Zeit


Ich weiss genau, was Zeit ist, solange ich es nicht sagen muss.

Phänographische Erläuterungen:
Ich frage: „Wie spät ist es“ und meine damit: Wo steht die Sonne am Himmel?“analog
Ich frage: „Wie alt wurde Kolumbus, wann hat er gelebt?“ und meine damit: Wie oft ist die Sonne seit seiner Geburt aufgegangen und wie oft, seit seinem Tod?
Ich frage: „Wie lange braucht die Sonne von Aufgang zu Aufgang?“ und meine damit: Wieviele Schritte oder Herzschläge kann ich tun, bis die Sonne wieder erscheint? Oder: Wie oft dreht sich der Zeiger meiner Uhr, bis die Sonne wieder erscheint?

In all diesen Fragen spielt „Zeit“ keine Rolle, es sind chronologische Fragen.

Ich frage: „Wann soll ich die schlechte Nachricht überbringen?“ oder „Wann soll ich den Heiratsantrag machen?“ oder „Wann soll ich den Preis der Ware nennen?“ und meine damit, dass es mehr oder weniger günstige Konstellation gibt, die ich erkennen, spüren oder hellsehen kann.

In all diesen Fragen spielt „Zeit“ keine Rolle, es sind Kairos-Fragen.

* * * * *Differenztheoretisch verwende ich den Ausdruck „Zeit“ für die Differenz zwischen einer Beobachter-Perspektive und der Hypostasierung einer Messung, für die ich die Uhr verwende. Die Grösse heisst Dauer, ich messe die Dauer, nicht die Zeit. Wenn ich Zeit sage, meine ich die Veränderung eines permanenten Objektes, was ich eben als Beobachter mit einer bestimmten Perspektive erkennen kann. Ich unterscheide dabei dasselbe und das gleiche Objekt. Zwei gleiche Objekte können nebeneinander stehen, dasselbe Objekt kann ich nur erkennen, wenn ich das Objekt zweimal wahrnehme. Das zweimal Wahrnehmen verlangt ein Gedächtnis, in welchem ich das Objekt als vorheriges Objekt neben einem aktuellen Objekt – also quasi gleichzeitig – wahrnehme. Das identische Objekt kann dann in bezug auf eine Messung noch gleich oder verändert sein. Ich sage, es ist eine Variable mit gleichem oder mit unterschiedlichem Wert.

Wenn ich zwei permanete Objekte vor mir habe, kann ich die je zugehörigen Gedächtnisobjekte einzeln aufeinander beziehen. Ich kann so die Veränderung einer Variable mittels einer Veränderung einer andern Variablen messen. Objekt A verändert seinen Wert, „während“ Objekt B seinen Wert verändert. Ich stelle dabei A und B im je ersten Gedächtniszustand nebeneinander und im nächsten Gedächtniszustand stelle ich das je aktuelle A und B nebeneinander. Dann sage ich, dass Aenderung von B solange wie die Aenderung von A gedauert hat.

Umgangssprachlich spreche ich dann und wann von Zeit, ich meine aber … ganz sicher gar nie Zeit.

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