Wir werden zu zeigen versuchen, dass es kein sprachliches Zeichen gibt, dass der Schrift vorher ginge. Derrida, Jacques: Grammatologie, S.29
Schreiben und Sprechen betrachte ich als funktionell verwandte Tätigkeiten. Schreiben betrachte ich als herstellende Tätigkeit. Beim Schreiben hinterlasse ich einen materiellen Gegenstand, den ich als Text bezeichne. Das Sprechen betrachte ich als eine „Vertonung von Text“. Ich befasse mich deshalb hier nur mit dem Schreiben, mit dem Herstellen von Text. Dabei geht es nicht darum, was einem jeweiligen Text steht, oder was man dort lesen könnte, sondern um den in Form von Schriftzeichen hergestellten Gegenstand und dessen Gegenstandsbedeutung.
Mir ist bewusst, dass ich das Wort Text und damit verbunden die Wörter schreiben, lesen und sprechen hier in dem engen Sinn der Kommunikationstheorie von C. Shannon verwende, worin Inhalte keine Rolle spielen, dass ich aber gleichwohl darüber schreibe, wie ich diese Wörter verwende, also Inhalte produziere. Ich werde später darauf zurückkommen, vorerst aber nur das Schreiben als Tätigkeit betrachten. L. Wittgenstein hat dazu in seinen Untersuchungen (PU156) vorgeschlagen, das Schreiben von noch unbeholfenen Menschen zu beobachten, die sich noch gar nicht um Inhalte kümmern können, weil sie das Schreiben erst lernen müssen. Ich schlage dagegen vor, das Produkt des Schreibens zu beobachten, gleichgültig was sein „geistiger“ Inhalt sei. Der herzustellende Gegenstand bestimmt wesentliche Aspekte der herstellenden Tätigkeit.
Texte haben als Artefakte eine Gegenstandsbedeutung, einen Zweck und einen Sinn. Als Gegenstände haben Texte keine Funktion, sie können verschiedene Funktionen erfüllen. Hier verwende ich Text zur Erläuterung, was ich mit Text bezeichne.
Ich beginne mit der Gegenstandsbedeutung. Die Gegenstandsbedeutung von Text liegt nicht in einer
irgendwie gearteten inhaltlichen Bedeutung, die mittels Text übermittelt werden soll, sondern darin, wozu ich Text als solchen herstelle, unabhängig davon, was ich darin (be)schreibe. Ich schreibe, damit ich oder ein anderer lesen kann. Auf die Reflexion während des Schreibens, die H. von Kleist als allmähliche Verfertigung der Gedanken hervorgehoben hat, werde ich später eingehen. Im Commonsense wird lesen oft für „schriftlich niedergelegte Gedanken aufnehmen“ verwendet. Hier ist von etwas ganz anderem die Rede. Hier spielt keine Rolle, wozu ich lese, sondern nur was ich mache, wenn ich lese. Ich beobachte zunächst den einfachsten, unmittelbaren Fall, in welchem ich mein handgeschriebenen Notizen oder ein Buch lese. Die technologische Metapher, in welcher Geräte „lesen“ (abtasten), behandle ich später separat.
Als Lesen bezeichne ich das bewusste Wahrnehmen der doppelten Gegenstandsbedeutung von Text, wobei ich den materiell hergestellten Gegenstand, den ich Text nenne, als Symbol betrachte, der mein sinnliches Wahrnehmen steuert und – beispielsweise via Wörterbücher – auf anderen Text verweist.
Nicht der Text kommt beim Lesen in meine Augen, sondern das am Text gebrochene Licht kommt als Signal auf meine lichtsensible Retina. Ich kann jeden materiellen Gegenstand sehen, weil er Licht bricht. Im Dunklen kann ich ihn nicht sehen und wenn ich ins Licht schaue, kann ich die Quelle des Lichts nicht sehen. Ich kann natürlich eine leuchtende Glühbirne sehen, wenn sie mich nicht blendet, also wenn mich das Licht für dessen Quelle nicht blind macht.
Wenn ich Text vertone, produziere ich anstelle der Lichtwellen fürs Auge Schallwellen fürs Ohr. Wenn ich spreche, erzeuge ich die Schallwellen ohne Werkzeug mittels meiner Sprechorgane. Wenn ich die Vertonung mit einem Computer mache, verwende ich ein Werkzeug, das mit meinen Sprechorganen sehr wenig Ähnlichkeit hat, aber dieselbe Funktion erfüllt.
Ich kann alle hergestellten Gegenstände, die nicht durchsichtig sind (siehe F. Heider), sehen. Aber sehr viele der hergestellten Gegenstände mache ich nicht dazu, dass ich sie sehen kann. Einen Hammer stelle ich nicht dazu her, dass ich ihn anschauen kann. Das Fensterglas wird sogar so gemacht, dass ich es nicht sehen kann. Gegenstände, die eigens dazu gemacht werden, dass ich sie betrachte, bezeichne ich als Symbole, wobei nicht alle Symbole Texte sind. Ein Kunstmaler schreibt nicht.
Den Zweck des Verweisens können Texte nur erfüllen, wenn ich sie als hergestellte Gegenstände wahrnehmen kann. Schriftzeichen müssen dazu einige Bedingungen erfüllen. Sie dürfen sich hinreichend lange nicht wie gesprochene Worte verflüchtigen, müssen als aus entsprechend festem Material bestehen, das sich aber trotzdem leicht formen lässt. Wenn die Schriftzeichen auf ein Trägermaterial wie etwa Papier aufgetragen werden, dürfen sie nicht dieselbe Farbe wie das Papier haben.
Entscheidend dafür, was ich als Text bezeichne, ist aber eine hinreichende Vielfalt der Schriftzeichen, damit sie auf verschiedene Gegenstände verweisen können.
Das erste Symbol, das ich erkenne, ist kein Symbol, sondern erfüllt die Funktion eines Symbols. Ein hergestellter Hammer erinnert mich daran, dass ich beispielsweise Nüsse öffnen kann, auch wenn meilenweit keine Nuss zu sehen ist. Er verweist auf Nüsse, aber eben auch auf anderes mehr. Im Hammer steckt meine Antizipation von Gelegenheiten für dessen Verwendung. Wenn ich einen Hammer herstelle, weiss ich nicht nur, wozu ich ihn herstelle, sondern auch, dass ich ihn in bestimmten Situationen immer wieder verwenden werde. Darin erkenne ich ein Kriterium des Werkzeugherstellens. Wenn ich ad hoc ein Hilfsmittel herstelle, dass ich nach dem Gebrauch wegwerfe oder liegen lasse, wie das nicht nur manche Tiere tun, ist es kein Werkzeug, sondern allenfalls ein Keimform des Werkzeuges. Der Hammer soll nicht verweisen, sondern als Werkzeug dienen. Er verweist aber ungewollt auf vieles. Er fungiert als externes Gedächtnis, das in mir viele Vorstellungen wachruft. In diesem Sinne erfüllt er die Funktion eines Symbols ohne ein Symbol zu sein, so wie er auch die Funktion eines Briefbeschwerers erfüllen kann.
Mit der Erfahrung dieser Symbolfunktion kann ich auch Symbole herstellen, die ich für nichts anderes verwenden kann oder will. Ich kann beispielsweise eine Kerbe in ein Holz schlagen oder einen Knopf ins Taschentuch machen. Die Kerbe im Holz hat auch auch eine Keimform in einer absichtlich hergestellten Spur an einem Baum (Markierung) am Wegrand, die etwas ganz andres ist, als die Spur im Schnee, die ich nicht vermeiden kann, die aber in der Literatur oft als Anzeichen bezeichnet wird. J. Derrida meint sogar, er könne jede Symbolverwendung auf diese Spur im Schnee dekonstruieren.
Die Kerbe, die ich in ein Holz schlage, ist ein Symbol für mich, solange nur ich weiss, wofür sie steht. Im Unterschied zu einer eigentlichen Spur oder einem Hammer zeigt die Kerbe – auch mir – nicht, wofür sie steht. Ich weiss aber natürlich, dass ich mit einer identischen Kerbe – vom Homonym abgesehen – nicht auf etwas anderes verweisen kann, ohne den Sinn des Verweisens aufzuheben. Verschiedene Referenzobjekte verlangen verschiedene Symbole – auch wenn ich die Symbole nur für mich selbst verwende.
Fortsetzung folgt
materielle Gegenstände herstelle. Wenn die Zeichnung nur als Zeichen dienen muss, kann sie sehr einfach sein, was die Logogramme der chinesischen Schrift als vormalige Zeichnungen zeigen. Der wohl ursprüngliche Fall von eigentlichen Symbolen sind Markierungen wie Kerben oder Gravuren, beispielsweise ein Anzahl Striche, die für eine Anzahl von Gegenständen steht, die gerade nicht zuhanden sind. Kerben auf einem Pfeilbogen können unter anderem etwa auf eine Anzahl erlegter Opfer oder auf einen bestimmten Besitzer verweisen. Es sind Symbole, die ich als Hersteller quasi mit mir selbst vereinbare. Ich weiss, woran mich die Kerben oder eben auch bestimmte Zeichnungen erinnern sollen. Auch wenn kein anderer Mensch wissen oder erkennen kann, worauf ich verwiesen habe.
Den Ausdruck Reflexion verwende ich homonym auch für das Abprallen einer Welle an der Grenzfläche zwischen zwei Medien, etwa an einem Spiegel, in der Art, dass die Welle in jenem Medium zurückläuft, in welchem sie gekommen ist. Der Spiegel zeigt mir dadurch ein Bild von mir. Eine Fotografie, die mich zeigt, oder ein entsprechendes Gemälde erfüllt dieselbe Funktion als hergestellter Gegenstand ohne diese physikalisch gesehene Reflexion. In all diesen Fällen sehe ich nicht mich, sondern meinen Körper zu einer je bestimmten Zeit. Die Metapher, die nicht die Lichtwelle bezeichnet, reflektiert, dass ich mich selbst durch die Verwendung eines hergestellten Gegenstandes wie eines Spiegel oder eines Bildes wahrnehmen kann.
lerne ich schreiben quasi unabhängig davon, wozu ich es brauchen kann. Dabei geht es um die Tätigkeit, aber in einem sehr spezifischen Sinn, den ich als üben oder lernen bezeichne. Der Sinn liegt dabei nicht im Aufgeschriebenen. In höheren Schulen lerne ich dann, wie man einen Brief schreibt. Dabei wird vorausgesetzt, dass ich schreiben kann. Der Sinn liegt dann in der rhetorischen Anordnung des Aufgeschriebenen.
E. Kapp begründete seine, und damit die Technikphilosophie insgesamt mit einer skurilen Organprojektion, in welcher der Hammer (er spricht von der Axt) die Form des menschlichen Armes hat. Im Film Space Odyssey zeigt S. Kubrik einen Oberschenkelknochen mit dem Kopf an einem Ende als ersten Hammer, der von einem Noch-Tier verwendet wird.
die ich exemplarisch anordne. Ich stelle unter anderem Buchstaben her, die ich zu Wörtern und Sätzen anordne. Exemplare sind keine Kopien, aber ihre Form geht dem jeweiligen Herstellen voraus. Ich kenne die Form der Buchstaben, die ich herstelle und ich kenne die Wörter, die ich durch die Anordnung der Buchstaben herstelle.
das Wort Tisch verwende, zeige ich ihm praktisch nie einen Tisch und ganz sicher gar nie eine mentale Repräsentation eines Tisches, ich erläutere das Wort, indem ich andere Worte dafür sage. Jedes bezeichnende Wort verwende ich in diesem Sinn als Er-Satz für einen Satz.
der seine Bedeutung ausmacht. Ich kann dessen Teile, also Buchstaben und Wörter nicht beliebig formen und nicht beliebig anordnen. Ich muss es hinreichend richtig tun. In der Technik erscheint dieses Richtigsein von Text beispielsweise in Form von Computerprogrammen, wo umgangssprachlich von Programmier-„Sprachen“ gesprochen wird – obwohl kein Mensch eine Programmiersprache spircht.
ist eine körperliche Tätigkeit, die ich – euphemistisch gesprochen – „lernen“ musste. Ich wurde zum Schön- und Richtigschreiben wie ein Hund trainiert. Dabei ging es nicht darum, was ich schreibe, sondern um das herstellende Handwerk, das spezifischen Kriterien unterliegt. Ich musste lernen, materielle Gegenstände zu formen, deren Formen in der Syntax einer Grammatik vorgezeichnet, mir also vorgeschrieben sind. 
„Ceci n‘ est pas une pipe“. Aber das Bild und die Pfeife sind hergestellte Gegenstände mit einem bestimmten Zweck. Das geschriebene Wort Pfeife ist auch keine Pfeife, es dient mir als Symbol, aber nicht als Symbol für eine bestimmte Pfeife. Ich kann das Referenzobjekt des Wortes nicht anschauen, ich kann nicht zeigen, wofür das Wort steht. Ich kann sagen, dass das Wort für eine Klasse von Gegenständen steht, die denselben Zweck haben, und auch etwas über diesen Zweck sagen. Aber auch das kann ich nur sagen, nicht zeigen. Wörter wie Pfeife oder Gesetz verwende ich als Er-Satz für je einen Satz, der auch aus vielen Sätzen bestehen kann.
tue. Hier spreche ich über eine ganz andere Sache, über etwas ausserhalb des ordentlichen Gesprächs.