Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer als Medienbrüche


D. Baecker unterscheidet Medienbrüche. Er verwendet das Wort Medienbrüche für von ihm wahrgenommene Revolutionen in dem, was er als Kommunikation bezeichnet. Er bezeichnet mit dem Ausdruck vier Ereignisse, die er auf ein ungenanntes Medium bezieht: Das Erscheinen von Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer. D. Baecker unterscheidet vier Gesellschaftstypen, die er als Reaktionen auf solche Medienbrüche interpretiert. Die Tribalgesellschaft hat Sprache, die antike Gesellschaft hat Schrift, die moderne Gesellschaft hat Buchdruck und die postmoderne Gesellschaft – die sich gerade selbst hervorbringen soll – hat vernetzte Computer.

Die genannten Medienbrüche sind ein Narrativ, das (s)eine Kommunikations-Soziologie erzählbar machen soll. Es ist eine quasiantropolgische Geschichtsschreibung, in welcher die Kultur nicht anhand von Kriegen, Staatsmänner und Reichsbildungen erzählt wird, sondern anhand daran, wie Menschen zu ihrem symbolischen Wissen kommen. Dabei interessieren nicht die Menschen, sondern das Wissen, das als Medium fungiert, weil es keine inhaltlich Bestimmung hat. Es interessiert auch nicht, wer was weiss, sondern dass das Wissen wahr oder nicht wahr und gesellschaftlich akzeptiert sein kann, und dass es in der gemeinten Moderne ausschliesslich aus den buchdruck.pngMassenmedien kommt, die zusammen mit den Sozialwissenschaften durch die Socialmedia genannten Plattformen bedroht sind. Der letzte oder aktuelle Medienbruch zerstört die Massenmedien und zeigt noch keine Alternative dazu – ausser Facebook.

Das Mediennarrativ ist eine klassische Untergangsgeschichte, die Kultur ist darin in Auflösung, nicht zuletzt weil in den neuen Medien sogar wieder – wie am Anfang der Geschichte – hauptsächlich gesprochen wird. D. Baecker befasst sich deshalb schon länger als Kulturantropologe mit der Next Society, die dem aktuell vermeinten Medienbruch folgen soll. Hier geht es mir aber nicht um die nächste Kultur, sondern um die vermeintlichen Medien:

Sprache scheint für D. Baecker – wobei ich nicht erkenne, was er mit dem Ausdruck bezeichnet – eine Art soziales Urereignis zu sein, durch welches sich die Kommunikation grundlegend verändert hat – was natürlich voraussetzt, dass
Menschen davor auch ohne Sprache kommunizierten. Dass auch Sprache als Mediumbruch bezeichnet wird, suggeriert Vor-Menschen, die noch jenseits einer Kommunikationsgesellschaft ums Feuer sitzen, wie S. Kubrick sie im Film Space
Odyssee vor der Götterdämmerung gezeigt hat. Indem Sprache als Medium eingeführt wird, erscheint sie als etwas, was den Menschen irgendwann zugekommen ist und nicht als Handlungszusammenhang, durch den sie ihr Tun begreifen.

Schrift habe die Kommunikation aus der zeitlichen Begrenzung befreit. Darin spiegelt sich die landläufige Vorstellung sie sei nach der „Sprache“ entstanden, weil es dafür – anders als B. Brecht fürs Radio schreibt – ein Bedürfnis gegeben habe. Der Unterschiede zwischen Sprechen und Schreiben ist für mich offensichtlich, weil ich ja beides mache, aber keineswegs offensichtlich ist für mich die Revolution oder der Bruch, weil ich nicht sehen kann, dass das eine eine Weiterentwicklung ist des anderen ist. Oder etwas, was später zur Sprache hinzugekommen ist. Wenn ich schreibe, also Text herstelle, mache ich etwas anderes als wenn ich spreche. Text ist ein materielles Artefakt, dessen Sinn ja gerade darin liegt, dass ich es später wieder verwenden kann. Wenn ich sage, dass Menschen Werkzeuge herstellen, bezeichne ich damit auch vor allem, dass in Werkzeugen spätere Situationen antizipiert werden. Das aber hat nichts damit zu tun, dass ich je aktuell über spätere Situationen sprechen oder schreiben kann.

Buchdruck setzt Sprache und Schrift voraus und ist offensichtlich später auf der Welt erschienen als die Schrift. Aber in einem begrifflichen Sinn ist Buchdruck gar nicht mit Schrift vergleichbar. Buchdruck ist keine Entwicklung der Schrift oder gar der Sprache, sondern ein Textherstellungsverfahren, in welchem das Schreiben von Hand mit Tinte aufgehoben ist. Bücher hat es auch offensichtlich schon vor der Erfindung des Buchdruckes gegeben. Man könnte also ebensogut das Buch als Revolution bezeichnen, womit auch nichts gewonnen wäre. Buchdruck hat Bücher und andere Textformate wesentlich billiger gemacht. Das ist der kapitalistische Sinn jeder Mechanisierung. Und wenn man will, kann man jede technische Entwicklung als Bruch bezeichnen. In der gängigen Geschichte wird etwa der Webstuhl als Bruch dargestellt, weil damit ganz viele Weber ihre Arbeit verloren haben. Aber was haben der Webstuhl und die Buchmassen verändert oder gar revolutioniert?

Computer schliesslich sind automatisierte Werkzeuge, die wie der Buchdruck die Textherstellung effizienter und zusätzlich in Netzwerken die Textverwaltung effizienter machen. Und ja, man kann von einem neuen Medium sprechen, wenn man die elektrische Übertragung von Texten damit bezeichnet. In diesem Fall ist der Draht des Telegraphen die mediale Revolution. Der von D. Baecker vielleicht gemeinte Bruch bezieht sich darauf, dass ein Computernetz keine Massenmedium ist, auch wenn das von vielen Menschen, die etwa Facebook zu Redaktionsarbeit verpflichten wollen, ganz anders gesehen wird. Dabei handelt es sich aber eben um aktuelle Auseinandersetzungen, die zeigen sollen, dass dieser Medienbruch noch nicht vollzogen sei. Es gibt überdies allerlei KI-Fantasien, in welchen Menschen mit Computern sprechen, was natürlich auch Bruch ist. Ich habe bislang noch nie einen Menschen kennen gelernt, der das wirklich tut. Schon vor 50 Jahren hat J. Weizenbaum Menschen auf trickige Weise dazu gebracht, so etwas von sich zuzugeben. Aber ohne Tricks tut das bislang niemand, auch D. Baecker meint, nur bislang noch nicht.

Bei N. Luhmann ist der Buchdruck – oder genauer, das massenhafte Resultat davon – der Ausgangspunkt für alles, was davor und danach auch noch vorkommt, weil darin seine Kommunikation quasi handfest wird und Massen bindet. Sprache und Schrift begründen keine sozialen Systeme. Buchdruck ist für die von N. Luhmann bezeichneten sozialen Herrschaftssysteme ein wesentlicher Mechanismus der
Gleichschaltung im Sinne einer moralischen Inklusion des massenmedial Sagbaren, das von der postmoderne Differenz zwischen Wissen und Fake unberührt ist. Mit Massen sind in dieser Theorie eben gerade nicht Menschen gemeint, sondern Kommunikationsmassen, die das Sagbare – oder im Slang, das Beobatbare – repräsentieren.

Wenn ich Kommunikation im Sinne von N. Luhmann als systembildend beobachte, sehe ich im Buchdruck keinen Bruch, sondern den Anfang einer gesellschaftlichen Epoche, in welcher Wissen durch Monopolisierung überhaupt geschaffen wird. Davor wusste jeder, was er wusste, aber es gab kein Wissen in einem gesellschaftlichen Sinn, weil niemand darauf zugreifen konnte. Die Medienbruch-Geschichte bezieht ihren Sinn aus der Angst, dass Massenmedien und mithin die postulierten sozialen Systeme als Herrschaftsinstrument nicht mehr funktionieren.

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2 Antworten zu “Sprache, Schrift, Buchdruck und Computer als Medienbrüche

  1. „Indem Sprache als Medium eingeführt wird, erscheint sie als etwas, was den Menschen irgendwann zugekommen ist und nicht als Handlungszusammenhang, durch den sie ihr Tun begreifen.“
    Ja, das ist in der Tat das Manko nicht nur bei DB, sondern auch schon bei Luhmann. Aber das Hauptmanko ist aus meiner Sicht, dass GESELLSCHAFT nicht als Handlungszusammenhang rekonstruiert wird.

    • hmmm … das beträffe dann die ganze Theorie. Gesellschaft ist ja – in dieser Theorie – ein System. Mir ist jetzt gerade bewusst geworden, dass ich nicht weiss, wie Sprache in dieser Theorie gefasst wird. Ich muss wohl wieder mal über die Bücher

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