Herstellen als formen und anordnen


Beim Herstellen eines Gegenstandes forme ich Material. Oft – etwa wenn ich einen Gugelhopf aus Teig oder eine Schale aus Ton herstelle – fasse ich das Material dabei als homogene Masse auf, deren Form ich durch Operationen wie drehen, schnitzen, giessen usw verändere. Bei anderen Gegenständen – etwa bei einer Mauer oder einer Steinbrücke – verwende ich Bausteine, die ich anordne und durch Operationen wie kleben oder schweissen verbinde, wodurch auch ein Gegenstand mit einer Form entsteht. Ich unterscheide bezüglich der Formgebung verschiedene Operationen, für die ich auch verschiedene Werkzeuge verwende.

Die Form jedes hergestellten Gegenstandes kann ich als Anordnung von Bestandteilen oder Atomen auffassen. Einen Zopf flechten kann ich als anordnendes Formen sehen. Die Anordnung des Materials bezeichne ich als Struktur des Gegenstandes. Beim Herstellen bestimme ich nicht nur die Form.

Jeder hergestellte Gegenstand hat eine Gegenstandsbedeutung, in welcher sein Zweck aufgehoben ist. Form und Material sind kontingent, müssen aber den Zweck erfüllen.

Hergestellte Gegenstände kann ich sehen, auch wenn das Gesehenwerden nicht ihr Zweck ist. Bei sehr viele Gegenständen wird in Form von Design sehr darauf geachtet, dass sie beobachtet werden. Sie sollen jenseits ihres Zweckes auch gefallen oder imponieren. Es gibt aber hergestellte Gegenstände, deren Zweck das Angeschautwerden ist. Einen Teil dieser Gegenstände – die auch als Kunstwerke fungieren, wenn sie keinen anderen Zweck haben – bezeichne ich als Bilder.

Als Bild bezeichne ich einen Gegenstand, der dazu hergestellt wurde, etwas zu zeigen, der also keinen anderen Zweck hat. Natürlich kann man sich dafür interessieren, was auf dem Bild zu sehen ist oder es kann als Mitteilung interpretiert werden, aber hier geht es um das Artefakt, also um den hergestellten Gegenstand. Als Bild bezeichne ich eine Anordnung von farbigem Material auf einer begrenzten Fläche, die eine gestaltete Einheit bildet.

Unabhängig davon, was auf einem Bild gesehen werden soll, muss ein Bild von vorne betrachtet werden. Als materieller Körper hat das Bild wie jeder hergestellte Gegenstand eine Rückseite, wobei vorne und hinten durch die in der Gegenstandsbedeutung mitbestimmte Handhabung festgelegt sind. Ein handhabbares Bild kann ich drehen, wie ich will, aber was es zeigen soll, kann ich nur von einer bestimmten Seite sehen. Sehr viele Artefakte haben funktionsbedingt eine Vorderseite, die beim Herstellen entsprechend bearbeitet wird. Ein moderner Bildschirm etwa, der ja etwas ganz anderes ist als ein Bild, hier aber nicht ganz zufällig als Beispiel fungiert, hat vorne eine Anzeigefläche, die aus Flüssigkristallen besteht, die ihrerseits angeordnete Körper sind, deren Farbe gesteuert werden kann. Die Rückseite der Bildschirme interessiert den Nutzer weniger, obwohl sie natürlich für den Bildschirm als Gegenstand so wichtig ist wie die Leinwand für ein Ölgemälde.

Und unabhängig davon, was auf einem Bild – von vorne betrachtet – erkannt wird, kann ich einen Raster über das Bild legen und so jeden Rasterfeld eine Farbe zuordnen. Umgangssprachlich spreche ich von Bildpunkten, obwohl es sich dabei natürlich nicht um Punkte handelt, sondern um farbige Körper. Beim Herstellen eines Bildes kann ich die Rasterfelder – wie die Biene die Zellen ihrer Waben – mit Farbmaterial füllen. Bei einem Mosaik werden die Farbkörper, also die einzelnen Mosaik-Steinchen auf einem Träger aufgeklebt und durch schmale Fugen getrennt. Die Fugen bilden nachdem sie gefüllt sind, einen Raster, die Mosaiksteinchen bilden das Füllmaterial.

Das Mosaik repräsentiert ein Bild, das wie die Bilder im Pointillismus aus einzelnen Bausteinen hergestellt wird, die als Bildpunkte fungieren. Bei Mosaik ist das Raster gut sichtbar, weil es materiell vorhanden ist, auf den Gemälden des Pointillismus ist es erkennbar und bei vielen gedruckten Bilder, kann ich es mit einem Vergrösserungsglas sehen.

Ein Bild ist eine Menge von angeordneten Farbkörper. Es wird im Prinzip so hergestellt wie etwa eine Brücke aus Steinen. Es gibt – wie im Brückenbau – sehr verschiedene Verfahren, die vom Material und von den verwendeten Werkzeugen abhängig sind. Wenn ich mit Ölfarben auf einer Leinwand male oder mit einer Spraydose Hauswände verziere, interessiert mich vielleicht nicht, dass ich einzelne Bildpunkte anordne. Und es mag sein, dass Kunstmaler über Jahrtausende diese Vorstellung gar nicht kannten, obwohl es ziemlich alte Mosaike gibt. Aber vom aktuellen Stand der Bildtechnik her gesehen, zeigt sich jedes Bild als angeordente Farbkörper, egal wie es hergestellt wurde.

Die Anordnung der Steine in einer Brücke ist kontingent, also innerhalb eines Kontingentes von Möglichkeiten. Die Brücke muss sich und eine zusätzliche Last einfach tragen. Die Anordnung der Bildpunkte ist auch kontingent. Als Hersteller eines Bildes erfülle ich aber natürlich eine Intention, die das Kontigent begrenzt – wenn ich nicht gerade freie Kunst machen würde.

Das Anordnen von Farbe auf einem Bildträger ist eine Tätigkeit, für die ich viele Verben, aber kein allgemeines kenne. Ich spreche etwa von malen, zeichnen, skizzieren, schreiben, bedrucken oder kopieren, aber bilden kann ich nicht in diesem Sinn für das Herstellen von Bildern verwenden.

Als bildproduzierende Tätigkeit unterliegt das Anordnen von Farbe wie jedes Herstellen einer Entwicklung der dabei verwendeten Werkzeuge, die ich auch als Übergang von handwerklicher zu automatisierter Produktion beobachte. In gewisser Weise sagen mir die Werkzeuge, was ich beim Herstellen von Bildern quasi von Hand mache, wenn ich die Werkzeuge noch nicht entwickelt habe. In diesem Sinne beobachte ich die Auslagerung von Handlungen in Werkzeuge und jedes Werkzeug verdeutlicht mir das Handwerk. Und alles, wofür ich beim Herstellen von Bildern noch kein Werkzeug habe, bezeichne ich als den noch nicht verstandenen Teil des Herstellens von Bildern.

Evolutionstheoretisch spreche ich von Keimformen, wenn ich im noch nicht Entwickelten Andeutungen auf entwickeltere Stufen erkenne, die nur erkennen kann, wenn das Höhere mir bereits bekannt ist. Wenn ich mit dem Finger im Sand zeichne, kann ich die Keimform eines Bildes erkennen, obwohl alle definititorischen Bestimmungen fehlen, weil ich ja keine Farbe auf einen begrenzten Träger auftrage. Ich schaffe damit eigentlich eher eine Art Skulptur und verwende kein Werkzeug.

Die sogenannte Höhlenmalerei ist in diesem Sinn auch ein Keimform. Allerdings wird das Wort Bild in der Alltagssprache sehr oft so verwendet, dass diese Malereien – besonders wenn sie etwas abbilden – als Bilder gelten. Die sogenannten Graffiti, die aus denselben Grund eher als Grafik als als Bild bezeichnet werden, verwenden ebenfalls einen Bildträger, der nicht dafür gedacht ist. Diese Keimformen zeigen aber auch exemplarisch, dass nicht nur Farben und Werkzeuge entwickelt wurden, sondern eben auch das Bild als solches.

Ich beobachte hier nur die Werkzeuge, mit welchen Bilder hergestellt werden, also nicht die Werkzeuge, die bei der Herstellung von Farben und Bildträgern verwendet werden. Die einfachsten Werkzeuge sind Handwerkzeuge wie der Pinsel oder der Farbstift.

Ich beobachte hier nur die Werkzeuge, mit welchen Bilder hergestellt werden, also nicht die Werkzeuge, die bei der Herstellung von Farben und Bildträgern verwendet werden. Die einfachsten Werkzeuge sind Handwerkzeuge wie der Spachtel, der Pinsel, der Farbstift oder der Stempel. Kompliziertere Werkzeuge sind beispielsweise Spraydosen und Airbrushpistolen, sie markieren den Übergang zu Maschinen.

Eine zweite ganz andere Keimform erkenne ich in der Camera obscura. Dabei geht es mir nicht nur darum, dass das vermeintliche Bild auf der Innenwand durch übermalen dingfest gemacht wird, was ja immer noch ein Mensch tut, sondern darum, dass später mittes der Kamera Bilder hergestellt werden, indem die Innenwand mit einem „Film“ aus lichtempfindlichem Material überzogen wird.

Diese Filmschicht wurde als Bildmaterial zunächst auf eine Fotoplatte und später auf Zelluloid aufgetragen, wodurch ein eigentliches materielles Bild entsteht. Es spielt keine Rolle, dass ich es unter funktionalen Gesichtspunkten als Negativ bezeichen, es ist ein richtiges Bild. Die Anordnung der Bildpunkte ist bei der Bildern, die mit einer Kamera gemacht werden, nicht vom Belieben des Bildherstellers abhängig, sondern davon, was dieser vor der Kamera sehen kann. V. Flusser hat dafür den Ausdruck Technobild vorgeschlagen, weil bei dieser Herstellungstechnik das Werkzeug als Apparat viel stärker in die Gestaltung des Bildes eingreift. Technobilder werden aber nicht von Apparaten, sondern mit Apparaten hergestellt.

V. Flusser hat sich – bei der Wahl des Ausdruckes – nicht so sehr um die Technik der Bildherstellung, sondern viel mehr um „Kulturtechnik“, darum, was alles dargestellt werden kann, gekümmert, was mich hier nicht interessiert. Mich interessiert die Entwicklung des Herstellungsverfahren. Der Fotofilm ist eine entwicklungsgeschichtliche interessante aber erledigte Stufe, er wurde durch die sogenannte Digitalkamera praktisch vollständig verdrängt. Wenn Bilder mit Computern hergestellt werden, ist die Gestaltung praktisch nicht mehr vom Apparat abhängig.

Beim Filmfotobild wird die Farbe des einzelnen Bildpunktes nach dem Auftragen eines homogenen Material festgelegt. Vor der Belichtung sind alle Bildpunkte gleich. Durch die Belichtung erhält jeder Bildpunkt seine spezifische Farbe. Das Verfahren ist also ganz anders als beispielsweise beim Pointilismus, aber das Resultat ist das gleiche.

Fortsetzung folgt

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