Technik als Kunst des Effizient-Seins


Als Tätigkeit bezeichne ich ein Aneignungsverhalten, in welchem ich dieses Verhalten auch in Bezug auf dessen Effizienz reflektiere. Wenn ich tätig bin, denke ich immer auch darüber nach, wie ich es besser machen könnte. Unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten scheint mir dies ein signifikateres Kriterium fürs Menschsein als das Herstellen von Werkzeugen, auch wenn dieses Nachdenken sich hauptsächlich in Form von verbesserten Werkzeugen zeigt.[1] Ich spreche aber – metaphorisch – auch von verschiedenen Techniken, wenn ich Tätigkeiten ausübe, bei welchen ich keine Werkzeuge verwende. Ich kann beispielsweise beim Schwimmen oder Hochspringen verschiedene Techniken verwenden, was ich im Verhaltensrepertoir von Tieren nie sehen kann. Dass ich in solchen Fällen von Techniken spreche, zeigt mir, dass ich an Technik denke, wenn ich wirklich effizienter sein will. Ein Motorboot oder eine Brücke ist viel effizienter als jede Form von Schwimmen, wenn Schwimmen nicht als reines Practise gesehen wird, sondern den Zweck hat, ein Gewässer zu überqueren.

Den Ausdruck Technik verwende ich für die Kunst des Effizient-Seins. Eigentlich verwende ich den Ausdruck als Produkt-Bezeichner für in Artefakten konservierte Verfahren, die mich effizienter machen. Dann verwende ich den Ausdruck Technik in einem verallgemeinerten Sinn als Prozess-Bezeichner für effiziente Tätigkeiten, wenn ich etwa von Verhandlungstechnik oder der Technik eines Künstlers oder eines Fussballers spreche. In diesem übertragenen Sinn beobachte ich Verfahren, die in einem Artefakt, etwa in einem Roboter aufgehoben werden können. Als Technik bezeichne ich mithin einen Handlungszusammenhang, in welchem Verfahren in Artefakten aufgehoben werden.[2]

Technik heisst in diesem Sinne die intendiert wiederholbar Verursachungen von institutionalisierten Verfahren, die im entwickelten Fall im externen Gedächtnis, also in Artefakten, die das Verfahren rekonstruierbar machen, gespeichert sind. Ich gebe dazu ein Beispiel. Wasser schöpfen kann ich, indem ich mit meinen Händen eine Schale forme. Ich kann jemandem zeigen, wie ich mittels meiner Hände Wasser aus einem Bach trinke. Er kann das Verfahren kopieren und wendet dann eine bestimmte Technik an, die beispielsweise meine Katze nicht anwendet. Ich kann statt meiner Hände eine Schale verwenden – was mir dann auch zeigt, warum ich davon spreche, dass ich mit meinen Händen eine Schale forme. Ich kann beispielsweise eine hohle Fruchtschale verwenden oder eine hergestellte Schale. Jede hergestellte Schale ist bewusst geformtes Material. Ich kann beispielsweise mit meinen Händen eine Schale aus Lehm formen, was etwas ganz anderes ist als eine Schale in Form meiner Hände zu formen. Die hergestellte Schale hat eine Gegenstandsbedeutung, die ich erkenne, wenn ich sie als Schale verwende. Die Schale ist in diesem Sinne eine konservierte Anweisung für ein Verfahren, das ich als Schöpfen bezeichne. Ich bezeichne sie als externes Gedächtnis, weil sie mich an das Schöpfen erinnert. Als externes Gedächtnis ist sie in dem Sinne sozial, als auch andere Menschen deren Sinn rekonstruieren können.

Eine hergestellte Schale mittels der Hände zu verwenden, ist in vielen Fällen nicht effizient. Deshalb wird sie oft in Maschinen, beispielsweise in Wasserschöpfeinrichtungen oder in Baggern eingesetzt. Und natürlich sind auch Maschinen nicht sehr effizient, wenn man sie von Hand steuern muss. Deshalb verwende ich lieber geregelte Maschinen, also Automaten. Das Herstellen einer Schale beinhaltet nicht nur, wozu die Schale gut ist, sondern auch dass und wie sie technologisch weiterentwickelt werden kann.

Ein Schale ist zunächst kein Werkzeug, sondern ein Gerät, das aber im Laufe seiner Entwicklung in ein Werkzeug einfliesst. Die gegenständliche Tätigkeit besteht im Kern darin, Werkzeuge zu verwenden, die ihrerseits Produkte gegenständlicher Tätigkeiten sind. Die grösste Effizienz besteht darin, mittels Werkzeugen, entwickeltere Werkzeuge herzustellen. Die technische Entwicklung repräsentiert sozusagen eine selbstbezügliche Produktion, in welcher Werkzeuge zur Herstellung von Werkzeugen hergestellt werden.

Die entwickelsten Werkzeuge sind mittels sogenannter Programmiersprachen programmierbare Automaten. Wenn ich einen Automaten programmiere, stelle ich den jeweiligen Automaten her. Bevor er programmiert ist, ist er lediglich ein Halbfabrikat. Die Programme von entsprechend entwickelten Automaten werden als Texte lochkarte1hergestellt.[3] Als Programmiersprache bezeichne ich eine Steuerungsmechanik, deren Konfiguration als Steuerungselemente so angeordnete Zeichenkörper, beispielsweise Lochkarten verlangt, so dass diese sekundär lesbar sind. Wenn ich Programme schreibe, stelle ich schreibend materielle Teile jener Automaten her, in welchen die Programme verwendet werden. Darin zeigt sich das Textherstellen als subtiles Herstellen von Werkzeugen.

Dass ich Programme schreiben und lesen kann, ist nur für mich wichtig, für deren
lochkarte Funktion in der Maschine ist es ohne Relevanz. Programmieren ohne Programmiersprache ist aber extrem kompliziert und sehr ineffizient. Programme als Texte herzustellen, zeigt in einem spezifischen Sinn, was Texte sind – und inwiefern Schreiben schon immer eine Technik der Technik war. Wenn ich einen Konstruktionsplan einer Maschine zeichne, muss danach ein Mechaniker die Maschine herstellen. Wenn der Arbeitswissenschaftler F. Taylor genau beschreibt, wie welche Arbeit ausgeführt werden muss, muss diese Arbeit von Arbeitern ausgeführt werden. Wenn ich dagegen ein Programm schreibe, muss niemand mehr Hand anlegen. Schreiben erscheint in dieser Hinsicht als die höchstentwickelte technische Tätigkeit, in welcher der Unterschied zwischen Herstellen und Beschreiben aufgehoben ist.

Ich habe diese technologischen Zusammenhänge in meinem Buch „Technische Intelligenz“ ausführlich dargestellt.[4]


[1] K. Marx beispielsweise hat die Verwendung des Kriteriums „toolmaking animals“ ja recht eigentümlich kommentiert, auch wenn ich nicht sehe, dass er es verworfen hätte.

[2] Im Kontext der ökonomischen Produktion dient die Technik der materiellen Verbesserung des Wohlstandes oder anders ausgedrückt, dem Erübrigen von Arbeit. Ein Roboter kann einen Arbeiter ersetzen, ein PC kann eine Sekretärin zehn Mal schneller machen. „Technik = Arbeit sparen“ (Ortega y Gasset, Ropohl, 1979:197).

[3] Anschaulich sind diese Maschinenteile beispielsweise als Lochkarten, wo ihr sekundäres Textsein noch nicht so augenfällig ist, etwa bei J. Jacquards Webstuhlsteuerung. Die Programme der ersten Computer wurden noch nicht als Texte gesehen, weil die Programmiersprache noch nicht erfunden war und die Computer (etwa der Colossus oder die Eniac) durch eine Anordnung von Kabeln programmiert wurden.

[4] Todesco, Rolf: Technische Intelligenz oder Wie Ingenieure über Computer sprechen. Stuttgart, frommann-holzboog, 1992.

2 Antworten zu “Technik als Kunst des Effizient-Seins

  1. Hi Rolf Todesco,
    „Den Ausdruck Technik verwende ich für die Kunst des Effizient-Seins“ – Bitte welche Technik meinst du in dieser Feststellung?
    Meinst du die Fähigkeiten und Fertigkeiten der PrimärTechnik oder deren Vergegenstänlichung (Speicherung als vergegenständlichte Trchnik) in Werkzeuge und Gegenstände, die Sekundärtechnik?

    „Die Kunst des Effizient seins“ ist leider ein literarischer Ausdruck, der hier völlig weg führt, weil nicht sachbezogen wissenschaftlich fassbar.

    Der Begriff TECHNIK hat mit „Effizienz“ nichts zwingend zu tun, kann das nicht, da auch völlig uneffizient Technik be- und entsteht und eine Effizienz erst sekundär und NUR im Falle der Wiederholung und des Versuches der Speicherung beginnt, sich zu etablieren.

    „Als Technik bezeichne ich mithin einen Handlungszusammenhang, in welchem Verfahren in Artefakten aufgehoben werden.“ – Nun, wie vorstehend nachgewiesen, ist das erst ein sekundärer Technik-Aspekt, denn auch solange nicht „aufgehoben in Artefakten“ stattfindet, haben wir es bereits mit Technik zu tun, und zwar mit der primären, und das bei jeder Handlung, teils auch des Denkens“ :
    Es gibt auch eine Technik des Denkens, sowohl des bewussten wie des nicht bewusst stattfindenden – damit sind bis hier deine Versuche einer Ordnung der Technik nicht schlüssig, nicht allgemein nutzbar und so in ihrer Unvollkommenheit und inneren Widersprüchlichkeit falsch und unbrauchbar.

    Evtl. findet sich die Ursache für diese Falschannahmen in dem allgemein fehlerhaften Verständnis von Technik wie z:B. hier:
    „Im Kontext der ökonomischen Produktion dient die Technik der materiellen Verbesserung des Wohlstandes oder anders ausgedrückt, dem Erübrigen von Arbeit.“ – Nein, das steht erst an dritter Stelle der Funktionalität.
    Der erste Einsatz von Technik erfogt völlig frei von diesen Prämissen / Überlegungen und wird vom Anliegen der Machbarkeit an sich geführt.
    Erst im x-ten Fall einer Wiederholung (incl. der Speicherung) taucht allmählich das Kriterium „Kontext der ökonomischen …“ auf, verlässt jedoch in unsererem gegenwärtig begrenztem Verständnis gern den Ursprung, die Herkunft von Technik, das Suchen nach Machbarkeit / Nutzbarkeit und geriert sich leider nur noch zu einem fälschlich subordinierten ökonomischen Verständnis.

    Generell gilt für Technik, dass es sich primär um Fähigkeiten und Fertigkeiten (vererbte wie erworbene) von Lebewesen handelt (und woanders nicht zu finden ist) und auch vergegenständlichte und gespeicherte Techniken (Technologien) prinzipiell darauf zurück zu führen sind, sein müssen, da sonst: keine Technik.
    Der Begriff Technik ist also wo auch immer auf das Handeln von Lebewesen zurückführbar und daran gebunden, so, wie auch die Intelligenz, eine FÄHIGKEIT und FERTIGKEIT stringent ausschliesslich als Leistung von Lebewesen entsteht und existiert.
    Die Folge dieser Argumentationskette ist, dass es keine künstliche Intelligenz geben kann, auch die virtuöseste weil automatisierte Soft/Hardware/Technik-Lösung am Ende immer nur Teil und Ergebnis vorausgegangener natürlicher (menschlicher) Intelligenz ist, die durch keine Technik allein schon wegen der dann erforderlichen Selbserschaffung ersetzbar ist.
    KI ist ein Schwindelbegriff, der die Hauptverantwortung des Menschen als einziges daran beteiligtes Intelligenz-befähigtes (!!) Wesen verschleiern soll…

  2. Liebe(r) lusrumichaela zuerst – es tut mir sehr leid, dass ich Deinen Beitrag erst jetzt gesehen habe, er wurde von WordPress in den Spamorder gesetzt, wo ich ihn jetzt bei aufräumen gesehen habe. Dieses System ist wirklich nicht sehr intelliegent !!

    Und dann gerne zur Sache. Ichschreibe ja darüber, wie ich Wörter verwende, nicht darüber, wie Wörter RICHTIG verwendet werden (wovon ich keine Ahnung habe)

    Ich kann nicht recht erkennen, wo wir verschieden sprechen. Ich beziehe doch Technik ganz klar auf die Tätigkeit der Menschen – mir scheint, dass Du das auch tust. Der Unterschied liegt vielleicht ?? darin, dass ich das Herstellen von Werkzeugen für meine Beschreibungen als exeplarisch ins Zentrum stelle. Aber es sind Menschen, die Werkzeuge herstellen, meiner Meinung nach, um effizient zu sein (egal ob das immer gelingt)

    Und ja, das sehe ich auch ganz jenseits von ökonomischen Überlegungen. Ich schreibe ja: WENN man die Sache ökonomisch betrachtet (was man eben nicht muss!), DANN kann man die Bemühung um Wohlstand sehen.

    Ein grösserer Unterschied zwischen uns besteht wohl darin, dass mich das Denken nicht interessiert, mir genügt es die Tätigkeit der Menschen zu beobachten.

    PS: ich hoffe, dass DU diese Nachricht noch bekommst – herzliche Grüsse

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