ein paar Beiträgen zur Digitalisierung und fange nicht ohne Grund mit dem Begriff Pixel an. Er steht für eine einfache Sache, die aber Resultat einer komplizierten Technik ist. Der Ausdruck Digitalisierung signalisiert normalerweise, dass man sich lieber nur mit den vermeintlichen Folgen dieser Technik als mit der Technik selbst auseinandersetzen will. Ich will hier die Technik beobachten, die hinter dem Schlagwort steht.

Die Technik ist objektiv sehr kompliziert, so kompliziert, dass sie von einem einzelnen Menschen nicht im Detail rekonstruiert werden kann. Es geht hier aber nicht darum, die Details zu verstehen, sondern darum eine Sprache zu gewinnen, mit welcher die Technik prinzipiell adäquat dargestellt werden kann. Ich beobachte deshalb Gegenstände, die mir im Alltag gegegen und nicht mit dreisten Angstvisionen wie künstliche Intelligenz oder denkenden Algorithmen. Ich beginne mit dem Pixel.

Als Pixel bezeichne ich Bildpunkte, also Elemente in einem Raster, das einem pixel1entsprechenden Bild zugrunde liegt. „Pixel“ ist ein Kunstwort aus den englischen Wörtern „Picture“ und „Element“. Bei grosser Auflösung erscheinen gepixelte Bilder körnig, weil ich einzelne Pixel erkennen kann. Der Pointillismus als Stilrichtung in der Malerei nimmt wichtige Konzepte der elektronischen Fotografie, die auf Pixeln beruht, vorweg.

pointillismus

So einfach wie Pixel zu verstehen sind, so kompliziert sind die Verhältnisse, in welchen sie ihre Rollen spielen. Bildraster gibt es schon bei vielen Printverfahren. Punktdichten wie dpi sind beim Scannen und bei der Qualität von Printern relevant. Ich kann und will hier nicht auf die Unterschiede eingehen. Mich interessiert hier nur die Bewandtnis mit elektronisch gespeicherten Bildern, exemplarisch was in sogenannt digitalen Kameras der Fall ist.

Wenn ich ein Bild am LCD-Bildschirm anschaue, schaue ich auf eine Menge von einzelnen Pixeln, von welchen jedes durch ein Datenelement in einem Prozessor bestimmt wird. Jedes Datenelement verweist auf eine Adresse am Bildschirm, beispielsweise 2. Spalte, 3. Reihe (Rastergrafik) und enthält einen Farbwert, beispielsweise „gelb“. So wird der ganze Bildschirm durch x-tausend Datenelemente bestimmt.

Die Bildanzeige verlangt natürlich, dass das Bild zuvor mittels einer Kamera mit einen elektronischen Bildsensor, pixel2der die Datenelemente produziert, aufgenommen wurde. Wenn ich meine Katze fotografiere und die Datei auf meinen Computer kopiere, kann ich die Katze auf dem Bildschirm sehen. Ich sehe dann keine Pixel sondern ein Bild. Und wenn ich den Bildschirm fotografiere, passiert dasselbe wie wenn ich meine Katze fotografiere. Ich fotografiere dann keine Pixel sondern einen Gegenstand in seiner Umwelt, der erst in und durch meine Kamera (wieder) in Pixel zerlegt und Datenelementen zugeordnet wird.

In der elektronischen Kamera ist – wie im Computer – kein Bild, sondern eine Menge von Daten, die in der aktuellen Technik durch materielle Artefakte repräsentiert sind und die ich nur mittels eines Anzeigegerätes überhaupt in einer für mich sinnvollen Art, nämlich als Bild, sehen kann.

Pixel sind für mich wie das Wasser für den Fisch. Sie sind immer da, ohne dass ich sie wahrnehme. Über Pixel nachzudenken, heisst, sich für die Technik hinter den Bildern zu interessieren. Und die Art, wie ich über Pixel nachdenke, zeigt mir mein Technikverständnis.

Ist die Republik „R“ ein Monster?


Adrienne Fichter schreibt über Zuckerbergs Monster einen kindischen Text. Sie ignoriert, dass Facebook ein ganz gewöhnliches kapitalistisches Unternehmen ist, das nur ein Ziel verfolgt: Gewinn. Sie tut so, wie wenn Facebook das Produkt eines anfänglich guten Menschen wäre, der die Kontrolle über sein Produkt monster_rverloren hat. Sie benutzt dabei metaphorisch das volksdümmliche Cliche von Frankenstein als Monster, ohne jede Reflexion des Textes von Marry Shelley. Sie schlägt den Sack, das Facebook, und meint den Esel, Herr Zuckerberg, dem sie vorschlägt, das Facebook zu schliessen, weil es einigen Menschen gar nicht gefällt.

Facebook ist kein Monster, sondern eine Internetapplikation. Monströs ist nicht, was in Facebook alles steht, sondern dass unsere neoliberale Politik zulässt, dass Kapitalisten derart viel Geld zusammenraffen können. Herr Zuckerberg ist in diesem Sinne ein erfolgreicher Charakter des Kapitalisten, der nichts dafür kann, dass wir im Kapitalismus leben, sondern lediglich davon profitiert.

Frau Fichter findet schlimm, dass Herr Trump die Wahl gewonnen hat. Das ist ihr gutes Recht. Sie schreibt überdies, dass er die Wahl dank einer geschickten Verwendung von Facebook gewonnen habe, was sie dem „Monster“ Facebook anlastet. Aber welcher Politiker hat je eine parteienpolitische Wahl gewonnen, ohne gnadenlos Werbung zu treiben? Facebook nimmt jede Werbung an, solange das Facebook nicht verboten wird.

Frau Fichter meint, im Facebook stünden viele Fakenews, die geteilt würden. Das Beispiel, dass sie gibt, zeigt, dass sie Fakenews und gute Witze nicht unterscheiden kann. Sie findet absurd, dass «Der Papst ruft auf zur Wahl von Donald Trump» häufiger angeklickt wurde. Sie hat einen eigenen Humor.

Facebook – und das ist die entscheidende Differenz zur Republik, für welche Frau Fichter schreibt – ist für die Texte, die dort zu lesen sind, nicht zuständig. Facebook schreibt nichts – und auch nichts monströses – über die Republik. Im Facebook schreiben irgendwelche Menschen, von welchen Frau Fichter meint, dass die meisten Katzenbilder lieben. Als kapitalistisches Unternehmen interessiert sich Facebook nicht dafür, was die Menschen schreiben, sondern dafür, welche Menschen dafür wie viel bezahlen, dass sie im Facebook Werbung machen können. Ja, es ist wahr, dass das Facebook-Unternehmen sein Produkt optimiert, aber welcher Kapitalist tut das nicht?

PS: Frau Fichter arbeitet in einem Unternehmen, das von unverschämt reichen Leuten finanziert wird.

Subtiles Mobbing


Als gewöhnliches Mobbing bezeichne ich, andere Menschen zu schikanieren, indem man sie der Unfähigkeit bezichtigt, sich innerhalb einer gedachten Hierarchie zu wehren. Typisch ist das gezielte Nörgeln an rivalisierenden und untergebenen Arbeitskollegen mit dem Ziel, dass sich diese unterordnen oder verschwinden. Mobbing ist aber in keiner Weise an handfeste Verhältnisse wie Arbeitsstellen gebunden. Schulkinder und kindische Internetbenutzer mobben oft gegen Personen, die von Normen abweichen, von welchen sie auch gerne abweichen würden, sich aber nicht trauen. Mobben hat zwei Varianten. Entweder wird die gemobbte Person direkt angesprochen oder sie wird angeprangert, typischerweise durch Fakes im Internet.

Es gibt recht primitive Formen von Mobbing wie Blossstellen, Drohen oder Beleidigen. Es gibt aber auch subtile Formen. Ich will dazu ein Beispiel etwas genauer beobachten. Die Facebookpersona „Philippe Wampfler“ schreibt in einem Kommentar zu einen Posting von mir über die Gefahr von Monopoly, dass sie sich langsam Sorgen mache. Dieser Kommentar scheint mir so eigenartig, dass ich nachfrage, worum es gehe. Ich bin sozusagen in die Falle getappt. Zunächst bekomme ich keine Antwort, was ich später der Mobbingstrategie zuschreibe.

Doch etwas später schreibt „Philippe Wampfler“, dass er sich auch wegen anderer Leute, die in meinem Post zu Monopoly kommentieren, Sorgen mache. Dann fügt er hinzu, dass er nicht glaube, dass in diesem Fall seine Nachricht etwas nütze. Das macht mich aufmerksamer. Sollte ich auf seine mir noch versteckten Sorgen hin, irgendwie reagieren? Ich trampe auch in diese Falle und frage nochmals nach, weshalb er sich denn Sorgen mache. Er antwortet, dass mir das klar sein sollte. Nicht sehr versteckt wirft er mir damit vor, dass ich dumm oder nicht willens sei. Da ich nun ohnehin diffamiert bin, frage ich nochmals explizit nach, ich gebe also zu, dass ich nicht fähig bin, was ja Ziel jedes Mobbings ist.

Dann lässt „Philippe Wampfler“ die Katze aus dem Sack. Er schreibt, dass er sich sorge, dass ich mich auf ein Thema beschränke und bei diesem Thema mich versteifen würde. Das ist insofern sehr eigenartig, als ich zum Thema Monopoly oder genereller zu den Gefahren von Spielen noch kaum jemals geäussert habe. Er muss also ein ganz anderes Thema im Auge haben, das er wieder nicht benennen will. Subtiles Mobbing basiert auf bewusst diffusen Aussagen. Allerdings begreife ich jetzt sehr wohl, wohin die Reise gehen soll. „Philippe Wampfler“ und ich haben in einer ganz anderen Sache sehr verschiedene Ansichten. Ich schreibe auch im Facebook, dass ich die Billag-Gebühren nicht in Ordnung finde, was ihm nicht gefällt. Aber ich schreibe hauptsächlich zu ganz anderen Themen, die SRG interessiert mich nicht sonderlich. Sie ist im Facebook einfach gerade ein richtiger Hype.

„Philippe Wampfler“ schreibt aber bewusst nichts zu seinem Thema, sondern dass es seiner Erfahrung nach, Menschen, die sich auf ein Thema beschränkten nicht gut gehe und dass sie sich ohnmächtig fühlen würden. Seine Sorgen beruhen auf einer psychologistischen Projektion, die halb Selbstoffenbarung, aber nicht sehr glaubwürdig ist. „Philippe Wampfler“ hat kaum Grund sich über mein Wohlergehen Sorgen zu machen, wir kennen uns nicht, sondern sind Facebookfreunde. Er scheint sich viel mehr um die SRG zu sorgen als um mich. Und diese nicht bezeichnete Sorge veranlasst ihn, mich auf diese Weise zu mobben.

Subtil ist die Geschichte, weil sie nicht nur ein verstecktes Thema behandelt, sondern weil auch die Drohung unterschwellig formuliert ist. Sie besteht darin, jemandem einen Untergang vorherzusagen, weil er sich nicht anpassen kann oder will. Der Drohende erscheint dabei nicht als Drohender, denn er kann nichts dafür, dass es mit mir schlecht enden wird. Nur ich könnte das abwenden, wenn ich vernünftig würde.

Ich erkenne in solchem Mobbing die ganz normale Erziehung von Zöglingen, die nicht mit Gewalt zur Einsicht gebracht werden dürfen. Es ist gängiger Schulunterricht auf höheren Schulstufen, wo die Schüler schon etwas besser verstehen, wie das Spiel läuft. Solches Mobbing ist subtil genug, um in Verhältnissen mit geklärten Hierarchien wie etwa Lehrer-Schüler gar nicht als Mobbing bezeichnet zu werden. Ein Schüler kann ja nicht gut Mobbing reklamieren, wenn der Lehrer ihm schlechte Prognosen macht. Ich bin aber nicht Schüler von „Philippe Wampfler“, sondern sein Facebookfreund. Ich muss seine weissagende Drohung nicht so ernst nehmen, ich kann nicht von der Schule fliegen.

Mir wird am Beispiel unabhängig vom Mobbing auch klarer, wer sich um die SRG vor allem Sorgen macht. Es sind Menschen, die wichtig finden, dass Informationhierarchien geklärt sind. Es sind Menschen, die Vielfalt fürchten. In der SRG kommen nur passende Leute zum Wort, im Internet dagegen fast nur nicht gut passende, wie das Mobbing dann deutlich macht.

Zeichnen und die dialogische Kunst


Kürzlich im Dialog: Es wird erzählt, dass im Aktsaal von einer Gruppe Zeichner und Zeichnerinnnen Portraits eines Modells gezeichnet wurden. Anschliessend wurden die Portraits – die ja im Prinzip allesamt gleich sein könnten, weil sie alle dasselbe Modell abbilden – ausgelegt. Unbeteiligte Leute wurden aufgefordert, die Portraits den verschiedenen Zeichnern zuzuordnen, um die Hypothese zu prüfen, dass in jeder Zeichnung der Zeichner selbst zu erkennen sei. Die Hypothese konnte weitgehend verifiziert werden. Die Zeichner zeichnen sich selbst, wenn sie das Modell zeichnen. Oder vielleicht etwas differenzierter: die Zeichner sehen im Modell bestimmte Aspekte (die wiederum andere bei ihnen erkennen können) viel deutlicher als andere.

Man kann für dieses Phänomen Erklärungen suchen. Man könnte etwa vermuten, dass in den Zellen des zeichnenden Organismus ein Selbstbild verankert ist, dass sich beim Zeichnen einbringt. Mir geht es aber nicht um Erklärungen, sondern um eine Erläuterung des Phänomens in zwei von mir zusammengedachten Hinsichten.

Im Dialog spreche ich immer über mich, was ich mir durch ich-Formulierungen bewusst halte. Ich spreche aber nicht sehr oft unvermittelt über mich, sondern normalerweise darüber, wie ich die Welt sehe. Dabei kommt meine Welt ins Spiel, die ich konstruktivistisch als projeziertes Modell meiner Konstruktionen verstehe. Dia logos – durch das Wort, durch meine Beschreibung – erkenne ich, wie ich mir die Welt vorstelle, oder wie ich sie modelliere. Und mancher könnte vielleicht sofort erkennen, dass es sich um meine Beschreibungen handelt, sowie er im Aktsaal sehen könnte, welcher Zeichner das Modell gezeichnet hat.

In der bildenden Kunst führt das Bewusstsein solcher Selbstdarstellungen in den Darstellung zur allmählichen Abstraktion des Modells. Als Zeichner wird mir immer bewusster, was ich eigentlich zeichne. Ginge es mir darum, ein Abbild des Modelles zu bekommen, würde ich gar nicht zeichnen, sondern ein Technobild, eine Fotograpie oder einen Film machen. Beim Zeichnen, das ich jetzt meine, geht es mir um etwas anderes. Ich sehe das Zeichnen als Differenz zwischen einer Sachbeziehung und eine Selbstoffenbarungsbeziehung. Wenn ich einen Konstruktions- oder einen Stadtplan zeichne, spiele ich selbst keine mir bewusste Rolle, dann geht es mir um die gezeichnete Sache, die ich so nicht fotograpieren kann. Wenn ich aber als Künstler zeichne, zeichne ich mich.

Ich kann eine entsprechende Distanzierung vom Abbilden etwa bei P. Picasso erkennen. Das Modell im Aktsaal wird zum Katalysator, es mischt sich immer weniger ein in dem Zeichnungs-Prozess, den es katalysiert. Der Zeichner nimmt das Modell als Anlass, nicht als etwas, was fotografisch reproduziert werden muss. Mit der Zeit verkehrt sich das Verhältnis. Das Modell etwa eines Archtekten entsteht vor dem, was es abbildet. Und im an der Architektur inspirierten Kubismus werden die gezeichneten Sachen gar nicht mehr produziert.

Im (quasi-philosophischen) radikalen Konstruktivismus wird genau diese Sache auch begriffen: Zuerst gibt es ein Objekt und objektive Sichten, dann gibt es subjektive Sichten auf ein nicht mehr objektiv fassbares Objekt und schliesslich gibt es nur noch Sichten. Das, was in einer abstrakten Zeichnung dargestellt wird, heisst auch in der Kunst Konstruktion, und die Epoche heisst Konstruktivismus in der Kunsttheorie.

radikaler_konstruktivismus

Genau so verstehe ich den Dialog als Kunst. Ich spreche anfänglich über Objekte oder über die Wirklichkeit. Mit der Zeit merke ich, dass ich eine ziemlich subjektive Sicht habe und schliesslich realisiere ich, dass ich durch mein Sprechen meine Wirklichkeit hervorbringe. Im Dialog achte ich deshalb auf meine Worte.

Ich beschreibe nicht die Wirklichkeit und ich spreche nicht über die Wirklichkeit, sondern ich spreche. Und ich höre, was ich spreche und welche Wirklichkeit ich dabei – als Utopie – erzeuge. Unser Dialog im Aktsaal heisst so, weil wir in einem Aktsaal mit dem Dialog angefangen haben. Aber Nomen est Omen.