Bedarf und Bedürfnis


Ein paar noch nicht fertigt sortierte Gedanken zur Differenz zwischen Bedarf und Bedürfnis:

Bedarf ist eine Kategorie meiner Systemtheorie, durch die ich das System als Mechanismus von seinem unorganischen Leib abgrenze, der für dessen Funktionieren im Sinne des Metabolismus und der Energieversorgung zur Einheit des Systems gehört. Maschinen brauchen Treibstoff, Pflegestoff und Bedienung, damit sie ihre Funktion erfüllen können, autopoietische Maschinen brauchen das sogar um ihre fortlaufende Reproduktion aufrecht zu erhalten. Alles, was das System aneignet oder einverleibt, ist davor sein unorganischerLeib.

1. Im Tierzustand waren Mensch und Natur eine Einheit
Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heisst: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben.
Dass das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als dass die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur. K. Marx, ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 516.

2. Arbeit trennte die Menschen vom Tierreich und der Natur
Nicht die Einheit der lebenden und tätigen Menschen mit den natürlichen, unorganischen Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur, und daher ihre Aneignung der Natur bedarf der Erklärung oder ist Resultat eines historischen Prozesses, sondern die Trennung zwischen diesen unorganischen Bedingungen des menschlichen Daseins und diesem tätigen Dasein … K. Marx, Grundrisse , S. 389.
Sprachkritisch ist eine Maschine auch eine Maschine, wenn sie stillsteht. In dieser Perspektive sehe ich das hergestellte Artefakt als abgegrenzten, bewegungslosen Gegenstand. Der tote Körper ist in diesem Sinne ein vollständiger Organismus, den wir als Einheit beispielsweise beerdigen, wobei ihm im Vergleich zum lebenden Zustand nichts fehlt – ausser die Bewegung des Lebens.

Wenn ich einen Mechanismus von seinem unorganischen Leib trenne, entsteht Bedarf, etwa Bedarf an Treibstoff oder Nahrung, also Bedarf an Bedarfsmitteln.

Als Bedarf bezeichne ich, dass sich ein System Bedarfsmitteln aneignen muss, um seine Funktion zu erfüllen. Die Unterscheidung zwischen System und dessen Bedarf ist die Grundlage des offenen Systems in der Systemlehre.

Beispiele:
Ein Motor braucht Benzin, das – wenn man so will – nicht zum Motor gehört.
Ein Lebewesen braucht Nahrung, die – wenn man so will – nicht zum Lebewesen gehört.
… obwohl der Motor ohne Benzin nicht läuft und obwohl das Lebewesen aus seiner Nahrung besteht

Zur Kategorie:
Es gibt Gegenstände, die funktionieren können. Ein Stein kann nicht funktionieren, aber eine Maschine kann es (Mechanismus, System)
ein Verbrennungsmotor braucht – unter dieser Kategorie – Benzin, nicht um ein Motor zu sein, sondern um seinen Zweck zu erfüllen.

Anmerkungen zum Verhältnis Bedürfnis

Der Motor hat kein Verlangen nach Benzin, Lebewesen spüren Hunger, wenn ihnen Nahrung fehlt, sie haben dann quasi ein Bedürfnis als Empfindung zum Bedarf, wobei das Bedürfnis ganz unabhängig vom Bedarf auftreten kann, weshalb es ja auch so viele relativ dicke Menschen gibt.

Wer Menschen und Tiere in dieser Hinsicht nicht unterscheidet, bezeichnet das Empfinden von Bedarfszuständen als Bedürfnis. In der Naturgeschichte entwickeln sich dazu Emotionen, die das Lebewesen veranlassen, unabhängig von Bedarfszuständen zu agieren. Eine Katze hat „emotionale Freude“ am Jagen, auch wenn sie keinen Hunger hat (das gibts auch bei Menschen).

Die Menschen fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Bedarfsmittel zu produzieren. Das Sammeln und Jagen sind übergange, die auf beiden Seiten der Differenz vorkommen: „Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabel und Messer gegessnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt. Nicht nur der Gegenstand der Konsumtion, sondern auch die Weise der Konsumtion wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten.“ (MEW23, S. 624)

Und als Inversion:
Als Bedarf bezeichne ich – quasi metaphorisch – eine vergesellschaftete Form eines objektivierten Bedürfnis – das bei Maslow durchschimmert und im real existierenden Sozialismus verallgemeintert wurde.

Als Bedürfnis wird umgangssprachlich das Verlangen bezeichnet, einem empfundenen Mangel Abhilfe zu schaffen.
Dabei werden sehr verschiedene Kategorien verwendet. Manchmal wird Hunger, manchmal Nahrung, manchmal essen als Bedürfnis bezeichnet, immer gilt: Du weisst doch, wie ich meine.
Bedürfnis wird oft auch mit Motiv oder Motivation gleichgesetzt und selten von Bedarf unterschieden.

Als Bedürfnis bezeichne ich einen empfundenen Bedarf. Diese Empfindung ist nicht davon abhängig, ob und wie der Bedarf real ist und ob ein Mangel vorhanden ist.
Beispiel
Ich kann Hunger haben, auch wenn ich satt bin. Ich kann das Bedürfnis nach mehr Geld haben, jenseits davon, wie viel ich habe und ob es mir mangelt.
Ich kann das Bedürfnis haben, berühmt zu sein. An Berühmtheit kann ich kein Mangel haben, Berühmtheit kann nicht negativ sein.
Ich kann das Bedürfnis haben, fliegen zu können (das ist ein Wunsch, kein Wille)
Ich kann das Bedürfnis haben, ein Flugzeug zu besitzen, was nur möglich ist, wenn ich weiss, was ein Flugzeug ist, weil es Flugzeuge gibt.
Ich kann nicht das Bedürfnis haben, einem nicht erfüllten Bedarf Abhilfe zu schaffen. Das ist kein Bedürfnis, sondern ein verklärter Bedarf.
Beispiel
Wenn ich kein Sauerstoff habe, habe ich Bedarf.
K. Marx schreibt am Anfang des Kapitals (S. 49):
„Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z.B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache.“ „Verlangen schließt Bedürfnis ein; es ist der Appetit des Geistes, und so natürlich wie Hunger für den Körper … die meisten (Dinge) haben ihren Wert daher, daß sie Bedürfnisse des Geistes befriedigen.“ (Nicholas Barbon, „A Discourse on coining the new money lighter. In answer to Mr. Locke’s Considerations etc.“, London 1696, p. 2, 3.)

Aber natürlich macht es einen Unterschied, ob mir Sauerstoff und Nahrung fehlt, oder ein Gemälde von Picasso und etwas Kaviar.

A. Maslow hat mit seiner Pyramide die Bedürfnisse – auf eine unsinnige Weise (vergl maslowpyramidedazu A. Leontjew – gewichtet. Das hat damit zu tun, dass er Bedarf und Bedürfnis nicht unterscheidet. Meine Bedürfnispyramide würde je nach Situation ganz anders aussehen. Unter normalen Bedingungen ist die Selbstverwirklichung mein grundlegenstes Bedürfnis.

Die diskursive Differenz: Bedürfnisse sind der Grund für Arbeit versus Bedürfnisse werden durch Tätigkeit produziert.

Als Bedarf bezeichne ich eine vergesellschaftete Form eines objektivierten Bedürfnis – das Bei Maslow durchschimmert und im real existierenden Sozialismus verallgemeintert wurde.

„Dass das Bedürfnis des einen durch das Produkt des anderen und vice versa befriedigt werden kann und der eine fähig ist, den Gegenstand dem Bedürfnis des andren gegenübersteht, zeigt, dass jeder als Mensch über sein eigenes besonderes Bedürfnis etc. übergreift und dass sie sich als Mensch zueinander verhalten; dass ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewusst ist.“ (Marx, Grundrisse MEW 42, S. 168).

„Hunger ist Hunger, aber Hunger, der sich durch gekochtes, mit Gabel und Messer gegeßnes Fleisch befriedigt, ist ein andrer Hunger, als der rohes Fleisch mit Hilfe von Hand, Nagel und Zahn verschlingt. Nicht nur der Gegenstand der Konsumtion, sondern auch die Weise der Konsumtion wird daher durch die Produktion produziert, nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Produktion schafft also den Konsumenten. MEW23,

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Eine Antwort zu “Bedarf und Bedürfnis

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